Der Geist ist aus der Flasche – 2/2

Hier geht es zum ersten Teil dieses Beitrags, der die Sozialfiguren des Progressivisten und des Regressivisten erläutert.

Die Büchse der Pandora

Bei aller epidemiologischen Plausibilität der einschränkenden Maßnahmen in den letzten Wochen: Der Geist eines massiven politischen Eingriffs in Wirtschaft und Gesellschaft ist aus der Flasche. Und er wird sich dort nicht mehr zurückbringen lassen.

Das ist Erbe, Auftrag und Last zugleich.

Es ist eine kollektive Erfahrung, die sich einnisten wird in unser politisches Denkrepertoire, in das, was wir zukünftig als möglich und machbar erachten werden: Die Erkenntnis, dass das abstrakte Potenzial von einschneidenden Unfreiheiten in Gesellschaft, Wirtschaft und Alltag auch praktisch realisiert werden kann. Hinter diese Erkenntnis kommen wir nun nicht mehr zurück. Diese kollektiv geteilte Erfahrung wird sich nicht mehr einfangen lassen.

Vielleicht ist das die Büchse der Pandora: das Wissen, dass so etwas tatsächlich möglich (manche sagen: erschreckend leicht möglich) ist. Und damit im Grunde jederzeit wiederholt werden kann. Ich sehe gute Gründe für die Annahme, dass nicht nur progressivistische Verfechter*innen einer klimapolitischen Transformation der Wirtschaft, sondern auch regressivistische Feinde der freiheitlich-offenen Gesellschaft, etwa in der extremen Rechten, das gerade sehr aufmerksam registrieren.

Die Corona-Dynamik wird in gewisser Weise zugleich überschätzt als auch unterschätzt. Sie wird überschätzt, weil sich die Fronten zwischen den divergierenden Zukunftsprogrammen der Progressivisten und der Regressivisten auch schon zuvor zunehmend verhärtet hatten. Und sie wird unterschätzt, weil sie uns allen zutiefst anschaulich gemacht hat, was an politischen Eingriffen möglich ist. Was, wenn das auch unter anderen Umständen Anwendung finden wird? Was, wenn sich das antidemokratische, illegitime Kräfte zu nutze machen werden?

Genau hier wird ein transitorisches zu einem transformativen Potenzial. Aber dessen Richtung ist alles andere als klar. Wird sie eher progressivistisch oder eher regressivistisch orientiert sein? Fest steht bislang nur: Der Geist ist aus der Flasche. Welcher Geist genau, das muss sich noch zeigen. Wird sich zeigen.

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Der Geist ist aus der Flasche – 1/2

Wagt man eine kulturanalytische Zeitdiagnose oder gar eine Prognose, dann besteht immer die Gefahr, Kurzfristiges mit Langfristigem, Elementares mit Marginalem zu verwechseln. Was aktuell relevant wirkt, kann perspektivisch gesehen unbedeutend sein; was derzeit hingegen als abseitig erscheint, kann sich insgeheim als zentral und hochgradig folgenreich erweisen. Nötig ist daher eine Ausdifferenzierung von transitorischen und transformativen Aspekten. Während transitorisch einen vorübergehenden, nur relativ kurz andauernden Wechsel meint, bezeichnet transformativ eine nachhaltige, längerfristige, effektvolle Entwicklung. Das erste ist eine Umstellung, das zweite eine Umwandlung. Transitorisch benennt eine andere Gegenwart, transformativ eine andere Zukunft.

Eine solche Zukunft versteht der Kulturtheoretiker Arjun Appadurai als „a culturally organized dimension of human life“ (2013: 294): „We also need to remember that the future is not just a technical or neutral space, but is shot through with affect and sensation“ (ebd.: 286f.). Diese affektive Aufgeladenheit ist in der persönlichen wie öffentlichen Stimmung derzeit regelrecht greifbar. Doch mit dem abgegriffenen und sehr normativen Begriffspaar von Optimisten und Pessimisten kommt man, glaube ich, in der Analyse von „humans as future-makers“ (ebd.: 285) nicht besonders weit. Stattdessen möchte ich eine Kategorisierung in Progressivisten und Regressivisten vorschlagen. Beide verstehe ich dezidiert nicht als bestimmte oder bestimmbare Einzelpersonen, sondern als soziologische Denkfiguren. Sie stellen modellhafte Idealtypen bestimmter Deutungs- und Handlungsstile dar, in denen sich heterogene Kräftefelder und verschiedenartige Diskurse kreuzen.

Progressivisten

Kennzeichnend für Progressivisten sind die vielfachen „Krise als Chance“-Äußerungen. Betont wird die produktive Kraft von Zukunftsgestaltung, wie sie auch bei Appadurai durchtönt: „[T]he future is not a blank space for the inscription of technocratic enlightement or for nature’s long-term oscillations, but a space for democratic design that must begin with the recognition that the future is a cultural fact“ (ebd.: 299). Hoffnung müsse nicht nur als ein Produkt von Ausnahmesituationen und Notständen – aktuell etwa in Form der vielen „Alles wird gut“-Regenbogen-Schilder –, sondern als stetes Element alltäglichen Denkens und Handelns verstanden werden, fordert Appadurai. Ideen und Vorstellungen des guten Lebens seien zu verstehen „as a map of the journey from here to there and from now to then, as a part of the ethics of everyday life“ (ebd.: 292).

Stärker herauskommen als hineingeraten zu sein, ist die zentrale Deutung der Progressivisten. In ihr fungiert Hoffnung „as a feature of quotidian social life“ (ebd.: 289). Die Forderung nach einem ökologisch ausgerichteten Wiederaufschwung der Wirtschaft ist dafür ein gutes Beispiel, ebenso die Erwartung eines ersehnten Digitalisierungsschubs in der Schul- und Arbeitswelt. Oder auch individuelle Reflexionen darüber, was einem im Leben wirklich wichtig ist; moralische Motive von Solidarität und Vergemeinschaftung – wieder stärker auf den älteren Nachbarn zu achten oder öfter mal die Großcousine anzurufen. Die Corona-Krise habe dann, bei aller Tragik, auch etwas Gutes, ja sogar Heilsames. So wird sie jedenfalls von den Progressivisten umgedeutet zu einem Schritt der Veränderung nach vorn, getragen von „ethics of possibility“: „[T]hose ways of thinking, feeling and acting that increase the horizons of hope, that expand the field of the imagination, that produce greater equity in what I have called the capacity to aspire, and that widen the field of informed, creative, and critical citizenship“ (ebd.: 295).

Regressivisten

Aber es gibt auch ganz andere Tendenzen und Deutungen. Appadurai zitiert die Kapitalismuskritikerin Naomi Klein: „[N]ot so long ago, disasters were periods of social levelling, rare moments when atomized communities put disasters aside and pulled together. Today they are moments when we are hurled further apart, when we lurch into a radically segregated future where some of us will fall off the map“ (ebd.: 296). Die Antizipationen der Regressivisten angesichts solcher Entwicklungen sind das, was der Soziologe Zygmunt Bauman als „Retrotopia“ bezeichnet hat: „Statt in eine ungewisse und allzu offensichtlich nicht vertrauenswürdige Zukunft investierte man alle Hoffnungen auf gesellschaftliche Verbesserungen nunmehr in ein halbvergessenes Gestern, an dem man vor allem dessen vermeintliche Stabilität und folglich Vertrauenswürdigkeit schätzenswert fand. Durch diese Kehrtwende wird die Zukunft, vormals natürliches Habitat der Hoffnung und berechtigter Erwartungen, zum Schreckensszenario drohender Alpträume“ (2017: 14).

Zu den retrotopischen Tendenzen der Regressivisten kann man aktuell beispielsweise antiglobalistische Diskurse zählen, die zwar auch schon vor der Corona-Pandemie existierten, nun aber eine deutliche Verstärkung erfahren. Es geht um Kritik an internationaler Verflechtung und Supranationalität, um das Zurückweisen von Ambiguität und Komplexität, im Extremfall bis hin zu Verschwörungsmythen. Die geschlossenen Grenzen in Europa bilden zurzeit sicherlich den sinnbildlichsten Ausdruck für regressivistische Maßnahmen und eine Retropie, die Bauman zufolge „ihren Reiz aus der Hoffnung auf eine endgültige Versöhnung von Freiheit und Sicherheit“ (ebd.: 17) gewinnt. „Die Straße nach Morgen wird zum düsteren Pfad des Niedergangs und Verfalls“, schreibt er. „Vielleicht erweist sich da der Weg zurück, ins Gestern, als Möglichkeit, die Trümmer zu vermeiden, die die Zukunft jedes Mal angehäuft hat, sobald sie zur Gegenwart wurde?“ (ebd.: 15).

Unterscheidungen: Optimist, Pessimist, Stoizist

Es gibt wichtige Unterschiede des Progressivisten und Regressivisten zum Optimisten bzw. Pessimisten. Sie liegen im Grad des selbstständigen Handelns gegenüber des fremdbestimmten Sich-Fügens: Während der Optimist eher passiv auf das Kommende vertraut, weil eh schon alles gut werden wird, reagiert der Progressivist ziemlich aktiv mit einem gestalterischen „Hin-zu“ und dem Vorantreiben eines Kosmopolitismus. Und während der Pessimist eher passiv in Resignation versinkt, weil eh schon alles vergebens ist, reagiert der Regressivist ziemlich aktiv mit einem „Zurück-zu“ und dem Vorantreiben eines Isolationismus. Beide Sozialfiguren zeichnen sich nicht durch Untätigkeit, sondern durch je spezifische, intervenierende Praxisformen aus. Im Gegensatz zur Optimist-Pessimist-Paarung richtet die Kategorisierung von Progressivisten und Regressivisten den Blick nicht nur auf bestimmte Denkhaltungen und Deutungsstile, sondern auch auf die daraus hervorgehenden, konkreten Handlungspraktiken. Die Gegenüberstellung eines progressiven „Hin-zu“ und eines regressiven „Zurück-zu“ kann daher auch die sich aktuell verschärfenden gesellschaftlichen und politischen Polarisierungen angemessener beschreiben.

Allerdings beinhaltet eine eingängige Einteilung immer auch eine gewisse ‚faktische Kraft des Normativen‘ und verführt dazu, sie allzu ernst zu nehmen. Das strukturalistische Zweierschema suggeriert ein plakatives Entweder-Oder. Zu ergänzen wäre daher mindestens eine dritte, aber konzeptionell ziemlich diffuse Kategorie, für die ich bisher keinen passenderen Begriff gefunden habe als die des Stoizisten. Dessen Devise ist es gerade nicht, engagiert zu handeln, sondern vielmehr, bisweilen apathisch abzuwarten und die Lage auszusitzen. Für ihn ist die Zukunft nicht affektiv aufgeladen, weder positiv noch negativ. Keine Hoffnungen, die enttäuschend, keine Ängste, die lähmend wirken könnten. Intervention ist seine Sache nicht. Es könnte bald zunehmend ungemütlich für ihn werden. Denn ein Geist ist aus der Flasche.

Welcher Geist, das erläutert der zweite Teil dieses Beitrags.

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Arjun Appadurai 2013: The Future as Cultural Fact. In: ders.: The Future as Cultural Fact. Essays on the Global Condition. London, Brooklyn/NY: 285–300.

Zygmunt Bauman 2017: Retrotopia. Berlin.

Ausgelächelt (vorerst). Gedanken aus dem Corona-Alltag

Wo fängt man am besten mit seinen ganzen Notizen an, denke ich so bei mir, während ich dort sitze, wo ich seit über zwei Monaten sitze, mit dem Blick auf einen holsteinischen Garten, der in den letzten Wochen erstaunlich grün geworden ist. Am besten beginnt man – während des In-den-Garten-Guckens ist das ich etwas verloren gegangen – am besten beginnt man mit der Angst, wie man das jetzt eigentlich alles macht, ohne es falsch zu machen. Das fragt man sich ja nun ständig im Alltag in der Krise: Kann man eigentlich zur Kassiererin noch «dankeschön» sagen, durch diese Maske hindurch? Entsteht dabei nicht viel zu viel gefährliches Aerosol? Meistens geht man nun mit dem Kopf leicht nach unten gebeugt durch die Strassen; wenn Leute reden, mit sich oder anderen, hält man die Luft kurz an und schaut weg. Man weiss nicht so recht. Im Auto fühlt es sich wiederum sehr gut an – sehr geschützt, nicht nur vor dem neuen Schmutz, sondern vor allem vor den neuen Fragen, die sich ergeben: Hält es der Friseur für unhöflich, wenn man auf seine Smalltalk-Angebote nicht eingeht? Schliesslich ist er einem ziemlich nah und beide Masken sind schon etwas, nun ja, etwas angeschmutzt. Und wo Schmutz ist, ist auch die Scham nicht weit: Darf man dieses und jenes? Muss man vor Zoom-Sitzungen seine Zähne putzen, das Hemd wechseln, Deo benutzen? Darf man jetzt stinken? Kann man ruhigen Gewissens Mundgeruch haben?

Apropos Mundgeruch: An der mittelalterlichen Universität wurde ein Witz erzählt. Dass nämlich die Inquisition einen Professor der Teufelei beschuldigt habe, weil der bei Disputationen so sehr aus dem Mund gerochen – und damit die Prüfungskandidaten ziemlich verschreckt – haben soll, dass nur Satan persönlich für den Gestank verantwortlich infrage gekommen sei. Ach, seufzt man, wie schön ist’s im dunklen stinkenden Mittelalter gewesen! Schön, weil doch schon dort eine für uns Modernen so vertraute Kopplung aus Sinnen und Semantik wirksam war, die es jetzt nicht mehr gibt. Seit 800 Jahren wurde an Universitäten mal mehr, mal weniger vor sich hin gestunken! Und vom Heiligen Bernhard bis zu American Pie – Jetzt wird geheiratet war die Uni, die Schule, ein Ort, von dem die folk lore genau wusste, dass die Lehrenden Mundgeruch hatten, dass die Schule, die Uni mithin nur dann echt war, wenn da jüngere Menschen auf ältere stiessen, die aus dem Mund rochen. Und jetzt? Sitzt man, als Lehrender, vor diesem Rechner, dem das Gestinke egal ist, weshalb er einen auch nicht stoppt, wenn man ins Grübeln gerät, ob das Gestinke noch Gestinke ist, wenn man vom Virus ganz allein vor den Rechner hingeworfen worden ist.

Heute ist so vieles anders: Gestern wusste der Körper noch besser als man selbst, was er darf und was nicht. Heute aber weiss man nicht so genau, was und wo der Körper überhaupt noch ist. In der alten Zeit, wo der Körper in engen Bussen und stickigen Regionalbahnen zusammen mit anderen Körpern irgendwohin gefahren ist, wo viele andere Körper gewartet haben – füge ein: Konzerte, Clubs, Kaufhausschnäppchensonntage, Beerdigungen –, konnte man den Körpern nicht ausweichen, was einen auch daran erinnerte, dass, wie P. Gabriel bemerkt hat, der Körper ein Käfig ist. Man erinnert sich zurück: An einem sehr heissen Tag in einem sehr heissen Land ist man einmal stehend in einem sehr vollen Bus gefahren und vor Hitze, Durst und Beengtheit ohnmächtig geworden, und man wäre auf den Boden gestürzt, wenn man nicht auf den nahen Körper einer alten Dame gefallen wäre, die – aufgrund der Beengtheit – keine andere Möglichkeit gehabt hatte, als einen aufzufangen. Heute ist es, auch in dem sehr heissen Land, im Bus so leer, dass man auf den Boden knallen würde.

Man guckt jetzt viel, was mit einem selbst und den anderen gerade passiert, um ganz leibhaftig und live die – wie spätere Masterarbeiten titeln werden – Emergenz von Handlungsgrammatiken zu beobachten. Wobei das mit dem Gucken und Beobachten auch schwierig geworden ist – mit den Masken im Gesicht, Masken, die keine personae sind, keine Verweise auf ein Selbst, das man nur über Masken sehen kann, sondern nur Stoff. Neulich im Supermarkt fiel das Portemonnaie beim Bezahlen auf den Boden, doch das normalerweise in so einem Moment etwas peinlich berührte Lächeln gegenüber den wartenden Anderen hing hinter der Maske fest, hinter der auch das Gesicht rot wurde.

Müssen jetzt eigentlich all diese schönen Situationsbeschreibungen, mit denen Alltagssoziologien arbeiten, umgeschrieben werden, denkt man? Bei Luhmann, dem grossen Lächler, heisst es, dass Gesellschaft dort beginnt, wo Alter lächelt, um Ego zu begrüssen, und Ego daraufhin mit einem Lachen in Richtung Alter reagiert. Verzeihen Sie, Herr Luhmann, aber das werden alle Post-Corona-Menschen nicht verstehen, nicht, weil doppelte Kontingenz so wahnsinnig kompliziert wäre, sondern weil sie maskenfreies Lächeln nicht mehr kennen. Aber man wird das Lachen doch weiterhin kennen, sagt nun jemand, das geht doch auch auf Zoom. Richtig, da geht es auch – allerdings wirkt es dort genauso echt wie digitaler Mundgeruch; übrigens: noch viel nerviger als Gesichtsmasken und Zoomsitzungen sind jetzt all die, die Baudrillard aus dem digitalen Schrank holen und grosse Reden halten, dass das doch sowieso alles ontologisch dieselbe Suppe sei! Anstatt über ontologische Suppen sollte man aber jetzt über Begrüssungen und Abschiede nachdenken, über das Lächeln, Mundverziehen, Zähneblecken und Nasewackeln!

Und man muss auch darüber nachdenken, dass die Zukunft verloren geht, weil man gerade so viel über sie nachdenkt: Wenn Alltag einmal bedeutet hat, in einem Fluss zu fliessen, dann war die Alltagszukunft immer da, wo man gleich hingetrieben sein würde – irgendwie doch woanders, aber nicht sonderlich anders. Jetzt überlegt man: 2021, 2023, 2024… In vier Jahren könnte es also xymässig sein, wenn nicht vorher dieses eine Unternehmen aus Tübingen… In den Alltagssoziologien, die man so gerne gelesen hat, gab es die beruhigend stabile Trias aus Erfahren, Erleben, Erwarten. Hier und da mal kleine, nervige breachings, re-framings und inhibitions, aber das war schon cool soweit, weil alles doch in einen recht gleichmässigen Fluss aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eingetaucht war – und man lernte doch auch durch diese kleinen Kriselchen. Aber jetzt?

Kultur ist, so steht es in den Büchern, ein Gedächtnis, das Erinnerungen an die Zukunft bereitstellt. Was ist aber heute die Zukunft? Etwas, was jedenfalls als Alltagszukunft verschwindet, wenn man über sie nachdenkt. Man muss sich das mal vorstellen: Im Fan-Forum der Holstein-Kiel-Ultras heisst es, dass man jetzt auf die Bundesliga scheissen würde, weil Fussball einfach nur noch scheissegal sei. Das hat bei mir wirklich gesessen, als ich es gelesen habe! Fussball ist ja eine schöne Parabel auf das, was Kultur ist: Jede Saison geht es wieder los, ein neuer Meister wird gesucht, gespielt wird nach Regeln von Achtzehnhundertblumenkohl und am Ende machen es die Bayern. «#Pre-Corona-Culture in a #nutshell!» Das Vergessen ist im Gedächtnis namens Kultur nur vorgesehen, wenn man beginnt, Neues zu erinnern. Aber woher soll das Neue kommen, wenn alles zum Geisterspiel wird? Meine Alltags-Versteh-Helden, Garfinkel, Goffman, Luhmann, können mich gerade nicht retten: Bei ihnen ist nämlich nicht beschrieben, was passiert, wenn die eine lächelt und der andere nicht nur nicht weiss, was das bedeutet, sondern das Lächeln auch nicht sehen kann, weil seine Augen am Stoff festhängen. Insofern ist die Maske doch mehr als nur Stoff: Sie ist ein grosser Schirm, der sich über all die so langweiligen Routineprogramme, Anschlusskommunikationen, Handlungsketten, Lernrelais wirft, die den Alltag einst alltäglich gehalten haben. Und das macht mir Angst (vorerst).

Sebastian Dümling (Basel, derzeit: Kiel)

Titelbild: Blick vom Schreibtisch in den Garten, S. D. Mai 2020.

Irreal, Alarm, egal: Corona und das Risiko

Große und kleine rote Kreise auf einer Weltkarte, über 12.000 Tote in Italien (Stand: 31.03.2020), ganze Nationen unter Ausgangssperre. Erschreckend, schlimm, laut Bundeskanzlerin steht Deutschland mit der Coronakrise vor der größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg. Und trotzdem: Ich kann diese Katastrophe nicht fassen. Corona wütet um mich herum, isoliert Menschen, kostet sie Leben und Bürgerrechte. Währenddessen arbeite ich im muckeligen Homeoffice, schaue Serien, lasse mir Weine und Bücher nach Hause liefern und habe endlich mal Zeit, diverse Musikalben durchzuhören, weil ich am Wochenende nicht mehr ausgehe. Für mich bedeutet Corona mit Stand heute: Infektionsrisiko, Risikogruppe Raucher, wirtschaftliches Risiko – aber auch Zeit für mich und meine privaten Leidenschaften.

Vielen meiner Freund*innen geht es genauso (wir telefonieren jetzt noch mehr). Deswegen beschäftigt sich mein erster Beitrag auf diesem Blog mit dieser empfundenen Diskrepanz und wirft einen theoretischen Blick auf Risiken in zeitgenössischen Gesellschaften, was mir persönlich bei der Bewältigung dieser Situation geholfen hat. Warum tun wir uns so schwer, Risken zu begreifen?

Risikokonstruktion: theoretisch entworfen, argumentativ vermittelt und zeitlich entgrenzt

Zuerst, weil Risiken wie das Coronavirus nicht be-greifbar sind. Wir können das Virus nicht anfassen, riechen, sehen oder anders unmittelbar wahrnehmen. Das unterscheidet zum Beispiel die Gesunden im Homeoffice von denjenigen, die erkrankt sind oder den Krankheitsverlauf in der Pflege mitbekommen. Anfang der 1980er Jahre hat der Soziologe Ulrich Beck die Abstraktheit von Risiken in seinem Werk „Risikogesellschaft“ (1986) problematisiert, die er darauf zurückzuführt, dass Risiken theoretisch entworfen, argumentativ vermittelt und zeitlich entgrenzt sind:

„Im Gegensatz zu der faßbaren Evidenz von Reichtümern haftet Risiken etwas Irreales an. Sie sind in einem zentralen Sinne zugleich wirklich und unwirklich. Einerseits sind viele Gefährdungen und Zerstörungen bereits real […] Auf der anderen Seite liegt die eigentliche soziale Wucht des Risikoarguments in projizierten Gefährdungen der Zukunft […] In der Risikogesellschaft verliert die Vergangenheit die Determinationskraft für die Gegenwart. An ihre Stelle tritt die Zukunft, damit aber etwas Nichtexistentes, Konstruiertes, Fiktives als ‚Ursache‘ gegenwärtigen Erlebens und Handelns“ (1986: 44).

Todesfälle aufgrund von Corona sind real, wirtschaftliche Einbrüche und Existenzsorgen sind real.  Präventive Maßnahmen wie Händewaschen, Desinfizieren, Mundschutz, 1,50 Meter Social Distance wirken sinnvoll und abstrakt zugleich, weil sie sich einerseits auf wissenschaftliche Argumente stützen und argumentativ vermittelte Hard Facts darstellen, sie aber andererseits darauf ausgerichtet sind, eine von vielen möglichen Zukünften zu vermeiden, wobei die wirkliche Zukunft aber letztlich niemand kennt. Zukunft ist immer kontingent und eben Zukunft, also heute nicht erfahrbar und deswegen Unwissenheit, eine Black Box. Weil es zuvor keine Coronakrise gab, kann es nach Beck auch kein verlässliches Wissen darüber geben, „solange Wissen bewusst erfahren haben heißt“ (ebd.: 96).

Handeln auf der Grundlage von Spekulation

Beck kommt zu dem Schluss, dass mit der von ihm beschriebenen Risikogesellschaft ein „spekulatives Zeitalter des alltäglichen Wahrnehmens und Denkens“ (ebd.: 97) anbricht. Die Spekulationsarbeit wird zum Beispiel bei den Corona-Statistiken deutlich. Sie kommen mit absolut scheinenden Zahlen daher. Tatsächlich mehren sich die Stimmen, die die Statistiken für unzuverlässig halten: wegen verschieden intensiv durchgeführter Tests, unterschiedlichen Meldeverfahren, Meldelücken und der Unwissenheit darüber, wer mit oder an dem Virus stirbt, wie es der Statistiker Gerd Antes ausdrückt, oder an den Folgen des Virus durch unzureichende medizinische Versorgung oder psychische Belastung.

Spekulationen als Grundlage für Handlungen, Deutungen, Wahrnehmungen? Zweifellos eine große individuelle und gesellschaftliche Herausforderung und eine erste Antwort auf die gefühlte Diskrepanz.

Risiken können im Jetzt nur suboptimal aufgelöst werden

Auch Wolfgang Bonß stellt das Unsicherheits- und Unwissenheitsmoment von Risiken heraus: Die auf die Zukunft bezogenen Risikoprobleme (Infiziertenzahlen, Rezession) können im Jetzt gar nicht endgültig gelöst werden, weil die Lösungen immer wieder neues Unwissen und damit neue Unsicherheiten hervorbringen.

Der Wunsch nach Kalkulierbarkeit zukünftiger Ereignisse führt Bonß zufolge also nicht zu absolutem Wissen und endgültigen Maßnahmen, wohl aber zu einem distanzierten Verhältnis zur Welt, die als ein Spektrum voller Möglichkeiten erscheint: „Wer die Welt als einen Zusammenhang von Wahrscheinlichkeiten begreift, nimmt die Struktur des Erscheinenden in reflexiver Distanz und unter einem größeren Zeithorizont wahr. Die Wirklichkeit wird gleichsam virtualisiert, nämlich in einen abstrakten Raum von Möglichkeiten aufgelöst“ (2010: 44). Selbst die ausgefeilteste Prognostik hilft nicht, das Kommende ultimativ zu bannen. Der Mensch bleibt der Welt ausgeliefert.

Unsicherheit ist menschlich

Bonß erinnert uns aber auch ausdrücklich daran, dass Unwissenheit über die Zukunft und die daraus resultierende Unsicherheit eine existenzielle menschliche Eigenschaft ist. Der Umgang mit Unsicherheit ist jedoch veränderbar und je nach gesellschaftlichem Kontext verschieden. Risikokonstruktionen stellen eine moderne Form der Unsicherheitsbewältigung dar.

Angesichts der zunehmenden Erfahrung, dass es unmöglich ist, die Zukunft verlässlich zu steuern, sieht Bonß einen neuen Risiko-Akteurtypus heranreifen, der weiterhin misst, Daten sammelt und interpretiert, dabei aber „risikobewusst“ wie „risikomündig“ vorgeht und Sicherheit als eine „uncertainty-Frage“ begreift, „die nie definitiv, sondern immer nur auf Zeit und situativ beantwortet werden kann“ (ebd.: 59). Damit einher geht ein „prinzipielles Bekenntnis zur Unsicherheit als Basis und Bezugspunkt menschlichen Lebens bei gleichzeitiger Absage an die Idee der Möglichkeit vollständiger Sicherheit“ (ebd.).

Wir müssen also bereit sein, uns von dem Wunsch nach vollständiger Sicherheit zu lösen und Unsicherheiten als „bewusste“ Entscheidungsmomente einzubeziehen. Corona könnte ein solcher Startpunkt sein. Das bedeutet aber auch, Sensibilität für die Unsicherheiten im eigenen Umfeld zu entwickeln und zum Beispiel zu fragen, in welchem Fall die Unsicherheit bei älteren alleinstehenden Menschen größer ist: in risikoarmer Einsamkeit oder bei einem Besuch auf Abstand? 

Julia Dornhöfer (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Beck, Ulrich 2003 [1986]: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main.

Bonß, Wolfgang 2010: (Un-)Sicherheit als Problem der Moderne. In: Herfried Münkler u. a. (Hg.): Handeln unter Risiko. Gestaltungsansätze zwischen Wagnis und Vorsorge. Bielefeld: 33–63. 

Das Ende der Corona-Krise denken

Wenn Corona vorbei sein wird, dann – ja, dann! Zurzeit ist die Hoffnung auf dieses „Dann“ sehr präsent; das Denken an die Zukunft: Wenn die Krise überwunden sein wird, dann – ja, was eigentlich dann? Es wird darauf ankommen, schon jetzt Vorstellungen dieses „Dann“ zu entwickeln. Die schlechte Nachricht: Das Ende der Corona-Krise wird keines sein. Die gute: Zukunft beginnt bereits im Jetzt.

Es ist schon richtig: Einzelne Beschränkungen, die im Moment existieren, werden schrittweise enden. Restriktionen werden allmählich wegfallen. Kinder und Jugendliche werden wieder zur Schule gehen und ihre Eltern zur Arbeit. Gaststätten werden wieder geöffnet, Fußballstadien wieder gefüllt sein. Doch trotz allem: Die derzeitige Corona-Krise wird kein fixes Ende haben. Und wir täten gut daran, uns das bereits jetzt bewusst zu machen.

Auch wenn Prognosen schwierig geworden sind (dazu gleich mehr): Viel wahrscheinlicher wird wohl sein, dass die Krise nicht abrupt aufhören wird, sondern eher langsam, vielleicht sogar unmerklich ausfranst. Musikalisch gesprochen: ein sukzessives Fade-Out anstatt eines klaren Schlussakkords. Und gegenwärtig ist ungewiss, ob es aufgrund dynamischer Entwicklungen, die sich auch beim Auftreten von herbstlichen Grippewellen beobachten lassen, zu einem erneuten Aufflammen der Virusverbreitung in einem halben Jahr kommt. Erweist sich das Decrescendo nur als kurzes Zwischenpiano?

Was bedeutet diese Offenheit der Zukunft für die Wiederherstellung soziokultureller Alltäglichkeiten? Zunächst einmal, dass nach derzeitigem Wissenstand die Krise viele unterschiedliche, asynchron stattfindende Enden statt eines gemeinsamen Schlusspunkts haben wird. Während die Schülerin längst wieder im Unterricht sitzt, mag für einen Altenpfleger womöglich noch kein Normalzustand erreicht sein. Eine Freiberuflerin wird in anderen Zeiträumen denken als ein Student. Was sich hieran zeigt ist, mit dem Kultursoziologen Andreas Reckwitz gesprochen, „eine Konstellation der Gleichzeitigkeit unterschiedlicher sozialer Eigenzeiten in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen“ (2016: 133). Bei einem Blick auf die globale Verbreitung des Virus rücken zudem die „sehr verschiedenenartigen Eigenzeiten unterschiedlicher Weltregionen“ (ebd.: 134) in den Blick.

Für wen werden die Auswirkungen der Corona-Pandemie wo mit welchen Zeitskalen verbunden sein? Was sind in welchen spezifischen Kontexten die kurz-, die mittel-, die langfristigen Folgen? Und welche davon sind heute noch gar nicht absehbar? Die meisten Antworten auf solche Fragen liegen derzeit hinter dem Wissenshorizont. Die Zeit ist brüchig geworden. Prognosen? Schwierig. Planungen? Makulatur.

Man kann diese Lage einer problematisch gewordenen zeitlichen Perspektivierung mit Andreas Reckwitz als „Krise der modernen Rationalisierung der Zukunft“ beschreiben. Zukunft erweist sich dabei „als ein Raum von unberechenbaren Prozessen, die sich aus der Perspektive der Gegenwart nicht mit völliger Sicherheit vorhersagen lassen“ (ebd.: 131). Denn Zukunft, so behauptet Reckwitz, wird nunmehr „als ein Raum von Ungewissheiten angenommen, so dass es nicht mehr um die Erreichung eines positiven Zustands, sondern um die Vermeidung möglichst negativer Zustände geht“ (ebd.: 130). Einfacher und zugespitzt formuliert: Im besten Fall wird es nicht allzu schlimm kommen.

Aber eine solche Perspektive verkennt das Gestaltungspotenzial der Gegenwart. Temporäres kann sich – zumindest potenziell – zu Dauerhaftem verfestigen. Ob das eher für die geschlossenen Grenzen zutreffen wird oder doch für die Motive von Solidarität und Fürsorge, wird sich zeigen. Das Coronavirus hat jedenfalls, wenn auch mit aller Wucht, ein Tor geöffnet, um gemeinsam über ein gutes, ein besseres Leben in der Zukunft nachzudenken. Und um daran schon heute mitzuwirken. Zukunftsexploration nennt Reckwitz das und meint damit eine „zeitliche Orientierung von Praktiken, in denen Zukunft gar nicht geplant werden soll, sondern als ein offener Möglichkeitsraum erscheint, so dass spielerisch mit verschiedenen denkbaren Szenarien hantiert wird“ (ebd.: 132).

Ein klar umrissenes, eindeutig definierbares Ende der Corona-Krise wird es also nicht geben. Sondern die Rückkehr zu Alltagsroutinen wird graduell und subtil erfolgen. Trotz aller Sehnsüchte und Hoffnungen wird es vielleicht gar nicht so sehr zu merken sein, wenn sich neue Normalitäten herausbilden, neue Selbstverständlichkeiten formieren. Das soziale Leben wird vor allem unbemerkt in geordnete Bahnen zurückfinden. Gut möglich allerdings, dass diese Bahnen andere sein werden als zuvor.

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Andreas Reckwitz 2016: Zukunftspraktiken. Die Zeitlichkeit des Sozialen und die Krise der modernen Rationalisierung der Zukunft. In: ders.: Kreativität und soziale Praxis. Studien zur Sozial- und Gesellschaftstheorie. Bielefeld: 115–135.