Zeig mir, wie du wohnst und ich sag dir, wer du bist

Eingangssequenz der heute-show vom 03. April 2020: Der Moderator Oliver Welke steht vor einer deckenhohen Bücherwand und verkündet: „Ich mache es heute so, wie die allermeisten meiner Fernsehkollegen und melde mich aus meinem privaten Wohnzimmer. Hinter mir das alte Billy-Regal mit den Büchern aus meiner Studentenzeit. Das soll euch zuhause beweisen: Ja, ich bin auf dem Teppich geblieben, ich wohne wie ihr, ich bin einer von euch. Denn in diesen Tagen sind wir ja tatsächlich alle gleich…“. Die Bücherwand fällt nach hinten über und wird als Kulisse enttarnt. Der Blick wird frei auf eine enorme Eingangshalle mit Kronleuchtern und goldenen Statuen an den Wänden. Welke dreht sich nach hinten, lächelt nervös und verkündet: „Alles von Ikea.“

Worauf die Satiresendung hier mit einem starken Augenzwinkern anspielt, ist das Auftreten vieler Expert*innen und Politiker*innen im eigenen Zuhause. Nachrichtensendungen schalten sie zu, um Einschätzungen der Lage zu erhalten und Meinungen zu sammeln. Wichtig scheint dabei zu sein, dass das Gegenüber physisch zu sehen ist – mit einer Stimme aus dem Off ist es nicht getan. Da sich jedoch auch die zugeschalteten Personen oftmals in Selbstisolation befinden, erblickt man zurzeit so viele verschiedene Wohnungseinrichtungen wie sonst nur im Einrichtungskatalog. Von Eiche Rustikal über Designermöbel von Vitra. Mal das Wohnzimmer, mal die Küche oder das Büro. Manchmal sogar das Schlafzimmer… – die Bandbreite ist groß und spielt mit den Erwartungen, die wir an die jeweilige Person stellen.

Teilweise komme ich mir schon vor wie eine Voyeurin, wenn ich den Hintergrund scanne und Ausschau nach Büchertiteln, Dekoobjekten und Familienfotos halte. Alles Informationen, die sonst nicht zugänglich sind. Ganz nach dem Motto: Zeig mir, wie du wohnst und ich sag dir, wer du bist. Denn dass Wohnungseinrichtungen enormes analytisches Potenzial haben, zeigte bereits der Anthropologe Daniel Miller in seiner Ethnografie „The Comfort of Things“, in der er verschiedene Wohnungen und die darin enthaltenen Objekte einer Londoner Straße unter die Lupe nahm: „Objects surely don’t talk. Or do they? The person in that living-room gives an account of themselves by responding to questions. But every object in that room is equally a form by which they have chosen to express themselves“ (2008: 2).

Nicht nur Nachrichtenschalten, sondern auch Unterhaltungsformate werden in die eigenen vier Wände verlegt – Paradebeispiel: Late-Night-Talkshows aus den USA. Jimmy Kimmel, Jimmy Fallon und weitere melden sich aus dem eigenen Haus mit selbstgemaltem Logo und von den Kindern eingesungenem Intro. Das Lachen des Publikums wird ersetzt durch das Rauschen der stockenden WLAN-Verbindung und Stars und Sternchen tauchen per Liveschalte via Skype und Co. auf – wieder mit dem eigen Heim als Hintergrund, das dann oftmals auch zum Gegenstand der Unterhaltung wird.

Zweierlei wird daran deutlich:

  1. Grenzziehungen zwischen privat und öffentlich scheinen zu verschwimmen. Dieses Verhältnis wird in der Forschung insbesondere in Bezug auf digitale Kommunikation und Social Media untersucht, ist aber in dem Kontext oftmals Produkt bewusster Praktiken seitens der Akteur*innen. Nun ist eine gewisse Ausweglosigkeit damit verbunden, denn die Entscheidung, zuhause zu bleiben, ist nicht optional. Das „private“ Auftreten von Stars im eigenen Wohnzimmer wird in den Kommentarbereichen von zugehörigen Videos oftmals als „authentisch“ und „echt“ gedeutet wird.
  2. Es ist ein weiteres anschauliches Beispiel dafür, wie normative Vorstellungen in der Krise ausgehebelt werden – die zu weiten Teilen dadurch jedoch auch erst sichtbar werden. Wenn ich einen führenden Virologen im Freizeitlook auf der eigenen Sitzgruppe im heimischen Wohnzimmer sehe, entspricht das nicht dem Bild, das ich von der Person beziehungsweise ihrer Rolle habe. Dieses ist nicht einmal unbedingt an die konkrete Person geknüpft, sondern kann von deren Bezeichnung als Expert*in oder Virolog*in abhängen, mit der eine gewisse Institutionalisierung und Rollenzuschreibung zusammenhängen, die normalerweise durch das Framing, den deutungsweisenden Rahmen, wie es der Soziologe Erwing Goffman herausstellte (2019), transportiert werden. Im Anzug in den Hallen einer Forschungseinrichtung oder im weißen Kittel inmitten des Laborsettings würde aus meiner Sicht eher dem Auftreten von Expert*innen entsprechen. Hier fällt dieser Rahmen weg und wird durch Bekanntes ersetzt, das wir eher anderen sozialen Rollen zuordnen würden und aus unserem eigenen Alltag kennen.

Beide Aspekte führen zunehmend auch zu entgegenwirkenden Praktiken. Bleibt man bei den US-amerikanischen Talkshows, scheint es, als würde eine zunehmende Professionalisierung angestrebt werden, die sich an das gewohnte Setting des Fernsehstudios anlehnt. Tische werden installiert und Sets aufgebaut. Die Skype-Interviews werden dann auch nicht mehr über das eigene Smartphone der Hosts geführt, sondern mittels eines großen Screens. Die Verschmelzung von „privat“ und „öffentlich“ lässt sich als Irritationsmoment deuten, dem der Wunsch nach Kontrolle und Deutungshoheit gegenübersteht. Das Auftreten im Zuhause ist trotz jeglicher Deutung als „authentisch“ stets auch ein Inszenierungsprozess und abhängig von bewussten Entscheidungen der jeweiligen Akteur*innen. Das hat auch Oliver Welke gezeigt, wenn er auf die oftmals auftretende Positionierung vor Bücherwänden anspielt, die als Kulisse agieren. Wieder mit Goffman gesprochen spielen wir alle doch „Theater“, nach kurzer Irritation selbst im Corona-Alltag.

Lea Breitsprecher (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Erving Goffman (182019): Wir alle spielen Theater. Selbstdarstellung im Alltag. Berlin/München/Zürich.

Daniel Miller (2008): The Comfort oft Things. Cambridge.