Individualisierte Verantwortung, kollektivierte Folgen? Responsibilisierungen in der Corona-Pandemie

Was bis zum Frühling dieses Jahres für viele Menschen unvorstellbar schien, drohte Realität zu werden: Eine Ausgangssperre für alle, damit sich eine Pandemie nicht weiter ausbreitet. Um die rasant ansteigenden Zahlen von Infektionen mit dem neuartigen Corona-Virus zu verlangsamen, hat Helge Braun, CDU-Politiker und Chef des Bundeskanzleramts, am 20. März 2020 im Interview mit dem Spiegel klargemacht, dass die Mitglieder der Gesellschaft die Maßnahmen verstehen und Bereitschaft aufbringen sollten, das eigene Sozialleben einzuschränken. Wenn dies nicht geschehe, dann müsse zu drastischeren Maßnahmen gegriffen werden; so, wie es andere Länder in der EU auch getan haben. Im Interview kritisiert Braun offen diejenigen, die sich noch immer in Parks und an anderen öffentlichen Orten aufhielten, und erklärte diese Treffen zu ‚nicht notwendigen Versammlungen‘, die eben dann konsequenterweise durch Polizei oder Ordnungsamt aufgelöst würden.

Auch wenn der globale Ausbruch der Corona-Pandemie für viele Menschen überraschend kam, waren die Risiken einer möglichen Virus-Pandemie zumindest Teilen der Gesellschaft lange bekannt: Es wurden Warnsysteme für Viren-Reservoirs eingerichtet (Keck 2020, 2f; Kelly et al. 2019), Berichte geschrieben, Modellierungen vorgenommen und Planspiele entwickelt. Während sich einige also bereits (zumindest abstrakt) mit der Pandemie befassten, waren andere irritiert und überrascht. Es dauerte nicht lange, bis auch in Deutschland Virolog*innen regelmäßig im TV zu sehen waren, sich Initiativen der Nachbarschaftshilfe gründeten und sich Familien durch das Einander-nicht-mehr-Besuchen gegenseitig schützen sollten. All diejenigen, die sich trotz des Appells zur Solidarität widersetzten, wurden ‚beobachtet‘ und durchaus für einige der strengen Maßnahmen verantwortlich gesprochen: Wenn ‚ihr‘ euch nicht benehmt, müssen ‚wir‘ alle darunter leiden. Individualisierte Verantwortung hatte also ‚verkollektivierte‘ Folgen.

Was hier deutlich werden soll, ist, dass die Corona-Pandemie ein Brennglas für Prozesse der Responsibilisierung ist. Mit Responsibilisierung fassen wir all jene Praktiken der Zuschreibung von Verantwortung: Mal wird sie den Virolog*innen zugeschrieben, mal sollen die Politiker*innen es ‚in den Griff bekommen‘, dann wiederum trägt jede*r Einzelne Verantwortung dafür, dass nicht allen, zumindest temporär, eine Ausgangssperre verhängt wird. Zwischen der eingangs erwähnten Vorbereitung auf eine Pandemie und den heutigen Schuldzuweisungen im Zuge des Corona-Ausbruchs, die sich auch in Form von Klagen gegen die Volksrepublik China oder die Behörden in Ischgl zeigen, liegen Prozesse, in denen Verantwortung und deren Aushandlung eine entscheidende Rolle spielt. 

Gegenwärtig zeigt sich Responsibilisierung wohl am deutlichsten in der alltäglichen Frage: Was ist zu tun, wann und warum? Viele machen sich Gedanken darüber, wie sie sich verantwortungsvoll sich selbst und anderen gegenüber verhalten sollen; fragen sich, wie die Bundesregierung verantwortungsvoll mit finanziellen Unterstützungen umgehen kann; haben eine Meinung dazu, wer sich korrekt oder inkorrekt verhält, was sich konkret auf den sogenannten ‚Hygienedemonstrationen‘ widerspiegelt. Genau diese Dynamiken und Fragen des Alltäglichen in Zeiten der Pandemie nimmt die Initiative Configurations of Responsibilisation (CoRe) an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main aus kulturanthropologischer, praxistheoretischer Perspektive in den Blick.

Praktiken der Responsibilisierung sind entscheidend in der Mitigation der Pandemie.  Verantwortungszuschreibung, -ablehnung und -übernahme verlaufen dabei nicht geradlinig oder eindimensional, sondern sind verteilte, komplexe und inkohärente Prozesse. Sie sind verteilt, da daran zahlreiche Akteur*innen in einer Beziehungskette zwischen Viren-Reservoirs, Gesundheitsbehörden, Transportsystemen, internationalen Organisationen, bis zu den vermehrt intensiv adressierten Bürger*innen beteiligt sind. Sie sind komplex, weil sich in solchen verteilten Netzwerken weder einzelne Verantwortungssubjekte noch klar voneinander abgrenzbare Verantwortungsobjekte bestimmen lassen. Schließlich sind diese Prozesse unumgänglich inkohärent, da die vielen Responsibilisierungen sich teilweise widersprechen und im Laufe der Zeit überlagern.

Dabei identifizieren wir drei Register der Verantwortungszuschreibung: Wissen, Moral und Recht. Die hohe Bedeutung von Wissen zeigt sich in der plötzlich allgegenwärtigen medialen Präsenz und Aufmerksamkeit gegenüber Virolog*innen. In Beiträgen von Expert*innen gehen Wissenstransfer und moralische Appelle ineinander über. Solche Appelle gründen auf der Idee, dass Aufklärung plus Handlungsanweisung zu verantwortungsvollem Handeln führen. Tatsächlich stiftet das neue Handlungs- und Kommunikationsformen – von Hashtags, wie #staythefuckhome über nachbarschaftliche Einkaufshilfe bis hin zu lateraler Verachtung, wie dem Anprangern von ‚Corona-Sünder*innen‘. Ob sich diese Praktiken in Form neuer Verantwortlichkeiten verstetigen oder gar zu einer geteilten gesellschaftlichen Verantwortung fügen, ist hingegen fraglich. Während scheinbar jede*r für etwas Verantwortung zu übernehmen sucht oder auch dazu verpflichtet wird, werden die Expert*innen selbst dafür zur Verantwortung gezogen, dass ihr Wissen und ihre Appelle nicht hinreichend zu fruchten scheinen.

Das Recht soll Verantwortung konsolidieren, wo Wissen und moralische Appelle die Vorstufe bilden und scheitern – wie eine von Helge Braun (und vielen anderen) zum Ausdruck gebrachte ‚Androhung‘ suggeriert: Ausgangssperren kommen, falls die Bevölkerung nicht aus freien Stücken tut, was solche Maßnahmen ihr vorschreiben müssten. Hier rückt das verantwortungsvolle Individuum in den Hintergrund und die Bevölkerung als Ganzes wird adressiert. Mit einem ähnlichen Spannungsverhältnis spielen viele Responsibilisierungen dieser Tage: Möglich sei vieles, aber nur, wenn jede*r Einzelne Empfehlungen internalisiert und sich dementsprechend verhält. Wenn nicht, kommt das Gesetz, das Verantwortung für alle gleich definiert. Wie die ‚neue Normalität‘ aussehen wird und wann sie eintritt, wird im entscheidenden Maße im Zuge vieler gleichzeitiger Responsibilisierungsprozesse auf verschiedenen Ebenen bestimmt. Als Kulturanthropolog*innen verstehen wir es als unsere Aufgabe, diese Ambivalenzen, Inkohärenzen und Komplexitäten präsent und verstehbar zu machen. Vermeintlich einfache Lösungen und eindimensionale Verantwortungszuschreibungen bergen nämlich auch (und vor allem) in Krisenzeiten die Gefahr, neue Formen der Kontrolle, Verunglimpfung und sozialer wie politischer Konflikte einzurichten.

Kathrin Eitel, Ruzana Liburkina, Laura Otto und Andreas Streinzer (Frankfurt am Main)

Beitragsbild: Pixabay / Alexas_Fotos

Welche Farbe hat das Virus?

Den medialen Bildern zufolge: oft gelb oder lila, häufig rot. Was hat es mit dieser Bildersprache auf sich? Das Nachdenken über solche kulturell kodierten Darstellungen führt zum Aspekt der (Un-)Sichtbarkeit und zu Praktiken der Visualisierung. Und zur Frage nach einem angemessenen Umgang mit dem Status von wissenschaftlichem Wissen, das grundlegend durch Technik und Expert*innen vermittelt ist.

Das Coronavirus ist überall und nirgends. Was widersprüchlich klingt, stellt einen zentralen Faktor in gegenwärtigen Umgangsformen mit Verbreitungsbefunden, Vorsorgeparadigmen und Risikoabschätzungen dar: Die Spannung von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit ist die Folie für diejenige von Sicherheit und Unsicherheit. Wir können das Coronavirus nicht sehen, sondern unser gesamtes virologisches Wissen ist vermittelt über eine komplexe Infrastruktur an technischen Artefakten (Petrischalen, Pipetten, Mikroskope). Das gilt auch für das bildliche Wissen:

„Wissenschaftliche Bilder bilden Wirklichkeit nicht einfach ab, sondern sie sind das Ergebnis eines komplexen Herstellungs- und Transformationsprozesses, an dessen ,Anfang‘ nicht ein Gegenstand steht, sondern Meßdaten – Aufzeichnungen von Signalen, elektromagnetische Wellen, Energien und Impulse –, Ereignisse also, die selbst bereits technisch erzeugt sind“ (Heintz/Huber 2001: 12). Bei solchen Visualisierungsverfahren spielt daher auch das Digitale eine fundamentale Rolle. Aus einer kontinuierlichen Wirklichkeit werden diskrete Daten – Nullen und Einsen, Nullen oder Einsen, die digitale Modelle und rechnerprozessierte Bilder erschaffen.

In vielen Forschungsgebieten nutzen Wissenschaftler*innen gezielt sogenannte Falschfarbendarstellungen, um feine Nuancen in digital generierten Bildern zu erkennen. Hier ist der Einsatz von Farben ein methodisches Mittel für das Ziel der Wissensgenerierung. Gegenüber dieser erkenntnisleitenden Forschungspraxis dienen die in der populären Medienberichterstattung eingesetzten Bilder vielmehr illustrativen Zwecken der Kommunikation und Veranschaulichung. Allerdings ist die Grenze zwischen explorativer, wissenschaftlicher Erkenntnissuche und konkretisierender, populärer Anschauung oft ziemlich unscharf.  Die obigen Viren-Visualisierungen aus der deutschen „Tagesschau“ sind alles andere als reine, unverfälschte Abbildungen oder natürlich-realistische Wiedergaben. Vielmehr stellen sie in höchstem Maße modellierte, berechnete, synthetisierte, vielfach digital vermittelte und auch ästhetisierte Abstraktionen dar.

Wir haben kulturell gelernt, solche visuellen Formen als wissenschaftliche Repräsentation zu verstehen und erkennen (genauer gesagt: wiedererkennen) daher diese Darstellungen als Viren. Doch was solche Bilder (wenn wir diese Bezeichnung hierfür überhaupt gebrauchen wollen) im Detail zeigen, bleibt für die meisten unklar. Es bedarf nicht nur der technischen Netzwerke, um Visualisierungen zu erzeugen, sondern auch der Personen, die über die nötige Kompetenz verfügen, das Gesehene sinnhaft zu deuten und Schlüsse daraus zu ziehen. Diese soziale Figur der mit Vertrauen und Kompetenz ausgestatteten Expert*innen wird derzeit prominent von den immens nachgefragten Virolog*innen ausgefüllt.

Umkämpftes Wissen und entwickelte Wirklichkeiten

Doch die Erkenntnis, dass das Virus-Wissen stets nur über komplexe Techniken der Datenprozessierung und elitäre Expert*innen-Deutungen vermittelt und veranschaulicht wird, bildet gegenwärtig auch eine umkämpfte kulturelle Herausforderung. Deswegen wird gerade so intensiv über die unterschiedlichen Infektionsstatistiken oder die Zuverlässigkeit der Tests (die ja nichts anderes machen, als Unsichtbares sichtbar werden zu lassen!) gesprochen. Deswegen formieren sich einerseits antielitäre, wissenschaftsfeindliche Verschwörungstheorien und andererseits steigt die Nachfrage nach als seriös aufgefassten Quellen. Unterschwellig wird hier überall verhandelt: Was wird von wem aus welchen Gründen für wahr und für wahrhaftig gehalten? Glaube ich nur, was ich sehe, oder weiß ich, wem ich glauben kann? Was können wir durch wen oder was wie wissen?

(Wissenschaftliche) Information – auch die visuelle – ist nicht einfach da, sondern entsteht erst in hoch voraussetzungsreichen Praktiken (Testverfahren, Laborauswertungen), die das Virus detektieren und charakterisieren (sollen). Deutlich wird dabei, „wie viele Apparaturen, Operationsschritte, Entscheidungen und Eingriffe involviert sind, bis vor unseren Augen jene Bilder entstehen, deren Perfektion unmittelbare Sichtbarkeit suggeriert.“ Doch faktisch „sind diese Bilder keine Abbilder, sondern visuell realisierte theoretische Modelle bzw. Datenverdichtungen. Ob die Sache so aussieht, wie die Bilder sie uns zeigen, werden wir nie mit Sicherheit wissen“ (ebd.: 9).

Die Wirklichkeit, die uns die Bilder zeigen, wird nicht entdeckt, sondern entwickelt.

Entsprechend ist es notorisch schwer, das Coronavirus aus dem Bereich der kognitiv-analytischen Abstraktion in denjenigen des konkret Erfahrbaren und „Wirklichen“ zu holen. Ähnlich wie bei der toxischen, aber surrealen Gefahr atomarer Strahlung stoßen menschliche Wahrnehmungs- und Anschauungsfähigkeiten an ihre Grenzen, so ist nun häufig zu hören – aber was für ein Verständnis von Wahrnehmung und Anschauung liegt solchen Aussagen eigentlich zugrunde? Was sind das für kulturelle Auffassungen von Erkenntnis und Evidenz, angesichts des Zusammenspiels von materialisierter Komposition (Arrangements von Objekten und Technik) und subjektivierter Kompetenz (Expert*innenwissen und Urteilsvermögen)?

Über solche kritischen Reflexionen lassen sich Antworten finden auf die Frage, wie wir uns welches Bild von dem Virus machen.

Im wörtlichen und im metaphorischen Sinn.

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Bettina Heintz, Jörg Huber (2001): Der verführerische Blick. Formen und Folgen wissenschaftlicher Visualisierungsstrategien. In: dies. (Hg.): Mit dem Auge denken. Strategien der Sichtbarmachung in wissenschaftlichen und visuellen Welten. Zürich: 9–40.

Bildquelle: tagesschau.de