Komm her, Veränderung!

Als Studentin der Kulturanthropologie / Europäischen Ethnologie befasse ich mich in den Morgenstunden mit dem Artikel „Potenziale freisetzen: Akteur-Netzwerk-Theorie und Assemblageforschung in der interdisziplinären kritischen Stadtforschung“ von Alexa Färber. Während ich versuche, mich mit zukünftigen Konzepten einer nachhaltigen Stadtentwicklung auseinanderzusetzen, ziehen meine Gedanken bereits weiter zwischen der Farm-to-Fork-Strategie, dem European Green Deal, der Biodiversitätsstrategie und enden bei einer eigenen Ernährungsumstellung. Potenziale freisetzen, ja das wäre auch unter derzeitigen Corona-Beschränkungen und einem möglichen gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Wandel wünschenswert. Es fällt mir schwer, hier in Deutschland Privilegien genießen zu dürfen, wenn anderswo Menschen leiden und prekären Lebensbedingungen machtlos ausgesetzt sind. Doch welchen Beitrag kann man als einzelnes Individuum zu positiven Veränderungen in dieser komplexen Welt und zu gegebenen Corona-Umständen leisten?[1]

The struggle is real

In ländlichen Regionen, wie es in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung dargestellt wird, gibt es häufig gefestigte Alltagsstrukturen und der Umgang mit der Pandemie wird als relativ gelassen beschrieben.[2] Währenddessen kam es in der Universitätsstadt Göttingen Anfang Juni zu einigen Diskussionen über die stigmatisierenden Zeitungsartikel, die von den vermehrten Corona-Infektionen berichteten und sich dabei gegenüber den Bewohner_innen eines Hochhauskomplexes vorwurfsvoll äußerten.[3] Fast zeitgleich demonstrierten am zentralen Marktplatz über tausend Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt.[4] An diesem Wochenende (20.06.2020) folgten weitere Ausschreitungen aufgrund von Corona-Maßnahmen und gegebenen Wohnverhältnissen.[5] Zwischen diesen Widersprüchlichkeiten und lokalen Auseinandersetzungen stellt sich mir die Frage, mit welchen konkreten Umsetzungen sich der Zusammenhalt in Städten verbessern ließe, um weitere Konflikte und Spannungen in diesen krisenhaften Zeiten zu vermeiden. Da durch die Ressourcenknappheit und die drohenden Klimaveränderungen ein Wandel in verschiedener Hinsicht unausweichlich scheint, bleibt zu überlegen, ob sich dieser durch ein neues Konjunkturprogramm, alternative Energieversorgung über Wasserstoffanlagen und ein paar E-Autos wuppen lässt.[6]

Um auf die Göttinger Demonstration zurückzukommen, lässt mich der Eindruck nicht los, dass sich ein gewaltiges Potenzial gesellschaftlicher Dynamiken nutzen ließe, um eine nachhaltige Entwicklung voranzutreiben. Es lässt sich im Alltag trotz der Corona-Auflagen immer wieder beobachten, wie sorgsam manche Individuen miteinander umgehen und wie kreativ sie ihre Ideen in den unterschiedlichsten Projekten umsetzen.[7] Es kann ein beeindruckender Zusammenhalt entstehen, sobald sich viele Menschen gemeinsam für ein und dasselbe Ziel stark machen. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) spricht hierbei von „sozio-ökonomische[n] Kippelemente[n]“[8]. Hans-Joachim Schellnhuber[9] beschreibt diese als „[…] eine sich selbst verstärkende Dynamik in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft […], mit der sich eine neue klimafreundliche und nachhaltige Haltung verbreitet“[10]. Ein Beispiel für diese Kippmechanismen zur Klimastabilisierung ist für Schnellnhuber die Fridays-for-Future-Bewegung.[11] Doch was lässt sich neben offenen Kundgebungen und Gemeinwohlorientiertheit in der derzeitigen besonderen Virus-Situation noch beobachten und nachhaltig verändern?

Zeitlupe Apokalypse?!

„The Pandemic Is Not a Natural Disaster. The coronavirus isn’t just a public-health-crisis. It’s an ecological one“[12] lautet ein weiterer Artikel zu einem meiner Online-Uni-Seminare. Zwischen den Diskussionen über einen wirtschaftlichen Wandel frage ich mich aus kulturanthropologischer Perspektive vor allem, wie hier mehr Menschen dazu animiert werden könnten, ihre Privilegien kritisch zu hinterfragen. Alltag schafft Orientierung[13], aber Routinen können auch gefährlich werden oder zumindest eintönig, wenn wir nicht wachsam bleiben und einen möglichen Wandel aktiv mitgestalten. Oder um es mit den Worten von Jan Böhmermann zu sagen: „Die Normalisierung von Wahnsinn fühlt sich nicht wahnsinnig an, sondern normal.“[14] Auch wenn wir einen „Wahnsinn“ vielleicht noch nicht erreicht haben, ist doch genau jetzt ein guter Zeitpunkt, um unsere Konsumgesellschaft zu überdenken oder wenigstens die alltäglichen Selbstverständlichkeiten anzuerkennen.

Packen wir’s an!

Unter Freunden machten wir vor Kurzem die Beobachtung, dass wir neue Routinen für uns entdeckten, als wir uns an einem Samstagmorgen zu einem Markteinkauf verabredeten. Obendrein sind wir bei einer Laufrunde im Wald auf eine Streuobstwiese direkt in Uni-Nähe gestoßen und machten zum ersten Mal eigenes Bärlauch-Pesto. Hallo neue Selbstversorgung, hallo neue Gewohnheiten im Alltag! Oder um auf die angeblichen Worte Gandhis zurückzugreifen: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“[15] Denn wer weniger von anderen fordert und mehr selbst handelt, kann so einiges Neues und Wertvolles entdecken. Hätte ich die Wahl, würde ich sogar gerne gleich ins Kliemannsland[16] umziehen, in dem man mehr selbst reparieren und die gegebenen Ressourcen vor Ort tatsächlich nutzen kann.

Neue Routine: Marktbummel – mehr Grün fürs Eigenheim.

Und ja, falls noch mehr Veränderungen folgen, kann das anstrengend und ungewohnt werden, aber sie können uns auch eine große Chance zur Verbesserung bieten.In vielen Alltagssituationen lässt sich bereits beobachten, dass sich einige Menschen Gedanken über ihre Umwelt und ihr eigenes Verhalten machen. Immer mehr scheinen sich über die Wirkmächtigkeit des Alltäglichen und die eigene Gestaltungsmacht bewusster zu werden, was vielleicht auch durch Covid-19 beeinflusst worden ist. Deshalb bietet sich genau jetzt eine Gelegenheit, der jede_r offen gegenübertreten kann, denn Veränderung muss nicht immer etwas Negatives oder Kompliziertes bedeuten.

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Hanna B. (Göttingen)

Titelbild: Göttinger Demonstration (06.06.2020).


[1] Vgl. Jorismusik: „Kommt schon gut“, 06.07.18. In: YouTube, https://www.youtube.com/watch?v=Mo_cYrdU98Y (letzter Zugriff am 16.06.2020).

[2] Vgl. Tschirpke, Vinzent: „Warum das Dorf in Krisenzeiten besser als die Großstadt ist“, 27.03.2020. In: Süddeutsche Zeitung, https://sz-magazin.sueddeutsche.de/abschiedskolumne/coronavirus-dorf-grossstadt-88523 (letzter Zugriff am 16.06.2020).

[3] Roma Antidiscrimination Network: „Hetze wegen Corona in Göttingen breitet sich aus“, 04.06.2020. In: RAN, https://ran.eu.com/hetze-wegen-corona-in-gottingen-breitet-sich-aus/ (letzter Zugriff am 15.06.2020).

[4] Vgl. Franke, Rüdiger: „Tausende demonstrieren gegen Rassismus – auch in Göttingen“, 07.06.2020. In: Harz Kurier, https://www.harzkurier.de/region/article229268008/Tausende-protestieren-gegen-Rassismus-auch-in-Goettingen.html (letzter Zugriff am 16.06.2020).

[5] Vgl. Hallo Niedersachsen: „Göttingen will Hochhaus-Bewohner besser informieren“, 21.06.2020. In: NDR, https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/braunschweig_harz_goettingen/Goettingen-will-Hochhaus-Bewohner-besser-informieren,corona3550.html (letzter Zugriff am 21.06.2020).

[6] Vgl. Küstner, Kai: „Der Stoff, aus dem die Träume sind“, 10.06.2020. In: Tagesschau.de, https://www.tagesschau.de/inland/wasserstoff-strategie-103.html (letzter Zugriff am 16.06.2020).

[7] Wie zum Beispiel die Nachbarschaftshilfe oder das gemeinschaftliche Masken-Nähen.

[8] Otto, Ilona u. a.: „Gesellschaftliche Kippmechanismen können den Durchbruch zur Klimastabilisierung auslösen“, 21.01.2020. In: Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, https://www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/gesellschaftliche-kippmechanismen-konnen-den-durchbruch-zur-klimastabilisierung-auslosen (letzter Zugriff am 16.06.2020).

[9] Ehemaliger Direktor des PIK

[10] Otto, Ilona u. a.: siehe Fußnote 7.

[11] Vgl. ebd.

[12] Brown, Kate (2020): „The Pandemic Is Not a Natural Disaster. The coronavirus isn’t just a public-health-crisis. It’s an ecological one“, New York: The New Yorker.

[13] Vgl. Becker, Tobias: „Das Gewohnte wird problematisch“, 24.03.2020. In: Alltag in der Krise. Kulturwissenschaftliche Notizen, https://alltaginderkrise.org/2020/03/24/das-gewohnte-wird-problematisch/ (letzter Zugriff am 15.06.2020).

[14] Böhmermann, Jan: „Fest und Flauschig. Zuhause 29“, 03.06.2020, 26:37 min.

[15] Gandhi, Arun (2019): Wut ist ein Geschenk: Das Vermächtnis meines Großvaters Mahatma Gandhi, Köln: DuMont, S. 15.

[16] Vgl. Kliemann, Fynn: https://www.kliemannsland.de/ (letzter Zugriff am 17.06.2020).

„Das Gewohnte wird problematisch“

Die Corona-Pandemie hat massive Auswirkungen auf den Alltag nahezu jedes und jeder Einzelnen. In der empirischen Kulturwissenschaft ist Alltag ein zentrales Konzept, mit dem sich solche Phänomene besser verstehen lassen. Was hilft es, mit dieser Perspektive auf die derzeitigen Entwicklungen zu schauen? Was nutzt der Blick auf den Alltag in der Krise? Eine ganze Menge!

Alltag, schreibt der Tübinger Kulturwissenschaftler Utz Jeggle, kann verstanden werden als „problemlose, normale, wiederholbare, sicher auch mühevolle, aber auch darin akzeptable und akzeptierte Routinewirklichkeit“ (1989: 81). Wenn Kulturwissenschaftler*innen in diesem Sinne von Alltag sprechen, dann verstehen sie ihn „nicht nur als Last und Mühe, sondern auch als Strukturierung in dem emphatischen Sinne von tätiger Aneignung der Umwelt“ (ebd.: 125). Das bedeutet: Alltag stiftet Orientierung. Er stellt informelle Regeln des Zusammenlebens bereit, die das soziale Miteinander einfacher, planbarer und verlässlicher machen.

Alltag erzeugt Selbstverständlichkeiten. Doch zur Zeit wird konkret spürbar, was Utz Jeggle nur abstrakt beschreibt: „Dieses Selbstverständliche wird plötzlich unvertraut, das, was nur einfach so da sein sollte, wird schwierig, fremd, bedrohend“ (ebd.: 81). Kulturelle Ordnungen, die wir oft gar nicht mehr bewusst wahrnehmen, werden im Zuge der aktuellen Corona-Lage auf einmal brüchig. Was eigentlich als normal und selbstverständlich gilt, ist in vielerlei Hinsicht in Frage gestellt. „Das Gewohnte wird problematisch“, stellt Jeggle fest (ebd.) und daraus resultiert unter anderem die derzeitige Unsicherheit. „Der Alltag in der Krise – das ist gleichsam ein brennendes Feuerwehrmagazin; denn er ist es doch, der Krisensicherheit verspricht“, vergleicht Jeggle (ebd.).

Eine kulturwissenschaftliche Perspektive, die fundierte Einordnungen und so auch gesellschaftliche Orientierung bieten kann, sollte aber nicht nur bei dieser Feststellung stehen bleiben. Denn betrachtet man die derzeitige Corona-Krise unter einem alltagskulturellen Blickwinkel, dann eröffnet sich eine ganze Reihe von wichtigen Aspekten. Einer davon ist das Spannungsfeld zwischen Konstanz und Wandel.

Alltag ist einerseits das Immer-Wiederkehrende. Auf dieser Vorhersehbarkeit baut unser kulturelles Leben auf, ja, sie ist geradezu die Voraussetzung für gesellschaftliches Zusammen-Sein. Aufgrund der Verlässlichkeit des Alltags können wir abends einschlafen und darauf vertrauen, dass sich die Welt und alles uns Vertraute nicht grundlegend gewandelt haben werden, wenn wir am nächsten Morgen wieder aufwachen. Alltag stiftet Zusammenhänge über kurzfristige Zeiten hinweg.

Das bedeutet aber andererseits nicht, dass Alltag statisch ist und sich nie verändert. Das Gegenteil ist der Fall: Alltag ist wandelbar und entwickelt sich kontinuierlich. Das passiert oft so langsam, dass diese Transformationen gar nicht richtig bemerkbar sind. Zuweilen lässt sich nur durch bewusstes Erinnern an frühere Jahre oder beim historischen Blick zurück in vorherige Jahrzehnte und Jahrhunderte feststellen, wie anders man damals lebte. Manchmal passiert der Wandel des Alltags aber auch sehr abrupt, in kurzer Zeit und ist verbunden mit großen Verwerfungen und Schwierigkeiten.

Erleben wir gerade einen solchen Moment, eine echte Zäsur? Oder behält die Beständigkeit des Alltags doch die Oberhand? Einerseits sind aktuell alle möglichen Ebenen des gesellschaftlichen Zusammenlebens von tiefen Umwälzungen betroffen. Die vielen Dimensionen, die diese Pandemie hat, greifen deutlich in alltägliche Strukturen ein und lassen nur wenige Lebensbereiche unberührt. Andererseits sind wir solchen Prozessen nicht machtlos ausgesetzt. Längst lässt sich auch mitverfolgen, was Kulturwissenschaftler*innen als Aneignung bezeichnen: Menschen gehen aktiv mit der Situation um, sie geben sich nicht einfach so geschlagen, sondern passen sich den Umständen bestmöglich an – auch wenn viele Fragen offen sind und manches noch ruckelt.

Alltag erweist sich hier, um das Zitat von Utz Jeggle nochmal aufzugreifen, „nicht nur als Last und Mühe, sondern auch als Strukturierung in dem ephatischen Sinne von tätiger Aneignung der Umwelt“ (ebd.: 125). An vielen Beispielen sehen wir gerade, wie Menschen nicht in eine ohnmächtige Lethargie verfallen, sondern wie sie neue Formen der Alltagsgestaltung erfinden, erproben und entwickeln. Auch um diesen Aspekt des Alltags in der Krise soll es in den Beiträgen dieses Blogs gehen. „So gesehen“, schlussfolgert Jeggle, „ist jede Krise des Alltags immer auch ein Schritt vorwärts“ (ebd.: 126).

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Utz Jeggle 21989: Alltag. In: Hermann Bausinger u. a.: Grundzüge der Volkskunde. Darmstadt: 81–126 [Erstauflage 1978].