Mondrian auf dem Käsebrot

Und, haben Sie die Referenz im Beitragsbild erkannt? Es ist meine persönliche Hommage an René Magrittes Ölgemälde „La voix des Airs“ aus dem Jahr 1931. Im Original schweben drei eiserne Kugeln losgelöst von ihrer Umwelt über einer weiten Landschaft. Hier sind es jetzt eben drei Christbaumkugeln über den Hügeln des schweizerischen Aargaus. Nur, was soll das Ganze? Der Gedanke liegt nahe, dass ich mein Gefühl für Zeitlichkeit nun vollends verloren habe und nicht nur „kein Weekend“ mehr kenne, sondern mich seelisch und moralisch auch schon auf die Weihnachtszeit vorbereite. So weit ist es zum Glück noch nicht gekommen. Vielmehr habe ich versucht, mich bei der Suche nach einem passenden Teaserbild für den heutigen Beitrag selbst einmal kreativ auszutoben. Möglicherweise kommt das Ihnen gar nicht so fremd vor und Sie haben in den vergangenen Wochen bereits ähnliche Bilder gesehen. In Ermangelung einer treffenderen Beschreibung nenne ich sie „nachgestellte Kunstwerke“. Die Bandbreite ist hierbei immens und reicht von der Nachbildung von Vincent van Goghs berühmten Selbstporträt mit verbundenem Ohr bis zum Abbild eines Piet Mondrian-Gemäldes mit dessen klarer geometrischen Aufteilung auf einem Käsebrot. Die fertigen Fotografien werden dann meist über Social Media geteilt. Doch wie lassen sich die neu erwachsene Praktik und die entstehenden Bilder kulturwissenschaftlich deuten und welche Aussagen lassen sich dahingehend über den gegenwärtigen Corona-Alltag treffen?

Copy and paste aus dem 19. Jahrhundert?

Medial fanden die Fotos zahlreicher Internetnutzer einiges an Aufmerksamkeit. Das heute-journal verwies beispielsweise in der Sendung vom 13.04.2020 auf zahlreiche kreative Endprodukte und schlug eine eigene Deutung des neuen Trends vor, indem es betont, dass dieser gar nicht so neu sei. Oliver Heuchert verkündet in dem Beitrag, dass eine Praktik aus dem 19. Jahrhundert gerade wiederaufkommen würde, das tableau vivant, das lebende Gemälde also. Kurz zum Hintergrund: „,Lebende Bilder, auch Tableaux vivants genannt, sind szenische Arrangements von Personen, die für kurze Zeit stumm und bewegungslos gehalten werden und sich so für den Betrachter zu einem Bild formieren. Es handelt sich um ein kulturgeschichtliches Phänomen, das zwischen bildender und darstellender Kunst steht‘“, so die Definition der Kunsthistorikerin Birgit Jooss (2004: 272).

Das Ganze fand auf einer Bühne statt und entwickelte einen besonderen Reiz durch die Performanz, an der das Publikum teilhaben konnte. Das heute-journal setzt die gegenwärtigen nachgestellten Gemälde und Skulpturen damit in einen direkten Bezug, sogar in eine Entwicklungslinie, mit diesem bildungsbürgerlichen Freizeitvergnügen. In meinen Augen eine gewagte Deutung, der ich nicht in allen Punkten zustimme. Raum, Dauer und Interaktion unterscheiden sich in hohem Maße und sind durch die gegenwärtige Situation maßgeblich beeinflusst. Die Nachstellungen finden zuhause statt und die Interaktion mit dem Publikum erfolgt im Gegensatz zum 19. Jahrhundert über eine zweidimensionale Fotografie. Die Bühne wird ersetzt durch die sozialen Medien und deren Plattformen.

Dennoch finde ich es interessant, dass diese Historisierung der aktuellen Praktik stattfindet. Es scheint fast so, als würden die Vergewisserung dieses langen Zeitraums und die Tradierung der Praktik in die gegenwärtige Zeit einem Bedürfnis nach Kontinuität und Stabilität nachkommen, das durch die aktuelle Erschütterung des Gewohnten ausgelöst wird. Bei der Feststellung einer möglichen Analogie zu den tableaux vivants stehenzubleiben, wird meines Erachtens jedoch den unterschiedlichen Qualitäten der Bilder nicht gerecht und wirkt zu homogenisierend, weshalb die Vielschichtigkeit der Fotografien und Praktiken in ihrem Kontext näher betrachtet werden muss.

Reflexion des Alltags in der Badewanne zusammen mit Marat

Versucht man, den Beginn für den aktuellen Trend zu finden, stößt man auf die Instagram-Seite covidclassics, betrieben von einer vierköpfigen WG aus dem US-amerikanischen Connecticut. Das erste veröffentlichte Bild war eine Nachbildung von Jacque-Louis Davids „Tod des Marat“, in diesem Fall im gefliesten Badezimmer mit angeschnittener moderner Porzellantoilette am seitlichen Bildrand. Swiped man nach links weiter, erscheint ein Abbild des Originals und dann noch eine Making-Off Aufnahme, die die Praktik des Nachstellens in den Vordergrund hebt.

Verfolgt man die unterschiedlichen Posts, lassen sich zwei Tendenzen ausmachen: Zum einen scheinen manche Fotografien zum Ziel zu haben, das Original möglichst exakt nachzubilden, indem aufwändige Requisiten geschaffen werden und auch mal ein lateinischer Text akribisch abgezeichnet wird. Zum anderen heben manche Bilder das Artifizielle und den requisitenhaften Charakter bewusst hervor. So ist das Gewand der schwangeren Dame in Jan van Eycks „Arnolfini-Hochzeit“ klar als Schlafsack identifizierbar und über das Käsebrot von zuvor müssen wir ja gar nicht sprechen.

Gerade dieses Herausstellen des requisitenhaften Charakters lässt sich als eine Reflexion des Alltags und der gegenwärtigen Handlungsmöglichkeiten deuten. Das machen die vier Betreiber*innen des Accounts auch deutlich, wenn sie in die Beschreibung ihrer Seite schreiben: „No filters, no edits, just us and the stuff in our house.“ Schon dieser Aspekt zeigt, dass die aktuellen Fotografien einen anderen Deutungsgehalt innehaben als die tableaux vivants des 19. Jahrhunderts.

Die Beschreibung des Accounts geht noch weiter: „4 roommates who love art… and are indefinitely quarantined.“ Aus diesem Blickwinkel lässt sich das Nachstellen der Kunstwerke für die Akteur*innen zu Beginn vielleicht am ehesten als Mußebeschäftigung deuten. Dass sich das gewandelt hat, machen sie jedoch am Ende eines aktuellen Posts deutlich, in dem sie das einmonatige Bestehen der Seite feiern, jedoch auch verkünden, künftige Beiträge mit größerem zeitlichen Abstand posten zu wollen, da ihnen, grob umschrieben, der sich etablierende Alltag in die Quere kommt und seinen Tribut zollt.

Eine weitere Deutungsebene erhält man, wenn man den Blick dem Kommentarbereich zuwendet. Nutzer*innen posten Ausrufe wie „Your best one to date (and you set the bar high!) the lighting is so good“ und „I look forward to your posts every day. Welcome bright spot during self isolation! “ Die kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Seite wird deutlich und der Kontakt zur Kultur scheint für die Follower fast therapeutischen Gehalt zu entwickeln, wie es auch Markus Tauschek in seinem Blogbeitrag deutlich macht. Die Praktiken rund um das Bild, ob von Erstellenden oder Rezipierenden, sowie das Endprodukt selbst sind Teil des Corona-Alltags und werden durch ihn hervorgebracht.

Aber nur die Gemälde von Hopper bitte!

Ein weiterer Akteur tritt hinzu, wenn man den Blick verschiedenen Museen zuwendet. Das Getty Museum in Los Angeles hat den Anfang gemacht, die Fondation Beyeler in Basel/Riehen zieht nach: Die (derzeit) virtuellen Besucher*innen werden aufgerufen, Gemälde der Sammlung bzw. aktuellen Ausstellung nachzustellen und die Ergebnisse über Social Media zu teilen. Im Fall der Fondation Beyeler wird der hashtag #followhoppersview bemüht, um die Ergebnisse dieser Beschäftigung zu sammeln. Gefordert sind Einsendungen, die von der Sichtweise des amerikanischen Malers Edward Hoppers beeinflusst sind und den täglichen Isolationsalltag widerspiegeln. Zusammen mit den anderen Angeboten des Museums – digitale Führungen, Hintergrundinformationen durch den Kurator – entsteht ein Netzwerk an Möglichkeiten des virtuellen Museumsbesuchs. Die Freizeitbeschäftigung des Nachstellens von Kunstwerken wird damit institutionalisiert und zur Marketingstrategie umfunktioniert.

Mit leicht pathetischem Unterton könnte man an dieser Stelle noch einmal die Eins-zu-Eins-Analogie zu den tableaux vivants abweisen, kann aber nicht verneinen, dass den Bildern über die Praktiken und die drumherum entstehenden Netzwerke „Leben“ eingehaucht wird. Und falls Sie noch nach einer Wochenendbeschäftigung suchen, haben Sie jetzt vielleicht Anregungen gefunden. Über die Einsendung Ihrer Ergebnisse würden wir uns freuen!  Schließlich sei in den kommenden Wochen und Monaten noch genügend Zeit, um berühmte Kunstwerke nachzustellen, wie Marietta Slomka im heute-journal den angeführten Bericht schließt. Hauptsache man fange nicht an, Hieronymus Bosch zu kopieren.

Lea Breitsprecher (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Birgit Jooss (2004): Die Erstarrung des Körpers zum Tableau. Lebende Bilder in Performances. In: Christian Janecke (Hg.): Performance und Bild – Performance als Bild. Berlin: 272–303.

Kultur als Therapie?

Es gehört zu den zentralen Erkenntnissen kulturwissenschaftlicher Forschung, dass kulturelle Ordnungen immer dann besonders sichtbar werden, wenn sie bedroht sind oder sich aufzulösen beginnen und durch andere ersetzt werden. An vielen Orten forschen Kulturwissenschaftler*innen zu solchen Ordnungen, etwa in einem Tübinger Sonderforschungsbereich mit dem heute aktueller denn je erscheinenden Titel „Bedrohte Ordnungen“, der sich auch schon zur Pandemie zu Wort gemeldet hat.

Gerade in Zeiten, die in medialen, gesellschaftlichen und politischen Diskursen als Krise charakterisiert werden, scheint vielen Menschen Kultur Halt und Stabilität zu geben. Kultur – so könnte man in Anlehnung an den Kulturwissenschaftler Konrad Köstlin formulieren, der dies für die so genannte Volkskultur so schon getan hat – ist dann Therapie. Sie hilft uns durch den Alltag, gibt uns Struktur und Möglichkeiten zur Artikulation. Sie ist, so könnte man auch sagen, die Art und Weise, wie wir uns mit den Zuständen um uns herum kritisch, kreativ, protestierend oder auch bestätigend auseinandersetzen. In Zeiten von Corona sieht man dies allerorten. In die Nachrichtenjournale haben es etwa kurze Instagram-Videos geschafft, die Menschen zeigen, wie sie in der häuslichen Quarantäne – freilich humoristisch überformt – am heimischen Herd eine Disko inszenieren, auf dem Skateboard liegend und in Badehose über den Flur kraulen oder am Fenster stehend, mit einer Socke über die Hand, das gute alte PC-Spiel Pacman nachahmen: Die Socken-Hand frisst vorbeifahrende Autos genüsslich auf und es erklingt jedes Mal ein Computer-Spiele-Retro-Geräusch.

X-mal haben mir Freundinnen und Freude diese Videos geschickt und sich gefreut, wie kreativ Menschen mit der verordneten sozialen Distanz umgehen und die eigenen vier Wände uminterpretieren. Andere Beispiele sind die unzähligen Bilder selbst genähter Mundschütze (auf einmal müssen wir darüber nachdenken, wie der Plural von Mundschutz heißt und ob es den überhaupt gibt), die Folien für Botschaften oder ästhetische Vorlieben werden. Wie wir mit verordneten Strukturen umgehen und diese für uns selbst (um-)interpretieren, zeigen diese Beispiele ebenso wie das Video eines älteren Herrn aus Italien, der – um Ausgangsbeschränkungen zu umgehen – einen Stoffhund an die Leine nahm, um mit ihm Gassi zu gehen. Kultur ist in all diesen Fällen die Art und Weise, wie wir uns zu etwas positionieren, wie wir Regeln in den Alltag integrieren und diese – manchmal eben auch sehr eigenwillig – befolgen oder diese zu umgehen versuchen.

Zeitliche Routinen – diese sind insbesondere kulturell kodiert – werden derzeit als Herausforderungen erkannt, aber auch als Lösungen verstanden. Auf Instagram postete jüngst jemand, es fühle sich doch jeder Tag nun wie ein Sonntag an, der ja immer auch mit Verlangsamung verbunden wird (weniger Verkehr, die Geschäfte geschlossen, man soll sich erholen); und zum Sonntag gehöre es ja, dass man am Samstag davor auch wieder Alkohol trinken dürfe. Folglich sei nun jeder Abend eigentlich ein Samstagabend.

Unsere alltäglichen Routinen sind durch Corona und die politischen Maßnahmen der Eindämmung empfindlich gestört: Kein Weg ist mehr wie vor der Pandemie einfach zu gehen. Der Einkauf wird zur Gefahr und Herausforderung. Der öffentliche Nahverkehr zur Gefahrenzone. Und gleichzeitig berichten die Medien, wie etwa der Einkauf bewusst zelebriert wird, wie Menschen immer nur wenig einkaufen, um so oft wie möglich den öffentlichen Raum betreten zu können. In diesen alltäglichen Routinen wird die Mahlzeit nun auf einmal wieder wichtiger: Dass die gemeinsame Mahlzeit eine höchst komplexe kulturelle Angelegenheit ist, zeigt sich in Zeiten von Corona deutlicher denn je. Die gemeinsame Mahlzeit wird zum Stabilitätsfaktor. Sie wird wichtiges soziales Ereignis und mitunter mit enormer Bedeutung versehen.

Am rührendsten sind sicher jene Formen, die Solidarität nach außen hin sichtbar machen. Während in Italien oder in Spanien der abendliche kollektive Dank an Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger oder all jene, die das System noch am Laufen halten, kollektiv von Balkonen hallt, ist man hierzulande (noch?) etwas zurückhaltender. Die Badische Zeitung hat für Sonntag, den 22. März dazu aufgerufen, aus den Fenstern und von den Balkonen Beethovens Ode an die Freude erklingen zu lassen.  In meinem Stadtteil öffnete sich nur ein einziges Fenster, durch das dann aber gediegene Cello- und Violinenklänge zu vernehmen waren. Mutiger war da schon die Gruppierung „Synthesia Ultras 79“, die gleich an mehreren Stellen der Stadt Dank an das medizinische Personal aussprach: „DANKE ALLEN HELFERN! Fuck Covid 19!“. Dass eine andere Ordnung dann stärker war, zeigte sich an der so genannten Blauen Brücke am Hauptbahnhof, an der ein Banner aus Sicherheitsgründen sogleich wieder abgehängt werden musste.

Dass Kultur uns allen hilft, den Alltag in der Krise zu bewältigen, ist sicher eine für viele Menschen äußerst positive Erfahrung. Vieles, was wir vor der Krise weitestgehend habitualisiert in Routinen getan haben, reflektieren wir nun sehr bewusst. Formate populärer Kultur etwa nutzen Menschen, um sich reflektiert mit den Folgen der Quarantäne zu befassen. Gleichzeitig ist Humor dabei vielfach eine wichtige Strategie. Kultur wird in der Krise reflexiv gewendet. Wo sie drohen zu verschwinden, werden kulturelle Angebote nun zu wertvollen Ressourcen, um die wir uns aktiv bemühen müssen.

Und so wie Kultur uns durch die Krise bringt und Kultur als Ausdrucksform genutzt wird, kann auch ein kulturwissenschaftlich informierter Blick uns helfen, die schrecklichen Folgen (nicht nur die medizinischen, sondern auch jene, die sich aus globalen Ungleichheitsverhältnissen ergeben oder aus dem Aufwind rechtspopulistischer politischer Regime, die die Krise gerade vehement für ihre eigenen politischen Zwecke instrumentalisieren) mit kulturtheoretischer Reflexion zu versehen. Das macht die Pandemie zwar nicht weniger schlimm und soll auch keinesfalls die menschlichen Tragödien, die sich global abspielen, relativieren; die Reflexion kann aber helfen, die Prozesse besser zu verstehen, mit denen Menschen nun tagtäglich konfrontiert sind. Und sie kann besonders helfen, mit einem positiveren Blick auf die kreativen und Halt und Sicherheit gebenden Aspekte von Kultur zu schauen.

Markus Tauschek (Freiburg im Breisgau)