Aus dem Leben einer Straße: von Abläufen, Routinen und Brüchen – 2/2

— Der erste Teil dieses Beitrags findet sich hier. —

In der kulturwissenschaftlichen Katastrophenforschung wird der Verlust von Selbstverständlichkeiten als eine der weitreichenden kulturellen Folgen genannt.1 Wir gelangen an die Grenzen unserer Erfahrung, weil wir nicht auf Früheres, schon Erlebtes zurückgreifen können und auch, weil die neuen Gegebenheiten nur bedingt abgleichbar sind mit dem Wissensvorrat, den wir uns über die Zeit und im Zusammenspiel mit Anderen angelegt haben. Die Soziologen Alfred Schütz und Thomas Luckmann (2017 [1979]) sprechen von der Krise als einer Unterbrechung im „Ablauf der Selbstverständlichkeitskette“ (ebd.: 38) und machen damit deutlich, wie wir üblicherweise in einer fortlaufenden Routine unseren Alltag bestreiten, indem wir auch mit Neuerungen und kleineren Erschütterungen anhand unseres weiten Erfahrungsschatzes relativ unbeschwert umgehen und das „fraglich Gewordene in neue Fraglosigkeit“ überführen können (ebd.: 35). Den Döner aus einer Luke statt wie sonst am breiten Tresen im Laden entgegenzunehmen, gehört da noch zu den Neuerungen, die als „kleine Transzendenzen“, also Grenzen unserer Erfahrung, unsere Gewohnheiten zwar durchbrechen, deren Bewältigung uns jedoch leichter von der Hand gehen. Denn immerhin schließen sie an Gegebenheiten an, mit denen wir, wenn auch nicht im speziellen Fall, dann doch allgemeiner gehalten bereits vertraut sind.

Ein DIN-A4-Zettel an der Türe des Imbisses ruft mir die Gebote unserer Zeit in Erinnerung: „Bitte halten Sie Abstand!“ Darunter dann der Wunsch, dass wir alle  ja dennoch versuchen sollten das Beste daraus zu machen. Ein hoffnungsvoller Ton, den ich als Versuch lese, den diffusen Erfahrungen der Krise „einen Sinn und eine Form zu geben, sie greifbar und tradierbar zu machen“ (Johler u. a. 2018: 326). Und während Andere eben das entstandene „Sinnvakuum“ (ebd.: 325), ausgelöst durch den Bruch des Alltäglichen, ausfüllen, indem sie beherzt die Kochlöffel schwingen und endlich tief in der Yoga-Position ‚die Taube‘ versinken können, so möchte der Imbiss mit seiner Beschilderung mir doch nur freundlich zurufen: Alles nicht so schlimm, solange der Spieß sich weiter um die eigene Achse dreht.

Und sowieso, all die Hinweis-Schilder: Eilig ins Schaufenster gehängte Poster deuten auf ‚die Lage‘ hin, informieren über Verhaltensregeln, spezifizieren. Die geschlossenen Cafés malen traurige Smileys auf ihre Tafeln, der Buchladen erklärt, wie das Abholsystem funktioniert und bei Edeka einige Häuser weiter versucht man wöchentlich, mit neuen Formen der Kennzeichnung die störrische Kundschaft zu leiten. Manche dieser Zettel sind schon nach wenigen Wochen derart ausgefranst, dass schon die schwindende Materialität ein Gefühl von leidigem Zwischenzustand vermittelt und uns andeutet, all das könnte bald schon wieder vorbei sein. Zurück zur Normalität, so der viel geäußerte Wunsch. Dann müsse man ja nur die Hinweise entfernen, den Tesa von der Scheibe kratzen und schon könne man sich wieder enthemmt umarmen und anderen Menschen während des Schlange-Stehens in den Nacken atmen. Die Sehnsucht nach der „Rückkehr zum Alten“ (Hinrichsen u. a. 2014: 82), zum normalen Leben, zu Alltag und Routine in all ihrem erfrischenden Trott, höre ich immer wieder in den Gesprächen, an denen ich auf der Straße vorbeigehe, wenn sich zwei Menschen über die vorgegebenen eineinhalb Meter hinweg unterhalten.

Die Gegenwart der Vergangenheit, so Pierre Bourdieu (1987: 116), sei nie besser erkennbar, als wenn der Sinn der wahrscheinlichen Zukunft plötzlich Lügen gestraft werde. Er meint damit eben jene Verhaftung im Sosein, die Starrheit unserer Dispositionen, die plötzlich nicht mehr zu den objektiven Gegebenheiten zu passen scheinen. Und so passiert es, dass sich Menschen entgegen aller Warnungen zur Begrüßung in die Arme fallen – selbst wenn sie durchaus versuchen, eine andere Form dafür zu finden –, sich trotzdem rund achthundert Mal täglich ins Gesicht fassen2 und eine Freundin mir kürzlich wie selbstverständlich einen Schluck aus ihrer Bierflasche anbot, als wir uns auf ein distanziertes Getränk am Späti trafen. Unser Körper „ruft sich nicht die Vergangenheit ins Gedächtnis, sondern agiert die Vergangenheit aus, die damit als solche aufgehoben wird, erlebt sie wieder“ (ebd.: 135). Und so bin auch ich, ob am Fenster oder in Begegnung auf der Straße, in einem Zustand des permanenten Verhandelns zwischen der gar nicht so fernen Vergangenheit, einer fragilen Gegenwart und einer noch ungewissen Zukunft, die es alltagsmäßig zu bestreiten und zu gestalten gilt.

Wie sich unser Alltag verändern wird, welche Praktiken wir erlernen, welche wieder vergessen werden, auf welche Weise und nach welcher Vergangenheit, welcher Erfahrung unsere Körper zukünftig agieren werden, sind Fragen, die eine kulturwissenschaftliche Beobachtung und Analyse erfordern. Wir werden wohl neue, alltagspraktische Formen des Ausdrucks von Freude, von Respekt, von Anerkennung, von Geselligkeit und Gemeinschaftlichkeit hervorbringen, wenn körperliche Nähe für einige Zeit wegfällt, wir uns nicht berühren, auf die Schulter klopfen, den Arm tröstend um jene legen, die sich einsam fühlen, uns Geheimnisse ins Ohr flüstern oder schlicht nah beisammen einen Döner bei unserem Lieblingsimbiss essen gehen können. Eine kulturwissenschaftliche Perspektive hilft dabei, den Wandel und seine Ambivalenzen verständlich zu machen, sie zu deuten und einzuordnen.

Die Tram vor meinem Haus jedenfalls fährt noch immer in ihrem gewohnten Takt. Inzwischen öffnet der Einzelhandel wieder seine Pforten. Die Schlangen und Hinweisschilder werden bleiben, Gesichtsmasken sind gekommen und ich hoffe darauf, dass die Ellbogen-Begrüßung mir auch irgendwann leichter fällt, auch wenn meine Bewegungen noch, wie den beiden Freunden auf ihrem Weg zum Imbiss, ungelenk scheinen, unsicher und unkoordiniert. Wir werden uns wieder begegnen und auf dem Weg dorthin möglicherweise veränderte Routinen erzeugen. Wir werden den Raum weiterhin spürbar erschließen und uns wieder zurückziehen. Ich sitze dann an einem anderen Fenster. Wenn ich dort hinaus schaue, fällt mein Blick  zuerst auf den großen Baum, dessen Zweige mittlerweile fast an das Fensterbrett reichen. In den Wochen der Krise präsentiert er mir statt Fragen schlicht seine neuen Knospen und Blätter, klein und hellgrün reflektieren sie das Sonnenlicht. Manches bleibt beständig, manches kommt unvorhergesehen, wechselt sich ab, anderes geht. Eigentlich wie immer.

Nikola Nölle (Freiburg im Breisgau, Leipzig)

Literatur

Pierre Bourdieu (1987): Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, Frankfurt am Main.

Jan Hinrichsen, Reinhard Johler und Sandro Ratt (2014): Katastrophen. Vom kulturellen Umgang mit (außer)alltäglichen Bedrohungen. In: Ewald Frie, Mischa Meier (Hg.): Aufruhr, Katastrophe, Konkurrenz, Zerfall. Bedrohte Ordnungen als Thema der Kulturwissenschaften. Tübingen: 61–82.

Reinhard Johler u. a. (2018): Die Kultur der Katastrophen. Forschungsperspektiven der deutschsprachigen Ethnologie/Kulturwissenschaft. In: Johannes Moser (Hg.): Themen und Tendenzen der deutschen und japanischen Volkskunde im Austausch. Münster, New York: 317–337.

Alfred Schütz, Thomas Luckmann (22017): Strukturen der Lebenswelt. Konstanz [Erstausgabe 1979].


1 | Exemplarisch hierfür die kulturwissenschaftlichen Positionen des Tübinger SFB 923 „Bedrohte Ordnungen“, unter anderem Johler u. a. 2018; Hinrichsen u. a. 2014 sowie die Beiträge von Paul Hugger, Helge Gerndt und anderen in der Zeitschrift für Volkskunde (86) 1990.

2 | Die Seite https://donottouchyourface.com/ will mithilfe der Webcam dabei helfen, sich bei der Arbeit am Computer nicht so oft ins Gesicht zu fassen. Nicht im Selbsttest geprüft [Zugriff: 15.04.2020].

Aus dem Leben einer Straße: von Abläufen, Routinen und Brüchen – 1/2

Letztens saß ich mal wieder am Fenster zuhause in Leipzig, rauchte und schaute raus, um, so stelle ich es mir zur Zeit vor, wenigstens ein bisschen am Sozialleben meiner Straße teilzuhaben, die unter normalen Umständen sehr belebt wäre: vor dem Haus eine Tramstation, gegenüber eine Apotheke, eine Buchhandlung und ein ‚Weltladen‘, eine Reihe von Imbissen und Cafés, Dienstleistern, Handwerksbetrieben, ein russischer und ein arabischer Lebensmittelhändler, ein Edeka, dazwischen, eben unter normalen Umständen, viele Menschen, die einkaufen, flanieren, Kaffee trinken, Essen holen oder vor dem Späti cornern. Jetzt ist einiges geschlossen, aber der Döner-Laden, schräg gegenüber und damit noch in meinem unmittelbaren Blickwinkel, hat geöffnet und reicht täglich aus einer Luke Berge von Styroporschachteln, Alu-Folie und Plastiktüten, unter denen sich das Essen versteckt.

Ich saß auf der Fensterbank und folgte mit den Augen den wenigen Menschen, die sich auf dem schmalen Trottoir umschlingerten, dem Fluss der Tüten, der Schlange der Wartenden. Zwei Autos, sportlich geschnitten, zurückhaltende Farben, fuhren vor, hintereinander zielsicher ins Halteverbot vor dem Imbiss, auffällig nur deshalb, weil der Verkehr (sehr zu unserer Freude) seit der Ausgangssperre ziemlich abgenommen hat. Türen öffneten sich, knallten zu und der eine Fahrer blieb stehen, sich umblickend nach dem anderen. Beide trugen sportliche Kleidung, lockere Hosen, weite Pullis, einer mit auffälligem Logoprint, Sneakers. Die Haare kurz geschoren, sind sie wahrscheinlich zwischen dreißig und vierzig Jahre alt. Drei Meter voneinander entfernt, nach begrüßenden Worten, die sie sich zuriefen, plötzliches Zögern, verlangsamte Körper, unsicheres Tänzeln von einem Bein aufs andere. Ein weiterer Schritt in eine gemeinsame Richtung.

Selbst aus der Entfernung meines Fensters, immerhin im dritten Stock, konnte ich die Anspannung der Körper ahnen, das verlegene Grinsen. Dann bewegten sich beide fast gleichzeitig aufeinander zu, Oberkörper seitlich nach vorne geneigt, angewinkelte Arme in Richtung des Anderen, kurze Berührung der Ellenbogen, Oberkörper zurück. Ein weiterer, unsicherer Moment verstrich und dann, einem tiefen Ein- und dann befreienden Ausatmen gleich, fielen sie sich doch in die Arme, schlugen einander auf den Rücken, lachten. Sie lösten sich voneinander und schlenderten, sich unterhaltend, zu der Schlange der Wartenden vor dem Imbiss, an deren Ende sie sich mit einigem Abstand platzierten. Zwei Bestellungen, nach kurzer Zeit zwei Tüten, ich sah das Aluminium durch die orangene Folie schimmern. Noch mehr Worte, kurz das Handy aus der Tasche, ein Winken, erneut schlugen die Autotüren zu und beide entschwanden meinem Blickfeld. Die Schlange hatte sich aufgelöst, kurzer Leerlauf im Imbiss-Takt, und die Straße lag wieder ruhig vor mir. Ich drückte die Zigarette auf dem Fensterbrett aus.

Seit fünf Wochen sind wir alle zu ‚Social Distancing‘ aufgefordert, seit vier Wochen gilt die verordnete ‚Ausgangsbeschränkung‘, seit dreieinhalb Wochen gibt es in Sachsen einen sorgfältig aufgestellten Bußgeldkatalog, der Verstöße gegen die Verbote ahndet. Vor ein paar Tagen verkündete die Bundeskanzlerin die Verlängerung der schützenden Maßnahmen, an die wir uns alle halten sollen, ‚gemeinsam‘. Entgegen kulturwissenschaftlicher Tendenzen der Erforschung von Gruppen, Gemeinden, Netzwerken und anderen mehr oder weniger kleinteiligen Elementen, zu denen sich Menschen zusammenschließen, wenn sie Kultur verhandeln, sind wir nun vor Handlungsweisungen gestellt, die uns alle meinen. Und weil wir eben alle gemeint sind, erweist sich eine methodische Trennung von Feld und Forschenden kaum als möglich und trotz sozialer Abstandsgebote wirkt die Relation von Nähe und Distanz wie aufgehoben, wenn ich mich dem Alltagsleben meiner Straße zuwende: Schaue ich aus dem Fenster bin ich quasi unbeteiligt, dann liegt die Szenerie, vormals ein Wimmelbild, jetzt nur spärlich bestückt, vor mir wie ein Schaukasten, auf den ich aus dem dritten Stock blicke. Verlasse ich mein sicheres Nest, dann bin ich nicht nur plötzlich Teil der Straße, nehme ich nicht nur Menschen und deren Verhalten wahr, an dem ich mich spiegle, auf das ich reagiere und mit meinem abgleiche. Denn mein Körper wird darüber hinaus gleichsam zu einem Element der Veränderung, das in den Aktionsraum der anderen Menschen eintritt. Die Präsenz unserer Körper und die Wechselseitigkeit und Verbundenheit in unseren Begegnungen wird deutlich und spürbar, indem wir alle Rücksicht aufeinander nehmen sollen, indem wir alle auf die Einhaltung der Distanz versuchen zu achten.

Und während ich als Teil einer definierten Gemeinschaft jenseits meines ‚eigenen Hausstands‘, meiner Straße und jenseits von Stadt, Region, Land, Nationalstaatsbegrenzung oder europäischer Außengrenze adressiert bin, wird mir auch an der politischen Sprache, den deutlichen Warnungen, den Statistiken und Schaubildern vermittelt, inwiefern mein Handeln Auswirkungen globalen Ausmaßes annehmen kann. Selten empfand ich meine Agency so geradewegs spürbar und im selben Augenblick so widersprüchlich.1 Wir alle sind zum sozialen Handeln aufgefordert, werden als Gemeinschaft angesprochen und darin definiert, unter Verweis allgegenwärtiger Solidaritätsbekundungen, wohingegen als vergemeinschaftende Praktiken diesmal Begrenzung und Vereinzelung aufgerufen sind. Begegnen wir uns doch, also physisch im analogen Raum und nicht auf einer der vielen Video-Apps, die aufgrund der Datenüberlastung ein ohnehin nur recht abgehacktes Miteinander zulassen, so stehen wir uns etwas ratlos gegenüber.

Wir sollen unsere Freund*innen nicht mehr umarmen und anderen die Hand geben, ja eigentlich treffen wir im angemessensten Fall gar nicht zusammen. Tun wir es trotzdem, mal mehr, mal weniger zufällig, gibt es eine Vielzahl an Auflagen und Aufforderungen, die wir zum eigenen und zum Schutz der Anderen befolgen sollen und die in den routinisierten Fluss unserer Bewegungen, Gesten, Interaktionen, kurz unserer Alltagspraktiken eingreifen. Und so begrüße ich meine Freund*innen, wenn wir uns auf der Straße über den Weg laufen, ebenfalls mit einer kurzen Ellbogen-Berührung, danach machen wir, schon recht routiniert, einen Schritt zurück. Wir hatten es auch schon mit einem Shoe Bump versucht, dem kurzen Aneinanderschlagen eines Fußes bei ausgestrecktem Bein (noch mehr Abstand!), aber unsere Bewegungen waren zu unkoordiniert, zu wacklig die Balance oder wir machen immer noch nicht genügend Yoga. Kommt mir jemand zu nahe, weiche ich aus und in der Schlange vor dem Imbiss, den ich so gut vom Fenster aus sehen kann, stellte ich mich locker mehrere Meter hintendran an, dabei aber stets bemüht, es trotzdem nach deren Ende aussehen zu lassen.

Der Versuch, auf die Bedrohung durch das neue Virus und der damit einhergehenden Pandemie mit regulierenden Maßnahmen zu reagieren, hat ohne Zweifel weitreichende Auswirkungen auf unser Alltagsleben und damit auf unseren bis dahin „fraglos selbstverständlichen Erfahrungsmodus“ (Johler u. a. 2018: 323). Dieser ist es auch, der als „Bezugsschema zur Weltauslegung“ (Schütz/Luckmann 2017 [1979]: 33) in der Krise brüchig wird, indem wir der Wirklichkeit unserer Lebenswelt, an der wir in „unausweichlicher, regelmäßiger Wiederkehr“ (ebd.: 29) teilnehmen, nicht mehr als schlicht gegeben, als eben ‚fraglos‘ annehmen können. Als Folge der seit einigen Wochen verbreiteten ‚Verhaltensregeln‘ beginne ich, gewohnte Situationen zu hinterfragen, versuche mich in neuen Routinen und damit auch neuen Belohnungssystemen, wenn ich mal zwei Tage hintereinander zur selben Uhrzeit aufgestanden bin. Ich kaufe mir dann manchmal einen Falafeldürüm, drüben auf der anderen Straßenseite, vielleicht auch ein bisschen als trotzige Distinktionsstrategie zu den vielen neu erweckten Hobby-Köch*innen, von denen bereits gefühlte hunderte Kochvideos und Bildern von ausgeklügelten Gerichten in den sozialen Medien kursieren. Die Alufolie und die Plastiktüte, in die der Dürüm dann gewickelt ist, stecke ich mit schlechtem Gewissen in den Müll zuhause zu den anderen Zeugnissen meiner gelegentlichen Fastfood-Abenteuer. Denn ich soll mich ja zum Verzehr fünfzig Meter entfernen von den mich versorgenden Gastronomien.

Fünfzig große Schritte später stehe ich dann wieder an meinem Fenster, meinem ethnologischem Guckloch aus der Langeweile meiner Zimmers in die Spannungen der Straße. Doch ich bilde mir ein, dass mich selbst das Imbiss-Essen zuhause kaum befriedigt, wenn das weiche Brot und die sippschige Soße nicht mit der Atmosphäre aus Pommes-Fett, emsigen Stimmengewirr und unbequemen Stühlen zusammenfallen. Der üblicherweise in herausgepressten Stöhnen geäußerte Satz „Ich vermisse Kneipen“ ist omnipräsent in meinem Umfeld, wenn mich mit meinen Freund*innen gelegentlich auf ein Glas Wein vor der Kamera treffe. Manche schicken dem ein nicht weniger gequältes „Und Restaurants!“ hinterher. Meist folgt darauf eine Aufzählung all der tollen Drinks und Speisen, Orte und Partys, die wir vermissen und von denen wir niemals dachten, wie sehr sie uns fehlen. „Luxusprobleme“ ist dann meist ein Wort, was auch noch in jenen Gesprächen fällt, wenn auch nur ein leiser Zusatz, der uns zwar unsere Privilegien vor Augen führen will, dennoch aber deutlich macht, wie sehr wir nun mal auch diese als gegeben empfinden, wie sehr sie eine Rolle spielen in der Organisation unseres Alltagslebens.

— Hier geht’s zum zweiten Teil dieses Beitrages. —

Nikola Nölle (Freiburg im Breisgau, Leipzig)

Literatur

Reinhard Johler u. a. (2018): Die Kultur der Katastrophen. Forschungsperspektiven der deutschsprachigen Ethnologie/Kulturwissenschaft. In: Johannes Moser (Hg.): Themen und Tendenzen der deutschen und japanischen Volkskunde im Austausch. Münster, New York: 317–337.

Alfred Schütz, Thomas Luckmann (22017): Strukturen der Lebenswelt. Konstanz [Erstausgabe 1979].


1 | Maximilian Jablonowski schreibt in seinem Text „Handlungstheorie im Souterrain“ etwa zum Widerspruch zwischen Untätigkeit und den Ansprüchen auf Produktivität in der Isolation. http://www.kuckucknotizen.at/kuckuck/index.php/8-aktuelles_de/189-1-20-handeln-vorschau-leseprobe (Zugriff: 15.04.2020).

Ein Blick auf die Strassen in Zürich zu Zeiten von Covid-19

«Bleiben Sie zuhause. Bitte. Alle.» lautet die offizielle staatliche Weisung seit nun fast vier Wochen in der Schweiz. Ausnahmen sind Arbeitsweg, Arzt, Apotheke und Einkäufe. Sich draussen aktiv zu bewegen mit der geforderten physischen Distanz von zwei Metern ist nicht verboten. Viele Menschen, Junge, Alte, Erwachsene mit ihren Kindern, nutzen alleine oder mit ihren engsten Familienmitgliedern die kostbare und grundlegende Bewegungsfreiheit für Spaziergänge, Velotouren oder Spiel auf Trottoirs und auf den noch frei zugänglichen Plätzen. Für zahlreiche Menschen, die sich den gesundheitspolitisch nachvollziehbaren Vorgaben beugen und dem pandemischen Narrativ folgen, wird der eigene Nahraum, das Wohnquartier und die unmittelbare Nachbarschaft bedeutsamer, der Mobilitätsradius kleiner.

Es gibt diverse kultur- und sozialwissenschaftliche Stadtforschungen zur Bedeutung eben dieser Räume und den damit verbundenen Qualitäten der Alltagspraktiken und der Beschreibung seiner kulturellen Figurationen. Sie zeigen zum Beispiel, wie soziale Interaktionen und Prozesse im Quartier zu Identitätsstiftung und Kohäsion beitragen (Hall 2012;), wie (kreativ-)wirtschaftliche Entwicklungen, Konsum und Stadtentwicklung zusammenhängen (Zukin 2010), wie körperlich-leibliche Bewegungen zum mentalen und physischen Wohlbefinden führen (Funke-Wieneke 2008), wie Infrastrukturen und Verknüpfungen von Ding, Technologie und Mensch sich gegenseitig formen (Thibaud 2010) oder wie nachhaltige, faire und lebenswerte Städte sich durch polyzentrische Strukturen, robuste Netzwerke und kurze Wege im Nahraum auszeichnen (Montgomery 2013).

Zu Covid-19-Zeiten werden all diese Qualitäten neu wahrgenommen, justiert und sie fungieren nun als besondere Narrative, die konstruieren, träumen, zerstören und reproduzieren, auf lokaler, regionaler und transnationaler Ebene, etwa wenn sich da und dort urbane Alltagspraktiken verändern und sich neue Ordnungen und Routinen unter den gegenwärtigen Bedingungen formen und zeigen.

Auf der Basis einiger sporadischen Beobachtungen und Streifzüge durch den Strassenraum der Stadt Zürich während der letzten Wochen möchte ich an dieser Stelle zwei Aspekte aufnehmen. Sie geben zum einen Einblick, wie die gegenwärtige Situation in den jeweiligen Kontexten bewältigt und wie konkret Zürichs Stadtraum während Covid-19 angeeignet und reguliert wird. Zum anderen verweisen sie auf die Dringlichkeit, auch jetzt kritische Fragen zu stellen und Gestaltungsmöglichkeiten auszuloten, etwa wenn soziale Ungleichheit und fehlende Resilienz sich im Machtgefüge des Stadtraums in neuer Deutlichkeit zeigt.

Die Strassenräume Zürichs muten gleichsam leer an, obschon auf einzelnen Einfallsachsen der Stadt unter den gebotenen Vorzeichen noch immer einige Autos unterwegs sind. Deutlich sichtbar werden allerdings zahlreiche, unterschiedliche Kurierdienste vorwiegend zu Velo, aber auch mit Auto. Prominent fallen dabei die Uber Eats-Velokuriere auf. Es scheinen ausschliesslich Männer diesen Service zu verrichten. Die Räder wollen dabei meist nicht so recht zu Grösse und Körper ihrer Fahrer passen. Entweder haben die Geräte im Verhältnis zu den Körpern verhältnismässig kleine Räder oder winzige Rahmen und/oder die Lenker sind sichtbar zu tief und so schlecht eingestellt, dass einem der Rücken schon beim Zuschauen schmerzt. All diese Kuriere scheinen offenbar keine routinierten Radfahrer zu sein. Der Zustand der meist wenig qualitativ aussehenden und eher älteren Fahrräder fällt in einer reichen Stadt wie Zürich auf. Sind doch zu «normalen Zeiten» übermässig viele chice, teure und gepflegte Räder auf den Strassen anzutreffen. Da die Fahrräder der Kuriere weder Werbung noch Standardisierung zeigen, stammen sie offenbar, ganz der Logik eines Subunternehmens der Sharing-Wirtschaft folgend, aus dem Privatbesitz der Kuriere. Der zweite Blickfang sind die meist schlecht auf den Schultern sitzenden, grossen boxenartigen Schultertaschen, die während des Transports die Essenslieferungen warmhalten sollen. So kämpfen sich die Kuriere in ergonomisch schmerzhaft anmutender Art und Weise auf ihren billig aussehenden und schlecht eingestellten Velos durch die Stadt.

Bekannt, und wohl auch zu Covid-19-Zeiten unverändert, ist dabei schon seit Langem, dass gerade diese Kuriere sehr wenig Geld verdienen und unter unfairen, prekären und sozial nicht abgesicherten Arbeitsbedingungen für ihr Einkommen schuften müssen. Der Umgang mit und die Be-Wertung von Arbeit unterschiedlicher Menschen und die ungleiche Anerkennung von Dienstleistungen, Tätigkeiten und Menschen zeigen sich zu Covid-19-Zeiten deutlicher als zuvor. Interessant ist, dass gerade in den hippen, sogenannten gentrifizierten Stadtteilen, viele Restaurationsbetriebe, die sonst junge, gutverdienende Menschen unter den Vorzeichen eines ethisch guten Konsums verpflegen, ihre Online-Services nun ausgerechnet via Uber Eats organisieren, und dass die bestellende Kundschaft dabei offenbar keine moralischen Gewissensbisse kennt, wenn es um die Befriedigung des eigenen Konsums geht. Von einer Care-Ökonomie scheinen wir somit, wenn es um den eigenen urbanen Lebensstil und Konsum geht, doch noch weit entfernt zu sein.

Das Bedürfnis und das Recht, sich draussen aufzuhalten, zu spazieren, sich aus eigener Muskelkraft zu bewegen, wird unter den gegebenen Vorzeichen vorwiegend im eigenen, urbanen Nahraum gelebt. Allerdings ist die Einhaltung des gebotenen Abstands von zwei Metern im knapp verfügbaren städtischen öffentlichen Raum aufgrund der derzeitigen Verteilung der Verkehrsflächen oft kaum möglich. Menschen kommen sich ständig zu nahe, müssen sich auf den Trottoirs kreuzen, passieren nahe und stehen gedrängt beieinander auf den ihnen zugewiesenen Verkehrsflächen, etwa vor Lichtsignalanlagen. Es zeigt derzeit nachdrücklich: Die Trottoirs sind zu eng und zu knapp bemessen für die Anzahl der Menschen, die in der Stadt lebt. Öffentliche Räume im Siedlungsgebiet und der gebaute Stadtraum reichen nicht aus für eine physisch distanzierte Aneignung und aktive Fortbewegung zu Fuss oder mit dem Velo, für einen angenehmen Aufenthalt ohne Konsumpflicht und erholsames Verweilen. Das Regime in Zürich favorisiert und ermöglicht auch in gegenwärtigen Krisenzeiten ein ungehindertes Unterwegssein mit dem eigenen Auto statt einer grundlegenden aktiven Mobilität mit den derzeit notwendigen physischen Distanzen. Das Zu-Fuss-Gehen, das allen Menschen prinzipiell freisteht, grundlegend und gratis ist und dessen Nutzen für das mentale und physische Wohlbefinden seit Jahrzehnten durch unterschiedliche wissenschaftliche Studien rund um den Globus belegt ist, wird zu Covid-19-Zeiten stärker beschnitten. Verschärft wird ein solches Regime nämlich durch die Schliessung von stark frequentierten Aussenräumen wie Parkanlagen und Uferwegen. Paradoxerweise wird so dort dem hohen Aufkommen von Menschen und den daher nicht mehr einhaltbaren Abständen Einhalt geboten, anstatt die knappen Fusswegnetze, die als öffentliche Räume zu den wichtigsten Nervenbahnen der Städte zählen, mit zusätzlichen, allenfalls temporär bereitgestellten alternativen Routen und Flächen etwa auf den überproportional breiten und nun teilweise leergefegten Strassen erweitert würden.

Die Stadt wird auch zu Krisenzeiten nicht den Menschen zurückzugeben. Vielmehr werden Versuche, sie zu Fuss anzueignen, disziplinarisch im Namen der Gesundheitspolitik unterbunden. Der Solidarität wegen bleiben die Strassen den Autos überlassen und die Menschen, wenn unterwegs, dann gedrängt auf den Trottoirs und verfügbaren Gehflächen. Auf der einen oder anderen weniger befahrenen Strasse wird ein bisschen widerständisch und auf eigene Gefahr hin auf den Strassen gejoggt und spaziert und sich so der Stadtraum angeeignet. Ob damit nun ein Bedürfnis und eine Sensibilisierung nach mehr Stadtraum für Menschen statt Maschinen geweckt wird und wie lange sich die Menschen in ihren physischen Bewegungen vor Ort in Zürich disziplinieren lassen, wird der Verlauf der Pandemie und die anstehende Sommerzeit zeigen.

Monika Litscher (Zürich)

Literatur

Funke-Wieneke, Jürgen (2008): Sich Bewegen in der Stadt. Eine Besichtigung mit Maurice Merleau-Ponty. In: Funke-Wieneke, Jürgen; Klein, Gabriele (Hg.): Bewegungsraum und Stadtkultur. Sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven. Bielefeld.

Hall, Suzanne (2012): City, Street and Citizen. The measure of the ordinary. London, New York.

Montgomery, Charles (2013): Happy City. Transforming our lives through urban design. New York.

Thibaud, Jean-Paul (2010): La ville à l’épreuve des sens. In: Coutard, Olivier; Jean-Pierre, Lévy (Hg.): Ecologies urbaines: états des savoirs et perspectives. Paris: 198–213.

Zukin, Sharon (2010): Naked City. The feath and life of authentic urban places. Oxford, New York.

Im Homeoffice und auf der Straße

Auch ich bin im Homeoffice seit Corona – wie so viele meiner Kolleg*innen, die an der Uni beschäftigt sind. Meine Tage sind seither mehr oder weniger die gleichen; es hat sich bei mir schon eine kleine Routine ausgebildet: Nach dem Aufstehen erst einmal Tee aufsetzen, Laptop hochfahren, E-Mails checken und die neuesten Nachrichten im Internet lesen. Danach Büroarbeit: Hausarbeiten korrigieren, Forschungsnotizen strukturieren, Artikel überarbeiten, Workshop planen, Texte lesen, Schreiben. Ich sitze dabei an meinem Schreibtisch, direkt unter zwei großen Dachgeschossfenstern. Die Morgensonne im Gesicht arbeite ich vor mich hin.

Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich den Freiburger Schlossberg. Nur wenige Meter Luftlinie von mir entfernt ist die Leo-Wohleb-Brücke unter der sich die Wohnstätte einiger obdachloser Menschen befindet; um die Ecke der Freiburger Essenstreff – ein sozialer Verein, der „täglich ein warmes Mittagessen für diejenigen Menschen zur Verfügung [stellt], die es sich selbst nicht mehr leisten können“, so steht es auf der Homepage geschrieben. Seit Corona ist die Wärmestube des Essenstreffs geschlossen. Das Essensangebot ist reduziert: Es werden belegte Brötchen, Obst und Gemüse durch das Fenster im Erdgeschoss ausgeteilt. Neben dem Essenstreff ist ein ‚Gabenzaun‘ eingerichtet worden. An ihm hängen Tüten mit Lebensmitteln für Obdach- und Wohnungslose. Die Möglichkeit sich aufzuwärmen, einen nachmittäglichen Tee und Hefezopf zu erhalten, ein warmes Essen am Tisch serviert zu bekommen, Zeitung zu lesen, Handy aufzuladen und gemütlich beisammen zu sitzen gibt es nicht mehr – wegen Corona. Auch das Sonntagsfrühstück ist auf unbestimmte Zeit ausgesetzt.

Genau wie der Essenstreff haben auch die Freiburger Straßenschule, die Pflasterstub’, die Bahnhofsmission und der FreiRaum – alles Freiburger Anlaufstellen für obdach- und wohnungslose Menschen – ihre Öffnungszeiten und Angebote heruntergefahren. Der Freiburger Tafelladen hat seit Corona komplett geschlossen.

Corona trifft obdach- und wohnungslose Menschen mit geringen finanziellen Mitteln wohl am stärksten. Ihre Anlaufstellen fallen weg. Diese reduzieren (gezwungenermaßen und sicherlich schweren Herzens) ihr Angebot mehr oder weniger auf das nackte Überleben: die Versorgung mit Nahrung. Die Freiburger Straßenschule hat noch zur Postausgabe geöffnet, in der Pflasterstub’ kann man weiterhin duschen und eine medizinische Grundversorgung erhalten, telefonisch sind alle Anlaufstellen erreichbar und bieten verlängerte Telefonsprechstunden an. Doch der persönliche soziale Kontakt fällt weg. Wie wichtig ist doch soziales Miteinander und direkter sozialer Austausch – gerade in dieser als Krise betitelten und erfahrenen Corona-Situation. Wenn ich im Homeoffice bin und mir nach sozialem Kontakt ist, dann nehme ich mein Telefon zur Hand und rufe Freund*innen und Familie an. Die uns durch Corona gebrachte soziale Distanz kann ich durch Internet, (Video-)Telefonie und Instant Messaging Dienste etwas ausgleichen. Für obdach- und wohnungslose Menschen scheint das ungleich schwerer zu sein.

Barbara Sieferle (Freiburg im Breisgau)

Fotocredit: Leonie Hagen

Soziale Anlaufstellen in Freiburg

Essenstreff: http://www.essenstreff-freiburg.de/

Pflasterstub’: https://www.caritas-freiburg.de/pflasterstub.html

Straßenschule: https://www.sos-kinderdorf.de/freiburger-strassenschule oder https://de-de.facebook.com/FreiburgerStrassenSchule/

FreiRaum: https://www.diakonie-freiburg.de/index.php?freiraum-17

Bahnhofsmission: https://www.bahnhofsmission.de/index.php?id=99&woher=3&bm=19

Eine Zusammenstellung der vielen lokalen Corona-Hilfsprojekte und -Initiativen bietet außerdem die Homepage des Stadtjubiläums: https://2020.freiburg.de/pb/1532755.html