Komm her, Veränderung!

Als Studentin der Kulturanthropologie / Europäischen Ethnologie befasse ich mich in den Morgenstunden mit dem Artikel „Potenziale freisetzen: Akteur-Netzwerk-Theorie und Assemblageforschung in der interdisziplinären kritischen Stadtforschung“ von Alexa Färber. Während ich versuche, mich mit zukünftigen Konzepten einer nachhaltigen Stadtentwicklung auseinanderzusetzen, ziehen meine Gedanken bereits weiter zwischen der Farm-to-Fork-Strategie, dem European Green Deal, der Biodiversitätsstrategie und enden bei einer eigenen Ernährungsumstellung. Potenziale freisetzen, ja das wäre auch unter derzeitigen Corona-Beschränkungen und einem möglichen gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Wandel wünschenswert. Es fällt mir schwer, hier in Deutschland Privilegien genießen zu dürfen, wenn anderswo Menschen leiden und prekären Lebensbedingungen machtlos ausgesetzt sind. Doch welchen Beitrag kann man als einzelnes Individuum zu positiven Veränderungen in dieser komplexen Welt und zu gegebenen Corona-Umständen leisten?[1]

The struggle is real

In ländlichen Regionen, wie es in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung dargestellt wird, gibt es häufig gefestigte Alltagsstrukturen und der Umgang mit der Pandemie wird als relativ gelassen beschrieben.[2] Währenddessen kam es in der Universitätsstadt Göttingen Anfang Juni zu einigen Diskussionen über die stigmatisierenden Zeitungsartikel, die von den vermehrten Corona-Infektionen berichteten und sich dabei gegenüber den Bewohner_innen eines Hochhauskomplexes vorwurfsvoll äußerten.[3] Fast zeitgleich demonstrierten am zentralen Marktplatz über tausend Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt.[4] An diesem Wochenende (20.06.2020) folgten weitere Ausschreitungen aufgrund von Corona-Maßnahmen und gegebenen Wohnverhältnissen.[5] Zwischen diesen Widersprüchlichkeiten und lokalen Auseinandersetzungen stellt sich mir die Frage, mit welchen konkreten Umsetzungen sich der Zusammenhalt in Städten verbessern ließe, um weitere Konflikte und Spannungen in diesen krisenhaften Zeiten zu vermeiden. Da durch die Ressourcenknappheit und die drohenden Klimaveränderungen ein Wandel in verschiedener Hinsicht unausweichlich scheint, bleibt zu überlegen, ob sich dieser durch ein neues Konjunkturprogramm, alternative Energieversorgung über Wasserstoffanlagen und ein paar E-Autos wuppen lässt.[6]

Um auf die Göttinger Demonstration zurückzukommen, lässt mich der Eindruck nicht los, dass sich ein gewaltiges Potenzial gesellschaftlicher Dynamiken nutzen ließe, um eine nachhaltige Entwicklung voranzutreiben. Es lässt sich im Alltag trotz der Corona-Auflagen immer wieder beobachten, wie sorgsam manche Individuen miteinander umgehen und wie kreativ sie ihre Ideen in den unterschiedlichsten Projekten umsetzen.[7] Es kann ein beeindruckender Zusammenhalt entstehen, sobald sich viele Menschen gemeinsam für ein und dasselbe Ziel stark machen. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) spricht hierbei von „sozio-ökonomische[n] Kippelemente[n]“[8]. Hans-Joachim Schellnhuber[9] beschreibt diese als „[…] eine sich selbst verstärkende Dynamik in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft […], mit der sich eine neue klimafreundliche und nachhaltige Haltung verbreitet“[10]. Ein Beispiel für diese Kippmechanismen zur Klimastabilisierung ist für Schnellnhuber die Fridays-for-Future-Bewegung.[11] Doch was lässt sich neben offenen Kundgebungen und Gemeinwohlorientiertheit in der derzeitigen besonderen Virus-Situation noch beobachten und nachhaltig verändern?

Zeitlupe Apokalypse?!

„The Pandemic Is Not a Natural Disaster. The coronavirus isn’t just a public-health-crisis. It’s an ecological one“[12] lautet ein weiterer Artikel zu einem meiner Online-Uni-Seminare. Zwischen den Diskussionen über einen wirtschaftlichen Wandel frage ich mich aus kulturanthropologischer Perspektive vor allem, wie hier mehr Menschen dazu animiert werden könnten, ihre Privilegien kritisch zu hinterfragen. Alltag schafft Orientierung[13], aber Routinen können auch gefährlich werden oder zumindest eintönig, wenn wir nicht wachsam bleiben und einen möglichen Wandel aktiv mitgestalten. Oder um es mit den Worten von Jan Böhmermann zu sagen: „Die Normalisierung von Wahnsinn fühlt sich nicht wahnsinnig an, sondern normal.“[14] Auch wenn wir einen „Wahnsinn“ vielleicht noch nicht erreicht haben, ist doch genau jetzt ein guter Zeitpunkt, um unsere Konsumgesellschaft zu überdenken oder wenigstens die alltäglichen Selbstverständlichkeiten anzuerkennen.

Packen wir’s an!

Unter Freunden machten wir vor Kurzem die Beobachtung, dass wir neue Routinen für uns entdeckten, als wir uns an einem Samstagmorgen zu einem Markteinkauf verabredeten. Obendrein sind wir bei einer Laufrunde im Wald auf eine Streuobstwiese direkt in Uni-Nähe gestoßen und machten zum ersten Mal eigenes Bärlauch-Pesto. Hallo neue Selbstversorgung, hallo neue Gewohnheiten im Alltag! Oder um auf die angeblichen Worte Gandhis zurückzugreifen: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“[15] Denn wer weniger von anderen fordert und mehr selbst handelt, kann so einiges Neues und Wertvolles entdecken. Hätte ich die Wahl, würde ich sogar gerne gleich ins Kliemannsland[16] umziehen, in dem man mehr selbst reparieren und die gegebenen Ressourcen vor Ort tatsächlich nutzen kann.

Neue Routine: Marktbummel – mehr Grün fürs Eigenheim.

Und ja, falls noch mehr Veränderungen folgen, kann das anstrengend und ungewohnt werden, aber sie können uns auch eine große Chance zur Verbesserung bieten.In vielen Alltagssituationen lässt sich bereits beobachten, dass sich einige Menschen Gedanken über ihre Umwelt und ihr eigenes Verhalten machen. Immer mehr scheinen sich über die Wirkmächtigkeit des Alltäglichen und die eigene Gestaltungsmacht bewusster zu werden, was vielleicht auch durch Covid-19 beeinflusst worden ist. Deshalb bietet sich genau jetzt eine Gelegenheit, der jede_r offen gegenübertreten kann, denn Veränderung muss nicht immer etwas Negatives oder Kompliziertes bedeuten.

#takecareofyourself #takecareofothers #supportyourlocal #supportyourgrandma #Zufallwowirgeborenwurden #Privilegienwertschätzen #positivechange #Neuepraktiken #candomentalität #betterdayswillcome #degrowth #Eigenverantwortung #Resilienz #sustainableeurope #sustainablecities

Hanna B. (Göttingen)

Titelbild: Göttinger Demonstration (06.06.2020).


[1] Vgl. Jorismusik: „Kommt schon gut“, 06.07.18. In: YouTube, https://www.youtube.com/watch?v=Mo_cYrdU98Y (letzter Zugriff am 16.06.2020).

[2] Vgl. Tschirpke, Vinzent: „Warum das Dorf in Krisenzeiten besser als die Großstadt ist“, 27.03.2020. In: Süddeutsche Zeitung, https://sz-magazin.sueddeutsche.de/abschiedskolumne/coronavirus-dorf-grossstadt-88523 (letzter Zugriff am 16.06.2020).

[3] Roma Antidiscrimination Network: „Hetze wegen Corona in Göttingen breitet sich aus“, 04.06.2020. In: RAN, https://ran.eu.com/hetze-wegen-corona-in-gottingen-breitet-sich-aus/ (letzter Zugriff am 15.06.2020).

[4] Vgl. Franke, Rüdiger: „Tausende demonstrieren gegen Rassismus – auch in Göttingen“, 07.06.2020. In: Harz Kurier, https://www.harzkurier.de/region/article229268008/Tausende-protestieren-gegen-Rassismus-auch-in-Goettingen.html (letzter Zugriff am 16.06.2020).

[5] Vgl. Hallo Niedersachsen: „Göttingen will Hochhaus-Bewohner besser informieren“, 21.06.2020. In: NDR, https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/braunschweig_harz_goettingen/Goettingen-will-Hochhaus-Bewohner-besser-informieren,corona3550.html (letzter Zugriff am 21.06.2020).

[6] Vgl. Küstner, Kai: „Der Stoff, aus dem die Träume sind“, 10.06.2020. In: Tagesschau.de, https://www.tagesschau.de/inland/wasserstoff-strategie-103.html (letzter Zugriff am 16.06.2020).

[7] Wie zum Beispiel die Nachbarschaftshilfe oder das gemeinschaftliche Masken-Nähen.

[8] Otto, Ilona u. a.: „Gesellschaftliche Kippmechanismen können den Durchbruch zur Klimastabilisierung auslösen“, 21.01.2020. In: Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, https://www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/gesellschaftliche-kippmechanismen-konnen-den-durchbruch-zur-klimastabilisierung-auslosen (letzter Zugriff am 16.06.2020).

[9] Ehemaliger Direktor des PIK

[10] Otto, Ilona u. a.: siehe Fußnote 7.

[11] Vgl. ebd.

[12] Brown, Kate (2020): „The Pandemic Is Not a Natural Disaster. The coronavirus isn’t just a public-health-crisis. It’s an ecological one“, New York: The New Yorker.

[13] Vgl. Becker, Tobias: „Das Gewohnte wird problematisch“, 24.03.2020. In: Alltag in der Krise. Kulturwissenschaftliche Notizen, https://alltaginderkrise.org/2020/03/24/das-gewohnte-wird-problematisch/ (letzter Zugriff am 15.06.2020).

[14] Böhmermann, Jan: „Fest und Flauschig. Zuhause 29“, 03.06.2020, 26:37 min.

[15] Gandhi, Arun (2019): Wut ist ein Geschenk: Das Vermächtnis meines Großvaters Mahatma Gandhi, Köln: DuMont, S. 15.

[16] Vgl. Kliemann, Fynn: https://www.kliemannsland.de/ (letzter Zugriff am 17.06.2020).

Aus dem Leben einer Straße: von Abläufen, Routinen und Brüchen – 2/2

— Der erste Teil dieses Beitrags findet sich hier. —

In der kulturwissenschaftlichen Katastrophenforschung wird der Verlust von Selbstverständlichkeiten als eine der weitreichenden kulturellen Folgen genannt.1 Wir gelangen an die Grenzen unserer Erfahrung, weil wir nicht auf Früheres, schon Erlebtes zurückgreifen können und auch, weil die neuen Gegebenheiten nur bedingt abgleichbar sind mit dem Wissensvorrat, den wir uns über die Zeit und im Zusammenspiel mit Anderen angelegt haben. Die Soziologen Alfred Schütz und Thomas Luckmann (2017 [1979]) sprechen von der Krise als einer Unterbrechung im „Ablauf der Selbstverständlichkeitskette“ (ebd.: 38) und machen damit deutlich, wie wir üblicherweise in einer fortlaufenden Routine unseren Alltag bestreiten, indem wir auch mit Neuerungen und kleineren Erschütterungen anhand unseres weiten Erfahrungsschatzes relativ unbeschwert umgehen und das „fraglich Gewordene in neue Fraglosigkeit“ überführen können (ebd.: 35). Den Döner aus einer Luke statt wie sonst am breiten Tresen im Laden entgegenzunehmen, gehört da noch zu den Neuerungen, die als „kleine Transzendenzen“, also Grenzen unserer Erfahrung, unsere Gewohnheiten zwar durchbrechen, deren Bewältigung uns jedoch leichter von der Hand gehen. Denn immerhin schließen sie an Gegebenheiten an, mit denen wir, wenn auch nicht im speziellen Fall, dann doch allgemeiner gehalten bereits vertraut sind.

Ein DIN-A4-Zettel an der Türe des Imbisses ruft mir die Gebote unserer Zeit in Erinnerung: „Bitte halten Sie Abstand!“ Darunter dann der Wunsch, dass wir alle  ja dennoch versuchen sollten das Beste daraus zu machen. Ein hoffnungsvoller Ton, den ich als Versuch lese, den diffusen Erfahrungen der Krise „einen Sinn und eine Form zu geben, sie greifbar und tradierbar zu machen“ (Johler u. a. 2018: 326). Und während Andere eben das entstandene „Sinnvakuum“ (ebd.: 325), ausgelöst durch den Bruch des Alltäglichen, ausfüllen, indem sie beherzt die Kochlöffel schwingen und endlich tief in der Yoga-Position ‚die Taube‘ versinken können, so möchte der Imbiss mit seiner Beschilderung mir doch nur freundlich zurufen: Alles nicht so schlimm, solange der Spieß sich weiter um die eigene Achse dreht.

Und sowieso, all die Hinweis-Schilder: Eilig ins Schaufenster gehängte Poster deuten auf ‚die Lage‘ hin, informieren über Verhaltensregeln, spezifizieren. Die geschlossenen Cafés malen traurige Smileys auf ihre Tafeln, der Buchladen erklärt, wie das Abholsystem funktioniert und bei Edeka einige Häuser weiter versucht man wöchentlich, mit neuen Formen der Kennzeichnung die störrische Kundschaft zu leiten. Manche dieser Zettel sind schon nach wenigen Wochen derart ausgefranst, dass schon die schwindende Materialität ein Gefühl von leidigem Zwischenzustand vermittelt und uns andeutet, all das könnte bald schon wieder vorbei sein. Zurück zur Normalität, so der viel geäußerte Wunsch. Dann müsse man ja nur die Hinweise entfernen, den Tesa von der Scheibe kratzen und schon könne man sich wieder enthemmt umarmen und anderen Menschen während des Schlange-Stehens in den Nacken atmen. Die Sehnsucht nach der „Rückkehr zum Alten“ (Hinrichsen u. a. 2014: 82), zum normalen Leben, zu Alltag und Routine in all ihrem erfrischenden Trott, höre ich immer wieder in den Gesprächen, an denen ich auf der Straße vorbeigehe, wenn sich zwei Menschen über die vorgegebenen eineinhalb Meter hinweg unterhalten.

Die Gegenwart der Vergangenheit, so Pierre Bourdieu (1987: 116), sei nie besser erkennbar, als wenn der Sinn der wahrscheinlichen Zukunft plötzlich Lügen gestraft werde. Er meint damit eben jene Verhaftung im Sosein, die Starrheit unserer Dispositionen, die plötzlich nicht mehr zu den objektiven Gegebenheiten zu passen scheinen. Und so passiert es, dass sich Menschen entgegen aller Warnungen zur Begrüßung in die Arme fallen – selbst wenn sie durchaus versuchen, eine andere Form dafür zu finden –, sich trotzdem rund achthundert Mal täglich ins Gesicht fassen2 und eine Freundin mir kürzlich wie selbstverständlich einen Schluck aus ihrer Bierflasche anbot, als wir uns auf ein distanziertes Getränk am Späti trafen. Unser Körper „ruft sich nicht die Vergangenheit ins Gedächtnis, sondern agiert die Vergangenheit aus, die damit als solche aufgehoben wird, erlebt sie wieder“ (ebd.: 135). Und so bin auch ich, ob am Fenster oder in Begegnung auf der Straße, in einem Zustand des permanenten Verhandelns zwischen der gar nicht so fernen Vergangenheit, einer fragilen Gegenwart und einer noch ungewissen Zukunft, die es alltagsmäßig zu bestreiten und zu gestalten gilt.

Wie sich unser Alltag verändern wird, welche Praktiken wir erlernen, welche wieder vergessen werden, auf welche Weise und nach welcher Vergangenheit, welcher Erfahrung unsere Körper zukünftig agieren werden, sind Fragen, die eine kulturwissenschaftliche Beobachtung und Analyse erfordern. Wir werden wohl neue, alltagspraktische Formen des Ausdrucks von Freude, von Respekt, von Anerkennung, von Geselligkeit und Gemeinschaftlichkeit hervorbringen, wenn körperliche Nähe für einige Zeit wegfällt, wir uns nicht berühren, auf die Schulter klopfen, den Arm tröstend um jene legen, die sich einsam fühlen, uns Geheimnisse ins Ohr flüstern oder schlicht nah beisammen einen Döner bei unserem Lieblingsimbiss essen gehen können. Eine kulturwissenschaftliche Perspektive hilft dabei, den Wandel und seine Ambivalenzen verständlich zu machen, sie zu deuten und einzuordnen.

Die Tram vor meinem Haus jedenfalls fährt noch immer in ihrem gewohnten Takt. Inzwischen öffnet der Einzelhandel wieder seine Pforten. Die Schlangen und Hinweisschilder werden bleiben, Gesichtsmasken sind gekommen und ich hoffe darauf, dass die Ellbogen-Begrüßung mir auch irgendwann leichter fällt, auch wenn meine Bewegungen noch, wie den beiden Freunden auf ihrem Weg zum Imbiss, ungelenk scheinen, unsicher und unkoordiniert. Wir werden uns wieder begegnen und auf dem Weg dorthin möglicherweise veränderte Routinen erzeugen. Wir werden den Raum weiterhin spürbar erschließen und uns wieder zurückziehen. Ich sitze dann an einem anderen Fenster. Wenn ich dort hinaus schaue, fällt mein Blick  zuerst auf den großen Baum, dessen Zweige mittlerweile fast an das Fensterbrett reichen. In den Wochen der Krise präsentiert er mir statt Fragen schlicht seine neuen Knospen und Blätter, klein und hellgrün reflektieren sie das Sonnenlicht. Manches bleibt beständig, manches kommt unvorhergesehen, wechselt sich ab, anderes geht. Eigentlich wie immer.

Nikola Nölle (Freiburg im Breisgau, Leipzig)

Literatur

Pierre Bourdieu (1987): Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, Frankfurt am Main.

Jan Hinrichsen, Reinhard Johler und Sandro Ratt (2014): Katastrophen. Vom kulturellen Umgang mit (außer)alltäglichen Bedrohungen. In: Ewald Frie, Mischa Meier (Hg.): Aufruhr, Katastrophe, Konkurrenz, Zerfall. Bedrohte Ordnungen als Thema der Kulturwissenschaften. Tübingen: 61–82.

Reinhard Johler u. a. (2018): Die Kultur der Katastrophen. Forschungsperspektiven der deutschsprachigen Ethnologie/Kulturwissenschaft. In: Johannes Moser (Hg.): Themen und Tendenzen der deutschen und japanischen Volkskunde im Austausch. Münster, New York: 317–337.

Alfred Schütz, Thomas Luckmann (22017): Strukturen der Lebenswelt. Konstanz [Erstausgabe 1979].


1 | Exemplarisch hierfür die kulturwissenschaftlichen Positionen des Tübinger SFB 923 „Bedrohte Ordnungen“, unter anderem Johler u. a. 2018; Hinrichsen u. a. 2014 sowie die Beiträge von Paul Hugger, Helge Gerndt und anderen in der Zeitschrift für Volkskunde (86) 1990.

2 | Die Seite https://donottouchyourface.com/ will mithilfe der Webcam dabei helfen, sich bei der Arbeit am Computer nicht so oft ins Gesicht zu fassen. Nicht im Selbsttest geprüft [Zugriff: 15.04.2020].

Aus dem Leben einer Straße: von Abläufen, Routinen und Brüchen – 1/2

Letztens saß ich mal wieder am Fenster zuhause in Leipzig, rauchte und schaute raus, um, so stelle ich es mir zur Zeit vor, wenigstens ein bisschen am Sozialleben meiner Straße teilzuhaben, die unter normalen Umständen sehr belebt wäre: vor dem Haus eine Tramstation, gegenüber eine Apotheke, eine Buchhandlung und ein ‚Weltladen‘, eine Reihe von Imbissen und Cafés, Dienstleistern, Handwerksbetrieben, ein russischer und ein arabischer Lebensmittelhändler, ein Edeka, dazwischen, eben unter normalen Umständen, viele Menschen, die einkaufen, flanieren, Kaffee trinken, Essen holen oder vor dem Späti cornern. Jetzt ist einiges geschlossen, aber der Döner-Laden, schräg gegenüber und damit noch in meinem unmittelbaren Blickwinkel, hat geöffnet und reicht täglich aus einer Luke Berge von Styroporschachteln, Alu-Folie und Plastiktüten, unter denen sich das Essen versteckt.

Ich saß auf der Fensterbank und folgte mit den Augen den wenigen Menschen, die sich auf dem schmalen Trottoir umschlingerten, dem Fluss der Tüten, der Schlange der Wartenden. Zwei Autos, sportlich geschnitten, zurückhaltende Farben, fuhren vor, hintereinander zielsicher ins Halteverbot vor dem Imbiss, auffällig nur deshalb, weil der Verkehr (sehr zu unserer Freude) seit der Ausgangssperre ziemlich abgenommen hat. Türen öffneten sich, knallten zu und der eine Fahrer blieb stehen, sich umblickend nach dem anderen. Beide trugen sportliche Kleidung, lockere Hosen, weite Pullis, einer mit auffälligem Logoprint, Sneakers. Die Haare kurz geschoren, sind sie wahrscheinlich zwischen dreißig und vierzig Jahre alt. Drei Meter voneinander entfernt, nach begrüßenden Worten, die sie sich zuriefen, plötzliches Zögern, verlangsamte Körper, unsicheres Tänzeln von einem Bein aufs andere. Ein weiterer Schritt in eine gemeinsame Richtung.

Selbst aus der Entfernung meines Fensters, immerhin im dritten Stock, konnte ich die Anspannung der Körper ahnen, das verlegene Grinsen. Dann bewegten sich beide fast gleichzeitig aufeinander zu, Oberkörper seitlich nach vorne geneigt, angewinkelte Arme in Richtung des Anderen, kurze Berührung der Ellenbogen, Oberkörper zurück. Ein weiterer, unsicherer Moment verstrich und dann, einem tiefen Ein- und dann befreienden Ausatmen gleich, fielen sie sich doch in die Arme, schlugen einander auf den Rücken, lachten. Sie lösten sich voneinander und schlenderten, sich unterhaltend, zu der Schlange der Wartenden vor dem Imbiss, an deren Ende sie sich mit einigem Abstand platzierten. Zwei Bestellungen, nach kurzer Zeit zwei Tüten, ich sah das Aluminium durch die orangene Folie schimmern. Noch mehr Worte, kurz das Handy aus der Tasche, ein Winken, erneut schlugen die Autotüren zu und beide entschwanden meinem Blickfeld. Die Schlange hatte sich aufgelöst, kurzer Leerlauf im Imbiss-Takt, und die Straße lag wieder ruhig vor mir. Ich drückte die Zigarette auf dem Fensterbrett aus.

Seit fünf Wochen sind wir alle zu ‚Social Distancing‘ aufgefordert, seit vier Wochen gilt die verordnete ‚Ausgangsbeschränkung‘, seit dreieinhalb Wochen gibt es in Sachsen einen sorgfältig aufgestellten Bußgeldkatalog, der Verstöße gegen die Verbote ahndet. Vor ein paar Tagen verkündete die Bundeskanzlerin die Verlängerung der schützenden Maßnahmen, an die wir uns alle halten sollen, ‚gemeinsam‘. Entgegen kulturwissenschaftlicher Tendenzen der Erforschung von Gruppen, Gemeinden, Netzwerken und anderen mehr oder weniger kleinteiligen Elementen, zu denen sich Menschen zusammenschließen, wenn sie Kultur verhandeln, sind wir nun vor Handlungsweisungen gestellt, die uns alle meinen. Und weil wir eben alle gemeint sind, erweist sich eine methodische Trennung von Feld und Forschenden kaum als möglich und trotz sozialer Abstandsgebote wirkt die Relation von Nähe und Distanz wie aufgehoben, wenn ich mich dem Alltagsleben meiner Straße zuwende: Schaue ich aus dem Fenster bin ich quasi unbeteiligt, dann liegt die Szenerie, vormals ein Wimmelbild, jetzt nur spärlich bestückt, vor mir wie ein Schaukasten, auf den ich aus dem dritten Stock blicke. Verlasse ich mein sicheres Nest, dann bin ich nicht nur plötzlich Teil der Straße, nehme ich nicht nur Menschen und deren Verhalten wahr, an dem ich mich spiegle, auf das ich reagiere und mit meinem abgleiche. Denn mein Körper wird darüber hinaus gleichsam zu einem Element der Veränderung, das in den Aktionsraum der anderen Menschen eintritt. Die Präsenz unserer Körper und die Wechselseitigkeit und Verbundenheit in unseren Begegnungen wird deutlich und spürbar, indem wir alle Rücksicht aufeinander nehmen sollen, indem wir alle auf die Einhaltung der Distanz versuchen zu achten.

Und während ich als Teil einer definierten Gemeinschaft jenseits meines ‚eigenen Hausstands‘, meiner Straße und jenseits von Stadt, Region, Land, Nationalstaatsbegrenzung oder europäischer Außengrenze adressiert bin, wird mir auch an der politischen Sprache, den deutlichen Warnungen, den Statistiken und Schaubildern vermittelt, inwiefern mein Handeln Auswirkungen globalen Ausmaßes annehmen kann. Selten empfand ich meine Agency so geradewegs spürbar und im selben Augenblick so widersprüchlich.1 Wir alle sind zum sozialen Handeln aufgefordert, werden als Gemeinschaft angesprochen und darin definiert, unter Verweis allgegenwärtiger Solidaritätsbekundungen, wohingegen als vergemeinschaftende Praktiken diesmal Begrenzung und Vereinzelung aufgerufen sind. Begegnen wir uns doch, also physisch im analogen Raum und nicht auf einer der vielen Video-Apps, die aufgrund der Datenüberlastung ein ohnehin nur recht abgehacktes Miteinander zulassen, so stehen wir uns etwas ratlos gegenüber.

Wir sollen unsere Freund*innen nicht mehr umarmen und anderen die Hand geben, ja eigentlich treffen wir im angemessensten Fall gar nicht zusammen. Tun wir es trotzdem, mal mehr, mal weniger zufällig, gibt es eine Vielzahl an Auflagen und Aufforderungen, die wir zum eigenen und zum Schutz der Anderen befolgen sollen und die in den routinisierten Fluss unserer Bewegungen, Gesten, Interaktionen, kurz unserer Alltagspraktiken eingreifen. Und so begrüße ich meine Freund*innen, wenn wir uns auf der Straße über den Weg laufen, ebenfalls mit einer kurzen Ellbogen-Berührung, danach machen wir, schon recht routiniert, einen Schritt zurück. Wir hatten es auch schon mit einem Shoe Bump versucht, dem kurzen Aneinanderschlagen eines Fußes bei ausgestrecktem Bein (noch mehr Abstand!), aber unsere Bewegungen waren zu unkoordiniert, zu wacklig die Balance oder wir machen immer noch nicht genügend Yoga. Kommt mir jemand zu nahe, weiche ich aus und in der Schlange vor dem Imbiss, den ich so gut vom Fenster aus sehen kann, stellte ich mich locker mehrere Meter hintendran an, dabei aber stets bemüht, es trotzdem nach deren Ende aussehen zu lassen.

Der Versuch, auf die Bedrohung durch das neue Virus und der damit einhergehenden Pandemie mit regulierenden Maßnahmen zu reagieren, hat ohne Zweifel weitreichende Auswirkungen auf unser Alltagsleben und damit auf unseren bis dahin „fraglos selbstverständlichen Erfahrungsmodus“ (Johler u. a. 2018: 323). Dieser ist es auch, der als „Bezugsschema zur Weltauslegung“ (Schütz/Luckmann 2017 [1979]: 33) in der Krise brüchig wird, indem wir der Wirklichkeit unserer Lebenswelt, an der wir in „unausweichlicher, regelmäßiger Wiederkehr“ (ebd.: 29) teilnehmen, nicht mehr als schlicht gegeben, als eben ‚fraglos‘ annehmen können. Als Folge der seit einigen Wochen verbreiteten ‚Verhaltensregeln‘ beginne ich, gewohnte Situationen zu hinterfragen, versuche mich in neuen Routinen und damit auch neuen Belohnungssystemen, wenn ich mal zwei Tage hintereinander zur selben Uhrzeit aufgestanden bin. Ich kaufe mir dann manchmal einen Falafeldürüm, drüben auf der anderen Straßenseite, vielleicht auch ein bisschen als trotzige Distinktionsstrategie zu den vielen neu erweckten Hobby-Köch*innen, von denen bereits gefühlte hunderte Kochvideos und Bildern von ausgeklügelten Gerichten in den sozialen Medien kursieren. Die Alufolie und die Plastiktüte, in die der Dürüm dann gewickelt ist, stecke ich mit schlechtem Gewissen in den Müll zuhause zu den anderen Zeugnissen meiner gelegentlichen Fastfood-Abenteuer. Denn ich soll mich ja zum Verzehr fünfzig Meter entfernen von den mich versorgenden Gastronomien.

Fünfzig große Schritte später stehe ich dann wieder an meinem Fenster, meinem ethnologischem Guckloch aus der Langeweile meiner Zimmers in die Spannungen der Straße. Doch ich bilde mir ein, dass mich selbst das Imbiss-Essen zuhause kaum befriedigt, wenn das weiche Brot und die sippschige Soße nicht mit der Atmosphäre aus Pommes-Fett, emsigen Stimmengewirr und unbequemen Stühlen zusammenfallen. Der üblicherweise in herausgepressten Stöhnen geäußerte Satz „Ich vermisse Kneipen“ ist omnipräsent in meinem Umfeld, wenn mich mit meinen Freund*innen gelegentlich auf ein Glas Wein vor der Kamera treffe. Manche schicken dem ein nicht weniger gequältes „Und Restaurants!“ hinterher. Meist folgt darauf eine Aufzählung all der tollen Drinks und Speisen, Orte und Partys, die wir vermissen und von denen wir niemals dachten, wie sehr sie uns fehlen. „Luxusprobleme“ ist dann meist ein Wort, was auch noch in jenen Gesprächen fällt, wenn auch nur ein leiser Zusatz, der uns zwar unsere Privilegien vor Augen führen will, dennoch aber deutlich macht, wie sehr wir nun mal auch diese als gegeben empfinden, wie sehr sie eine Rolle spielen in der Organisation unseres Alltagslebens.

— Hier geht’s zum zweiten Teil dieses Beitrages. —

Nikola Nölle (Freiburg im Breisgau, Leipzig)

Literatur

Reinhard Johler u. a. (2018): Die Kultur der Katastrophen. Forschungsperspektiven der deutschsprachigen Ethnologie/Kulturwissenschaft. In: Johannes Moser (Hg.): Themen und Tendenzen der deutschen und japanischen Volkskunde im Austausch. Münster, New York: 317–337.

Alfred Schütz, Thomas Luckmann (22017): Strukturen der Lebenswelt. Konstanz [Erstausgabe 1979].


1 | Maximilian Jablonowski schreibt in seinem Text „Handlungstheorie im Souterrain“ etwa zum Widerspruch zwischen Untätigkeit und den Ansprüchen auf Produktivität in der Isolation. http://www.kuckucknotizen.at/kuckuck/index.php/8-aktuelles_de/189-1-20-handeln-vorschau-leseprobe (Zugriff: 15.04.2020).

Ein Blick auf die Strassen in Zürich zu Zeiten von Covid-19

«Bleiben Sie zuhause. Bitte. Alle.» lautet die offizielle staatliche Weisung seit nun fast vier Wochen in der Schweiz. Ausnahmen sind Arbeitsweg, Arzt, Apotheke und Einkäufe. Sich draussen aktiv zu bewegen mit der geforderten physischen Distanz von zwei Metern ist nicht verboten. Viele Menschen, Junge, Alte, Erwachsene mit ihren Kindern, nutzen alleine oder mit ihren engsten Familienmitgliedern die kostbare und grundlegende Bewegungsfreiheit für Spaziergänge, Velotouren oder Spiel auf Trottoirs und auf den noch frei zugänglichen Plätzen. Für zahlreiche Menschen, die sich den gesundheitspolitisch nachvollziehbaren Vorgaben beugen und dem pandemischen Narrativ folgen, wird der eigene Nahraum, das Wohnquartier und die unmittelbare Nachbarschaft bedeutsamer, der Mobilitätsradius kleiner.

Es gibt diverse kultur- und sozialwissenschaftliche Stadtforschungen zur Bedeutung eben dieser Räume und den damit verbundenen Qualitäten der Alltagspraktiken und der Beschreibung seiner kulturellen Figurationen. Sie zeigen zum Beispiel, wie soziale Interaktionen und Prozesse im Quartier zu Identitätsstiftung und Kohäsion beitragen (Hall 2012;), wie (kreativ-)wirtschaftliche Entwicklungen, Konsum und Stadtentwicklung zusammenhängen (Zukin 2010), wie körperlich-leibliche Bewegungen zum mentalen und physischen Wohlbefinden führen (Funke-Wieneke 2008), wie Infrastrukturen und Verknüpfungen von Ding, Technologie und Mensch sich gegenseitig formen (Thibaud 2010) oder wie nachhaltige, faire und lebenswerte Städte sich durch polyzentrische Strukturen, robuste Netzwerke und kurze Wege im Nahraum auszeichnen (Montgomery 2013).

Zu Covid-19-Zeiten werden all diese Qualitäten neu wahrgenommen, justiert und sie fungieren nun als besondere Narrative, die konstruieren, träumen, zerstören und reproduzieren, auf lokaler, regionaler und transnationaler Ebene, etwa wenn sich da und dort urbane Alltagspraktiken verändern und sich neue Ordnungen und Routinen unter den gegenwärtigen Bedingungen formen und zeigen.

Auf der Basis einiger sporadischen Beobachtungen und Streifzüge durch den Strassenraum der Stadt Zürich während der letzten Wochen möchte ich an dieser Stelle zwei Aspekte aufnehmen. Sie geben zum einen Einblick, wie die gegenwärtige Situation in den jeweiligen Kontexten bewältigt und wie konkret Zürichs Stadtraum während Covid-19 angeeignet und reguliert wird. Zum anderen verweisen sie auf die Dringlichkeit, auch jetzt kritische Fragen zu stellen und Gestaltungsmöglichkeiten auszuloten, etwa wenn soziale Ungleichheit und fehlende Resilienz sich im Machtgefüge des Stadtraums in neuer Deutlichkeit zeigt.

Die Strassenräume Zürichs muten gleichsam leer an, obschon auf einzelnen Einfallsachsen der Stadt unter den gebotenen Vorzeichen noch immer einige Autos unterwegs sind. Deutlich sichtbar werden allerdings zahlreiche, unterschiedliche Kurierdienste vorwiegend zu Velo, aber auch mit Auto. Prominent fallen dabei die Uber Eats-Velokuriere auf. Es scheinen ausschliesslich Männer diesen Service zu verrichten. Die Räder wollen dabei meist nicht so recht zu Grösse und Körper ihrer Fahrer passen. Entweder haben die Geräte im Verhältnis zu den Körpern verhältnismässig kleine Räder oder winzige Rahmen und/oder die Lenker sind sichtbar zu tief und so schlecht eingestellt, dass einem der Rücken schon beim Zuschauen schmerzt. All diese Kuriere scheinen offenbar keine routinierten Radfahrer zu sein. Der Zustand der meist wenig qualitativ aussehenden und eher älteren Fahrräder fällt in einer reichen Stadt wie Zürich auf. Sind doch zu «normalen Zeiten» übermässig viele chice, teure und gepflegte Räder auf den Strassen anzutreffen. Da die Fahrräder der Kuriere weder Werbung noch Standardisierung zeigen, stammen sie offenbar, ganz der Logik eines Subunternehmens der Sharing-Wirtschaft folgend, aus dem Privatbesitz der Kuriere. Der zweite Blickfang sind die meist schlecht auf den Schultern sitzenden, grossen boxenartigen Schultertaschen, die während des Transports die Essenslieferungen warmhalten sollen. So kämpfen sich die Kuriere in ergonomisch schmerzhaft anmutender Art und Weise auf ihren billig aussehenden und schlecht eingestellten Velos durch die Stadt.

Bekannt, und wohl auch zu Covid-19-Zeiten unverändert, ist dabei schon seit Langem, dass gerade diese Kuriere sehr wenig Geld verdienen und unter unfairen, prekären und sozial nicht abgesicherten Arbeitsbedingungen für ihr Einkommen schuften müssen. Der Umgang mit und die Be-Wertung von Arbeit unterschiedlicher Menschen und die ungleiche Anerkennung von Dienstleistungen, Tätigkeiten und Menschen zeigen sich zu Covid-19-Zeiten deutlicher als zuvor. Interessant ist, dass gerade in den hippen, sogenannten gentrifizierten Stadtteilen, viele Restaurationsbetriebe, die sonst junge, gutverdienende Menschen unter den Vorzeichen eines ethisch guten Konsums verpflegen, ihre Online-Services nun ausgerechnet via Uber Eats organisieren, und dass die bestellende Kundschaft dabei offenbar keine moralischen Gewissensbisse kennt, wenn es um die Befriedigung des eigenen Konsums geht. Von einer Care-Ökonomie scheinen wir somit, wenn es um den eigenen urbanen Lebensstil und Konsum geht, doch noch weit entfernt zu sein.

Das Bedürfnis und das Recht, sich draussen aufzuhalten, zu spazieren, sich aus eigener Muskelkraft zu bewegen, wird unter den gegebenen Vorzeichen vorwiegend im eigenen, urbanen Nahraum gelebt. Allerdings ist die Einhaltung des gebotenen Abstands von zwei Metern im knapp verfügbaren städtischen öffentlichen Raum aufgrund der derzeitigen Verteilung der Verkehrsflächen oft kaum möglich. Menschen kommen sich ständig zu nahe, müssen sich auf den Trottoirs kreuzen, passieren nahe und stehen gedrängt beieinander auf den ihnen zugewiesenen Verkehrsflächen, etwa vor Lichtsignalanlagen. Es zeigt derzeit nachdrücklich: Die Trottoirs sind zu eng und zu knapp bemessen für die Anzahl der Menschen, die in der Stadt lebt. Öffentliche Räume im Siedlungsgebiet und der gebaute Stadtraum reichen nicht aus für eine physisch distanzierte Aneignung und aktive Fortbewegung zu Fuss oder mit dem Velo, für einen angenehmen Aufenthalt ohne Konsumpflicht und erholsames Verweilen. Das Regime in Zürich favorisiert und ermöglicht auch in gegenwärtigen Krisenzeiten ein ungehindertes Unterwegssein mit dem eigenen Auto statt einer grundlegenden aktiven Mobilität mit den derzeit notwendigen physischen Distanzen. Das Zu-Fuss-Gehen, das allen Menschen prinzipiell freisteht, grundlegend und gratis ist und dessen Nutzen für das mentale und physische Wohlbefinden seit Jahrzehnten durch unterschiedliche wissenschaftliche Studien rund um den Globus belegt ist, wird zu Covid-19-Zeiten stärker beschnitten. Verschärft wird ein solches Regime nämlich durch die Schliessung von stark frequentierten Aussenräumen wie Parkanlagen und Uferwegen. Paradoxerweise wird so dort dem hohen Aufkommen von Menschen und den daher nicht mehr einhaltbaren Abständen Einhalt geboten, anstatt die knappen Fusswegnetze, die als öffentliche Räume zu den wichtigsten Nervenbahnen der Städte zählen, mit zusätzlichen, allenfalls temporär bereitgestellten alternativen Routen und Flächen etwa auf den überproportional breiten und nun teilweise leergefegten Strassen erweitert würden.

Die Stadt wird auch zu Krisenzeiten nicht den Menschen zurückzugeben. Vielmehr werden Versuche, sie zu Fuss anzueignen, disziplinarisch im Namen der Gesundheitspolitik unterbunden. Der Solidarität wegen bleiben die Strassen den Autos überlassen und die Menschen, wenn unterwegs, dann gedrängt auf den Trottoirs und verfügbaren Gehflächen. Auf der einen oder anderen weniger befahrenen Strasse wird ein bisschen widerständisch und auf eigene Gefahr hin auf den Strassen gejoggt und spaziert und sich so der Stadtraum angeeignet. Ob damit nun ein Bedürfnis und eine Sensibilisierung nach mehr Stadtraum für Menschen statt Maschinen geweckt wird und wie lange sich die Menschen in ihren physischen Bewegungen vor Ort in Zürich disziplinieren lassen, wird der Verlauf der Pandemie und die anstehende Sommerzeit zeigen.

Monika Litscher (Zürich)

Literatur

Funke-Wieneke, Jürgen (2008): Sich Bewegen in der Stadt. Eine Besichtigung mit Maurice Merleau-Ponty. In: Funke-Wieneke, Jürgen; Klein, Gabriele (Hg.): Bewegungsraum und Stadtkultur. Sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven. Bielefeld.

Hall, Suzanne (2012): City, Street and Citizen. The measure of the ordinary. London, New York.

Montgomery, Charles (2013): Happy City. Transforming our lives through urban design. New York.

Thibaud, Jean-Paul (2010): La ville à l’épreuve des sens. In: Coutard, Olivier; Jean-Pierre, Lévy (Hg.): Ecologies urbaines: états des savoirs et perspectives. Paris: 198–213.

Zukin, Sharon (2010): Naked City. The feath and life of authentic urban places. Oxford, New York.

Stadt ja – aber wie, wo und wann?

Die Corona-Pandemie setzt eine jähe Zäsur in das Forschungsprojekt von uns Masterstudierenden des Instituts für Kulturanthropologie in Freiburg. Unter dem Titel „Alltag findet Stadt“ haben wir uns in den letzten Monaten intensiv mit den „Normalitäten“ des Freiburger Lebens auseinandergesetzt. Normalitäten, die jetzt nicht mehr gelten. Normalitäten, zu denen auch der Wissenschaftsalltag zählt, der momentan auf Stand-by gesetzt ist: ein Buchprojekt und eine geplante Ausstellung im öffentlichen Raum sind verschoben; Meetings im Seminarraum sind geplatzt; die letzten Fotografien für den Bildband finden später statt. Dann, wenn es wieder „normal“ ist. Was sollten sie derzeit auch abbilden? Den gebauten Raum? Verwaiste Straßen? Wo sind die Akteur*innen; wo die betrachteten Praktiken? Alltag findet Stadt – ja, generell schon, aber findet Alltag gerade überhaupt statt? „Alltag findet Stadt“ findet derzeit auf jeden Fall nicht statt. Aber vielleicht findet Stadt statt? Wenn ja, wie?

Die Soziologin Martina Löw verweist auf die Relevanz der Kategorien „Dichte, Größe und Heterogenität“ in Bezug auf das soziologische Stadtverständnis (2008: 11). „Dichte, das heißt, die Konzentration von Menschen, Dingen, Institutionen und Formen, sowie die damit zusammenhängende Anonymität und Heterogenität der BewohnerInnen prägen das Handeln der Bewohner deutlich“, führt sie weiter fort (ebd.). Stadt wird also über die Menschen hergestellt, über die Interaktionen, die Praktiken und ist dabei äußerst heterogen. Wie sieht es aber zur Zeit aus? Die Infrastrukturen können nicht genutzt werden und sind zum großen Teil geschlossen. Laufwege erstrecken sich bis zum nächstgelegenen Supermarkt, physischer Kontakt besteht nur zu den Mitgliedern der eigenen Wohngemeinschaft. Der Alltag scheint synchronisiert und die Handlungsräume, die die Stadt sonst bietet, scheinen negiert. Wie lässt sich ,Stadt‘ in der Krise dann überhaupt denken? Welche Bedeutung wird ihr zugeschrieben?

Vier Tendenzen werden in diesem Kontext deutlich:

  1. Stadt prägt den Alltag der Menschen nicht in dem Ausmaß wie zuvor, urbane Imaginationen existieren aber weiterhin als Referenzgröße bei der Bewertung des eigenen Handelns. In der Einordnung der gegenwärtigen alltäglichen Situation dient das städtische ,Vorher‘ als Kontrastfolie und als Ausgangspunkt für die zukunftsgerichteten Vorstellungen eines ,Danachs‘.
  2. Stadt als Verwaltungseinheit erlangt zentrale Bedeutung. Regelungen, wie Ausgangsbeschränkungen, werden nicht nur auf nationaler oder Landesebene beschlossen, sondern fallen oft auch hinter den Mauern der städtischen Rathäuser. Freiburg ist dafür ein anschauliches Beispiel: Mit seinem frühen Entschluss, eine Ausgangsbeschränkung zu erlassen, war Oberbürgermeister Martin Horn vielen Kommunen, Ländern und schließlich auch der Bundesrepublik voraus. In den Medien wurde das breit rezipiert und Ansichten der Freiburger Innenstadt wurden öfter als gewohnt in den Nachrichtenprogrammen der öffentlich-rechtlichen Sender aufgerufen.
  3. Stadt bleibt damit auch eine wichtige Sinneinheit. Anhand des räumlichen Bezugspunktes werden Entwicklungen bewertet und abgeschätzt. Wie steigen die Fallzahlen in Freiburg? Wie im Vergleich dazu in Mannheim? ,Stadt‘ ist vorstellbar – sowohl bezogen auf die Einwohnerzahl, als auch auf die Auswirkungen der derzeitigen Krise.
  4. Stadt ist online. Geht man gerade auf Instagram, taucht immer wieder der Hashtag #supportyourlocal auf, verbunden mit der Aufforderung, Gutscheine der städtischen Einzelhändler und Gastronomien zu erwerben und das Online-Bestellangebot zu nutzen. Waren werden dann auch mal per Fahrradkurier geliefert. Kommentare finden sich unter den Posts, Menschen treten in Interaktion, bilden Netzwerke – die Infrastrukturen, die sonst den physischen Raum ausmachen, bilden sich im virtuellen Raum ab und stellen ,Stadt‘ her.

Anhand der Beispiele zeigt sich, dass ,Stadt‘ auch in der gegenwärtigen Situation Bedeutung hat, wenn auch in neuen Kontexten, durch neue Praktiken und Zuschreibungen. ,Stadt‘ ist relational, entwickelt sich entlang der Menschen und ihrer Netzwerke, sogar online (ebd.: 8f.). Sie ist wandelbar, fluid und kontingent. Sie transformiert sich und es stellt sich die Frage, wie ,Stadt‘ nach Corona aussehen wird.

Stadt wird auf jeden Fall stattfinden, wie der Alltag auch, der wieder in die Stadt findet – und wie auch „Alltag findet Stadt“ stattfinden wird. Anders vielleicht, zu einem anderen Zeitpunkt, angepasst an die Situation – aber stattfinden wird das alles.

Lea Breitsprecher (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Löw, Martina u. a. 22008: Einführung in die Stadt- und Raumsoziologie. Opladen; Farmington Hills.
May, Sarah (Hg.) 2020: Alltag findet Stadt. Freiburg zum Beispiel. Münster, New York [in Vorbereitung].

Fotocredit: Leonie Hagen