Grüße aus der Zelle

„Grüße aus der Zelle“, so die Schlussformel einer E-Mail, die ich vor kurzem von einer Kollegin bekam. Sie spielte damit auf die räumliche und soziale Isolation in den eigenen vier Wänden an, auf den gefühlten Entzug von Freiheit und Handlungsfähigkeit durch Covid-19, auf das freiwillige und teilweise auch staatlich auferlegte Zuhause-Bleiben. Wir kennen es wohl mittlerweile alle: Langeweile, Stress, Nervosität, Niedergeschlagenheit, Gefühle der Einsamkeit und der Unsicherheit, angespannte Nerven, Streit mit den Familienmitgliedern oder Mitbewohner*innen durch das ständige Aufeinander-Sitzen, die Sehnsucht nach einem Feierabendbier im Freien mit Freund*innen.

„Grüße aus der Zelle“ spielte in humorvollem und gleichzeitig leidvollem Ton auf unser eigenes Zuhause als einen Raum an, in dem wir eingesperrt sind, in dem wir unserer Handlungs- und Bewegungsfreiheit, wie wir sie vor Covid-19 kannten, beraubt sind. Auf einen Raum, den wir nicht mehr – wann immer wir wollen – verlassen können. Und damit sind wir mitten in der Lebenswelt Gefängnis.

Wer von uns hat sich schon einmal mit den Lebensrealitäten inhaftierter Menschen in Deutschland (Europa und weltweit) auseinandergesetzt? Ich vermute: wenige von uns. Bevor ich mein Forschungsprojekt über den Alltag hafterfahrener Menschen begann, ging es mir genauso. Wer von uns Freiburger*innen denkt schon darüber nach, was hinter den meterhohen, backsteinfarbenen Gefängnismauern in der Hermann-Herder-Straße 8 für ein Alltag gelebt wird?

Gefängnisse sind ein Teil unserer Gesellschaft. Sie gehören zur Lebensrealität Hunderttausender von Menschen in Deutschland. Dazu zählen nicht nur die inhaftierten Männer* und Frauen*, sondern auch Familienangehörige, Freund*innen, Justizvollzugsbeamt*innen, Sozialarbeiter*innen, Psycholog*innen, Mediziner*innen, Gefängnisseelsorger*innen, Jurist*innen und Polizist*innen. Doch das heißt nicht, dass die Lebenswelt Gefängnis auf gesellschaftlicher Ebene zum Thema wird. Außer den gelegentlichen Meldungen über Gefängnisaufstände im Ausland und der vorübergehenden Aussetzung von Kurzstrafen durch Covid-19 hören wir in unserem Alltag nur selten etwas über die Strafinstitution Gefängnis. Die Lebenswelten inhaftierter Menschen werden in der Öffentlichkeit und auf politischer Ebene wenig beachtet, gar ignoriert. Der Ethnologe Didier Fassin (2017: 60) spricht daher auch von der Strafinstitution Gefängnis als ‚wohl gehütetes öffentliches Geheimnis‘. Umso dringlicher erscheint es mir als Kulturwissenschaftlerin, die Lebenswelt Gefängnis verstehen zu lernen und zu fragen, wie sich das Leben hinter Gittern unter Covid-19 gestaltet.

Ein kulturwissenschaftlicher Blick hinter die Gefängnismauern lässt Fragen über gesellschaftliches Zusammenleben und die alltagskulturellen Ordnungen, die diesem zugrunde liegen, aufkommen. Durch einen kulturwissenschaftlich-verstehenden Blick in das Gefängnis lernen wir die von Macht durchdrungenen Logiken und Mechanismen der sozialen Welt verstehen. Wir werden auf staatliche und genauso auch informelle Normsetzungen und Moralvorstellungen aufmerksam, auf gesellschaftliche Sanktionsmechanismen gegenüber abweichendem Handeln, auf alltägliche Hierarchieverhältnisse. Und damit einhergehend auf die schmerzvollen Erfahrungen des Freiheitsentzugs und die Angriffe auf das eigene Selbstbild durch institutionelle Fremdbestimmung, auf ins Wanken geratende soziale Rollen (des Vaters, Ehemanns, Sohnes, Arbeiters, der Ehefrau, Mutter, Freundin etc.) und den Abbruch sozialer Beziehungen durch die Haft. Gefühle der Machtlosigkeit und der Unsicherheit, wie wir sie gegenüber der gegenwärtigen Covid-19-Situation empfinden, kennen Gefangene nur zu gut. Sie alle haben diese bei ihrer Inhaftierung durchlebt und spüren sie in ihrem Alltag hinter Gittern regelmäßig.

Für circa 60.000 Menschen in Deutschland heißt es jeden Abend: Zelleneinschluss. Am nächsten Morgen: Lebendkontrolle. Bereits unter ‚normalen‘ Umständen ist es für viele Inhaftierte schwierig, in einer 9- bis 12,5-Quadratmeter-Zelle den Abend und die Nacht hindurch eingeschlossen zu sein. Manche gewöhnen sich daran, andere nie. In der Freiburger Justizvollzugsanstalt wird die Zellentür unter Covid-19 um 15 Uhr verschlossen. Sie öffnet sich am nächsten Morgen um 8 Uhr. Inhaftierte Männer* und Frauen* spüren in ‚normalen‘ Zeiten alltäglich die Beschränkungen der Handlungs- und Bewegungsfreiheit am eigenen Leib. Unter Covid-19 verschärfen sich die Gefühle der räumlichen und sozialen Isolation und Fremdbestimmtheit. Freizeitangebote wie Töpfern, Spieleabende und Gesprächsrunden sind gestrichen; genauso auch Gottesdienste und viele Sportangebote. Die inhaftierten Männer* in Freiburg können weiterhin Krafttraining machen und Tennis spielen. Auch der tägliche Hofgang ist möglich. Trotzdem gibt es mehr Zelleneinschluss als an ‚normalen‘ Tagen.

Unter ‚normalen‘ Umständen gehen die meisten inhaftierten Männer* und Frauen* tagsüber einer Arbeit nach. Im Freiburger Männergefängnis sind sie als Montagehelfer, CNC-Fachkraft, Zimmerer, Maler, Koch, Küchenhelfer, Haushaltskraft, Möbelausfahrer oder Näher tätig, machen eine Ausbildung, gehen zur Schule oder studieren. Je nach Lohnstufe erhalten die sich in Strafhaft befindenden Männer* einen Stundenlohn zwischen einem und drei Euro. In Untersuchungshaft ist dieser Lohn geringer; in Sicherungsverwahrung etwas höher. Der in Deutschland gesetzlich festgelegte Mindestlohn greift in Justizvollzugsanstalten nicht. Gerade Langzeitinhaftierte sind dadurch nach ihrer Entlassung von Altersarmut bedroht.

Auch den Anstaltsbetrieben geht – ähnlich der freien Wirtschaft – die Arbeit aus. Die Männer* sitzen daher in ihren Zellen. Dafür bleiben in der Freiburger JVA ihre Türen den Vormittag über offen. Nur die Arbeiter in der Anstaltsnäherei haben viel zu tun. Sie nähen Gesichtsmasken – ein Großauftrag für ein Krankenhaus. Wer gerade in Berlin in Haft sitzt, erhält auch ohne Arbeit unter Covid-19 weiterhin seinen Monatslohn. In vielen anderen deutschen Bundesländern ist die Lohnfortzahlung durch unverschuldeten Arbeitsausfall im Strafvollzugsgesetz nicht festgelegt; so auch nicht in Baden-Württemberg. Dort erhalten Gefangene lediglich ein Taschengeld von knapp zwei Euro pro Tag als Lohnersatz. Lebensmittel, Hygieneartikel, Tabak und weitere Konsumgüter sind damit nur schwer zu finanzieren.

Unter Covid-19 sind die Gefängnisse in Deutschland und in den meisten Ländern weltweit seit Wochen für Besucher*innen geschlossen. Ganz ähnlich wie wir das alle gegenwärtig von weiteren „totalen Institutionen“ (Goffman 2014) wie Krankenhäusern, Pflege- und Reha-Einrichtungen kennen. Die vier Stunden Besuchszeit, die inhaftierte Männer* in der JVA Freiburg im Monat ‚normalerweise‘ mit Partner*in, Kindern, Eltern, Geschwistern, Freund*innen in der Besuchsabteilung verbringen können, fallen durch Covid-19 weg. Umarmungen, Händeschütteln, Schulterklopfen, Augenkontakt, Face-to-Face-Gespräche, schweigendes Beieinandersein und das Teilen von Kaffee und Keksen gibt es momentan nicht. Telefonate können dies nur unzureichend ersetzen.

Aus verschiedenen Gefängnissen in Deutschland und weltweit hört man Klagen über mangelnde Hygienemaßnahmen, über unzureichenden Informationsfluss, über eine Stimmung der Ungewissheit und der Angst vor Ansteckung. In Italien, Frankreich, Argentinien, Kolumbien, Peru, den USA, Sierra Leone, Syrien, Ägypten, dem Libanon und Thailand gab es bereits Aufstände in Gefängnissen aufgrund der Lebensverhältnisse hinter Gittern unter Covid-19. Menschen kamen dabei ums Leben. Kippt die Stimmung auch in deutschen Gefängnissen irgendwann?

Grüße aus der Zelle

Barbara Sieferle (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Didier Fassin (2017): Prison Worlds. An Ethnography of the Carceral Condition. Cambridge. Press.

Erving Goffman (1984 [1961]): Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Frankfurt am Main.

Bildquelle: pixabay/ jraffin (https://pixabay.com/de/photos/gef%C3%A4ngnis-dublin-halle-alte-1817900/)

Quarrels and Quarantine

In public debates, persons who ignore or resist restrictions – e.g. when celebrating so-called Corona parties – are often confronted with accusations of being egoistic, threatening others and showing a lack of solidarity. Scholars in social anthropology are more skeptical of such strong normative claims though they do not automatically have to agree with this behaviour. Rather their analytical questions are concerned with the social reasons of these emerging protests and resistances. What exactly are those underlying cultural implications that come into conflict with each other?

To answer this, a comparative approach is very useful. In 2014/15, the West African states Sierra Leone, Liberia und Guinea were strongly affected by the epidemic of Ebola. There had been earlier spreads of Ebola in rural regions, yet this specific proliferation became an urban problem, as the social anthropologist Danny Hoffman, Washington University, points out. In an article he deals with the situation at West Point, the oldest slum of Liberia’s capital Monrovia (Hoffman 2016). This settlement with its 60,000 inhabitants was set under quarantine in summer of 2014 and quite soon violent riots and attacks occurred. Moreover, various practices of smuggling and attempts to escape took place. Young men were trying to break through the barricades. Only ten days after its implementation the quarantine had to be cancelled. To sum up, it had turned out to be a total disaster.

Segregation and the Fiction of Order

“The encircling, spherical form of the quarantine was, like any form, a political ordering,” Danny Hoffman argues (ibid.: 247). He recalls Michel Foucault’s analysis, „that subjects marked as abnormal, diseased, criminal, or illicit should be isolated for their own betterment and for the collective good.” As Hoffman explains, the “emergence of these spaces of separation and observation, spaces that oppose the dangerous body of the individual to the collective social body, marks the transition into the modern age. Subjects who resist the logic of these disciplining institutions, who fight their confinement or resist enclosure and separation, simply reinforce the perception that they are dangerous, amoral actors who need and deserve their segregation” (ibid.: 253).

“The Liberian government’s quarantine was just such an effort to maintain the fiction of order and control by imposing on the people of West Point a false choice,” Hoffman continues. “They could ‘voluntarily’ accept the enforced quarantine, an obvious if unstated death sentence, or they could challenge the military and the material reality of the Ebola ward in their midst. As an act of resistance, violence directed at security forces and the Ebola ward could accomplish nothing except to demonstrate the absurd impossibility of the false choice they had been given. But it was the path some West Pointers decided to take” (ibid.: 254).

Of course, the specific circumstances and conditions of this Ebola situation differ from those in the current spread of Covid-19. Nonetheless, a detailed comparison is able to investigate common motives on the one hand and reveal idiosyncrasies on the other. Whenever social anthropologists reflect on arising deviations they do not want to simply justify resistant behaviour for any “cultural” reasons in a quite naive way. Unlike flat attacks or premature degradations reflexive cultural analysis asks about subtle notions and divergent performances in social arrangements.

The State and its Citizens

Both the Liberian example analysed by Danny Hoffman and the current discussion on adequacy and strict adherence to the instructions set by Covid-19 show conflicting conceptions of the relationship between the state and its citizens. Liberals argue that the state always has to explain its elaborated policies and must give very plausible reasons whenever individual freedom is restricted. Other political positions stress the urgency and lack of alternative of regulations and interventions and call for strong leadership. Thus, whenever integral civil rights – e.g. assembling at public places – are revoked, there occur highly relevant questions on legitimization and appropriateness in almost any pluralistic democracies. (Just look at Hungary for the opposite.)

In Germany, the restrictions to slow down further spread of Covid-19 are in existence for roughly a single week. However, calls for releasing them and also various discussions about possible “exit strategies” are increasing already. How much will inconvenience in politics and everyday life rise in the next weeks? Which protests might occur? An ethnographic analysis of these “politics of urban space” (ibid.: 248) and the different underlying imaginations of citizenship can gain a much more detailed conception and nuanced understanding of such emerging conflicts on adequateness and acceptability.

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau); acknowledgements to Elena Hernandez for pointing me to Hoffman’s article and to Isabella Hesse

Literature

Danny Hoffman 2016: A Crouching Village: Ebola and the Empty Gestures of Quarantine in Monrovia. In: City & Society 28/2: 246–264.