Aus dem Leben einer Straße: von Abläufen, Routinen und Brüchen – 2/2

— Der erste Teil dieses Beitrags findet sich hier. —

In der kulturwissenschaftlichen Katastrophenforschung wird der Verlust von Selbstverständlichkeiten als eine der weitreichenden kulturellen Folgen genannt.1 Wir gelangen an die Grenzen unserer Erfahrung, weil wir nicht auf Früheres, schon Erlebtes zurückgreifen können und auch, weil die neuen Gegebenheiten nur bedingt abgleichbar sind mit dem Wissensvorrat, den wir uns über die Zeit und im Zusammenspiel mit Anderen angelegt haben. Die Soziologen Alfred Schütz und Thomas Luckmann (2017 [1979]) sprechen von der Krise als einer Unterbrechung im „Ablauf der Selbstverständlichkeitskette“ (ebd.: 38) und machen damit deutlich, wie wir üblicherweise in einer fortlaufenden Routine unseren Alltag bestreiten, indem wir auch mit Neuerungen und kleineren Erschütterungen anhand unseres weiten Erfahrungsschatzes relativ unbeschwert umgehen und das „fraglich Gewordene in neue Fraglosigkeit“ überführen können (ebd.: 35). Den Döner aus einer Luke statt wie sonst am breiten Tresen im Laden entgegenzunehmen, gehört da noch zu den Neuerungen, die als „kleine Transzendenzen“, also Grenzen unserer Erfahrung, unsere Gewohnheiten zwar durchbrechen, deren Bewältigung uns jedoch leichter von der Hand gehen. Denn immerhin schließen sie an Gegebenheiten an, mit denen wir, wenn auch nicht im speziellen Fall, dann doch allgemeiner gehalten bereits vertraut sind.

Ein DIN-A4-Zettel an der Türe des Imbisses ruft mir die Gebote unserer Zeit in Erinnerung: „Bitte halten Sie Abstand!“ Darunter dann der Wunsch, dass wir alle  ja dennoch versuchen sollten das Beste daraus zu machen. Ein hoffnungsvoller Ton, den ich als Versuch lese, den diffusen Erfahrungen der Krise „einen Sinn und eine Form zu geben, sie greifbar und tradierbar zu machen“ (Johler u. a. 2018: 326). Und während Andere eben das entstandene „Sinnvakuum“ (ebd.: 325), ausgelöst durch den Bruch des Alltäglichen, ausfüllen, indem sie beherzt die Kochlöffel schwingen und endlich tief in der Yoga-Position ‚die Taube‘ versinken können, so möchte der Imbiss mit seiner Beschilderung mir doch nur freundlich zurufen: Alles nicht so schlimm, solange der Spieß sich weiter um die eigene Achse dreht.

Und sowieso, all die Hinweis-Schilder: Eilig ins Schaufenster gehängte Poster deuten auf ‚die Lage‘ hin, informieren über Verhaltensregeln, spezifizieren. Die geschlossenen Cafés malen traurige Smileys auf ihre Tafeln, der Buchladen erklärt, wie das Abholsystem funktioniert und bei Edeka einige Häuser weiter versucht man wöchentlich, mit neuen Formen der Kennzeichnung die störrische Kundschaft zu leiten. Manche dieser Zettel sind schon nach wenigen Wochen derart ausgefranst, dass schon die schwindende Materialität ein Gefühl von leidigem Zwischenzustand vermittelt und uns andeutet, all das könnte bald schon wieder vorbei sein. Zurück zur Normalität, so der viel geäußerte Wunsch. Dann müsse man ja nur die Hinweise entfernen, den Tesa von der Scheibe kratzen und schon könne man sich wieder enthemmt umarmen und anderen Menschen während des Schlange-Stehens in den Nacken atmen. Die Sehnsucht nach der „Rückkehr zum Alten“ (Hinrichsen u. a. 2014: 82), zum normalen Leben, zu Alltag und Routine in all ihrem erfrischenden Trott, höre ich immer wieder in den Gesprächen, an denen ich auf der Straße vorbeigehe, wenn sich zwei Menschen über die vorgegebenen eineinhalb Meter hinweg unterhalten.

Die Gegenwart der Vergangenheit, so Pierre Bourdieu (1987: 116), sei nie besser erkennbar, als wenn der Sinn der wahrscheinlichen Zukunft plötzlich Lügen gestraft werde. Er meint damit eben jene Verhaftung im Sosein, die Starrheit unserer Dispositionen, die plötzlich nicht mehr zu den objektiven Gegebenheiten zu passen scheinen. Und so passiert es, dass sich Menschen entgegen aller Warnungen zur Begrüßung in die Arme fallen – selbst wenn sie durchaus versuchen, eine andere Form dafür zu finden –, sich trotzdem rund achthundert Mal täglich ins Gesicht fassen2 und eine Freundin mir kürzlich wie selbstverständlich einen Schluck aus ihrer Bierflasche anbot, als wir uns auf ein distanziertes Getränk am Späti trafen. Unser Körper „ruft sich nicht die Vergangenheit ins Gedächtnis, sondern agiert die Vergangenheit aus, die damit als solche aufgehoben wird, erlebt sie wieder“ (ebd.: 135). Und so bin auch ich, ob am Fenster oder in Begegnung auf der Straße, in einem Zustand des permanenten Verhandelns zwischen der gar nicht so fernen Vergangenheit, einer fragilen Gegenwart und einer noch ungewissen Zukunft, die es alltagsmäßig zu bestreiten und zu gestalten gilt.

Wie sich unser Alltag verändern wird, welche Praktiken wir erlernen, welche wieder vergessen werden, auf welche Weise und nach welcher Vergangenheit, welcher Erfahrung unsere Körper zukünftig agieren werden, sind Fragen, die eine kulturwissenschaftliche Beobachtung und Analyse erfordern. Wir werden wohl neue, alltagspraktische Formen des Ausdrucks von Freude, von Respekt, von Anerkennung, von Geselligkeit und Gemeinschaftlichkeit hervorbringen, wenn körperliche Nähe für einige Zeit wegfällt, wir uns nicht berühren, auf die Schulter klopfen, den Arm tröstend um jene legen, die sich einsam fühlen, uns Geheimnisse ins Ohr flüstern oder schlicht nah beisammen einen Döner bei unserem Lieblingsimbiss essen gehen können. Eine kulturwissenschaftliche Perspektive hilft dabei, den Wandel und seine Ambivalenzen verständlich zu machen, sie zu deuten und einzuordnen.

Die Tram vor meinem Haus jedenfalls fährt noch immer in ihrem gewohnten Takt. Inzwischen öffnet der Einzelhandel wieder seine Pforten. Die Schlangen und Hinweisschilder werden bleiben, Gesichtsmasken sind gekommen und ich hoffe darauf, dass die Ellbogen-Begrüßung mir auch irgendwann leichter fällt, auch wenn meine Bewegungen noch, wie den beiden Freunden auf ihrem Weg zum Imbiss, ungelenk scheinen, unsicher und unkoordiniert. Wir werden uns wieder begegnen und auf dem Weg dorthin möglicherweise veränderte Routinen erzeugen. Wir werden den Raum weiterhin spürbar erschließen und uns wieder zurückziehen. Ich sitze dann an einem anderen Fenster. Wenn ich dort hinaus schaue, fällt mein Blick  zuerst auf den großen Baum, dessen Zweige mittlerweile fast an das Fensterbrett reichen. In den Wochen der Krise präsentiert er mir statt Fragen schlicht seine neuen Knospen und Blätter, klein und hellgrün reflektieren sie das Sonnenlicht. Manches bleibt beständig, manches kommt unvorhergesehen, wechselt sich ab, anderes geht. Eigentlich wie immer.

Nikola Nölle (Freiburg im Breisgau, Leipzig)

Literatur

Pierre Bourdieu (1987): Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, Frankfurt am Main.

Jan Hinrichsen, Reinhard Johler und Sandro Ratt (2014): Katastrophen. Vom kulturellen Umgang mit (außer)alltäglichen Bedrohungen. In: Ewald Frie, Mischa Meier (Hg.): Aufruhr, Katastrophe, Konkurrenz, Zerfall. Bedrohte Ordnungen als Thema der Kulturwissenschaften. Tübingen: 61–82.

Reinhard Johler u. a. (2018): Die Kultur der Katastrophen. Forschungsperspektiven der deutschsprachigen Ethnologie/Kulturwissenschaft. In: Johannes Moser (Hg.): Themen und Tendenzen der deutschen und japanischen Volkskunde im Austausch. Münster, New York: 317–337.

Alfred Schütz, Thomas Luckmann (22017): Strukturen der Lebenswelt. Konstanz [Erstausgabe 1979].


1 | Exemplarisch hierfür die kulturwissenschaftlichen Positionen des Tübinger SFB 923 „Bedrohte Ordnungen“, unter anderem Johler u. a. 2018; Hinrichsen u. a. 2014 sowie die Beiträge von Paul Hugger, Helge Gerndt und anderen in der Zeitschrift für Volkskunde (86) 1990.

2 | Die Seite https://donottouchyourface.com/ will mithilfe der Webcam dabei helfen, sich bei der Arbeit am Computer nicht so oft ins Gesicht zu fassen. Nicht im Selbsttest geprüft [Zugriff: 15.04.2020].

Aus dem Leben einer Straße: von Abläufen, Routinen und Brüchen – 1/2

Letztens saß ich mal wieder am Fenster zuhause in Leipzig, rauchte und schaute raus, um, so stelle ich es mir zur Zeit vor, wenigstens ein bisschen am Sozialleben meiner Straße teilzuhaben, die unter normalen Umständen sehr belebt wäre: vor dem Haus eine Tramstation, gegenüber eine Apotheke, eine Buchhandlung und ein ‚Weltladen‘, eine Reihe von Imbissen und Cafés, Dienstleistern, Handwerksbetrieben, ein russischer und ein arabischer Lebensmittelhändler, ein Edeka, dazwischen, eben unter normalen Umständen, viele Menschen, die einkaufen, flanieren, Kaffee trinken, Essen holen oder vor dem Späti cornern. Jetzt ist einiges geschlossen, aber der Döner-Laden, schräg gegenüber und damit noch in meinem unmittelbaren Blickwinkel, hat geöffnet und reicht täglich aus einer Luke Berge von Styroporschachteln, Alu-Folie und Plastiktüten, unter denen sich das Essen versteckt.

Ich saß auf der Fensterbank und folgte mit den Augen den wenigen Menschen, die sich auf dem schmalen Trottoir umschlingerten, dem Fluss der Tüten, der Schlange der Wartenden. Zwei Autos, sportlich geschnitten, zurückhaltende Farben, fuhren vor, hintereinander zielsicher ins Halteverbot vor dem Imbiss, auffällig nur deshalb, weil der Verkehr (sehr zu unserer Freude) seit der Ausgangssperre ziemlich abgenommen hat. Türen öffneten sich, knallten zu und der eine Fahrer blieb stehen, sich umblickend nach dem anderen. Beide trugen sportliche Kleidung, lockere Hosen, weite Pullis, einer mit auffälligem Logoprint, Sneakers. Die Haare kurz geschoren, sind sie wahrscheinlich zwischen dreißig und vierzig Jahre alt. Drei Meter voneinander entfernt, nach begrüßenden Worten, die sie sich zuriefen, plötzliches Zögern, verlangsamte Körper, unsicheres Tänzeln von einem Bein aufs andere. Ein weiterer Schritt in eine gemeinsame Richtung.

Selbst aus der Entfernung meines Fensters, immerhin im dritten Stock, konnte ich die Anspannung der Körper ahnen, das verlegene Grinsen. Dann bewegten sich beide fast gleichzeitig aufeinander zu, Oberkörper seitlich nach vorne geneigt, angewinkelte Arme in Richtung des Anderen, kurze Berührung der Ellenbogen, Oberkörper zurück. Ein weiterer, unsicherer Moment verstrich und dann, einem tiefen Ein- und dann befreienden Ausatmen gleich, fielen sie sich doch in die Arme, schlugen einander auf den Rücken, lachten. Sie lösten sich voneinander und schlenderten, sich unterhaltend, zu der Schlange der Wartenden vor dem Imbiss, an deren Ende sie sich mit einigem Abstand platzierten. Zwei Bestellungen, nach kurzer Zeit zwei Tüten, ich sah das Aluminium durch die orangene Folie schimmern. Noch mehr Worte, kurz das Handy aus der Tasche, ein Winken, erneut schlugen die Autotüren zu und beide entschwanden meinem Blickfeld. Die Schlange hatte sich aufgelöst, kurzer Leerlauf im Imbiss-Takt, und die Straße lag wieder ruhig vor mir. Ich drückte die Zigarette auf dem Fensterbrett aus.

Seit fünf Wochen sind wir alle zu ‚Social Distancing‘ aufgefordert, seit vier Wochen gilt die verordnete ‚Ausgangsbeschränkung‘, seit dreieinhalb Wochen gibt es in Sachsen einen sorgfältig aufgestellten Bußgeldkatalog, der Verstöße gegen die Verbote ahndet. Vor ein paar Tagen verkündete die Bundeskanzlerin die Verlängerung der schützenden Maßnahmen, an die wir uns alle halten sollen, ‚gemeinsam‘. Entgegen kulturwissenschaftlicher Tendenzen der Erforschung von Gruppen, Gemeinden, Netzwerken und anderen mehr oder weniger kleinteiligen Elementen, zu denen sich Menschen zusammenschließen, wenn sie Kultur verhandeln, sind wir nun vor Handlungsweisungen gestellt, die uns alle meinen. Und weil wir eben alle gemeint sind, erweist sich eine methodische Trennung von Feld und Forschenden kaum als möglich und trotz sozialer Abstandsgebote wirkt die Relation von Nähe und Distanz wie aufgehoben, wenn ich mich dem Alltagsleben meiner Straße zuwende: Schaue ich aus dem Fenster bin ich quasi unbeteiligt, dann liegt die Szenerie, vormals ein Wimmelbild, jetzt nur spärlich bestückt, vor mir wie ein Schaukasten, auf den ich aus dem dritten Stock blicke. Verlasse ich mein sicheres Nest, dann bin ich nicht nur plötzlich Teil der Straße, nehme ich nicht nur Menschen und deren Verhalten wahr, an dem ich mich spiegle, auf das ich reagiere und mit meinem abgleiche. Denn mein Körper wird darüber hinaus gleichsam zu einem Element der Veränderung, das in den Aktionsraum der anderen Menschen eintritt. Die Präsenz unserer Körper und die Wechselseitigkeit und Verbundenheit in unseren Begegnungen wird deutlich und spürbar, indem wir alle Rücksicht aufeinander nehmen sollen, indem wir alle auf die Einhaltung der Distanz versuchen zu achten.

Und während ich als Teil einer definierten Gemeinschaft jenseits meines ‚eigenen Hausstands‘, meiner Straße und jenseits von Stadt, Region, Land, Nationalstaatsbegrenzung oder europäischer Außengrenze adressiert bin, wird mir auch an der politischen Sprache, den deutlichen Warnungen, den Statistiken und Schaubildern vermittelt, inwiefern mein Handeln Auswirkungen globalen Ausmaßes annehmen kann. Selten empfand ich meine Agency so geradewegs spürbar und im selben Augenblick so widersprüchlich.1 Wir alle sind zum sozialen Handeln aufgefordert, werden als Gemeinschaft angesprochen und darin definiert, unter Verweis allgegenwärtiger Solidaritätsbekundungen, wohingegen als vergemeinschaftende Praktiken diesmal Begrenzung und Vereinzelung aufgerufen sind. Begegnen wir uns doch, also physisch im analogen Raum und nicht auf einer der vielen Video-Apps, die aufgrund der Datenüberlastung ein ohnehin nur recht abgehacktes Miteinander zulassen, so stehen wir uns etwas ratlos gegenüber.

Wir sollen unsere Freund*innen nicht mehr umarmen und anderen die Hand geben, ja eigentlich treffen wir im angemessensten Fall gar nicht zusammen. Tun wir es trotzdem, mal mehr, mal weniger zufällig, gibt es eine Vielzahl an Auflagen und Aufforderungen, die wir zum eigenen und zum Schutz der Anderen befolgen sollen und die in den routinisierten Fluss unserer Bewegungen, Gesten, Interaktionen, kurz unserer Alltagspraktiken eingreifen. Und so begrüße ich meine Freund*innen, wenn wir uns auf der Straße über den Weg laufen, ebenfalls mit einer kurzen Ellbogen-Berührung, danach machen wir, schon recht routiniert, einen Schritt zurück. Wir hatten es auch schon mit einem Shoe Bump versucht, dem kurzen Aneinanderschlagen eines Fußes bei ausgestrecktem Bein (noch mehr Abstand!), aber unsere Bewegungen waren zu unkoordiniert, zu wacklig die Balance oder wir machen immer noch nicht genügend Yoga. Kommt mir jemand zu nahe, weiche ich aus und in der Schlange vor dem Imbiss, den ich so gut vom Fenster aus sehen kann, stellte ich mich locker mehrere Meter hintendran an, dabei aber stets bemüht, es trotzdem nach deren Ende aussehen zu lassen.

Der Versuch, auf die Bedrohung durch das neue Virus und der damit einhergehenden Pandemie mit regulierenden Maßnahmen zu reagieren, hat ohne Zweifel weitreichende Auswirkungen auf unser Alltagsleben und damit auf unseren bis dahin „fraglos selbstverständlichen Erfahrungsmodus“ (Johler u. a. 2018: 323). Dieser ist es auch, der als „Bezugsschema zur Weltauslegung“ (Schütz/Luckmann 2017 [1979]: 33) in der Krise brüchig wird, indem wir der Wirklichkeit unserer Lebenswelt, an der wir in „unausweichlicher, regelmäßiger Wiederkehr“ (ebd.: 29) teilnehmen, nicht mehr als schlicht gegeben, als eben ‚fraglos‘ annehmen können. Als Folge der seit einigen Wochen verbreiteten ‚Verhaltensregeln‘ beginne ich, gewohnte Situationen zu hinterfragen, versuche mich in neuen Routinen und damit auch neuen Belohnungssystemen, wenn ich mal zwei Tage hintereinander zur selben Uhrzeit aufgestanden bin. Ich kaufe mir dann manchmal einen Falafeldürüm, drüben auf der anderen Straßenseite, vielleicht auch ein bisschen als trotzige Distinktionsstrategie zu den vielen neu erweckten Hobby-Köch*innen, von denen bereits gefühlte hunderte Kochvideos und Bildern von ausgeklügelten Gerichten in den sozialen Medien kursieren. Die Alufolie und die Plastiktüte, in die der Dürüm dann gewickelt ist, stecke ich mit schlechtem Gewissen in den Müll zuhause zu den anderen Zeugnissen meiner gelegentlichen Fastfood-Abenteuer. Denn ich soll mich ja zum Verzehr fünfzig Meter entfernen von den mich versorgenden Gastronomien.

Fünfzig große Schritte später stehe ich dann wieder an meinem Fenster, meinem ethnologischem Guckloch aus der Langeweile meiner Zimmers in die Spannungen der Straße. Doch ich bilde mir ein, dass mich selbst das Imbiss-Essen zuhause kaum befriedigt, wenn das weiche Brot und die sippschige Soße nicht mit der Atmosphäre aus Pommes-Fett, emsigen Stimmengewirr und unbequemen Stühlen zusammenfallen. Der üblicherweise in herausgepressten Stöhnen geäußerte Satz „Ich vermisse Kneipen“ ist omnipräsent in meinem Umfeld, wenn mich mit meinen Freund*innen gelegentlich auf ein Glas Wein vor der Kamera treffe. Manche schicken dem ein nicht weniger gequältes „Und Restaurants!“ hinterher. Meist folgt darauf eine Aufzählung all der tollen Drinks und Speisen, Orte und Partys, die wir vermissen und von denen wir niemals dachten, wie sehr sie uns fehlen. „Luxusprobleme“ ist dann meist ein Wort, was auch noch in jenen Gesprächen fällt, wenn auch nur ein leiser Zusatz, der uns zwar unsere Privilegien vor Augen führen will, dennoch aber deutlich macht, wie sehr wir nun mal auch diese als gegeben empfinden, wie sehr sie eine Rolle spielen in der Organisation unseres Alltagslebens.

— Hier geht’s zum zweiten Teil dieses Beitrages. —

Nikola Nölle (Freiburg im Breisgau, Leipzig)

Literatur

Reinhard Johler u. a. (2018): Die Kultur der Katastrophen. Forschungsperspektiven der deutschsprachigen Ethnologie/Kulturwissenschaft. In: Johannes Moser (Hg.): Themen und Tendenzen der deutschen und japanischen Volkskunde im Austausch. Münster, New York: 317–337.

Alfred Schütz, Thomas Luckmann (22017): Strukturen der Lebenswelt. Konstanz [Erstausgabe 1979].


1 | Maximilian Jablonowski schreibt in seinem Text „Handlungstheorie im Souterrain“ etwa zum Widerspruch zwischen Untätigkeit und den Ansprüchen auf Produktivität in der Isolation. http://www.kuckucknotizen.at/kuckuck/index.php/8-aktuelles_de/189-1-20-handeln-vorschau-leseprobe (Zugriff: 15.04.2020).

Urlaub unter (Selbst-)Beobachtung oder Chronik einer Abreise

Wie sehr hatte ich mich auf die frische Brise, den Blick auf das Meer und lange Spaziergänge am Strand – bei jedem Wind und Wetter – gefreut. Es kam anders. Zwischen An- und Abreise lagen nur vier Tage, diese Zeit war im doppelten Sinne des Wortes ein Hin und Her. Im Nachhinein war die Anreise bereits der Beginn der Abreise, eine Zeit geprägt von den Nachrichten zum Coronavirus und Covid-19.

Samstag: Anreise

5.30 Uhr, das Taxi kommt und der Fahrer berichtet mir auf Nachfrage, dass in der Nacht so gut wie nichts los gewesen sei. Er ist davon überzeugt, dass sich bereits viele Menschen selbst beschränkt und ihr Ausgehverhalten verändert hätten. 5.45 Uhr, Heidelberg Hauptbahnhof: Auf dem Gleis sind nur wenige Personen, der ICE 774 nach Hannover kommt zu früh und fährt pünktlich um 5.47 Uhr ab. Der Großraumwagen ist so gut wie leer, bis nach Hannover halten sich maximal fünf bis sechs Personen gleichzeitig dort auf. Das Zugpersonal hat keine Handschuhe an, versucht aber, die Papiertickets nicht anzufassen – das Abknipsen ist kompliziert und klappt bei mir nicht. Der Schaffner muss das Ticket schließlich doch in die Hand nehmen. Ankunft in Hannover mit leichter Verspätung, allerdings fällt der Anschlusszug nach Bremen aus; das bedeutet über eine Stunde Aufenthalt. Immerhin kann ich als Vielfahrer und Comfort-Kunde in die DB Lounge – auch hier: nur wenig Betrieb. Der anschließende IC Richtung Norddeich Mole ist hingegen ziemlich voll – viele Urlauber sind dabei, das bezeugen die Koffer und Rucksäcke in den Gepäckablagen.

Ich verlasse in Norden den Zug und fahre von dort weiter mit dem Bus. Die Fahrgäste steigen alle vorne beim Busfahrer ein, er kontrolliert die Tickets. Der letzte Umstieg erfolgt am Fähranleger in Bensersiel. Dort hat sich eine Menschenschlange gebildet, nicht nur wegen der neuen Abstandsregeln, sondern weil das Schiff wegen Umbaumaßnahmen an anderer Stelle anlegt. Ankunft auf Langeoog gegen 16.30 Uhr, mit zweistündiger Verspätung. Aber immerhin – ich bin da, das Wetter frühlingshaft und die Insel und das wenige Treiben sind wie immer. Am Abend ist noch Zeit für einen kurzen Abstecher an den Strand.

Müde und erschöpft falle ich ins Bett. Ich schlafe tief und fest.

Sonntag: Überraschung

Das Wetter ist wechselhaft, aber trocken. Am Strand gehen die Menschen spazieren, in Gruppen, zu zweit, mit Hund, allein, lassen Drachen fliegen, einige sitzen im Sand, Kinder schaufeln im Schlick. Ein ganz normaler Strandtag zu dieser Jahreszeit. Andere sitzen in den Cafés, manche auch draußen, und genießen die ab und an hervorlugende Sonne. Alles ist ruhig und gelassen.

Am Abend dann die überraschende Nachricht: Schleswig-Holstein geht voran und schließt seine Inseln und Halligen für Besucher. Ich bin nicht beunruhigt – ich bin ja in Niedersachsen. Ein paar Stunden später erreicht mich eine Kurznachricht: „Wir haben gerade gelesen, dass alle Gäste abreisen müssen 😫😰😢😱“. Ich kann es nicht glauben, wir schreiben hin und her, ich rufe schließlich die Website der Gemeinde auf. Tatsächlich, die Bürgermeisterin hat eine Stellungnahme veröffentlicht, unter anderem heißt es, dass die „Gesundheitssysteme der Inseln nicht auf eine größere Zahl von mit dem Coronavirus infizierten Menschen vorbereitet“ seien und weiter: „Urlauberinnen und Urlauber, die bereits auf einer der Inseln Quartier bezogen haben, werden gebeten, den Heimweg anzutreten“. Ich bin doch gerade erst angekommen. Aber es gibt noch Hoffnung:„Es besteht kein Grund zu übereilten Reaktionen, alle Gäste werden geordnet abreisen können. Wir werden Ihnen auf diesem Wege und über Ihre Gastgeber zeitnah weitere Informationen zukommen lassen“.

Ich kann zunächst nicht einschlafen, zuviel geht mir durch den Kopf. Dann aber falle ich in einen tiefen Schlaf.

Montag: Unsicherheit

Montagfrüh: Die erste Handlung ist ein Blick in die Langeoog-App: Keine neue Nachricht der Bürgermeisterin. Ich unternehme nichts, höre aber die Nachbarn, wie sie packen und das Haus verlassen. Ich will mich nicht anstecken (!) lassen, gehe spazieren – viele andere sind auch noch am Strand unterwegs. Auch am Nachmittag gibt es noch keine neuen Informationen. Es ist laut in den Straßen, die nächste Fähre legt bald ab und die Leute schieben ihre Rollkoffer zur Inselbahn. Das Rathaus hat mittlerweile geschlossen, Auskünfte erteilt die Touristeninformation am Bahnhof. Ich erkundige mich beim Schalter über den Stand der Dinge, die Mitarbeiterin hat aber keine weiteren Informationen und verweist mich auf die App.

Die Abendnachrichten berichten über nichts anderes mehr; abreisende Gäste von anderen Nordseeinseln geben Interviews und schildern chaotische Verhältnisse.

Im Ferienhaus ist es deutlich ruhiger, viele sind abgereist.

Die ganze Nacht drehe ich mich hin und her, mein Schlaf ist unruhig.

Dienstag: Verwirrung

Als ich aufwache, habe ich mich entschieden. Ich packe den Koffer, um ihn bei der Post aufzugeben und plane, am nächsten Tag abzureisen. Vorher laufe ich zum Bahnhof und möchte mir noch einmal ein Bild machen: Viele Menschen warten dort auf die Abreise. Ich gehe nach Hause und treffe auf den Hausverwalter, mit dem ich mich lange unterhalte. Mittlerweile kommen die ersehnten neuen Informationen, der Erlass des Landes Niedersachsens ist da; Punkt 2 lautet: „Urlauber, die bereits auf der Insel verweilen, haben Zeit bis zum 25.03.2020 diese zu verlassen“. Ich bin beruhigt. Der Verwalter ist sichtlich mitgenommen, über die schlechte Kommunikation am Sonntagabend und die darauf folgenden Reaktionen der Gäste; er klingt verzweifelt, denn er weiß, was das (auch wirtschaftlich) bedeutet: Die Saison fängt jetzt erst an und zu Ostern, sagt er, werden sie das erste Mal – seit er sich erinnern kann – ohne Gäste auf der Insel sein. Er meint, ich solle bleiben, das mache ich auch. Ich packe den Koffer wieder aus und verbringe den Rest des Tages am Strand.

Abendnachrichten und Sondersendungen wechseln sich ab. Der NDR Coronavirus-Live-Ticker gehört mittlerweile zu meinen Hauptinformationsquellen, und der Virologe Christian Drosten, der einen eigenen Podcast hat, begegnet mir hier zum ersten Mal. Die Website der Deutschen Bahn rufe ich ebenfalls regelmäßig auf – wie länge fährt sie wohl noch?

Im Ferienhaus sind weitere Personen abgereist, ich höre aber unter mir noch den Fernseher. Immerhin, ich bin nicht allein.

Die ganze Nacht drehe ich mich hin und her, mein Schlaf ist unruhig.

Mittwoch: Entscheidung

Und täglich grüßt das Murmeltier: Als ich aufwache, habe ich mich entschieden. Ich packe den Koffer (erneut) und gebe ihn bei der Post auf. Es ist ein trüber Tag, es regnet fast ununterbrochen. Saßen gestern noch Touristen im Café, so sieht man heute kaum noch jemanden. Eigentlich ein Tag für das Schwimmbad und die Sauna – aber das Bad hat, wie mittlerweile überall im Land, geschlossen. Auch alle Läden sind zu, nur ein paar Restaurants und Cafés haben geöffnet und natürlich die Supermärkte und die Drogerie.

Ein Tag auf der Couch, mit Tee und Buch. 14.51 Uhr, ich schreibe einer Verwandten, dass ich abreisen werde: „Das ist alles zu dynamisch und nicht vorhersehbar. Es ist schade, aber jetzt die beste und richtige Entscheidung. Macht auch keinen Spaß, wenn man ständig wie auf Kohlen sitzt“.

Am Abend appelliert Angela Merkel in ihrer Fernsehansprache an die Disziplin der Bevölkerung: „Es ist ernst“.

Die ganze Nacht drehe ich mich hin und her, mein Schlaf ist unruhig.

Donnerstag: Abreise

8.00 Uhr, ich verlasse das Haus, die Inselbahn geht um 8.20 Uhr. Nur wenige Menschen sind am Bahnhof; die meisten sind Insulaner, daneben ein paar versprengte Touristen. Ich fühle mich ertappt – hätte ich früher abreisen müssen? Die Überfahrt dauert ca. eine Stunde, ein paar Reisende müssen wie ich mit dem Bus zum Bahnhof nach Esens. Der Busfahrer öffnet nur die hintere Tür und wir steigen alle dort ein. Er kontrolliert die Tickets nicht, man kommt auch nicht zu ihm durch, ein rotes Absperrband trennt uns vom vorderen Teil des Busses. Die Nordwestbahn verspätet sich, die Zugstrecke ist hier eingleisig. Ankunft in Oldenburg mit circa 40 Minuten Verspätung. Nicht nur ich verpasse meinen Anschlusszug. Der Bahnhof ist wie ausgestorben, vereinzelt sitzen und stehen Menschen. Auch der DB-Service Point hat vorgesorgt und ein Trennband gespannt. Die Zugbegleiter im ICE haben jetzt fast alle Handschuhe an; einige Passagiere telefonieren, sagen Treffen ab, stornieren Buchungen.

Nächster Umstieg in Hannover, auch hier: nur wenige Menschen sind unterwegs, die DB-Lounge hat jetzt geschlossen. Im ICE 579 Richtung Stuttgart sitzt ein Ehepaar, das mit mir auf der Fähre war – eine stille Gemeinschaft. Letzter Umstieg in Mannheim: Die S-Bahn am Abend ist gut gefüllt, die Pendler fahren nach Hause. Ankunft in Heidelberg mit insgesamt einer Stunde Verspätung. Meine erste Textnachricht als ich zu Hause ankomme, 19.16 Uhr: „Jetzt ist erst mal durschneiden angesagt“. 19.19 Uhr: „Durchschnaufen! Scheiß Korrektur!“.

Müde und erschöpft falle ich ins Bett. Ich schlafe tief und fest.

Stefanie Samida (Heidelberg)