Krise? Welche Krise?

Wovon wir uns ein Wort machen, machen wir uns die Welt. Sprache prägt das Denken und kreiert kollektive Vorstellungen. Besonders ein Begriff erfährt eine anhaltende und ungemeine Popularität im gesellschaftlichen Diskurs: die Krise. Staatskrise, Eurokrise, Lebenskrise, Finanzkrise, Regierungskrise, Liebeskrise… Es scheint, als krisele es immer irgendwo. Krise fungiert als ein bestimmtes kulturelles Erzählmuster (Meyer-Schlenkrich u. a. 2013), vielleicht sogar als ein Leitbegriff der Moderne.

Krise ist eine prominente Vokabel von Politiker*innen, Ökonom*innen oder Journalist*innen, aber auch von Kulturwissenschaftler*innen. Die Rede von der Krise hat immer einen deskriptiven und einen interpretativen Charakter. Krise ist sowohl ein Begriff, der Phänomene benennt, als auch ein eigenständiges Konzept, das theoretische Versatzstücke mit sich trägt – und meistens verschwimmen beide Dimensionen ineinander. Eine kulturanalytische Begriffsreflexion geht nicht unbedacht von sprachlichem Fremd- in Selbstgebrauch über, sondern trägt die unterschiedlichen Verwendungsweisen und Sinnschichten in der Rede von der Krise analytisch ab: Inwiefern ist das Krisen-Label treffsicher und präzise genug? Schärft es unseren Blick und Verstand? Oder trägt es eher zu terminologischen Unschärfen bei? Zugespitzt formuliert: Ist die Beschreibung und Diagnose der aktuellen Lage als „Corona-Krise“ eher vereindeutigend oder verunklarend?

Ähnlich, wie es der Volkskundler Helge Gerndt einmal für den Kultur-Begriff formuliert hat (2000: 219), ist es kulturanalytisch nicht sehr ergiebig zu fragen, was Krise allgemein ist, sondern, was sie im speziellen Fall meint. Ich möchte Gerndt präzisieren: was wer damit meint. Wenn Kulturwissenschaftler*innen fragen, „Krise? Welche Krise?“, dann stellen sie also nicht unbedingt deren Existenz in Abrede, sondern sie betonen das „Welche“ und fragen: Wer meint mit der Corona-Krise was in welchem Kontext und mit welchem Sinn? Ich greife drei wichtige Dimensionen heraus – Zeitlichkeit, Räumlichkeit und Akteur*innen –, um unterschiedliche Aspekte und Implikationen des Krisenbegriffes aufzuzeigen.

Zeitlichkeit

Bezeichnet Krise ein spezifisches, zeitlich identifizierbares Ereignis (Ölkrisen)? Oder eher einen eher unmerklichen, sich aber sukzessive zuspitzenden Prozess (Klimakrise)? Auf jeden Fall impliziert die Krise-Diagnose spezifische Vorstellungen von Zeitlichkeit, sei es als ein eher kurzfristiges Ereignis (Kubakrise) oder eine längerfristige Entwicklung (Parteienkrise). Der spezielle Begriff der Corona-Krise verbindet verschiedene Zeithorizonte: Er führt das aktuelle Geschehen mit den Entwicklungen der vergangenen und den Antizipationen der kommenden Monate zusammen. Wer von einer Krise spricht, positioniert sich, narrationstheoretisch betrachtet, immer auch selbst zum Gegenstand. Das kann erstens ein Bezug zur unmittelbaren Gegenwart sein. Dann stellt Krise eine Zeitdiagnose, eine Momentaufnahme dar, die revidier- und modifizierbar bleiben muss, wenn sie die steten Wandlungen der Wirklichkeit erfassen und nicht kurzsichtig und ahistorisch sein will.

Denn zweitens fungiert Krise als ein Etikett, um Geschichtsschreibung zu stiften, Ereignisse narrativ einzuordnen, historische Abfolgen und damit auch immer eine gewisse Form von Kausalität zu erzeugen. Gegenwartsdiagnostik und Geschichtserzählung sind als zwei Deutungsmodi stets miteinander verknüpft; es geht um deren Gewichtung zueinander. Im Moment liegt der Fokus in der öffentlichen, tagesaktuellen Rede von der Corona-Krise noch relativ stark auf dem Jetzt. Aber die unzähligen ins Leben gerufenen Sammlungsaufrufe und Dokumentationsprojekte von Historiker*innen und Museen sind unübersehbare Indizien für eine längst stattfindende Verschiebung der beiden Modi und dem Ringen um die Art der Krisen-Erzählung.

Räumlichkeit

Ein zweiter Aspekt ist die Frage nach der Lokalisierung der Krise. Betrifft sie einzelne, mehr oder minder klar definierbare Weltregionen, die am besten weit entfernt liegen (Ukrainekrise, Balkankrise)? Oder entwertet Krise lokale Unterschiede, indem sie ortsunabhängige Wirkung zeigt (Systemkrise, Strukturkrise)? Hebt die Rede von der Corona-Krise also Räumlichkeit hervor oder nivelliert sie diese? Beides trifft in gewissem Maße zu, denn die Krise äußert(e) sich diskursiv sowohl in räumlichen Zuspitzungen (Wuhan, Ischgl, Heinsberg usw.) als auch in den überregionalen Verflechtungen einer Pandemie. Der Begriff der Corona-Krise beinhaltet semantisch beides: ortsfest und ortslos, umzirkelt und zirkulierend.

Das Geschehen spielt sich in vielen Weltregionen gleichzeitig ab, aber in unterschiedlichen Stadien und Geschwindigkeiten. Gerade Vertreter*innen postkolonialer Theorie machen derzeit darauf aufmerksam, dass Ungleichzeitigkeit mit Ungleichheit einhergeht. Verschwinden diese Asynchronitäten zu sehr in einer Konnotation von Krise, die auf lokal Punktuelles und linear Temporalisiertes ausgerichtet ist? Sollte man lieber im Plural von mehreren Corona-Krisen sprechen, um der sozialen Vielfältigkeit und regionalen Verschiedenheit der Entwicklungen besser Rechnung zu tragen?

Akteur*innen

Bei der Verwendung des Krisenbegriffs stellt sich drittens die Frage, welche Akteur*innen in Beziehung gesetzt werden. Wer oder was ist eigentlich betroffen? Schematisch gegliedert kann Krise erstens individuell angelegt sein. Dann bezeichnet sie beispielsweise eine auf das Private zielende Situation (Ehekrise) oder einen geistig-innerlichen Zustand (Sinnkrise). Zweitens wird Krise in einem kollektiven Sinn verwendet. Dann zielt sie auf eine bestimmte, umgrenzbare und damit auch abgrenzbare Gruppe, zu der man am besten nicht selbst dazugehört (Flüchtlingskrise). Drittens wird der Krisenbegriff institutionell gemünzt, sodass nicht individuelle oder kollektive Körper, sondern bestimmte Körperschaften addressiert werden (Bankenkrise). Und viertens wird Krise strukturell semantisiert, deren eingeschriebene Totalität sich analytisch besonders gut mit einem systemtheoretischen Blick einfangen lässt (Wirtschaftskrise, nur noch getoppt von der Weltwirtschaftskrise).

Die Corona-Krise wird insofern als total gedeutet, als dass sie mehr oder weniger alle Lebensbereiche umfasst. Betroffen sind alle. Wirklich alle. Aber die Risiken, auch das ist inzwischen vielfach hervorgehoben worden, sind entlang sozioökonomischer Faktoren unterschiedlich verteilt – zwischen jung und alt, arm und reich oder Stadt und Land. Pointiert gesagt: Das Virus schafft Gleichheit und verstärkt zugleich Ungleichheit. Inwiefern kommt das in der Rede von der Corona-Krise zum Ausdruck?

Sensibilisierung und Präzisierung

Diese kursorische Reflexion über implizite Konnotationen von Zeitlichkeit, Räumlichkeit und Akteur*innen schärft – bei aller Knappheit und Oberflächlichkeit – das Bewusstsein, welche semantischen Spannbreiten der Krisenbegriff aufweist. Die Krise der Corona-Krise meint etwas anderes als die der Klimakrise, der Flüchlingskrise und so weiter. Kulturwissenschaftler*innen sind in der Lage, diese Unterschiede genau heraus zu arbeiten. Sie sensibilisieren so für implizite Konnotationen und Kontextualisierungen des Wortgebrauchs und legen dessen kulturelle Bedeutungsschichten, kollektive Diskursmuster oder auch politische Instrumentalisierungen offen. Um zu urteilen, inwiefern Krise eine angemessene Vokabel für die Benennung von – Ja, von was eigentlich? – ist, braucht es solche Ausdifferenzierungen ebenso wie einen begriffs- und ideengeschichtlichen Abriss, der Stoff für einen eigenen Blogbeitrag wäre.

Was Helge Gerndt für den Kulturbegriff formuliert hat, kann auch für den Krisenbegriff gelten: „sein Stellenwert – und damit auch sein Inhalt – ist vom gegebenen Argumentationszusammenhang abhängig. Zu bedenken ist also stets zuerst die Zielsetzung: ob es im konkreten Fall in erster Linie um programmatische Orientierung, methodische Perspektivierung, sachbezogene Präzisierung, theoretische Konzeptualisierung oder politische Umsetzung geht“ (Gerndt 2000: 224). Genauer zu überlegen, worauf der Krisenbegriff den Blick lenkt und woran er ihn hindert, trägt zur Reflexion der mitgeführten kulturellen Bedeutungen und womöglich auch zur sprachlichen Präzisierung bei.

Es geht nicht darum, was der Begriff meint, sondern darum, was wir mit ihm meinen.

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Helge Gerndt 2000: Zielorientierungen oder: Wieviele Kulturbegriffe braucht Volkskunde als empirische Kulturwissenschaft? In: Siegfried Fröhlich (Hg.): Kultur – Ein interdisziplinäres Kolloquium zur Begrifflichkeit. Halle (Saale): 215–228.

Carla Meyer-Schlenkrich u. a. (Hg.) 2013: Krisengeschichte(n). „Krise“ als Leitbegriff und Erzählmuster in kulturwissenschaftlicher Perspektive. Stuttgart.

Darf man das? – Annäherungen

Spätestens seit der Writing-Culture-Debatte ist es in der empirischen Kulturwissenschaft zum gängigen Mittel geworden, das Endprodukt, den Zugang und die eigene Verortung zum Thema zu reflektieren und zu problematisieren. Daran kommt auch dieser Blog nicht vorbei. Oder besser gesagt: gerade dieser Blog darf daran nicht vorbeikommen.

Mit der inhaltlichen Fokussierung auf die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen betreten wir Neuland. Es gehört zwar zu unserem Fachverständnis dazu, Gegenwärtiges zu analysieren, allerdings liegt zwischen Forschung und Textproduktion oft ein gehöriger zeitlicher Abstand, der teilweise den oder die Forschenden, jedoch auch das Feld schützt. Wenn wir jetzt quasi in Echtzeit mitschreiben, wirft das neue ethische Fragen auf, die verhandelt werden müssen.

Ist es vertretbar, derzeit über einen wissenschaftlichen Nutzen zu sprechen? Über ein Potenzial? Eine Chance? Negieren all diese positiv konnotierten Begriffe die Dramatik der Situation? Wie soll ich damit umgehen, wenn ich über fachrelevante Zugänge nachdenke und gleichzeitig die Infektions- und Todeszahlen stündlich steigen?

Was so drastisch klingt, sind Unsicherheiten, die die gegenwärtige Situation prägen. Finale Antworten können auf diese Fragen und weitere Kontroversen, die in den kommenden Wochen und Monaten auftreten, an dieser Stelle nicht gefunden werden. Vielleicht hilft es jedoch, anzuerkennen, dass dieser Blog selbst ein Resultat der Krise ist. Er erscheint als Bewältigungsstrategie hinsichtlich einer überfordernden Komplexität und ist ein Versuch, die Situation zu verstehen, zu ordnen, sich anzueignen und damit auszuhalten.

Wir als Beitragende sind eingebunden in die Situation und können keinen auktorialen Blick einnehmen – sowohl strukturell als auch emotional. Das zeigt sich schon in der Textproduktion: Ich sitze gerade am heimischen Schreibtisch, tippe in meinen Laptop und bediene mich der Literatur, die ich im Laufe der Studienjahre gesammelt habe oder die mir digital zur Verfügung steht. Ein kurzer Besuch in der Bibliothek, um doch schnell nachzulesen, wie der genaue Wortlaut Pierre Bourdieus war – derzeit einfach nicht möglich. Fotos für die Beiträge? Sind improvisiert. Privatbestände; das, was sich aus den Requisiten daheim machen lässt. Die Zeit hierfür habe ich, weil meine Hausarbeiten gerade brachliegen und mein Zimmer derzeit mein Büro ist. Ich bleibe daheim, wie die meisten, weil es das einzig Richtige ist. Weil auch ich nicht weiß, wann und wie es weitergeht. Weil auch ich mich sorge. Weil auch ich niemanden anstecken möchte.

Dieser Blog bietet die Möglichkeit, transparent mit allen Problematiken umzugehen und gleichzeitig etwas zu produzieren, was für manche hilfreich sein kann. Wir als Beitragende können Position beziehen, die Diskussion lenken, Blickwinkel eröffnen und damit das Feld mitgestalten. Vor allem können wir entscheiden, über was wir schreiben. Lohnt nicht auch eine Fokussierung auf die zahlreichen Initiativen und solidarischen Aktionen, auf die Transformation, das Neu-Entstehende und ein „besseres“ Danach?

Dieser  Blog ist ein Produkt der Krise. Inwiefern er die Krise mitproduziert, liegt bei den Beitragenden.

Lea Breitsprecher (Freiburg im Breisgau)