Mein rechter, rechter Platz ist leer…

… da wünsch’ ich mir grad niemand her! Das populäre Kinderspiel, bei dem man miteinander im Stuhlkreis sitzt und nur ein Platz frei bleibt, der dann immer wechselt, macht derzeit wenig Spaß. Denn anstatt zu fragen, „Als was soll ich kommen?“ und beim Sitzplatzwechsel beispielsweise die Gangart bestimmter Tiere nachzuahmen, heißt es nun wohl eher: „Wie nah darf ich überhaupt kommen?“

Kulturwissenschaftler*innen betrachten Raum nicht als voraussetzungslos gegebenes Faktum oder als festgefügte Determinante, sondern als variable soziale Größe. Sie verstehen räumliche Ordnungen als durch kollektive Konventionen, kulturelle Vorstellungen und unreflektierte Alltagsroutinen im praktischen Tun hergestellt, organisiert und gegliedert. Ob in Bussen und Bahnen, Restaurants und Cafés oder auf Kirchen- und Parkbänken – überall zielen Abstandsgebote auf veränderte Formen der sozialräumlichen Orientierung und Strukturierung. Hier soll jeder zweite Platz freibleiben, dort werden den Gästen auseinandergerückte und durchnummerierte Tische zugewiesen, und so weiter. Auch Handlungen des Sich-Annäherns, Begrüßens, Beinander-Stehens, Ausweichens auf dem Gehweg etc. werden zu – mal bewussten, mal unbewussten – Modi des kollektiven Raumverhaltens. Solche Praktiken und Arrangements lassen sich besonders mit einem interaktionstheoretischen Analyseblick genauer fassen, wie ihn der Soziologe Erving Goffman ausgearbeitet hat (1971, 1974).

Goffman spricht unter anderem von „Territorien des Selbst“: Wie nah dürfen einem die eigenen Kinder oder Freund*innen kommen? Wie fern sollen einem die Nachbar*innen oder Fremde bleiben? Nicht nur Bekanntheits- und Vertrauensverhältnisse, sondern eine Vielzahl an Faktoren spielen bei solchen sozialräumlichen Anordnungen mit hinein: Differenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, die Frage des Geschlechts, Macht und Status oder das Agieren in einer bestimmten sozialen Rolle, um nur einige wenige Aspekte anzudeuten. Sie alle formen konzentrische Kreise, die sich um das Individuum anordnen. Welche dieser kleinen oder großen Radien verschieben sich aktuell, sortieren sich neu – oder haben Bestand?

Distanz halten allerorten wegen Abstandsgeboten?

Gerade jetzt, in einer Phase der Lockerung in weiten Teilen Europas, eröffnen sich vielfältige und interessante Blicke darauf, wie verschiedene alltagsterritoriale Konfigurationen und Setzungen aufeinander einwirken und auf welchen Ebenen sozialräumliche Strukturierungen (immer noch oder schon wieder) wirksam werden – oder auch nicht. Wenn die Polizei durch die städtische Fußgängerzone oder um den nahe gelegenen See fährt, um Verstöße gegen die geltenden rechtlichen Verfügungen zu ahnden oder allein über ihre sichtbare Präsenz die nach wie vor geltenden Abstandsgebote im kollektiven Bewusstsein zu halten, handelt es sich um eine staatlich-normative, rechtlich kodifizierte Dimension räumlicher Zuweisungen in Form von Ver- und Geboten. Ein anderer Aspekt sind die von Goffman beschriebenen Formationen von räumlichen Anordnungen, die auf soziokulturelle Weise gleichermaßen in unseren Körpern wie in unseren Köpfen verankert sind. Das äußert sich beispielsweise in einem Gefühl von Unbehagen und dem intuitiven Zurück- oder Ausweichen, wenn jemand sprichwörtlich „zu nah auf die Pelle“ rückt. Eine solche, durch kulturelle statt juristische Normen beeinflusste Form der räumlichen Orientierung und Anordnung kann mit dem rechtlich Niedergelegten übereinstimmen – muss sie aber bei Weitem nicht immer. Situationen des Konflikts aufzuspüren und genauer zu betrachten, wäre eine klassische ethnografische Herangehensweise, um diesem Mit- und Gegeneinander von unterschiedlichen Raumordnungen kulturwissenschaftlich näher auf den Grund zu gehen.

Eine andere Möglichkeit wäre, nach kulturellen Prägekräften und Wechselwirkungen zu fragen: Bildet sich über das epidemiologisch gebotene „Distancing“, dessen Handhabung und Ausgestaltung wir in den letzten Monaten alle erlernt haben, eine nachhaltig veränderte Form der sozialräumlichen Orientierung heraus? Oder überwiegen alltägliche Beharrungskräfte gegenüber den temporären Regulierungen? Ich wage gegenwärtig noch nicht, das zu beurteilen. Man wird abwarten und die Entwicklungen und Verhaltensweisen längerfristig mit einem mikrosoziologischen Fokus aufs Detail im Blick behalten müssen, um zu erfahren, inwiefern es auch weiterhin heißt: Mein rechter, rechter Platz ist leer… – und mein linker auch!

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Erving Goffman 1971: Verhalten in sozialen Situationen. Strukturen und Regeln der Interaktion im öffentlichen Raum. Gütersloh.

Erving Goffman 1974: Das Individuum im öffentlichen Austausch. Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung. Frankfurt am Main.