Oh, The Times They Are A-Changin’

„How did I get here? […] Time isn’t holding up, time isn’t after us. Same as it ever was, same as it ever was.“ So sang David Byrne, Sänger der Talking Heads, 1980 und tanzte in dem dazugehörigen Musikvideo im Anzug. Dieses Musikvideo sowie der Songtext beschreiben treffend eine Transformation des Alltags zu einem Zeitpunkt, in welchem der Mensch diejenigen Routinen und Selbstverständlichkeiten bemerkt, welche ihn umgeben, immer schon umgaben und eigentlich unhinterfragt blieben. In den Worten des lyrischen Ichs kann dies vom Hörer oder von der Hörerin als Existenzkrise aufgefasst werden. In Zeiten einer Pandemie wird der Alltag im Wimpernschlag transformiert und es ist unausweichlich zu bemerken, wie die Strukturen des Alltages sich verändern. Doch was führt dazu, dass Unhinterfragtes hinterfragt wird?

In der Kulturanthropologie ist das Themenfeld Alltag nicht wegzudenken und so beschreibt Wolfgang Kaschuba die Alltagswelt „als den jeweils konkreten Ort und die konkrete Zeit […] in denen Kultur ‚gelebt‘ und zugleich beobachtet wird“ (2006: 125). Akteur*innen handeln in ihrem sozialen Umfeld, treten in einer bestimmten Art und Weise auf und prägen unter anderem damit ihr routiniertes, zyklisiertes und alltägliches Leben. Die alltägliche Lebenswelt ist „der Wirklichkeitsbereich, an der der Mensch in unausweichlicher, regelmäßiger Wiederkehr teilnimmt“ (Schütz/Luckmann 2017: 29). Kleinigkeiten wie Aufstehen um eine bestimmte Uhrzeit, sich im Café mit Freund*innen treffen, arbeiten oder zur Uni gehen oder abends die Tagesschau sehen beeinflussen das, was der Mensch täglich als gegeben auffasst und ohne Frage tagtäglich fortführt. Mir persönlich fiel es vor drei, vielleicht auch vier Wochen auf: Beobachtet man täglich mehrmals im Newsfeed sozialer Netzwerke, wie sich die Lage der bereits betroffenen Länder innerhalb von Stunden ändert, wie Maßnahmen getroffen werden, so denkt man auch darüber nach, wie die Zukunft in dem Land, in welchem man sich selbst befindet, wohl aussehen möge. Und so kam es zu den Maßnahmen, in welchen wir uns nun befinden.

Um ehrlich zu sein, es fiel mir leicht, die Strukturen meines alltäglichen Lebens zu verändern. Anstatt im Café in der Innenstadt trinken meine Freund*innen und ich unseren Kaffee nun via Skype. Genauso unser Bier nicht mehr in der coolen Studierenden-Bar.

„In der natürlichen Einstellung tritt mir der mangelnde Einklang meines Wissensvorrats nur dann ins Bewußtsein, wenn eine neuartige Erfahrung nicht in das bishin als fraglos geltende Bezugsschema hineinpaßt“ (ebd.: 35).

Anhand dieser Textstelle wird klar, dass es nicht lediglich unhinterfragte Gegebenheiten im Alltag gibt, sondern dass jene auch veränderbar sind und resultierend von dem/der Akteur*in hinterfragt werden können, insofern eine neuartige Erfahrung vorliegt. Auf Basis dieser und anderer theoretischen Ansätze lässt sich herausstellen, dass Transformationen, Änderungen und Umbrüche in der alltäglichen Lebenswelt stattfinden. So transformierte sich mein Alltag in einer Geschwindigkeit, wie ich es in meinem bisherigen Leben nicht erwartet hätte. Das Szenario begann für mich vor circa vier Wochen, kurz bevor unsere Regierung die Maßnahmen der Ausgangssperre, wie sie heute vorliegt, getroffen hat. Mir fiel auf, dass ich unruhiger wurde, dass mir das Lachen wegblieb, wenn das Thema Corona aufkam und Freund*innen Scherze machten. Dass man kurz lachte, sich dann aber mit ein wenig Angst in die Augen sah. Darauf folgte die Selbstquarantäne, eine Maßnahme, um meine Angst zu verringern. Und dann? Viel schneller als gedacht war die Quarantäne mein Alltag. Ich beobachte gerade, was man nicht alles zuhause tun, wie sehr man sich mit sich selbst beschäftigen kann, auf Social-Media-Plattformen wie Instagram. Man wird geradezu damit überschwemmt, wie Freund*innen sich ihre Zeit vertreiben, oft versehen mit dem Hashtag „wirbleibenzuhause“. Aber ist das eine Integration in einen neuen Alltag, oder eine wahnsinnig lange liminale Phase? Meine bisherige Antwort ist: Irgendwie beides.

Immer wieder im Laufe des Lebens eines Akteurs oder einer Akteurin bilden sich sogenannte „Grenzsituationen“ aus. Beispielsweise in Lebenszeiten und -abschnitten, dem Wechsel zwischen einem Job oder Beruf, setzen sich Grenzen und es kommt zu einer Trennung von etwas Vorherigem. Arnold van Gennep setzte sich mit diesen Übergängen auseinander und stellte unter anderem die Hypothese auf, dass, wer Grenzen überschreitet, sich aus einer Ordnung heraus begibt und gleichermaßen wieder in eine neue Ordnung eingebunden werden muss (vgl. Kaschuba 2006: 188).

„Das Leben eines Menschen besteht […] in einer Folge von Etappen, deren End- und Anfangsphasen einander ähnlich sind: Geburt, soziale Pubertät, Elternschaft, Aufstieg in eine höhere Klasse, Tätigkeit, Spezialisierung. Zu jedem dieser Ereignisse gehören Zeremonien, deren Ziel identisch ist: Das Individuum aus einer genau definierten Situation in eine andere, ebenso genau definierte hinüberzuführen“ (Arnold van Gennep zit. nach Kaschuba 2006: 188).

Van Gennep trennt des Weiteren Umwandlungs-, Trennungs- und Angliederungsriten und versucht neben den Funktionen auch die Formen der Übergangsriten in soziale, räumliche und biografische zu gliedern. In Kaschubas Worten regeln diese Rituale Beziehungen und Gefühle und sichern dadurch letztlich Identität (vgl. ebd.: 188f.). Arnold van Genneps Drei-Stufen-Modell veranschaulicht die drei Phasen einer ‚rite de passage‘ und teilt ein in: Abschied, Schwellenphase und (Neu-)Integration. Demnach bedeutet die erste Phase die Trennung vom vorherigen Zustand, die Schwellenphase umfasst das Leben zwischen den beiden Situationen und mit der Neuintegration ist der/die Akteur*in wieder in einer neuen Umgebung, sei sie sozialer, emotionaler oder räumlicher Art.

Das Leben besteht also aus unterschiedlichen Etappen, was bedeutet, dass Grenzüberschreitungen stattfinden und von einer Situation in eine andere übergegangen wird, wodurch der/die Akteur*in sich in eine neue Ordnung eingliedern muss. Dadurch wird der unhinterfragte und routinierte Alltag, wenn die neue Situation, in welche übergegangen wird, ansteht, hinterfragt. In Bezug auf die Pandemie wurde hinterfragt, inwiefern man das Haus, wenn nicht dringend nötig, überhaupt verlassen sollte. Danach kam die Integration in den Quarantäne-Alltag. Und da befinden wir uns nun. Hat eine Neuintegration stattgefunden, ist die Transformation abgeschlossen, was jedoch nicht bedeutet, dass weitere Umbrüche und Übergänge ausgeschlossen sind. Ich warte in aller Ruhe in einer Mischung aus liminaler Phase und stattgefundener Neuintegration auf den nächsten Übergangsritus. Ab in den nächsten Alltag, der sich vermutlich von dem jetzigen, aber auch von dem vorherigen unterscheidet. Um Bob Dylans Antikriegslied zu zitieren:

„The line it is drawn, the curse it is cast […] As the present now will later be past […] For the times, they are a-changin’“

Katharina Glander (Freiburg im Breisgau)

Literatur & Quellen

Byrne, David (Talking Heads): Once in a Lifetime. Amerika 1980 (CD: Remain in Light, Sire Records, 1980).

Byrne, David: Talking Heads – Once in a Lifetime (Official Video) (Web: YouTube 2018). Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=5IsSpAOD6K8 (Stand: 07.03.2019).

Dylan, Bob: The Times They Are A-Changin’. Amerika 1964 (CD: The Times They Are A-Changin’, Columbia Records, 1964).

Kaschuba, Wolfgang (32006): Einführung in die Europäische Ethnologie. München.

Schütz, Alfred; Luckmann, Thomas (22017): Strukturen der Lebenswelt. München.

Photocredit: Tobias Becker

Quarrels and Quarantine

In public debates, persons who ignore or resist restrictions – e.g. when celebrating so-called Corona parties – are often confronted with accusations of being egoistic, threatening others and showing a lack of solidarity. Scholars in social anthropology are more skeptical of such strong normative claims though they do not automatically have to agree with this behaviour. Rather their analytical questions are concerned with the social reasons of these emerging protests and resistances. What exactly are those underlying cultural implications that come into conflict with each other?

To answer this, a comparative approach is very useful. In 2014/15, the West African states Sierra Leone, Liberia und Guinea were strongly affected by the epidemic of Ebola. There had been earlier spreads of Ebola in rural regions, yet this specific proliferation became an urban problem, as the social anthropologist Danny Hoffman, Washington University, points out. In an article he deals with the situation at West Point, the oldest slum of Liberia’s capital Monrovia (Hoffman 2016). This settlement with its 60,000 inhabitants was set under quarantine in summer of 2014 and quite soon violent riots and attacks occurred. Moreover, various practices of smuggling and attempts to escape took place. Young men were trying to break through the barricades. Only ten days after its implementation the quarantine had to be cancelled. To sum up, it had turned out to be a total disaster.

Segregation and the Fiction of Order

“The encircling, spherical form of the quarantine was, like any form, a political ordering,” Danny Hoffman argues (ibid.: 247). He recalls Michel Foucault’s analysis, „that subjects marked as abnormal, diseased, criminal, or illicit should be isolated for their own betterment and for the collective good.” As Hoffman explains, the “emergence of these spaces of separation and observation, spaces that oppose the dangerous body of the individual to the collective social body, marks the transition into the modern age. Subjects who resist the logic of these disciplining institutions, who fight their confinement or resist enclosure and separation, simply reinforce the perception that they are dangerous, amoral actors who need and deserve their segregation” (ibid.: 253).

“The Liberian government’s quarantine was just such an effort to maintain the fiction of order and control by imposing on the people of West Point a false choice,” Hoffman continues. “They could ‘voluntarily’ accept the enforced quarantine, an obvious if unstated death sentence, or they could challenge the military and the material reality of the Ebola ward in their midst. As an act of resistance, violence directed at security forces and the Ebola ward could accomplish nothing except to demonstrate the absurd impossibility of the false choice they had been given. But it was the path some West Pointers decided to take” (ibid.: 254).

Of course, the specific circumstances and conditions of this Ebola situation differ from those in the current spread of Covid-19. Nonetheless, a detailed comparison is able to investigate common motives on the one hand and reveal idiosyncrasies on the other. Whenever social anthropologists reflect on arising deviations they do not want to simply justify resistant behaviour for any “cultural” reasons in a quite naive way. Unlike flat attacks or premature degradations reflexive cultural analysis asks about subtle notions and divergent performances in social arrangements.

The State and its Citizens

Both the Liberian example analysed by Danny Hoffman and the current discussion on adequacy and strict adherence to the instructions set by Covid-19 show conflicting conceptions of the relationship between the state and its citizens. Liberals argue that the state always has to explain its elaborated policies and must give very plausible reasons whenever individual freedom is restricted. Other political positions stress the urgency and lack of alternative of regulations and interventions and call for strong leadership. Thus, whenever integral civil rights – e.g. assembling at public places – are revoked, there occur highly relevant questions on legitimization and appropriateness in almost any pluralistic democracies. (Just look at Hungary for the opposite.)

In Germany, the restrictions to slow down further spread of Covid-19 are in existence for roughly a single week. However, calls for releasing them and also various discussions about possible “exit strategies” are increasing already. How much will inconvenience in politics and everyday life rise in the next weeks? Which protests might occur? An ethnographic analysis of these “politics of urban space” (ibid.: 248) and the different underlying imaginations of citizenship can gain a much more detailed conception and nuanced understanding of such emerging conflicts on adequateness and acceptability.

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau); acknowledgements to Elena Hernandez for pointing me to Hoffman’s article and to Isabella Hesse

Literature

Danny Hoffman 2016: A Crouching Village: Ebola and the Empty Gestures of Quarantine in Monrovia. In: City & Society 28/2: 246–264.