Das Dubioza Kolektiv und seine Quarantine Shows – eine Online-Konzertreihe aus dem Balkan gegen die Pandemie

Wenn Museen, Kultureinrichtungen und Konzerthallen geschlossen bleiben müssen, bietet das Internet eine Alternative, um kulturelle Inhalte zu verfolgen und auch zu verbreiten. Die Pariser Staatsoper, die Hamburger Elbphilharmonie und der Cirque du Soleil aus Québec sind nur drei der vielen großen Einrichtungen, die kostenfrei während der Pandemie Aufnahmen vergangener Inszenierungen oder Interviews mit Stars im Internet zur Verfügung stellen. Weltbekannte Museen können online besichtigt werden – das Schloss Versailles ist gar im Virtual-Reality-Format zugänglich. Den Musiker_innen fehlen ihre Veranstaltungsräume und sie müssen nach Alternativen suchen, um weiter vor Publikum zu spielen. Die bosnische Band Dubioza Kolektiv, die seit circa 20 Jahren den Balkan rockt, veranstaltet seit dem 27. März 2020 eine kostenfreie Online-Quarantine Show. Jeden Montag um 20:30 Uhr spielt die Band auf ihrer Facebook-Seite live aus bis zu acht verschiedenen Orten in drei Ländern des Balkans und noch dazu synchron. Bis zu 50.000 Live-Views erreichen die Konzerte jeweils, dazu kommen noch Views auf YouTube und Instagram für Auszüge der Konzerte. Dieser Beitrag möchte dieses wegen der Corona-Krise verbreitete Format präsentieren und darüber reflektieren, wie Online-Live-Shows Menschen in schweren Zeiten näher zusammenbringen und dennoch den Nutzen des Internets hinterfragen.

Dubioza Kolektiv: eine Band, die seit langem mit dem Internet spielt

Das siebte Album der Band, das ihr außerhalb des Balkans eine gewisse internationale Bekanntheit einbrachte, ist „Happy machine“, als Anspielung auf das Leben mit Maschinen und Technik, u. a. mit Internet-Suchmaschinen. Die Band hat sich längst der Frage des freien Internets und der modernen Kommunikationsprobleme gewidmet. Es ist also nicht erstaunlich, dass die Ausgangssperren im Zuge der Corona-Pandemie einen Grund boten, um kostenfreie Konzerte online zu veranstalten.

Der dritte Song aus dem Album „Happy Machine“ heißt „Free.Mp3 – The Pirate Bay Song“ (in Anspielung auf The Pirate Bay und das ursprüngliche, freie Internet ohne Urheberrechte). Der Refrain des Songs deutet auf die freie Nutzung der dort zu findenden Musik und sagt viel über die Positionierung der Band gegenüber der kommerziellen Rockszene und der Musikindustrie aus. Die Hauptbotschaft der Band ist klar: Die Musik und das Internet gehören allen, und müssen deshalb kostenlos bleiben.

Our music is for free
You can download Mp3
Keep it playing on repeat
If you hate it – press delete

Das Reimen von „free“ und „Mp3“ sowie auch „repeat“ und „delete“ (was tatsächlich im Clip-Bild zu sehen ist [Minute 1:35]) zeigt, dass Musik im Internet im Grunde ersetzbar und austauschbar ist: das Gleiche gilt für die Musiker_innen und sogar die User_innen, die deren Musik konsumieren. Diese Botschaft wird im dazugehörigen Videoclip verstärkt: Die Protagonist_innen tanzen als Pirat_innen verkleidet um das Bild herum und „stehlen“ die jeweiligen Tracks oder kleben „free“-Aufkleber auf augenscheinliche Online_Musik-Verkaufsseiten. Schon in der ersten Sekunde des Clips ist ein Tablet zu sehen, auf dem die Google-Suchmaschine geöffnet ist; sogleich werden die Worte „Download free mp3“ eingetippt. So führt die Internetrecherche zu einem Youtube-Video des Dubioza Kolektiv beim Eurovision Song Contest mit dem o. g. Refrain, also ein Bild im Bild. Ab Minute 0:24 wird das Bild des Tablets nach rechts gewischt: Der Hauptdarsteller steigt aus einem Hintergrund, der an den Film Matrix erinnert (jedoch werden Zeichen verschiedener Währungen  auf einem gelben Hintergrund dargestellt, in Anlehnung an das  Cover des Albums). Ferner klettern die Sänger auf die Wikileaks-Seite oder die YouTube-Empfehlungen, und schlagen das Bild von Youtube ein, wenn dieses den Text „Unfortunately, this content is not available in your country […]“ zeigt. Im selben Videoclip, zum Text „Everybody downloads pornography – and Dubioza Kolektiv MP3“, laufen die Sänger auf ein Porno-Set (Minute 1:24); ab Minute 1:33 regen sich die Darsteller_innen verschiedener (Porno-)Filme aus getrennten Bildern über auf deren Störung auf. Ferner kann beobachtet werden, wie Brano Jakubović aus dem YouTube-Bild selbst die Anzahl der Views einstellt  (von 560.721 auf 14.376.995). Dies kann als Provokation gegenüber der (kommerziellen) Musikindustrie und der Macht von YouTube, über Leben und Tod eines Musikstückes zu entscheiden, verstanden werden.

#FakeNews, der Name des neuesten Albums (2020), verrät auch ein Interesse für zeitgenössische Internet-Phänomene und ganz besonders für die Verbreitung falscher Informationen online (Musicodrome 2020). Dieser Name mit dem Nutzen eines Hashtags in dem Titel zeigt ein aktuelles Verständnis von Internet und Sozialen Netzwerken, aber auch eine Mise en Abyme des Hashtags, der zur selben Zeit das Album „schmückt“ und auch erkennbar macht.

Klischees und Balkan-Identität werden laut und romantisch gerockt

Weiterhin ist anzumerken, dass die Band Klischees über den Balkan aufgreift und diese kreativ bearbeitet. Auf dem Album „Happy Machine“ befindet sich ein Beispiel dafür, nämlich das Lied „No Escape from Balkan“. Darin wird der besondere „Balkan-Lebensstil“ auf zwei Arten dargestellt: Einerseits können sich diejenigen, die ihn leben, ihm nicht entziehen, andererseits rücken dessen lebendige und lebenswerte Eigenschaften in den Mittelpunkt. Im Video tanzen die Bewohner_innen eines Balkan-Dorfes einen traditionellen Tanz, grillen Fleisch und trinken Rakija, während die Band-Mitglieder den Refrain „No Escape from“ laut rocken. Während den Quarantine Shows wird dies mit Anspielungen konkreter Phänomene verbunden, die mit der Pandemie aufkamen – Desinfektionsmittel werden mit Alkohol verglichen, denn es sei wichtig, nicht nur den Körper zu desinfizieren, sondern auch die Seele. Dafür werden verschiedene Mittel verwendet, zum Beispiel Wodka oder hier Rakjia.

Provokativer Rock gegen Corona-Zeiten

Der Facebook-Post, der die Quarantäne-Konzerte ankündigt, erwähnt, dass die Konzerte die Isolationszeit angenehmer machen sollen sowie der Verbreitung der Musik der Band dienen. Ähnlich wie in Italien, dessen Bewohner_innen seit Mitte März als Reaktion auf die dortigen Ausgangssperren auf ihren Balkonen zusammen singen oder Sport treiben, hat die Konzert-Reihe des Dubioza Kolektivs das Ziel, Abwechslung zu bieten und ihren Fans in der Krise Spaß und Freude zu machen. In dem Video-Clip, das die Konzert-Reihe ankündigt, erklärt der Hauptmusiker, wie man sich während des Konzerts zu benehmen hat. Es muss genau das gemacht werden, was man bei „normalen“ Konzerten auch macht: Laut werden, tanzen und mitsingen. Sollten sich die Nachbarn beschweren, so müssen diese (virtuell) mit eingeladen werden und den Link zu den Konzerten erhalten.

Stay connected and desinfected

Mit Humor spielt die Band auf die pandemiebedingten Verhältnisse an: Das Motto der Quarantine Show lautet „Stay Connected and Disinfected“; dies ist auch auf dem aktualisierten Logo der Band zu lesen. Das Logo zeigt einen Piraten, der aber momentan eine Nuklearmaske trägt (also eine Überspitzung der Mundschutzpflicht). Das Motto liegt nahe, da es sich reimt, aber auch, weil es auf konkrete Maßnahmen zur Kontrolle der Pandemie aufmerksam macht.

Die Pandemie selbst wird ebenfalls zum Thema der Konzerte. In der Aufnahme vom 6. April wird das Lied „Brijuni (Corona Edition)“ gespielt. In dessen Refrain kommen Balkan-Blasinstrumente zentral zum Einsatz, es wird aber auch die Pandemie beschimpft. Dies dient der kreativen Verarbeitung der Pandemie als eine Art Katharsis für die Musiker_innen und das Publikum; drückt aber auch eine gewisse Hilflosigkeit gegenüber der momentanen Situation aus.

Interaktives Format

Die Shows werden live übertragen, sodass die Konzerte auch zeitversetzt auf der Facebook-Seite des Dubioza Kolektivs abrufbar sind. Sichtbar werden über Split-Screen, die verschiedenen Aufnahme-Orte und wenn Kinder der Musiker_innen zu den Aufnahmen dazukommen. Übertragen werden auch einzelne Lieder auf Instagram und Twitter. In der ersten Folge springen drei der Gitarren-Spieler genau zur selben Zeit, ohne sich zu sehen, was für sorgfältige Probearbeit spricht. Während des zweiten Konzerts tritt trotzdem das „reale“ Leben in das Konzert hinein, indem eines der Kinder des Bass-Spielers in das Wohnzimmer kommt und der Musik zuhört, auch wenn dessen Mutter versucht, das Kind zu überreden, das Wohnzimmer zu verlassen. Trotzdem spielt die Band synchron weiter, was den Eindruck einer tatsächlichen Live-Übertragung bestätigt.

Kommentarfunktion 2.0

Anzumerken ist zudem, dass die Fans während des Konzerts Grüße auf der Seite hinterlassen können. Besonders Italiener_innen, die aus Italien die Musiker_innen und die Fans „grüßen“, werden intensiv mit Facebook-Herzchen und „Daumen hoch“ als Zeichen der Mitmenschlichkeit zurückgegrüßt.

Bei den Live-Konzerten wird großer Wert darauf gelegt, den Zuschauer_innen die Songtexte beizubringen. Bei Online-Konzerten kommt dies nicht zu kurz: Am 06. April 2020 wird vorgeschlagen, die Songtexte eines Liedes immer wieder in die Kommentare zu tippen, sodass alle Zuschauer_innen sie lernen können. Der Effekt ist der gleiche, nur dass das Lernen von zu Hause aus passiert und über das Internet vermittelt wird. Allerdings fällt schnell auf, dass diese zu wiederholenden Lyrics ironischerweise aus „Lalala“-Wiederholungen bestehen. Dies spricht wiederum für Humor und Selbstironie von Seiten der Band, aber auch dafür, dass das Internet als Format der Interaktion von der Band wie dem Publikum angenommen wird. Die Band arbeitet gerne interaktiv, und Online-Formate vervielfachen die entsprechenden Möglichkeiten.

Am 20. April werden die Gäste zur „most pathetic show“ begrüßt. Dabei werden die Zuschauer_innen vom Sänger Brano Jakubović aufgerufen, die „besten“ und „verrücktesten“ Kommentare zu schreiben. Bis zu 5.000 Kommentare werden pro Konzert eingetippt, manchmal mit den echten Song-Texten, manchmal mit Grüßen aus den Wohnzimmern der Zuschauer_innen. Direkt während des ersten Songs, ab Minute 3:22, wird weiterhin für Interaktion gesorgt. Die Zuschauer_innen sollen über Kommentare mit den Musiker_innen interagieren. Dafür hält Armin Bušatlić Plakate mit Aufforderungen, ‚Texte‘ zu tippen, in die Kamera: „Type Hooo“ und „Type Yeah“. Dies spricht wieder für bewusste und in die Show integrierte direkte Interaktion mit dem Publikum sowie für Selbstironie, weil die einzigen Kommentare, die gemacht werden können (und sollen), aus austauschbaren Textbausteinen ohne großen Aussagewert bestehen.

Mrs. Googletta Transleatovich sorgt für Interaktion und Ironie

Größtenteils singen und sprechen die Bandmitglieder Bosnisch, auch wenn einige Songs auf Englisch gesungen werden (etwa der oben erwähnte Song „No Escape from Balkan“). „Googletta Transleatovich“ wird als Übersetzerin verwendet. Bei Live-Konzerten übersetzt diese Stimme die Präsentation der Band ins Englische. Nach unserem Wissen hatte sie vor den Quarantine Shows keinen Namen; seit dem 27. April hat sie sogar ihre eigene Facebook-Seite. Hier wird erneut deutlich, dass sich die Band mit dem Thema des Lebens und Lernens mit technologischer Unterstützung auseinandersetzt – die Stimme spricht ohne Emotionen und es bleibt unklar, ob sie bereits vorab aufgenommen wurde oder ob tatsächlich live – über Google – übersetzt wird. Interessant ist es anzumerken, dass Googletta die einzige „weiblich“ gelesene Protagonistin darstellt, während die Band aus sieben Männern besteht. Natürlich übersetzt sie nicht direkt das, was gesagt worden ist, sondern kommentiert und reflektiert über ihren „Algorythmus“. Am 20. April „rappt“ Googletta mit Brano Jakubović, Almir Hasanbegović und Armin Bušatlić auf dem Lied „French Song“ und macht sich über die Musik der Band lustig.

Während der letzten Aufführung am 27. April 2020 nimmt Googletta Transleatovich eine größere Rolle ein. Nach einer bis zur 20. Minute ununterbrochenen Cover-Show fordert Brano Jakubović sie auf, zu übersetzen, aber Googletta weigert sich und kritisiert die Musik der Band. Sie erzählt, sie würde sich selbst löschen und soll gar nicht mehr „in an internet search engine“ eingetippt werden. Jakubović versucht, sie zu überreden, zu bleiben, indem er den nächsten Song ihr widmet: „We really need you on this show. People of this planet need you. […] Googletta, come back“. Die Band spielt daraufhin „You’re just too good to be true…“. Ironisch ist natürlich das Gespräch zwischen Jakubović und Googletta, und deren Auseinandersetzung über die Qualität der gespielten Musik. Aber das Widmen eines Songs mit dem Refrain „I love you baby, I need you baby“ zeigt, dass wir uns unserer Abhängigkeit von Technik bewusst sind und wir zu ihr ein emotionales Verhältnis haben. Die Anthropomorphisierung einer Software mit eigenem Willen und Gefühle sagt viel aus über die Einstellung der Band gegenüber den Suchmaschinen: Googletta wird zum Teil gebraucht, zum Teil geliebt, immer aber ist sie nicht ganz neutral und frei von Emotionen: „Even though I’m a machine, in fact software, something has appeared in my code. I think I felt something. Is this an emotion? Can a software feel an emotion?“

Schlussbetrachtung

Die Band hat augenscheinlich mit großer Sorgfalt die jeweiligen Konzerte vorbereitet und legt großen Wert auf Interaktion trotz Distanz. Dafür hat sich die Band mehrere Möglichkeiten ausgedacht, sodass Zuschauer_innen „wie beim echten Konzert“ mittanzen und singen.

Es kann gesagt werden, dass dieses Format der Live-Quarantäne-Konzerte nicht nur viel Spaß für die Band wie auch die Fans bringt, sondern auch ein Zeichen der Mitmenschlichkeit darstellt. Als Zeichen der Solidarität mit Italiener_innen wurde am 6. April auf Italienisch mit Gino Srdjan Yevdjevich aus Seattle [SIC] das äußerst symbolbehaftete Lied „Bella Ciao“ gesungen. Das Internet wird dadurch zur Verbreitung menschlicher Wärme und zur Kommunikation genutzt. Ein solches Format mit regulärem Treffen begünstigt die Möglichkeit des Zusammenhalts und des Austauschs, über räumliche Grenzen hinweg. So ist auch der Zweck des Internets erfüllt: Informationen (und Musik) auszutauschen, Menschen einander näherbringen und positive Gefühle und Zusammenhalt herzustellen.

Anne-Coralie Bonnaire (Chemnitz)

Die Autorin

Anne-Coralie Bonnaire, binationale Promotion im Fach Kommunikations- und Medienwissenschaft sowie Erziehungswissenschaft in Leipzig und Paris. 2016-2019 Mitarbeiterin im Projekt „Integration internationaler Studierender“ an der TU Chemnitz. 2019-2020 Vertretung der JProfessur Interkulturelle Pädagogik der TU Chemnitz. Zuvor Projektleitung im Deutsch-Französischen Austausch und in Bulgarien. Forschungsschwerpunkte: interkulturelles Lernen und Lehren, Diversität in den (Hoch)schule, Migrant_innenbilder.

Fotocredit: Skitterphoto / pixabay / https://pixabay.com/de/photos/mic-mikrofon-soundcheck-singen-1132528/