Hier stehe ich, ich kann nicht anders

Man hält jetzt Abstand zueinander, lautet das Gebot. Das bedeutet auch: Man steht jetzt anders in der Warteschlange. Anhand des Schlange-Stehens zeigt sich für den mikroperspektivischen und lebensnahen Blick der empirischen Kulturwissenschaft, wie ephemere Normen und Ordnungsvorstellungen in konkreten Praktiken wirksam werden. Denn wie unter einem Brennglas offenbaren sich hier dynamische Veränderungen kultureller Alltagspraktiken und Routinewirklichkeiten.

Treten wir für eine genauere Betrachtung zumindest gedanklich einen Schritt zurück: Was passiert eigentlich in solchen Momenten, in denen vermeintlich nichts passiert? Was tun wir, wenn wir Schlange stehen und warten? Wie tun wir das? Und inwiefern tun wir das gerade anders?

Eingespieltes Einreihen

„In einer Schlange zu stehen, ist eine ergiebige und faszinierende Weise, nichts zu tun. Es ist auch, im Unterschied zu einsameren Formen des Wartens, eine ausgesprochen soziale Tätigkeit“, schreiben die beiden schwedischen Ethnologen Billy Ehn und Orvar Löfgren über diese Spielart des alltäglichen Nichts-Tuns. „In städtischen Umgebungen finden sich fremde Menschen erfolgreich zu mehr oder weniger geraden Reihen zusammen. Sie verbringen Zeit miteinander, schweigsam oder plaudernd, je nach örtlichen oder nationalen kulturellen Traditionen. Insofern ist das Schlangestehen auch eine lehrreiche Beschäftigung, die unausgesprochenen Regeln folgt und es den Menschen erlaubt, einander unauffällig zu beobachten“ (Ehn/Löfgren 2012: 73f.; vgl. ebd.: 56–73).

Die Autoren deuten eine ganze Reihe an wichtigen Aspekten an: den Faktor der Fremdheit, das wechselseitige Beäugen durch die Anwesenheit der Anderen, informelle Kommunikation und Kontakt(-vermeidung). Der Soziologe Stefan Hirschauer hat einmal in einem Aufsatz (1999) die Reihenpositionierung sowie die Steh- und Blickordnungen von Menschen bei Fahrstuhlfahrten beschrieben. Eine ähnliche analytische Perspektive, die ihren Blick auf solche Details des körperlichen Vollzugs richtet, lässt sich auch gewinnbringend auf das Schlange-Stehen übertragen: Warteschlangen sind dann soziale Choreographien. Es geht um spezifische Formen der Anordnung einzelner Körper, um das Abstecken von Räumen, um Vereinzelung und Kollektivität. Warteschlangen sind ein individuelles Wir.

Vorsichtiges Vorrücken

Dieses räumliche Miteinander, Aneinander und Hintereinander, die topologische Ordnung der Fußpaare und ihrer Menschen, hat sich seit ein paar Wochen verändert. Wenn aufgrund von Hygienebestimmungen die Kapazitäten von Läden und Filialen geringer sind und nur eine bestimmte Anzahl an Personen hereingelassen werden darf, kommt es mit höherer Wahrscheinlichkeit zu Nachfrageüberschussen und einer vermehrten Schlangenbildung. Solche Ansammlungen von vielen Menschen auf wenig Raum können dann allerdings schnell wieder zu einem Problem werden, das geregelt und einzudämmen versucht wird. Beispielsweise schreibt die Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg in der aktuellen Fassung vom 17. April 2020 vor, dass „Betriebe und Einrichtung mit Kundenverkehr darauf hinzuwirken [haben], dass im Rahmen der örtlichen Gegebenheiten der Zutritt gesteuert und Warteschlangen vermieden werden“ (§4, Abs. 5, Satz 1).

„Insbesondere ist darauf hinzuwirken“, fährt die Verordnung fort, „dass ein Abstand von möglichst 2 Metern, mindestens 1,5 Metern zwischen Personen eingehalten wird, sofern keine geeigneten Trennvorrichtungen vorhanden sind“ (ebd., Satz 2). Die Wartenden halten aber nicht deswegen einen größeren Abstand zueinander ein, weil sie alle die Corona-Verordnung gelesen haben. Sondern solche Regularien haben sich vielmehr in Gestalt informeller Normen im kollektiven, habitualisierten Körperwissen festgesetzt und werden so im Alltag wirksam.

Denn Schlange-Stehen ist stets verbunden mit einem informellen Know-How, einem praktischen Können. Es gibt keinen Volkshochschulkurs und keine „Schritt-für-Schritt“-Anleitung, wie man richtig Schlange steht. Sondern diese Alltagspraxis realisiert sich durch ihren aktiven Vollzug und ist dabei begleitet von etlichen informellen Regularien und „ungeschriebenen Gesetzen“: Wann rückt man wie stark weiter? Soll man miteinander sprechen oder lieber schweigen? Darf man jemanden vorlassen oder Plätze für andere reservieren? In Situationen des Wartens schlagen sich unzählige unausgesprochene Regeln des Sozialen nieder.

Eigentlich ist das Schlange-Stehen daher ein moralisches Minenfeld. Aber normalerweise fällt das nur in Fällen von punktuellen Störungen auf (der Klassiker ist das Vordrängeln). Derzeit jedoch werden andere kulturelle Ordnungen und Regeln wirksam und das Einreihen und Anstehen, das ansonsten eines unhinterfragten körperlichen Tuns und keiner sprachlichen Kommunikation bedarf, verändert sich. Soziale Praxis und soziale Ordnung wirken aufeinander, gegeneinander, miteinander.

Disziplinierende und dirigierende Dinge

Manche Supermärkte schreiben die Benutzung von Einkaufswägen vor, um das gegenseitige Abstand-Halten sicherzustellen. Ein Einkaufsladen in meiner Nähe hat vor einigen Wochen unzählige Hinweise auf den Boden geklebt: „Bitte Abstand halten“ heißt es seitdem an jedem Gang zwischen den einzelnen Regalen und auch gestaffelt vor den Kassen. Und ein Floristik-Geschäft ein paar Straßen weiter hat mit neongrüner Farbe drei parallele Striche im Abstand von circa eineinhalb Metern auf den Eingangsbereich gesprayt. Sie deuten an, wo genau sich Wartende positionieren sollen.

Solche Markierungen – von denen sich noch zig weitere Beispiele in Form von Aufklebern, Warnbändern, Aufstellern oder Hinweistafeln sammeln lassen – stellen eine „Vielzahl an Warteartefakten“ (May 2017: 17) dar. Sie haben ordnende Funktion und zwar, ohne dass diese verbalisiert werden muss. Sie sind Dinge der Disziplinierung, und das durch ihr bloßes Vorhanden-Sein. Ist die Intention der „Bitte Abstand halten“-Aufkleber noch verbalisiert, so erschließt sich die Bedeutung der drei grünen Striche und anderer minimalistischer Markierungen auch ohne explizite Erläuterung. Zentral für solche Warteartefakte ist vielmehr ihre materielle Präsenz.

Das kulturanalytische Konzept der Affordanz (vgl. Bareither 2019: 10–13) betont den Aufforderungs- und Angebotscharakter von Dingen, der bestimmte Möglichkeiten der Handhabung bereitstellt und damit Umgangsformen und Gebrauchsweisen lenkt. So betrachtet handelt es sich bei den genannten Beispielen von Warteartefakten um materiell-symbolische Arrangements, welche die Handlung des Schlange-Stehens beeinflussen. Und zwar in einem solchen Sinne, dass sie zwar nicht dazu zwingen – denn es wäre ein Leichtes, die Hinweise zu ignorieren –; aber die Präsenz der Dinge erzielt meist dennoch einen gewünschten Effekt. Es wäre ein Leichtes, aber es passiert eben doch nicht. Sondern Potenzial wird zu Praxis und die Dinge zu Dirigenten der Warteschlangen. Hier stehe ich, ich kann, ich soll, ich darf nicht anders. – Der Nächste bitte!

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Bareither, Christoph (2019): Medien der Alltäglichkeit. Der Beitrag der Europäischen Ethnologie zum Feld der Medien- und Digitalanthropologie. In: Zeitschrift für Volkskunde 115/1: 3–26.

Ehn, Billy & Löfgren, Orvar (2012): Nichtstun. Eine Kulturanalyse des Ereignislosen und Flüchtigen. Hamburg [engl. Erstausgabe 2010].

Hirschauer, Stefan (1999): Die Praxis der Fremdheit und die Minimierung von Anwesenheit. Eine Fahrstuhlfahrt. In: Soziale Welt 50: 221–246.

May, Sarah (2017): Beobachtungen in einer zeitlichen Zwischenphase – eine Einführung. In: dies. (Hg.): WarteArt. Beobachtungen in einer zeitlichen Zwischenphase. Freiburg im Breisgau: 14–19.

Bildquelle: Unsplash / Macau Photo Agency

Quarrels and Quarantine

In public debates, persons who ignore or resist restrictions – e.g. when celebrating so-called Corona parties – are often confronted with accusations of being egoistic, threatening others and showing a lack of solidarity. Scholars in social anthropology are more skeptical of such strong normative claims though they do not automatically have to agree with this behaviour. Rather their analytical questions are concerned with the social reasons of these emerging protests and resistances. What exactly are those underlying cultural implications that come into conflict with each other?

To answer this, a comparative approach is very useful. In 2014/15, the West African states Sierra Leone, Liberia und Guinea were strongly affected by the epidemic of Ebola. There had been earlier spreads of Ebola in rural regions, yet this specific proliferation became an urban problem, as the social anthropologist Danny Hoffman, Washington University, points out. In an article he deals with the situation at West Point, the oldest slum of Liberia’s capital Monrovia (Hoffman 2016). This settlement with its 60,000 inhabitants was set under quarantine in summer of 2014 and quite soon violent riots and attacks occurred. Moreover, various practices of smuggling and attempts to escape took place. Young men were trying to break through the barricades. Only ten days after its implementation the quarantine had to be cancelled. To sum up, it had turned out to be a total disaster.

Segregation and the Fiction of Order

“The encircling, spherical form of the quarantine was, like any form, a political ordering,” Danny Hoffman argues (ibid.: 247). He recalls Michel Foucault’s analysis, „that subjects marked as abnormal, diseased, criminal, or illicit should be isolated for their own betterment and for the collective good.” As Hoffman explains, the “emergence of these spaces of separation and observation, spaces that oppose the dangerous body of the individual to the collective social body, marks the transition into the modern age. Subjects who resist the logic of these disciplining institutions, who fight their confinement or resist enclosure and separation, simply reinforce the perception that they are dangerous, amoral actors who need and deserve their segregation” (ibid.: 253).

“The Liberian government’s quarantine was just such an effort to maintain the fiction of order and control by imposing on the people of West Point a false choice,” Hoffman continues. “They could ‘voluntarily’ accept the enforced quarantine, an obvious if unstated death sentence, or they could challenge the military and the material reality of the Ebola ward in their midst. As an act of resistance, violence directed at security forces and the Ebola ward could accomplish nothing except to demonstrate the absurd impossibility of the false choice they had been given. But it was the path some West Pointers decided to take” (ibid.: 254).

Of course, the specific circumstances and conditions of this Ebola situation differ from those in the current spread of Covid-19. Nonetheless, a detailed comparison is able to investigate common motives on the one hand and reveal idiosyncrasies on the other. Whenever social anthropologists reflect on arising deviations they do not want to simply justify resistant behaviour for any “cultural” reasons in a quite naive way. Unlike flat attacks or premature degradations reflexive cultural analysis asks about subtle notions and divergent performances in social arrangements.

The State and its Citizens

Both the Liberian example analysed by Danny Hoffman and the current discussion on adequacy and strict adherence to the instructions set by Covid-19 show conflicting conceptions of the relationship between the state and its citizens. Liberals argue that the state always has to explain its elaborated policies and must give very plausible reasons whenever individual freedom is restricted. Other political positions stress the urgency and lack of alternative of regulations and interventions and call for strong leadership. Thus, whenever integral civil rights – e.g. assembling at public places – are revoked, there occur highly relevant questions on legitimization and appropriateness in almost any pluralistic democracies. (Just look at Hungary for the opposite.)

In Germany, the restrictions to slow down further spread of Covid-19 are in existence for roughly a single week. However, calls for releasing them and also various discussions about possible “exit strategies” are increasing already. How much will inconvenience in politics and everyday life rise in the next weeks? Which protests might occur? An ethnographic analysis of these “politics of urban space” (ibid.: 248) and the different underlying imaginations of citizenship can gain a much more detailed conception and nuanced understanding of such emerging conflicts on adequateness and acceptability.

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau); acknowledgements to Elena Hernandez for pointing me to Hoffman’s article and to Isabella Hesse

Literature

Danny Hoffman 2016: A Crouching Village: Ebola and the Empty Gestures of Quarantine in Monrovia. In: City & Society 28/2: 246–264.

„Ich kenne kein Weekend“

Spätestens am Sonntagabend tauchen in meinen Feeds auf Social-Media-Seiten die ersten Beiträge zum Thema „Montag“ auf: „Wenn du Sonntag schon wieder an Montag denkst.“ „Sei immer du selbst. Außer du bist Montag, dann sei Freitag.“ „Möge dein Kaffee stark sein und dein Montag kurz.“ Stets visuell untermalt durch schlafende Arbeitnehmer*innen, Faultiere und quengelnde Kinder. Montag, stilisiert als unheilvoller Beginn einer neuen Woche, die nur auf das ersehnte „hoch die Hände, Wochenende“ hinarbeitet. Dieser Tage ist es anders. Corona dominiert auch die humoristischen Betrachtungen des Alltaglebens, wobei ein Thema immer wieder aufgegriffen wird: der Verlust von Zeitlichkeit. Besonders auf den Punkt bringt es wohl der Instagram-Nutzer Seth, besser bekannt als dudewithsign, wenn er fragt: „What Fkn Day is it?“

Eine Woche regelt unseren Alltag und wird durch unseren Alltag geregelt. Sie ist ein Ordnungssystem, das zwischen Werktag und Wochenende unterscheidet, zwischen Arbeit und Freizeit. Es gibt Wochenpläne, die die Wochenaufgaben zusammenfassen. Das Wochenende steht dem Wochenanfang gegenüber; Ferienhäuser werden wochenweise vermietet; in Wochen wird der Abstand bis zum nächsten Urlaub angegeben; 52 Wochen bilden ein Jahr… Kurz: ein wochenweises Denken hat sich etabliert.

Schärft man den Blick durch die sozialkonstruktivistische Brille weiter, wird deutlich, dass die Woche selbst nicht per se gegeben ist, sondern durch verschiedene räumliche und soziale Arrangements geprägt wird. Die Arbeitstage werden unter anderem definiert durch den Weg ins Büro und den Austausch mit den Kolleg*innen, während das Wochenende Treffen im Freundeskreis und Ausflüge nahelegt.

Diese Elemente fallen in der gegenwärtigen Situation für viele Menschen weg. Das merke ich selbst an meinem subjektiven Corona-Alltag. Meinem Job als Hilfskraft gehe ich im Homeoffice nach. Wenn ich Aufgaben bearbeite, die für einen längeren Zeitraum definiert sind, fällt es schwer, das Notebook am Samstag und Sonntag beiseitezulegen. Arbeit und Freizeit überlagern sich räumlich und sozial in dem Maße, dass die Differenzierung teilweise hinfällig wird. Indizien dafür, dass gerade doch Wochenende ist, bieten mir dann noch Formate, wie das TV-Programm, die an der wochenweisen Strukturierung festhalten. Frei nach Joseph Beuys ließe sich gerade behaupten: „Ich kenne kein Weekend.“

Zumindest erkenne ich es nicht. Dieser Befund ist sicherlich höchst kontingent und abhängig von den verschiedenen Kontexten der jeweiligen Personen. Im Alltagsleben einer befreundeten Lehrerin äußert sich die Wochenstruktur beispielsweise deutlich stärker: Sie bereitet Wochenpläne für die Schüler*innen vor und führt morgens an den Werktagen Telefonate mit den Erziehungsberechtigten. In Bezug auf ihre Interaktion mit Bekannten und Familie wird aber auch hier deutlich, dass das räumliche Setting und die zeitliche Strukturierung an Bedeutung verlieren, da Telefonate oder auch Skype-Unterhaltungen in Bezug auf die Einbettung im Alltag variabel sind und durch den eingeschränkten Möglichkeitsraum oft ähnliche Rahmungen aufweisen.

Es bleibt abzuwarten, wie sich diese „normalen“ Strukturen im „Danach“ wieder einpendeln werden. Sicherlich ist durch die lange Tradition die Wirkmacht des Regelsystems „Woche“ nicht zu unterschätzen. Trotzdem zeigt die Corona-Krise, dass dieser Rahmen aufgeweicht und transformiert werden kann.

Lea Breitsprecher (Freiburg im Breisgau)