Klopapier – ein Analyseversuch in 3 Lagen

Müsste man ein Objekt für die Corona-Krise (zumindest in Deutschland) finden, es wäre wohl eine Rolle Klopapier. Dieses ist zu einem stark nachgefragten Haushaltsartikel geworden, aber ebenso zu einem Objekt des populären Spaßes und Spotts sowie nun ebenfalls (und auch auf expliziten Wunsch hin) zum Thema dieses Blogs: halb augenzwinkernd, halb ernst.

Mein persönlicher Klopapier-Moment ereignete sich an einer Straßenbahn-Haltestelle. Einige Meter rechts von mir wartete eine Frau mit Einkaufstasche und einer großen Packung an… Auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig standen zwei Personen mit… Und auf dem Gehsteig liefen innerhalb von Sekunden mehrere Passantinnen vorbei, alle ebenfalls mit… – na ja, Sie wissen schon. Vermutlich benötigen sie alle gerade wirklich, wirklich welches. Gleich zwei Kommilitoninnen berichteten mir unabhängig voneinander, wie die Mitglieder ihrer jeweiligen WG mehrere Supermärkte abklappern mussten, um schließlich wenigstens eine kleine Packung ergattern zu können.

Gerade weil Klopapier nicht verfügbar ist, ist es allgegenwärtig geworden. Anwesenheit durch Abwesenheit. Inzwischen gibt es fadenscheinige Online-Angebote, horrende Wucherpreise, rationierte Abgaben „in haushaltsüblichen Mengen“ und und und. Dieser Beitrag hätte sich auch leicht durch eine reine Zusammenstellung von entsprechenden Medienartikeln füllen lassen können. Ich erspare es Ihnen. Nur so viel als Faustregel: Spätestens dann, wenn das Gesellschaftsressort einer großen, seriösen deutschen Tageszeitung sich eines solchen Themas annimmt, muss die Situation wirklich ernst sein.

Erste Lage: Spott und Sushi

Die Satireseite „Der Postillon“ präsentiert für Gourmets „Die 10 besten Rezepte für Nudeln mit Klopapier“. Die Auswahl reicht von „Nudelauflauf mit Klopapiergratin“ über „Klopapiergulasch mit Nudeln“ bis zu „Klopapier-Sushi mit Nudelfüllung“. Nur ein Beispiel unter vielen weiteren, welche die „Klopapier-Hysterie“ humoristisch auf die Schippe nehmen.

In einer Zeit, in der sich in Krankenhäusern dramatische Szenen abspielen und einige um nicht weniger als das Leben ihrer Mitmenschen kämpfen, stellt das Klopapier einen unverdächtigen, harmlos erscheinenden Gegenstand zur Artikulation von Jux und Ironie dar. Witz und Spaß – das weiß die Empirische Kulturwissenschaft schon lange – sind aber nicht nur bloße Lappalien, sondern verhandeln unter ihrer Oberfläche auch gesellschaftliche Wertvorstellungen und kulturelle Normen des Denk- und des Sagbaren. Woher kommt also diese Klopapier-Satire? Welche Funktionen und Artikulationen speisen sich aus deren Unterhaltungswert?

Zweite Lage: Herdentrieb und Handke

„Warum kaufen alle Leute eigentlich so viel Klopapier?“ – Auf Internetforen wie beispielsweise gutefrage.net finden sich derzeit dutzende solcher Fragen. Neben den bereits genannten Motiven von Ironie und Witz („sie bauen sich Schutzmasken draus“, „sie haben Schiss“) führen die User in ihren Antworten immer wieder psychologische Erkläransätze an: Schneeballeffekt und Herdentrieb. Der Berliner Tagesspiegel zieht in einem Artikel gar Sigmund Freud, Peter Handke und Max Reger für einen Erklärungsversuch zurate.

Kulturwissenschaftler*innen sind skeptischer gegenüber solchen psychologisierenden Unterstellungen. Sie fragen vielmehr: Wie kommen solche Erklärungsmuster zustande? Wie sind ihre Argumentationen beschaffen? Und wie werden sie in welchen gesellschaftlichen Bereichen wirkmächtig?

Dritte Lage: Klischees und Kondome

Fußballprofis verbreiteten über Instagram eine „Challenge“, bei der sie statt mit einem Ball mit Klopapier jonglieren. Auch solche Umfunktionalisierungen sind Beispiele dafür, wie ein zentrales, oft aber wenig thematisiertes Element materieller Alltagskultur aus seiner Nische heraustritt. Klopapier wird im Zuge der Corona-Krise zu einem intensiv diskutierten, humoristisch verarbeiteten Symbol stilisiert, in den klassischen Medien genauso wie in der digitalen Netz-Kommunikation.

Glaubt man entsprechenden Berichten, dann hamstern die Menschen in den Niederlanden Marihuana, in Frankreich Kondome und Rotwein, in den USA Waffen und so weiter. Es handelt sich um Vergleichspraktiken und Zuordnungen, die Stereotypvorstellungen und nationale Klischees bedienen – und inzwischen zu einem festen Motiv im „Klopapier-Diskurs“ geworden sind.

Wenn sich der Hype ums Klopapier legen und es wieder überall verfügbar sein wird, gibt es nur eine andere Frage, an der sich die Geister scheiden: Soll man das Klopapier so aufhängen, dass das Papierende nach vorne oder nach hinten hängt? Hat eigentlich schonmal jemand näher untersucht, ob es bei dieser Kontroverse bestimmte soziale oder regionale Unterschiede gibt? Für alle diejenigen, die in der Quarantäne-Zeit – sei es aus echtem alltagskulturellen Forschungsdrang oder aus purer Langeweile heraus – darüber genauer nachdenken möchten, sei gesagt: Wikipedia listet Argumente für beide Varianten auf. Was die User von gutefrage.net empfehlen, habe ich allerdings nicht recherchiert.

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)