Ist das eigentlich noch Kultur oder schon Natur?

Kulturanthropolog*innen interessieren sich dafür, wie Menschen ihr Handeln und Leben auf kulturelle Weise strukturieren, wie sie sich und der Welt um sie herum einen Sinn geben und welche Kategoriensysteme sie dazu errichten: zwischen Subjekt und Objekt, Geist und Materie, Individuum und Gesellschaft, Krankheit und Gesundheit und so weiter. Diesen Komplex an Sinnstiftungen bezeichnen Anthropolog*innen als Kosmologien. Dabei geht es nicht um Astronomie und Astrophysik, sondern gemeint ist ein Set an soziokulturellen Glaubensgrundsätzen, Interpretationen und Praktiken über das, was die Welt im Innersten zusammenhält. Das Interesse liegt bei den Grundsätzen und Bedeutungen, die Menschen ihrem Leben und ihrer Existenz geben, auf den Konzeptionen eines sinnhaften Aufbaus der Welt – und der eigenen Rolle darin.

Es geht kulturanthropologisch nicht darum, zu überprüfen, ob diese Vorstellungen „stimmen“ (Denn wer könnte sich anmaßen, darüber zu urteilen?). Sondern im Mittelpunkt steht die analytische Neugier auf, die Auseinandersetzung mit und das Nachvolllziehen von anderen Denksystemen und kulturellen Ordnungsvorstellungen. Kann man über Corona zu einer Entschlüsselung unserer eigenen Kosmologie kommen? Zumindest lässt sich ein Ausschnitt genauer fokussieren: die Relation von Natur und Kultur.

Belebung

Handelt es sich bei Viren um belebte oder um unbelebte Entitäten? Um Lebewesen oder um „tote“ Materie? Biologisch wird diese Frage kontrovers diskutiert. Eine eindeutige Antwort gibt es nicht, die Bestimmungsversuche von Leben verschwimmen in ihren Grenzbereichen. Aber nicht nur in lebenswissenschaftlichen Definitionsansätzen, sondern auch im kulturellen Miteinander schwingen solche Versuche von Bestimmungen und Einordnungen fortlaufend mit: Verstehen wir das Coronavirus als ein passives, von seinem Träger oder Überträger abhängiges Objekt? Oder als ein aktives, eigenständig handelndes Wesen?

Ohne jeden Zweifel entfaltet das Coronavirus derzeit ein gewaltiges Potenzial zu Erzeugung von realen Effekten mit teils massiver Wirkkraft: medizinisch in unseren Körpern, psychologisch in unseren Köpfen, politisch in unserem Handeln, alltäglich in unserer individuellen Lebensgestaltung und so weiter. Oder sind es meist doch eher wir als menschliche Akteure und Angehörige eines sozialen Gemeinwesens und nicht das Virus selbst, das solche Auswirkungen und Maßnahmen in Gang setzt? Anders gefragt: Was davon ist eigentlich noch Natur und was schon Kultur? Oder sollte man die Frage lieber umdrehen: noch Kultur – schon Natur?

Der französische Anthropologe Philippe Descola problematisiert einen westlich-modernen Dualismus von Natur und Kultur und sieht die Aufgabe der Anthropologie darin, „die Art und Weise verständlich zu machen, wie sich Organismen besonderer Art in die Welt einfügen, eine feste Vorstellung von ihr erwerben und dazu beitragen, sie zu verändern, indem sie, mit ihr und untereinander, dauerhafte oder gelegentliche Bindungen von bemerkenswerter, aber nicht unendlicher Vielfalt knüpfen“ (2013: 14). Das Stichwort der Entanglements beschreibt solche Verwicklungen „of natural and social, of human and non-human, and of organic and non-organic forms“ (Hastrup 2014: 1, vgl. ebd.: 14f.). „In short, within the bounds of social life, humans have endless, actual or potential, companion species – which posits an edgy question of co-constitution forcing anthropology to rethink the fluid boundaries of its object“ (ebd.: 15). Das Nachdenken über diese Verbindungen zwischen verschiedenen Organismen und Entitäten fügt sich ein in eine „Re-Konzeptualisierung des Verhältnisses von Natur und Kultur“ (Beck 2008: 19). Für detailierte ethnografische Forschungen bestehen hier noch viele offene Fragen: Wie gestaltet sich das brisante Miteinander von Menschen und Viren in der aktuellen Pandemie? Welche konzeptionellen Trennungen sind dabei wirksam oder brüchig geworden? Welche Ordnungsvorstellungen werden neu geschaffen oder verändern sich?

Bewegung

Wenn das Virus in unserer Wahrnehmung derzeit eine radikale Bedrohung darstellt, dann fragt die Kulturanthropologie kritisch, aus welchen kulturellen Denkschemata und Handlungsweisen heraus eine solche Perspektive eigentlich resultiert. Wie kommt es dazu, dass das Virus als Gefahr aufgefasst wird? Welche Grundsätze und Gewissheiten stellt es in Frage? Vermutlich erscheint es erstens deswegen so gefährlich, weil es vielfältige Grenzen überwindet oder unterläuft: zwischen Tier und Mensch, zwischen Nähe und Ferne (Wer kannte eigentlich bis vor einem halben Jahr Wuhan?), zwischen Außen und Innen des Körpers. Ein zweiter Grund scheint die Unwissenheit über seine Eigenschaften, seine ontologische Unbestimmtheit zu sein. Das bedeutet: Wir wissen nur wenig darüber, wie das Virus in die (menschliche) Welt gekommen ist (Tiermarkt? Fledermäuse?), was es mit ihm auf sich hat (Infektiosität? Aggressivität?) und erst recht nicht, wie wir darauf reagieren sollen. Mit dem philosophischen Begriff der Ontologie ist, vereinfacht gesagt, ein grundlegender Seins-Zustand gemeint. Egal, ob jemand Viren den Status als Lebenwesen zuerkennt oder verweigert, er oder sie würde wohl kaum in Frage stellen, dass es Viren gibt. Anthropolog*innen fragen genauer nach den verschiedenen „Arten des In-der-Welt-Seins“ (Descola 2013: 14) und schauen sich beispielsweise an, wie viel Eigenständigkeit dem Virus in unserem kulturellen Verständnis zugestanden wird.

Das beginnt schon bei so kleinen sprachlichen Konnotationen wie beispielsweise der Entscheidung, ob wir davon sprechen, dass das Virus eingeschleppt und übertragen wird (Passiv!) oder einwandert und sich ausbreitet (Aktiv!). Inwiefern wollen wir dem Virus einen unberechenbaren, unkontrollierbaren Eigensinn zugestehen oder nicht? Das berührt nicht nur den Umstand, dass sich das Virus global in Bewegung setzt (von Wuhan bis Washington), sondern auch die Frage, ob sich nicht auch seine Eigenschaften in Bewegung setzen, ob es sich also womöglich verändert durch unvorhersehbare Mutationen, die Entwicklung von Resilienzen oder das Überspringen zwischen verschiedenen Gattungen. Diese potenzielle Wandlungsfähigkeit macht es unstetig und entzieht sich einer fixen Festschreibung, denn „die Identität der Wesen und die Beschaffenheit der Welt sind fließend und zufällig und widersetzen sich jeder Klassifizierung, die das Reale einzig auf die Erscheinungsformen festlegen wollte“ (ebd.: 50), so Descola.

Beziehung

Stattdessen ist die „Auseinandersetzung mit den Praktiken unabdingbar, die Menschen, andere Lebewesen und die Dinge in der Welt untrennbar verbinden“ (Gesing u. a. 2019: 9). Philippe Descola hat auf der Basis vielfältiger ethnologischer Beschreibungen eine Klassifizierung dieser Verbindungen entwickelt. Er unterscheidet die Art solcher Beziehungen in Animismus, Totemismus, Naturalismus und Analogismus. Ohne sein komplexes Modell hier im Detail nachzeichnen zu können, lässt sich zusammenfassen, dass es Descola um eine Systematisierung von verschiedenen Formen des In-Beziehung-Tretens zwischen Entitäten (etwa Menschen, Pflanzen, Tieren, Dingen) zueinander geht. Seine theoretische Ausdifferenzierung von verschiedenen Glaubenssystemen und Denkmustern empirisch auf unsere aktuellen Relationen zum Coronavirus zu beziehen und kritisch zu prüfen, ist eine analytische Aufgabe, die noch der Bearbeitung harrt.

Noch einmal: Es geht Anthropolog*innen dabei nicht darum, zu überprüfen, ob es stimmt, dass das Virus eine Gefahr darstellt oder nicht. Sondern sie versuchen nachzuzeichnen, aus welchen kulturellen Selbst- und Weltverständnissen heraus solche Vorstellungen entstehen. Sie möchten ein genaueres Verständnis erlangen und ein analytisches Fenster öffnen, um Weltordnungen und kollektive Sinngebungen offen zu legen. „Folgt man der sozialanthropologischen Kritik an dem weiten und zugleich sehr auf Symbolisch-Ideelles verengten Kulturbegriff, steht die Analyse von Relationen von Materiellem und Ideellem, von körperlichen und geistigen Phänomenen im Zentrum der Arbeit der Ethnologie“, formulierte der Europäische Ethnologe Stefan Beck und fügte an: „Doch eine solche relationale Anthropologie zu entwickeln ist eine noch zu leistende Aufgabe“ (2008: 178).

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Stefan Beck (2008): Natur | Kultur. Überlegungen zu einer relationalen Anthropologie. In: Zeitschrift für Volkskunde 104: 161–199.

Philippe Descola (2013): Jenseits von Natur und Kultur. Berlin [franz. Original 2005].

Friederike Gesing u. a. (2019): NaturenKulturen-Forschung. Eine Einleitung. In: dies. (Hg.): NaturenKulturen. Denkräume und Werkzeuge für neue politische Ökologien. Bielefeld: 7–50.

Kirsten Hastrup (2014): Nature. Anthropology on the Edge. In: dies. (Hg.): Anthropology and Nature. New York: 1–26.