Aus dem Leben einer Straße: von Abläufen, Routinen und Brüchen – 1/2

Letztens saß ich mal wieder am Fenster zuhause in Leipzig, rauchte und schaute raus, um, so stelle ich es mir zur Zeit vor, wenigstens ein bisschen am Sozialleben meiner Straße teilzuhaben, die unter normalen Umständen sehr belebt wäre: vor dem Haus eine Tramstation, gegenüber eine Apotheke, eine Buchhandlung und ein ‚Weltladen‘, eine Reihe von Imbissen und Cafés, Dienstleistern, Handwerksbetrieben, ein russischer und ein arabischer Lebensmittelhändler, ein Edeka, dazwischen, eben unter normalen Umständen, viele Menschen, die einkaufen, flanieren, Kaffee trinken, Essen holen oder vor dem Späti cornern. Jetzt ist einiges geschlossen, aber der Döner-Laden, schräg gegenüber und damit noch in meinem unmittelbaren Blickwinkel, hat geöffnet und reicht täglich aus einer Luke Berge von Styroporschachteln, Alu-Folie und Plastiktüten, unter denen sich das Essen versteckt.

Ich saß auf der Fensterbank und folgte mit den Augen den wenigen Menschen, die sich auf dem schmalen Trottoir umschlingerten, dem Fluss der Tüten, der Schlange der Wartenden. Zwei Autos, sportlich geschnitten, zurückhaltende Farben, fuhren vor, hintereinander zielsicher ins Halteverbot vor dem Imbiss, auffällig nur deshalb, weil der Verkehr (sehr zu unserer Freude) seit der Ausgangssperre ziemlich abgenommen hat. Türen öffneten sich, knallten zu und der eine Fahrer blieb stehen, sich umblickend nach dem anderen. Beide trugen sportliche Kleidung, lockere Hosen, weite Pullis, einer mit auffälligem Logoprint, Sneakers. Die Haare kurz geschoren, sind sie wahrscheinlich zwischen dreißig und vierzig Jahre alt. Drei Meter voneinander entfernt, nach begrüßenden Worten, die sie sich zuriefen, plötzliches Zögern, verlangsamte Körper, unsicheres Tänzeln von einem Bein aufs andere. Ein weiterer Schritt in eine gemeinsame Richtung.

Selbst aus der Entfernung meines Fensters, immerhin im dritten Stock, konnte ich die Anspannung der Körper ahnen, das verlegene Grinsen. Dann bewegten sich beide fast gleichzeitig aufeinander zu, Oberkörper seitlich nach vorne geneigt, angewinkelte Arme in Richtung des Anderen, kurze Berührung der Ellenbogen, Oberkörper zurück. Ein weiterer, unsicherer Moment verstrich und dann, einem tiefen Ein- und dann befreienden Ausatmen gleich, fielen sie sich doch in die Arme, schlugen einander auf den Rücken, lachten. Sie lösten sich voneinander und schlenderten, sich unterhaltend, zu der Schlange der Wartenden vor dem Imbiss, an deren Ende sie sich mit einigem Abstand platzierten. Zwei Bestellungen, nach kurzer Zeit zwei Tüten, ich sah das Aluminium durch die orangene Folie schimmern. Noch mehr Worte, kurz das Handy aus der Tasche, ein Winken, erneut schlugen die Autotüren zu und beide entschwanden meinem Blickfeld. Die Schlange hatte sich aufgelöst, kurzer Leerlauf im Imbiss-Takt, und die Straße lag wieder ruhig vor mir. Ich drückte die Zigarette auf dem Fensterbrett aus.

Seit fünf Wochen sind wir alle zu ‚Social Distancing‘ aufgefordert, seit vier Wochen gilt die verordnete ‚Ausgangsbeschränkung‘, seit dreieinhalb Wochen gibt es in Sachsen einen sorgfältig aufgestellten Bußgeldkatalog, der Verstöße gegen die Verbote ahndet. Vor ein paar Tagen verkündete die Bundeskanzlerin die Verlängerung der schützenden Maßnahmen, an die wir uns alle halten sollen, ‚gemeinsam‘. Entgegen kulturwissenschaftlicher Tendenzen der Erforschung von Gruppen, Gemeinden, Netzwerken und anderen mehr oder weniger kleinteiligen Elementen, zu denen sich Menschen zusammenschließen, wenn sie Kultur verhandeln, sind wir nun vor Handlungsweisungen gestellt, die uns alle meinen. Und weil wir eben alle gemeint sind, erweist sich eine methodische Trennung von Feld und Forschenden kaum als möglich und trotz sozialer Abstandsgebote wirkt die Relation von Nähe und Distanz wie aufgehoben, wenn ich mich dem Alltagsleben meiner Straße zuwende: Schaue ich aus dem Fenster bin ich quasi unbeteiligt, dann liegt die Szenerie, vormals ein Wimmelbild, jetzt nur spärlich bestückt, vor mir wie ein Schaukasten, auf den ich aus dem dritten Stock blicke. Verlasse ich mein sicheres Nest, dann bin ich nicht nur plötzlich Teil der Straße, nehme ich nicht nur Menschen und deren Verhalten wahr, an dem ich mich spiegle, auf das ich reagiere und mit meinem abgleiche. Denn mein Körper wird darüber hinaus gleichsam zu einem Element der Veränderung, das in den Aktionsraum der anderen Menschen eintritt. Die Präsenz unserer Körper und die Wechselseitigkeit und Verbundenheit in unseren Begegnungen wird deutlich und spürbar, indem wir alle Rücksicht aufeinander nehmen sollen, indem wir alle auf die Einhaltung der Distanz versuchen zu achten.

Und während ich als Teil einer definierten Gemeinschaft jenseits meines ‚eigenen Hausstands‘, meiner Straße und jenseits von Stadt, Region, Land, Nationalstaatsbegrenzung oder europäischer Außengrenze adressiert bin, wird mir auch an der politischen Sprache, den deutlichen Warnungen, den Statistiken und Schaubildern vermittelt, inwiefern mein Handeln Auswirkungen globalen Ausmaßes annehmen kann. Selten empfand ich meine Agency so geradewegs spürbar und im selben Augenblick so widersprüchlich.1 Wir alle sind zum sozialen Handeln aufgefordert, werden als Gemeinschaft angesprochen und darin definiert, unter Verweis allgegenwärtiger Solidaritätsbekundungen, wohingegen als vergemeinschaftende Praktiken diesmal Begrenzung und Vereinzelung aufgerufen sind. Begegnen wir uns doch, also physisch im analogen Raum und nicht auf einer der vielen Video-Apps, die aufgrund der Datenüberlastung ein ohnehin nur recht abgehacktes Miteinander zulassen, so stehen wir uns etwas ratlos gegenüber.

Wir sollen unsere Freund*innen nicht mehr umarmen und anderen die Hand geben, ja eigentlich treffen wir im angemessensten Fall gar nicht zusammen. Tun wir es trotzdem, mal mehr, mal weniger zufällig, gibt es eine Vielzahl an Auflagen und Aufforderungen, die wir zum eigenen und zum Schutz der Anderen befolgen sollen und die in den routinisierten Fluss unserer Bewegungen, Gesten, Interaktionen, kurz unserer Alltagspraktiken eingreifen. Und so begrüße ich meine Freund*innen, wenn wir uns auf der Straße über den Weg laufen, ebenfalls mit einer kurzen Ellbogen-Berührung, danach machen wir, schon recht routiniert, einen Schritt zurück. Wir hatten es auch schon mit einem Shoe Bump versucht, dem kurzen Aneinanderschlagen eines Fußes bei ausgestrecktem Bein (noch mehr Abstand!), aber unsere Bewegungen waren zu unkoordiniert, zu wacklig die Balance oder wir machen immer noch nicht genügend Yoga. Kommt mir jemand zu nahe, weiche ich aus und in der Schlange vor dem Imbiss, den ich so gut vom Fenster aus sehen kann, stellte ich mich locker mehrere Meter hintendran an, dabei aber stets bemüht, es trotzdem nach deren Ende aussehen zu lassen.

Der Versuch, auf die Bedrohung durch das neue Virus und der damit einhergehenden Pandemie mit regulierenden Maßnahmen zu reagieren, hat ohne Zweifel weitreichende Auswirkungen auf unser Alltagsleben und damit auf unseren bis dahin „fraglos selbstverständlichen Erfahrungsmodus“ (Johler u. a. 2018: 323). Dieser ist es auch, der als „Bezugsschema zur Weltauslegung“ (Schütz/Luckmann 2017 [1979]: 33) in der Krise brüchig wird, indem wir der Wirklichkeit unserer Lebenswelt, an der wir in „unausweichlicher, regelmäßiger Wiederkehr“ (ebd.: 29) teilnehmen, nicht mehr als schlicht gegeben, als eben ‚fraglos‘ annehmen können. Als Folge der seit einigen Wochen verbreiteten ‚Verhaltensregeln‘ beginne ich, gewohnte Situationen zu hinterfragen, versuche mich in neuen Routinen und damit auch neuen Belohnungssystemen, wenn ich mal zwei Tage hintereinander zur selben Uhrzeit aufgestanden bin. Ich kaufe mir dann manchmal einen Falafeldürüm, drüben auf der anderen Straßenseite, vielleicht auch ein bisschen als trotzige Distinktionsstrategie zu den vielen neu erweckten Hobby-Köch*innen, von denen bereits gefühlte hunderte Kochvideos und Bildern von ausgeklügelten Gerichten in den sozialen Medien kursieren. Die Alufolie und die Plastiktüte, in die der Dürüm dann gewickelt ist, stecke ich mit schlechtem Gewissen in den Müll zuhause zu den anderen Zeugnissen meiner gelegentlichen Fastfood-Abenteuer. Denn ich soll mich ja zum Verzehr fünfzig Meter entfernen von den mich versorgenden Gastronomien.

Fünfzig große Schritte später stehe ich dann wieder an meinem Fenster, meinem ethnologischem Guckloch aus der Langeweile meiner Zimmers in die Spannungen der Straße. Doch ich bilde mir ein, dass mich selbst das Imbiss-Essen zuhause kaum befriedigt, wenn das weiche Brot und die sippschige Soße nicht mit der Atmosphäre aus Pommes-Fett, emsigen Stimmengewirr und unbequemen Stühlen zusammenfallen. Der üblicherweise in herausgepressten Stöhnen geäußerte Satz „Ich vermisse Kneipen“ ist omnipräsent in meinem Umfeld, wenn mich mit meinen Freund*innen gelegentlich auf ein Glas Wein vor der Kamera treffe. Manche schicken dem ein nicht weniger gequältes „Und Restaurants!“ hinterher. Meist folgt darauf eine Aufzählung all der tollen Drinks und Speisen, Orte und Partys, die wir vermissen und von denen wir niemals dachten, wie sehr sie uns fehlen. „Luxusprobleme“ ist dann meist ein Wort, was auch noch in jenen Gesprächen fällt, wenn auch nur ein leiser Zusatz, der uns zwar unsere Privilegien vor Augen führen will, dennoch aber deutlich macht, wie sehr wir nun mal auch diese als gegeben empfinden, wie sehr sie eine Rolle spielen in der Organisation unseres Alltagslebens.

— Hier geht’s zum zweiten Teil dieses Beitrages. —

Nikola Nölle (Freiburg im Breisgau, Leipzig)

Literatur

Reinhard Johler u. a. (2018): Die Kultur der Katastrophen. Forschungsperspektiven der deutschsprachigen Ethnologie/Kulturwissenschaft. In: Johannes Moser (Hg.): Themen und Tendenzen der deutschen und japanischen Volkskunde im Austausch. Münster, New York: 317–337.

Alfred Schütz, Thomas Luckmann (22017): Strukturen der Lebenswelt. Konstanz [Erstausgabe 1979].


1 | Maximilian Jablonowski schreibt in seinem Text „Handlungstheorie im Souterrain“ etwa zum Widerspruch zwischen Untätigkeit und den Ansprüchen auf Produktivität in der Isolation. http://www.kuckucknotizen.at/kuckuck/index.php/8-aktuelles_de/189-1-20-handeln-vorschau-leseprobe (Zugriff: 15.04.2020).

Von Bewegung und Stillstand

Für mich – kurz nach der Wiedervereinigung geboren, in einer Europäischen Union mit offenen Grenzen aufgewachsen, in Besitz eines deutschen Passes und dem dazugehörigen stereotypen Aussehen – ist freie Mobilität selbstverständlich. Ich finde es wunderlich paradox, dass ein Virus, das rasend schnell um die Welt reist, gerade für so viel Stagnation sorgt. Im Stillstand liegt aber auch die Möglichkeit, über die Bedeutung von Bewegung nachzudenken.

Ein Sonnenbalkon unter vielen

9,80 Sekunden. Das ist die durchschnittlich gemessene Zeit, die ich benötige, um vom Bett zu meinem Arbeitsplatz und von dort zum Feierabendbier mit Freunden zu gelangen. Mein Aktivitätsradius: 52,60 Quadratmeter, laut Mietvertrag und inklusive Sonnenbalkon. Noch vor fünf Wochen war es für mich einfach, nach Slowenien zu reisen, Besuch aus Nepal zu bekommen und mich regelmäßig mit einem Freund zu treffen, der im nahegelegenen Frankreich wohnt. Nun ist die Bewegungsfreiheit, die mich so selbstverständlich umgab, eingeschränkt. Meine Welt ist ziemlich klein geworden. Reisen, pendeln, schnell mal rausgehen und nach Hause kommen – diese Dinge sind für mich so sehr Normalität, dass sie mir nun schmerzlich fehlen.

Dass ich mit diesem Gefühl nicht alleine bin, erkenne ich, wenn ich durch die Landschaften sozialer Medien wandere. Dort sehe ich Adaptionen von U-Bahn-Plänen, die nun auf die eigene Wohnung angepasst wurden (Richtung Badezimmer, Knotenpunkt Kühlschrank, Endstation Schlafzimmer) und Karten mit potenziellen Urlaubsgebieten (Balkonien, Großbettannien, Bangladusche). Wenn alles plötzlich stillsteht, scheint einigen Menschen bewusst zu werden, wie sehr Mobilität ihr Leben prägt und vielleicht auch, was für ein hohes Gut sie ist.

Bewegung ist überall. Vorstellungen, Dinge, Menschen und eben auch Viren sind kontinuierlich auf der Reise um die Welt. Das beobachtete unter anderen der britische Soziologe John Urry. Auch eine Pandemie wie der Ausbruch von SARS 2002/2003, meint er, könne diese umfassende Mobilität nicht stoppen. Was Urry für SARS feststellte, gilt auch heute für Covid-19. Auch wenn es sich für mich, zurück geworfen auf 52,60 Quadratmeter mit Sonnenbalkon, nicht so anfühlt, es ist immer noch viel in Bewegung da draußen: Hilfsgüter, medizinisches Wissen oder auch Praktiken des Durchhaltens wie beispielsweise dem gemeinsamen Singen von den Balkonen, egal ob diese an den Kanälen von Venedig oder in der Runzstraße in Freiburg liegen.

Zunehmende Mobilität verknüpft die Welt. Wie verwoben sie tatsächlich ist, auch das zeigt uns das neue Corona-Virus. Noch im Dezember habe ich mit einer gewissen Teilnahmslosigkeit die Nachrichten aus Wuhan gelesen. War alles ziemlich weit weg. So weit weg, wie es auch der Krieg im Jemen, die Menschrechtsverletzungen in Indien oder die Geflüchteten auf Lesbos sind. Der Ethnologe Arjun Appadurai spricht davon, dass durch Denken und Handel Räume entstehen, nahe und fern gelegene. Indem ich mich einer bestimmten Situation, Region, einem Nationalstaat oder Erdteil zugehörig, mich für ihn zuständig und von den Geschehnissen dort betroffen fühle, erschaffe ich auch immer Räume mit, die mich nichts angehen, die mich nicht wirklich betreffen. Durch das Virus und seine Ausbreitung über Grenzen hinweg, von Erdteil zu Erdteil, in meiner Stadt, in mein Leben und auf meinen Sonnenbalkon, verändern sich nun meine Wahrnehmung von Zuständigkeit und Betroffenheit. Meine Bewegungsfreiheit, die ich so sehr vermisse, ist ein Privileg, sie kommt nicht ohne Verantwortung aus.

Hier liegt eine Chance der aktuellen Situation: Ich, wir alle vielleicht, müssen umdenken, müssen unsere alten Raumvorstellungen über den Haufen werfen und globalere, facettenreichere, allumfassendere Zuständigkeitsräume für uns errichten. Nicht nur in der aktuellen Situation, sondern auch darüber hinaus. Es ist unsere Aufgabe, das Große mit dem Kleinen zu verbinden, anstatt es gegeneinander auszuspielen. Abschottung, Populismus, erstarkende Nationalstaaten oder der Wunsch nach religiöser Homogenität dürfen keine Lösungen sein. Globale Verbindungen formen das Lokale, das, und hier bin ich wieder zurück bei Appadurai, mehr relational und kontextgebunden denn als räumliche Größenordnung verstanden werden sollte. Wie ich mich verhalte, wie ich mich einbringe und wie ich die Welt sehe, hat Auswirkung auf sie. Auch das können wir vom Virus lernen.

Mir ist nun klar: Mobilität ist ein fragiles, wertvolles Gut. So nötig im Moment der Rückzug ins Kleine ist, umso wichtiger wird es werden, für die Öffnung von Grenzen, für eine gerechte Verteilung von Bewegungsfreiheit zu kämpfen und sich daran zu erinnern, dass auch die scheinbar entferntesten Ereignisse uns selbst betreffen. Von der Haltestelle am Kühlschrank ist es manchmal nur ein Katzensprung an die Elfenbeinküste und von dort zu erfundenen Urlaubszielen. Die Erde umfasst ungefähr 510.000.000 Quadratkilometer und meine 52,6 Quadratmeter mit Sonnenbalkon sind ein Teil davon.

Ruth Weiand (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Appadurai, Arjun (1996): Modernity at Large. Cultural Dimensions of Globalisation. Minneapolis, London.

Sheller, Mimi/Urry, John (2006): The new mobilities paradigm. In: Environment and Planning 2/38: 207–226.