Regler und Schalter. Die Lokalisierung des Globalen denken

In einem vor dreißig Jahren erschienenen Aufsatz mit dem Titel „Die Enträumlichung der Gefahr“ setzte sich die Frankfurter Kulturanthropologin Ina-Maria Greverus (1929–2017) mit psychosozialen Reaktionen auf Entgrenzungen von Katastrophen und Risiken auseinander. Ausgehend von einer persönlichen Reflexion über mögliche Umgangsformen mit einer Warnung vor europäischen Zecken-Zonen sinnierte Greverus über die Markierung und Abgrenzung von Regionen der Gefahr. Es werden „Warnschilder aufgestellt, die ,alles im Griff‘ von oben und Selbstverschuldung im Fall einer individuellen Katastrophe suggerieren“, schrieb sie (1990: 15) und fügte an, dass Individualisierung und Eingrenzung jedoch im Kontext der Risikogesellschaft an Glaubwürdigkeit einbüßten: „Katastrophen und Hazards [werden] sowohl räumlich als auch sozial entgrenzt, individuelle Schuldzuschreibung ist nicht mehr möglich, reale Vermeidungsstrategien werden sinnlos“ (ebd.: 16).

Verräumlichung und Enträumlichung – das sind zwei Vorgänge, die sich auch im Zuge der Corona-Pandemie und des politischen Managements in aller Deutlichkeit zeigten und zeigen. Zusammen bilden sie eine Doppelbewegung: Auf der einen Seite ebnen die „global flows“ von Menschen (Stichwort: Urlaubsrückkehrer*innen), Viren und Gütern räumliche Distanzen und Differenzen ein. Die griechische Vorsilbe „pan“ in „Pandemie“ trägt das Übergreifende, Ganzheitliche, Umfassende und damit Enträumlichende schon im Namen. Auf der anderen Seite stehen Praktiken der Verräumlichung, etwa in der Ausweisung von Risikogebieten oder der Forderung des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder nach bundesweiten „Warnampeln“, die mit Farbstufen das Infektionsgeschehen – also mithin die Gefahr – in einzelnen Regionen anzeigen sollen. Auch die Grenzschließungen in Europa dieses Frühjahr mit allen dazugehörigen Kontrollen und Regulationen des Zugangs sind in diesem Zusammenhang zu nennen. Und natürlich ist insbesondere die zwischen staatlicher Anordnung und freiwilliger Prävention rangierende Selbstisolation von (möglicherweise) Infizierten eine zentrale biopolitische Praxis der Verräumlichung. In Greverus’ Worten: „Das staatlich ‚geschützte‘ Heim als sicherer Ort für den ,braven‘ Bürger“ (ebd.: 15).

Diese Doppelbewegung von Ver- und Enträumlichung der Gefahr lenkt hin zu der Überlegung: Inwiefern wandeln sich die Bedeutungen räumlicher Bezüge unter Covid-19? Welche Dimensionen von Räumlichkeit gewinnen an Bedeutung, während andere diese verlieren? Kulturanthropologische Ansätze verstehen Räumlichkeit nicht als festgefügt, sondern richten ihr Augenmerk darauf, wie Bezüge zum Nahen und Fernen fortwährend markiert oder aufgelöst, reproduziert oder transformiert werden. In der Tat kann man in den bisherigen Verläufen des Pandemie-Geschehens mehrere Auf-, Ab- und Umwertungen des Stellenwerts etwa des Regionalen (Stichworte: Risikogebiete und „Hotspots“) oder des Nationalen (Stichworte: Reisewarnungen und Rückholaktionen) feststellen. Welche dieser räumlichen Dimensionen im Einzelnen aufgerufen werden, hat auch Auswirkungen darauf, wie sich der globale Charakter der Corona-Pandemie im Lokalen realisiert und wie umgekehrt die Situation des Lokalen die globale Situation mitkonstituiert. Um diesem Wechselverhältnis kulturwissenschaftlich nachgehen zu können, stellen sich die für diesen Beitrag leitenden Fragen:

Auf welche Weisen lassen sich das Globale und das Lokale auf einer konzeptionellen Ebene zueinander in Beziehung setzen? Wie lässt sich die Lokalisierung des Globalen denken?

Glokalisierung

Der Soziologe Roland Robertson sprach sich Ende der 1990er-Jahre gegen eine Denkart von Globalisierung aus, die das Globale über das Lokale stellt und beides als Gegensatz begreift. Die Komplexität von Globalisierungsdynamiken lasse sich damit nicht in vollem Umfang erfassen, argumentierte Robertson, denn beiden Formen würden sich wechselseitig durchdringen. Daher sprach er von Glokalisierung als Verbindung von Globalisierung und Lokalisierung, denn es habe keinen Sinn, „das Globale so zu definieren, als würde es das Lokale ausschließen“ (1998: 206). Das Lokale sei kein Gegenüber, sondern „vielmehr ein konstitutiver Bestandteil des Globalen“ (ebd.: 208), schrieb er. Seine Argumentation hilft, dem Wechselspiel von Enträumlichung und Verräumlichung in Zeiten einer Pandemie präziser auf den Grund zu gehen. Denn für das Miteinander dieser beiden Bewegungen gilt, was Robertson für die Vorgänge von Homogenisierung und Heterogenisierung beschreibt: „Diese gleichzeitigen Tendenzen sind in letzter Konsequenz komplementär und durchdringen einander, obwohl sie natürlich in konkreten Situationen unvereinbar sein können“ (ebd.: 216).

Aber auf welche Weise setzen die Menschen selbst die Erfahrung einer globalen Pandemie in Bezug zu den Veränderungen in ihrem eigenen konkreten Nahraum, in dem sich deren alltägliches Handeln vollzieht? Robertsons soziologisches Argument, „daß das Schaffen und Einbeziehen von Lokalität mit Globalisierung – in ihrer allgemeinsten Bedeutung der Verdichtung der Welt – immer gemeint war und zunehmend gemeint ist“ (ebd.: 215), sagt noch nichts darüber aus, welche Bedeutung diese Erkenntnis für verschiedene Menschen ganz konkret hat. Hier sind mikroperspektivisch angelegte, kulturanthropologische Analysen gefragt. Um dafür einen konzeptionellen Rahmen zu schaffen, möchte ich zwei Denkfiguren vorschlagen, welche unterschiedliche Arten der Beziehung zwischen dem Lokalen und dem Globalen versinnbildlichen sollen. Es handelt sich um ein Regler- beziehungsweise um ein Schalter-Modell.[1]

Regler und Schalter als zwei konzeptionelle Denkfiguren

Abb. 1: Regler

Wer die Homepage von Google Earth besucht, sieht die Weltkugel aus Satellitenperspektive auf dem Bildschirm: eine globale Ansicht. Scrollend lässt sich dann die Erde näher heranholen, lassen sich einzelne Kontinente genauer betrachten, verschiedene Länder und Regionen fokussieren und von dort aus weiter zu bestimmten Städten, Straßenzügen, gar einzelnen Häusern zoomen. Ohne irgendwelche Brüche geht die Ansicht vom Globalen über das Kontinentale und Regionale zum Lokalen über. Diese Form des – wie man im Englischen sagen würde – „smoothen“ Übergangs begreife ich als ein Regler-Modell: Das Globale und das Lokale stellen dabei zwei Endpunkte einer stufenlosen Skala dar, auf der man sich im freien Kontinuum hin und her bewegen kann (Abb. 1). Diese Auffassung ist ein Sowohl-als-auch: Das Lokale ist immer auch ein bisschen global, das Globale immer auch ein bisschen lokal. Entscheidend ist der Grad des Verhältnisses zueinander.

Aber das immer stärkere Hineinzoomen in das Bild von Google Earth hat Grenzen. Je näher man einzelne Orte heranholt, umso unschärfer wird die Auflösung und irgendwann geht es schlichtweg nicht mehr weiter. Es gibt dann aber eine andere technische Möglichkeit: In der unteren rechten Ecke der Bedienungsoberfläche lässt sich die Figur eines Menschen packen und in das Bild ziehen. Dann erscheinen (besonders gut funktioniert es in westlichen Großstädten) blaue Straßenlinien auf dem Bildschirm, auf die man die Figur platzieren kann. Anschließend neigt sich das Bild – und wechselt die Perspektive. Man befindet sich nun in der Ansicht von Google Street View, so, als würde man nicht mehr über, sondern mitten im Geschehen stehen. Fast wirkt das wie eine Hubschrauberlandung, aber eben nur fast, denn für den Bruchteil einer Sekunde gibt es eine Blende, einen Bruch des Bildes von der Satelliten- zur Passant*innen-Ansicht. Der Übergang ist ein sprunghafter, kein gleitender.

Abb. 2: Schalter

Diese Art der Beziehung zwischen Globalem und Lokalem bezeichne ich als Schalter-Modell (Abb. 2). Das Globale und das Lokale erscheinen hier nicht als auf einer gemeinsamen Skala liegend, sondern als kategorisch getrennte Perspektiven. Diese Auffassung ist ein Entweder-Oder: distanziert und vogelflugartig (global) oder eingebunden und verortet in die Umgebung (lokal). Wie bei einem Schalter ist der Wechsel zwischen dem einen zu dem anderen ein – mathematisch gesprochen – diskreter, kein kontinuierlicher.

Warum dieser Exkurs zu Google Earth?

Ich möchte weder für das eine noch für das andere Modell plädieren, sondern wollte damit verdeutlichen und versinnbildlichen, dass das Verhältnis des Globalen zum Lokalen und umgekehrt auf unterschiedliche Weise gedacht werden kann: als Regler oder als Schalter. Je nach den konkret zu analysierenden Phänomenen und Prozessen mag sich mal die eine, mal die andere Denkfigur als fruchtbarer erweisen, doch rufen sie stets in Erinnerung, dass es immer mehr als nur eine einzige Verständnismöglichkeit gibt. Vor allem kann diese typologische Gegenüberstellung den Blick dafür schärfen, welche Vorstellung von Globalisierung und Lokalisierung in gesellschaftlichen Diskursen, auch im Kontext von Covid-19, vorherrscht.

Kennzeichnend für das Regler-Modell ist ein Denken in der Vertikalen. Es folgt einer Logik der Skalierung. Häufig ist das verbunden mit Machbarkeitsvorstellungen durch das bloße Verändern der Größenordnungen: Was an Eindämmungs- und Schutzmaßnahmen im Kleinen funktioniert, funktionert auch im Großen, man muss nur den Maßstab entsprechend anpassen, lautet die Annahme. Diese Form der Plausibilisierung ließ sich beispielsweise oft bei den Erlassen zu landesweiten Ausgangsbeschränkungen und weitreichenden Kontaktverboten wiederfinden.

Für das Schalter-Modell hingegen ist ein Denken in der Horizontalen charakteristisch. Statt einer Logik der Skalierung folgt es einer Logik der Relationierung. Ein Beispiel ist die Rede von „Clustern“ bei auftretenden Infektionsausbrüchen, die sich eben nicht bruchlos in größere Zusammenhänge überführen lassen, sondern aus sich heraus nachvollzogen werden müssen. Anders gesagt: Das Verständnis der Bezugssysteme solcher lokaler Clusterstrukturen ist innerhalb und nicht außerhalb ihrer selbst angesiedelt. Ich möchte, wenn auch noch etwas vorsichtig und vorläufig, die These formulieren, dass sowohl die regierungsamtlichen als auch die alltagskulturellen Auffassungen der Lokalisierung der globalen Covid-19-Pandemie sich zunehmend von einem Regler- zu einem Schalter-Modell verschieben.

Beide Denkfiguren arbeiten – wie jede andere Modellbildung auch – natürlich mit Schematisierung und Vereinfachung. Das ist ihr Problem, aber zugleich auch ihr Potenzial. Die Metaphern des Reglers und des Schalters sind als ein Vorschlag für ein lockeres heuristisches Rahmenwerk zu begreifen, um so zu einer tieferen Erkenntnis der Bezugssysteme und Wechselbeziehungen zwischen verschiedenen Räumlichkeiten der Corona-Pandemie zu gelangen. Sie sollen nicht zuletzt dazu beitragen, konzeptionell angemessener beschreiben und kulturanalytisch präziser verstehen zu können, wie genau sich das Globale der Covid-19-Pandemie im Lokalen realisiert.

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Ina-Maria Greverus: Die Enträumlichung der Gefahr. „Angstlust“, postmodernes Ereigniswerk und chiliastische Hoffnung. In: Zeitschrift für Volkskunde 86 (1990): 14–24.

Roland Robertson: Glokalisierung: Homogenität und Heterogenität in Raum und Zeit. In: Ulrich Beck (Hg.): Perspektiven der Weltgesellschaft. Frankfurt a. M. 1998: 192–220.


[1] Die folgenden Ausführungen gehen zurück auf einen im Sommer 2018 gehaltenen Vortrag in einer Arbeitsgruppe, die sich auf einer Akademieveranstaltung allgemeiner mit der Lokalisierung globaler Konstrukte beschäftigte. Der Vorschlag dieser beiden Denkfiguren entstammte damals meinem Referatsthema „Privatheit“, ich halte die Metaphern aber auch gewinnbringend auf andere Phänomene übertragbar, gerade im Kontext einer Viruspandemie oder auch mit Blick auf globalen Umwelt und Klimawandel.