„Wie unter einem Brennglas…“ – 2/2

Hier geht es zum ersten Teil dieses Beitrags über die Metapher der Corona-Pandemie als Brennglas.

Ein künstlerischer Seitenblick

Das Gemälde „Leser mit Lupe“ (ca. 1895) des Impressionisten Lesser Ury (1861–1931) zeigt einen alten, bärtigen und glatzköpfigen Mann. Er sitzt an einem Tisch vor einem halbgefüllten Glas. Mit seiner linken Hand hebt er ein vor ihm liegendes Blatt Papier, anscheinend eine Zeitung, ein Stück nach oben. Mit der rechten Hand hält er sich eine Lupe vors Gesicht, durch die er, nach vorne gebeugt, mit dem rechten Auge die Zeitungsseite betrachtet. Das Weiß des Tisches und der Zeitung steht im Kontrast zum Dunkel des bräunlichen Hintergrunds und der schwarzen Kleidung des Mannes, die zum Teil ineinander verschwimmen. Von der linken Bildseite einfallendes Licht wird an der Stirn, dem Bart und dem Handrücken des Mannes reflektiert, vor allem aber in dem Glas und der gewölbten Linse der Lupe. Sie ist in der Bildmitte positioniert und nimmt die zentrale Stellung der Szene ein.

Im Werk Lesser Urys finden sich wiederkehrend Motive des Zeitungslesens und des Cafés, das zu seiner Lebenszeit um die Jahrhundertwende eine Blüte erlebte. Sein hier vorgestelltes Gemälde ist für mich ein ‚Sinn-Bild‘ des Intellektuellen beim vertieften Studium der Weltlage. Dass dieser ein ,alter weißer Mann‘ ist, ist hiermit angemerkt, aber mir geht es interpretatorisch um das Beziehungsverhältnis zu dem, was sich jenseits des dunklen und bis auf Tisch und Glas nicht erkennbar ausgestatteten Raumes abspielt. Dieses In-Beziehung-Treten des Lesers zum Weltgeschehen, das außerhalb des Bildes liegt und sich in Form der Zeitung repräsentiert, geschieht über eine Lupe: Sie ist es, die überhaupt erst eine gerichtete Aufmerksamkeit, ein detailliertes Zur-Kenntnis-Nehmen und den analytisch konzentrierten Augenblick erlaubt.

Ein konzentierter Augenblick

Die im ersten Teil dieses Beitrags beschriebene Häufung der Sprachformel „wie unter einem Brennglas“ zeigt an, dass dem neuartigen Corona-Virus diskursiv ein Schlüsselstatus zugeschrieben und es in vielerlei Hinsicht als bedeutungsvoll erkoren wurde. Dies gilt auch und insbesondere für die sozialwissenschaftliche Theoriebildung. Der Kulturwissenschaftler Bernd Jürgen Warneken hat sich einmal kritisch mit der Konstruktion von solchen Schlüsselsymbolen auseinandergesetzt. Warneken fasst derartige Denkfiguren als Mechanismen, „welche als Repräsentanten komplexer Vorgänge oder Verhältnisse ins Bild gerückt werden können“ (1997: 549). Symbolbildungen, so merkt er an, seien aber „oft eher ein Schlüssel zu den Bedürfnissen und Interessen ihrer Produzenten und Adressaten als für die Zusammenhänge […], die sie angeblich repräsentieren“ (ebd.: 550).

Wenn sich die Corona-Pandemie im Fokus des genauen analytischen Studiums der Weltenlage befindet, besteht also immer auch die Verlockung, darin gleichsam einen Moment der Offenbarung sehen zu wollen und den konzentrierten Augenblick damit überzustrapazieren. Wer, wie der Leser auf Urys Bild, ausschließlich durch das Brennglas blickt, läuft Gefahr, dessen Fokussierung zu verabsolutieren und die bewusst verzerrte Perspektive für wirklichkeitsgetreu zu halten.

Symbolische Vergrößerungen, so lässt sich mit Warneken festhalten, kommen durch Bedeutungsunterstellungen und einen „Generalisierungakt“ (ebd.: 552) zustande, der die betrachteten Einzelerscheinungen „als Repräsentanten eines kulturellen Ganzen“ (ebd.: 551) stilisiert. Darin liegt aber immer auch die Gefahr einer „Überanstrengung“ durch „halsbrecherische Liftungs-Aktionen“ (ebd.: 561). Warneken warnt vor solch einem „Heran- und Hinaufinterpretieren“ und den damit einhergehenden „interpretatorischen Unkosten“ (ebd.: 555).

Urys Gemälde zeigt, dass analytischen Hilfsmitteln zur Weltbetrachtung – und genau das sind Symbol- und Analogiebildungen – stets ein ambivalenter Charakter zukommt. In der Bildszene fungiert das Brennglas sowohl als ermöglichend als auch als begrenzend: Es ermöglicht dem alten, offenbar schon schwersichtigen Mann die Lektüre. Und es begrenzt sie zugleich, indem es den Fokus immer nur auf eine Stelle richtet und alles andere buchstäblich im Unscharfen lässt. Das Bild zeigt einerseits eine Angewiesenheit auf solche Krücken der Erkenntnisbildung und andererseits ihren instrumentellen, brechenden Charakter. Die durch das Brennglas und seine Metapher betrachtete Realität ist durchaus die Realität, aber sie ist eine gezielt vermittelte Realität. Und Vermittlung bedeutet immer auch Verzerrung. Doch zugleich bildet genau diese perspektivische Veränderung das erkenntnistheoretische Potenzial von analytischen Schlüsselsymbolen und Metaphern. Wie Urys Bild künstlerisch deutlich macht, ist es ihr Dazwischen-geschaltet-Sein, ihre Selektion und Transformation, die das Bindeglied bildet zwischen dem Selbst und der Welt.

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Bernd Jürgen Warneken: Ver-Dichtungen. Zur kulturwissenschaftlichen Konstruktion von „Schlüsselsymbolen“. In: Rolf Wilhelm Brednich, Heinz Schmitt (Hg.): Symbole. Zur Bedeutung der Zeichen in der Kultur. Münster u. a. 1997: 549–562.

Mondrian auf dem Käsebrot

Und, haben Sie die Referenz im Beitragsbild erkannt? Es ist meine persönliche Hommage an René Magrittes Ölgemälde „La voix des Airs“ aus dem Jahr 1931. Im Original schweben drei eiserne Kugeln losgelöst von ihrer Umwelt über einer weiten Landschaft. Hier sind es jetzt eben drei Christbaumkugeln über den Hügeln des schweizerischen Aargaus. Nur, was soll das Ganze? Der Gedanke liegt nahe, dass ich mein Gefühl für Zeitlichkeit nun vollends verloren habe und nicht nur „kein Weekend“ mehr kenne, sondern mich seelisch und moralisch auch schon auf die Weihnachtszeit vorbereite. So weit ist es zum Glück noch nicht gekommen. Vielmehr habe ich versucht, mich bei der Suche nach einem passenden Teaserbild für den heutigen Beitrag selbst einmal kreativ auszutoben. Möglicherweise kommt das Ihnen gar nicht so fremd vor und Sie haben in den vergangenen Wochen bereits ähnliche Bilder gesehen. In Ermangelung einer treffenderen Beschreibung nenne ich sie „nachgestellte Kunstwerke“. Die Bandbreite ist hierbei immens und reicht von der Nachbildung von Vincent van Goghs berühmten Selbstporträt mit verbundenem Ohr bis zum Abbild eines Piet Mondrian-Gemäldes mit dessen klarer geometrischen Aufteilung auf einem Käsebrot. Die fertigen Fotografien werden dann meist über Social Media geteilt. Doch wie lassen sich die neu erwachsene Praktik und die entstehenden Bilder kulturwissenschaftlich deuten und welche Aussagen lassen sich dahingehend über den gegenwärtigen Corona-Alltag treffen?

Copy and paste aus dem 19. Jahrhundert?

Medial fanden die Fotos zahlreicher Internetnutzer einiges an Aufmerksamkeit. Das heute-journal verwies beispielsweise in der Sendung vom 13.04.2020 auf zahlreiche kreative Endprodukte und schlug eine eigene Deutung des neuen Trends vor, indem es betont, dass dieser gar nicht so neu sei. Oliver Heuchert verkündet in dem Beitrag, dass eine Praktik aus dem 19. Jahrhundert gerade wiederaufkommen würde, das tableau vivant, das lebende Gemälde also. Kurz zum Hintergrund: „,Lebende Bilder, auch Tableaux vivants genannt, sind szenische Arrangements von Personen, die für kurze Zeit stumm und bewegungslos gehalten werden und sich so für den Betrachter zu einem Bild formieren. Es handelt sich um ein kulturgeschichtliches Phänomen, das zwischen bildender und darstellender Kunst steht‘“, so die Definition der Kunsthistorikerin Birgit Jooss (2004: 272).

Das Ganze fand auf einer Bühne statt und entwickelte einen besonderen Reiz durch die Performanz, an der das Publikum teilhaben konnte. Das heute-journal setzt die gegenwärtigen nachgestellten Gemälde und Skulpturen damit in einen direkten Bezug, sogar in eine Entwicklungslinie, mit diesem bildungsbürgerlichen Freizeitvergnügen. In meinen Augen eine gewagte Deutung, der ich nicht in allen Punkten zustimme. Raum, Dauer und Interaktion unterscheiden sich in hohem Maße und sind durch die gegenwärtige Situation maßgeblich beeinflusst. Die Nachstellungen finden zuhause statt und die Interaktion mit dem Publikum erfolgt im Gegensatz zum 19. Jahrhundert über eine zweidimensionale Fotografie. Die Bühne wird ersetzt durch die sozialen Medien und deren Plattformen.

Dennoch finde ich es interessant, dass diese Historisierung der aktuellen Praktik stattfindet. Es scheint fast so, als würden die Vergewisserung dieses langen Zeitraums und die Tradierung der Praktik in die gegenwärtige Zeit einem Bedürfnis nach Kontinuität und Stabilität nachkommen, das durch die aktuelle Erschütterung des Gewohnten ausgelöst wird. Bei der Feststellung einer möglichen Analogie zu den tableaux vivants stehenzubleiben, wird meines Erachtens jedoch den unterschiedlichen Qualitäten der Bilder nicht gerecht und wirkt zu homogenisierend, weshalb die Vielschichtigkeit der Fotografien und Praktiken in ihrem Kontext näher betrachtet werden muss.

Reflexion des Alltags in der Badewanne zusammen mit Marat

Versucht man, den Beginn für den aktuellen Trend zu finden, stößt man auf die Instagram-Seite covidclassics, betrieben von einer vierköpfigen WG aus dem US-amerikanischen Connecticut. Das erste veröffentlichte Bild war eine Nachbildung von Jacque-Louis Davids „Tod des Marat“, in diesem Fall im gefliesten Badezimmer mit angeschnittener moderner Porzellantoilette am seitlichen Bildrand. Swiped man nach links weiter, erscheint ein Abbild des Originals und dann noch eine Making-Off Aufnahme, die die Praktik des Nachstellens in den Vordergrund hebt.

Verfolgt man die unterschiedlichen Posts, lassen sich zwei Tendenzen ausmachen: Zum einen scheinen manche Fotografien zum Ziel zu haben, das Original möglichst exakt nachzubilden, indem aufwändige Requisiten geschaffen werden und auch mal ein lateinischer Text akribisch abgezeichnet wird. Zum anderen heben manche Bilder das Artifizielle und den requisitenhaften Charakter bewusst hervor. So ist das Gewand der schwangeren Dame in Jan van Eycks „Arnolfini-Hochzeit“ klar als Schlafsack identifizierbar und über das Käsebrot von zuvor müssen wir ja gar nicht sprechen.

Gerade dieses Herausstellen des requisitenhaften Charakters lässt sich als eine Reflexion des Alltags und der gegenwärtigen Handlungsmöglichkeiten deuten. Das machen die vier Betreiber*innen des Accounts auch deutlich, wenn sie in die Beschreibung ihrer Seite schreiben: „No filters, no edits, just us and the stuff in our house.“ Schon dieser Aspekt zeigt, dass die aktuellen Fotografien einen anderen Deutungsgehalt innehaben als die tableaux vivants des 19. Jahrhunderts.

Die Beschreibung des Accounts geht noch weiter: „4 roommates who love art… and are indefinitely quarantined.“ Aus diesem Blickwinkel lässt sich das Nachstellen der Kunstwerke für die Akteur*innen zu Beginn vielleicht am ehesten als Mußebeschäftigung deuten. Dass sich das gewandelt hat, machen sie jedoch am Ende eines aktuellen Posts deutlich, in dem sie das einmonatige Bestehen der Seite feiern, jedoch auch verkünden, künftige Beiträge mit größerem zeitlichen Abstand posten zu wollen, da ihnen, grob umschrieben, der sich etablierende Alltag in die Quere kommt und seinen Tribut zollt.

Eine weitere Deutungsebene erhält man, wenn man den Blick dem Kommentarbereich zuwendet. Nutzer*innen posten Ausrufe wie „Your best one to date (and you set the bar high!) the lighting is so good“ und „I look forward to your posts every day. Welcome bright spot during self isolation! “ Die kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Seite wird deutlich und der Kontakt zur Kultur scheint für die Follower fast therapeutischen Gehalt zu entwickeln, wie es auch Markus Tauschek in seinem Blogbeitrag deutlich macht. Die Praktiken rund um das Bild, ob von Erstellenden oder Rezipierenden, sowie das Endprodukt selbst sind Teil des Corona-Alltags und werden durch ihn hervorgebracht.

Aber nur die Gemälde von Hopper bitte!

Ein weiterer Akteur tritt hinzu, wenn man den Blick verschiedenen Museen zuwendet. Das Getty Museum in Los Angeles hat den Anfang gemacht, die Fondation Beyeler in Basel/Riehen zieht nach: Die (derzeit) virtuellen Besucher*innen werden aufgerufen, Gemälde der Sammlung bzw. aktuellen Ausstellung nachzustellen und die Ergebnisse über Social Media zu teilen. Im Fall der Fondation Beyeler wird der hashtag #followhoppersview bemüht, um die Ergebnisse dieser Beschäftigung zu sammeln. Gefordert sind Einsendungen, die von der Sichtweise des amerikanischen Malers Edward Hoppers beeinflusst sind und den täglichen Isolationsalltag widerspiegeln. Zusammen mit den anderen Angeboten des Museums – digitale Führungen, Hintergrundinformationen durch den Kurator – entsteht ein Netzwerk an Möglichkeiten des virtuellen Museumsbesuchs. Die Freizeitbeschäftigung des Nachstellens von Kunstwerken wird damit institutionalisiert und zur Marketingstrategie umfunktioniert.

Mit leicht pathetischem Unterton könnte man an dieser Stelle noch einmal die Eins-zu-Eins-Analogie zu den tableaux vivants abweisen, kann aber nicht verneinen, dass den Bildern über die Praktiken und die drumherum entstehenden Netzwerke „Leben“ eingehaucht wird. Und falls Sie noch nach einer Wochenendbeschäftigung suchen, haben Sie jetzt vielleicht Anregungen gefunden. Über die Einsendung Ihrer Ergebnisse würden wir uns freuen!  Schließlich sei in den kommenden Wochen und Monaten noch genügend Zeit, um berühmte Kunstwerke nachzustellen, wie Marietta Slomka im heute-journal den angeführten Bericht schließt. Hauptsache man fange nicht an, Hieronymus Bosch zu kopieren.

Lea Breitsprecher (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Birgit Jooss (2004): Die Erstarrung des Körpers zum Tableau. Lebende Bilder in Performances. In: Christian Janecke (Hg.): Performance und Bild – Performance als Bild. Berlin: 272–303.

Pandemie-Poesie

und es ist zu Ende
und es fängt an
und dann
 
ist Alltag nicht mehr
(Schulen und Straßen sind leer)
was ein Scherz wär’
wenn nicht alle zu sehr
die Sorgen von morgen
der Gegenwart borgen
denn es ist anders
 
und es ist zu Ende
und es fängt an
und dann
 
ist alles fatal surreal
wenn Nachrichten nichts mehr anrichten
wenn Bilder nichts mehr ausrichten
und manches wird wieder wirklich wichtig
und manches bleibt ohne Nutz
(immerhin Mundschutz)
denn es ist nicht egal
 
und es ist zu Ende
und es fängt an
und dann
 
kämpfen die einen mittendrin
stehen die anderen dankend am Rand
(mit Sicherheitsabstand)
den Umständen entsprechend
Hoffnung und Hilfe versprechend
wegen: Du-weißt-schon-was
denn es ist Verbundenheit
 
und es ist zu Ende
und es fängt an
und dann
 
geht alles bloß von vorne los
Wiederholungsprogramm und dann
sonderliche Sondersendung
(inklusive Eilmeldung)
betreffend: Du-weißt-schon-was
denn es ist das Gleiche
 
und es ist zu Ende
und es fängt an
und dann
 
ist Alltag geplagt, der Rest abgesagt
Laden und Leben dicht
ein Fahren auf Webcam-Sicht
(Zukunft malen nach Zahlen)
Zeit ist ganz gewiss ungewiss
in Zeiten von: Du-weißt-schon-was
denn es ist Frühling
 
und es ist zu Ende
und es fängt an
und dann
 
ist die Welt eine andere
ist die Welt die gleiche
(nur nicht für Arme und Reiche)
zwischen bangen und hoffen
Vorhang zu und alle Fragen offen
Fortsetzung folgt folgenreich blass
nach: Du-weißt-schon-was
denn es ist wie es ist
 
und es ist zu Ende
und es fängt an
und dann
 
ist da noch dies
und ist da noch das
(Du-weißt-schon-was)
und allerlei
 
und es ist vorbei

Mit diesem Gedicht nimmt die Redaktion auch ein Zwischenfazit über alle bisherigen Blogbeiträge vor und verabschiedet sich über die Feiertage in eine kurze Osterpause – ab Dienstag erscheinen dann wieder kontinuierlich neue Beiträge.

Die Redaktion dankt allen Lesenden und Beitragenden für ihr bisheriges Interesse und wünscht ein frohes Osterfest!