Mein rechter, rechter Platz ist leer…

… da wünsch’ ich mir grad niemand her! Das populäre Kinderspiel, bei dem man miteinander im Stuhlkreis sitzt und nur ein Platz frei bleibt, der dann immer wechselt, macht derzeit wenig Spaß. Denn anstatt zu fragen, „Als was soll ich kommen?“ und beim Sitzplatzwechsel beispielsweise die Gangart bestimmter Tiere nachzuahmen, heißt es nun wohl eher: „Wie nah darf ich überhaupt kommen?“

Kulturwissenschaftler*innen betrachten Raum nicht als voraussetzungslos gegebenes Faktum oder als festgefügte Determinante, sondern als variable soziale Größe. Sie verstehen räumliche Ordnungen als durch kollektive Konventionen, kulturelle Vorstellungen und unreflektierte Alltagsroutinen im praktischen Tun hergestellt, organisiert und gegliedert. Ob in Bussen und Bahnen, Restaurants und Cafés oder auf Kirchen- und Parkbänken – überall zielen Abstandsgebote auf veränderte Formen der sozialräumlichen Orientierung und Strukturierung. Hier soll jeder zweite Platz freibleiben, dort werden den Gästen auseinandergerückte und durchnummerierte Tische zugewiesen, und so weiter. Auch Handlungen des Sich-Annäherns, Begrüßens, Beinander-Stehens, Ausweichens auf dem Gehweg etc. werden zu – mal bewussten, mal unbewussten – Modi des kollektiven Raumverhaltens. Solche Praktiken und Arrangements lassen sich besonders mit einem interaktionstheoretischen Analyseblick genauer fassen, wie ihn der Soziologe Erving Goffman ausgearbeitet hat (1971, 1974).

Goffman spricht unter anderem von „Territorien des Selbst“: Wie nah dürfen einem die eigenen Kinder oder Freund*innen kommen? Wie fern sollen einem die Nachbar*innen oder Fremde bleiben? Nicht nur Bekanntheits- und Vertrauensverhältnisse, sondern eine Vielzahl an Faktoren spielen bei solchen sozialräumlichen Anordnungen mit hinein: Differenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, die Frage des Geschlechts, Macht und Status oder das Agieren in einer bestimmten sozialen Rolle, um nur einige wenige Aspekte anzudeuten. Sie alle formen konzentrische Kreise, die sich um das Individuum anordnen. Welche dieser kleinen oder großen Radien verschieben sich aktuell, sortieren sich neu – oder haben Bestand?

Distanz halten allerorten wegen Abstandsgeboten?

Gerade jetzt, in einer Phase der Lockerung in weiten Teilen Europas, eröffnen sich vielfältige und interessante Blicke darauf, wie verschiedene alltagsterritoriale Konfigurationen und Setzungen aufeinander einwirken und auf welchen Ebenen sozialräumliche Strukturierungen (immer noch oder schon wieder) wirksam werden – oder auch nicht. Wenn die Polizei durch die städtische Fußgängerzone oder um den nahe gelegenen See fährt, um Verstöße gegen die geltenden rechtlichen Verfügungen zu ahnden oder allein über ihre sichtbare Präsenz die nach wie vor geltenden Abstandsgebote im kollektiven Bewusstsein zu halten, handelt es sich um eine staatlich-normative, rechtlich kodifizierte Dimension räumlicher Zuweisungen in Form von Ver- und Geboten. Ein anderer Aspekt sind die von Goffman beschriebenen Formationen von räumlichen Anordnungen, die auf soziokulturelle Weise gleichermaßen in unseren Körpern wie in unseren Köpfen verankert sind. Das äußert sich beispielsweise in einem Gefühl von Unbehagen und dem intuitiven Zurück- oder Ausweichen, wenn jemand sprichwörtlich „zu nah auf die Pelle“ rückt. Eine solche, durch kulturelle statt juristische Normen beeinflusste Form der räumlichen Orientierung und Anordnung kann mit dem rechtlich Niedergelegten übereinstimmen – muss sie aber bei Weitem nicht immer. Situationen des Konflikts aufzuspüren und genauer zu betrachten, wäre eine klassische ethnografische Herangehensweise, um diesem Mit- und Gegeneinander von unterschiedlichen Raumordnungen kulturwissenschaftlich näher auf den Grund zu gehen.

Eine andere Möglichkeit wäre, nach kulturellen Prägekräften und Wechselwirkungen zu fragen: Bildet sich über das epidemiologisch gebotene „Distancing“, dessen Handhabung und Ausgestaltung wir in den letzten Monaten alle erlernt haben, eine nachhaltig veränderte Form der sozialräumlichen Orientierung heraus? Oder überwiegen alltägliche Beharrungskräfte gegenüber den temporären Regulierungen? Ich wage gegenwärtig noch nicht, das zu beurteilen. Man wird abwarten und die Entwicklungen und Verhaltensweisen längerfristig mit einem mikrosoziologischen Fokus aufs Detail im Blick behalten müssen, um zu erfahren, inwiefern es auch weiterhin heißt: Mein rechter, rechter Platz ist leer… – und mein linker auch!

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Erving Goffman 1971: Verhalten in sozialen Situationen. Strukturen und Regeln der Interaktion im öffentlichen Raum. Gütersloh.

Erving Goffman 1974: Das Individuum im öffentlichen Austausch. Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung. Frankfurt am Main.

Corona als kulturelle Tatsache

In letzter Zeit sind von Kulturwissenschaftler*innen unzählige Initiativen, Beiträge, Stellungnahmen und vieles Weitere zur Corona-Pandemie entstanden. Auch dieser Blog gehört dazu. Bei mir persönlich bleibt bei all dem allerdings ein zwiespältiger Eindruck zurück: Da ist einerseits eine Freude darüber, dass kulturanalytische Perspektiven auf das aktuelle gesellschaftliche Geschehen im besten Fall neue Einsichten, relevante Deutungen und fundierte Argumente in den öffentlichen Diskurs einbringen können und Wichtiges zu sagen haben (Ausnahmen bestätigen die Regel). Kulturwissenschaftliches Tun und Treiben erweist sich als handlungsfähig und produktiv.

Andererseits ist da aber auch eine Beunruhigung, dass das Thema ,Corona‘ erstens als ein ziemlich plumpes Verkaufsargument für die eigene Relevanz-Zuschreibung und Bedeutsamkeits-Inszenierung genutzt und – damit verbunden – zweitens zu einem „Catch it all“-Thema wird. Um dem entgegen zu wirken hilft es, einen Schritt zurück zu treten, Distanz zu gewinnen: Denn Wissenschaft im Allgemeinen und Kulturwissenschaft im Speziellen zeichnet sich ja dadurch aus, dass sie das eigene Vorgehen immer wieder auch selbst infrage stellt, Herangehensweisen reflektiert und Vorannahmen kritisch prüft. Die wohl zentralste, aber oft nur implizit bleibende, möglicherweise auch zu reflexartige Vorannahme lautet, dass die Corona-Pandemie (auch) ein kulturelles Phänomen sei. Aber was soll, was kann das eigentlich genau bedeuten?

Eine Rückholaktion der anderen Art

Der Volkskundler Helge Gerndt hat wenige Jahre nach der Katastrophe des AKW Tschernobyl 1986 in mehreren Aufsätzen dargelegt, inwiefern dieses Ereignis eine „kulturelle Tatsache“ darstellt. Sicherlich bestehen signifikante Unterschiede zwischen Tschernobyl und SARS-CoV-2 und ihren jeweiligen sozialen Folgen. Aber man kann auch Parallelen ziehen: eine thematische Dominanz in der medialen Berichterstattung; eine breite Verunsicherung in der Bevölkerung angesichts unsichtbarer Risiken; aus spezifischen Präventionslogiken heraus resultierende Verhaltensänderungen im Alltag.

Dieser Beitrag möchte zeigen: In der aktuellen Lage lohnt es sich daher, diese inzwischen 30 Jahre alten Aufsätze wieder einmal heranzuziehen und zu prüfen, was von den damals entwickelten Fragestellungen, Argumenten und Thesen sich heute wieder als analytisch hilfreich erweist und was davon zu überdenken oder analytisch weiterzuentwickeln ist. Eine Rückholaktion mit Vorwärtsabsicht.

Gerndt bezieht sich auf Émile Durkheim und dessen Terminus des „fait social“ als Bezeichnung für soziologische Tatbestände. Adaptiert auf die volkskundliche Kulturwissenschaft versteht Gerndt seine Rede von „Tschernobyl als kulturelle Tatsache“ zwar nicht als einen weiterführenden Analyse-, sehr wohl aber als einen hilfreichen Beschreibungsbegriff. Denn im Gegensatz zu ähnlichen Bezeichnungen wie etwa „Objektivation“ eröffne dieser „einen ganzheitlich-lebensweltlich ausgerichteten, ungleich aspektreicheren kulturwissenschaftlichen Zugriff“ (1990: 170). In Gerndts Aufsatz ist deutlich erkennbar, dass er gegen eine verkürzte Betrachtung von Tschernobyl unter einzelnen, kanonischen Elementen von ,Volkskultur‘, etwa als mündliche Folklore in Witzen und Redewendungen, argumentiert. Statt um inhaltliche Isolierungen auf bestimmte, traditionelle und als damals für volkskundlich relevant gehaltene Forschungsfelder gehe es ihm mit der Begriffsbildung der „kulturellen Tatsache“ um das „Erklären und Verstehen kultureller Vernetzungen in unserem sozial höchst komplex verschlungenen Alltagsleben, um Einsichten in umfassendere Lebenskomplexe aus wertbesetzten Vorstellungs- und Verhaltensmustern“ (ebd.: 173).

Denn Tschernobyl [ersetze: Corona] zeige sich im Alltagsleben „als ein vielfältiges Reflexionsobjekt und ein kontroverser Diskussionsgegenstand, als ein kompliziertes Vorstellungsbild und nicht zuletzt als ein vielschichtiger Empfindungskomplex.“ Es „ist somit ganz wesentlich ein lebensvolles, kollektiv geprägtes und bewertetes, subjektiv akzentuiertes Bewußtseinsphänomen“ (ebd: 162). Und genau diese Bewertung sei ein kultureller Vorgang, erläutert Gerndt: „Wertsetzen ist eine Tat des menschlichen Bewußtseins; werten, Bedeutung verleihen, ist die Essenz kultureller Akte. Unser Bewußtsein färbt, prägt, steuert den Lebensprozeß, so wie unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit andererseits durch kulturelle Muster gefärbt, geprägt und gesteuert wird“ (ebd.: 165). Gerndt arbeitet hier mit einem intellektualistischen, sehr aktivischen und auf Symbolisches zielendem Kulturverständnis, bei dem zu fragen bleibt, inwiefern man es heutzutage erweitern müsste, etwa durch praxistheoretische Ansätze oder die verschiedenen Stränge eines ,New Materialism‘.

Wahrnehmung und Wertbedeutsamkeit

Dennoch lohnt es, die kulturanalytische Aufmerksamkeit auf Prozesse der Wahrnehmung und Wertzuschreibung zu lenken sowie auf Prozesse der Vermittlung, denen Gerndt eine wichtige Rolle beimisst, gerade angesichts unsichtbarer Gefahren: „Während jedermanns Alltagshandlungen gewöhnlich auf dem Vertrauen in seine unmittelbare Sinneswahrnehmung gründet, wurden hier nun Sekundärerfahrungen wirksam, die jeder anhand wechselnder Vertrauensvorgaben für sich selbst aus der Informationsflut selektierte“ (ebd.: 161), schreibt er angesichts der Rolle von Medien und wissenschaftlichen Expert*innen für die Einordnung von Tschernobyl – lässt sich davon heute nicht Einiges wiedererkennen?

Mit der Bezeichnung „kulturelle Tatsache“ sei also „genau gesehen nicht ein Phänomen, sondern eine Aussage über ein oder mehrere Phänomene gemeint“ (ebd.: 169). Doch gebe es dann noch ein durchgängiges, verbindendes Merkmal für eine gemeinsame Kategorisierung, fragt Gerndt und gibt gleich selbst die Antwort: „Durchaus! Kulturwissenschaftlich gesehen ist das tertium comparationis die Wertbedeutsamkeit, mit der Menschen die von ihnen wahrgenommene und gestaltete Welt ausnahmslos übertünchen“ (ebd.: 167).  Anders als das Objektivierungsbestreben in den Naturwissenschaften seien die Wertbedeutungen und Einschätzungen in der breiten Bevölkerung die zentrale Ebene kulturwissenschaftlicher Analyse, schlussfolgert Gerndt. Ihnen komme „ganz unabhängig vom objektiven Wahrheitsgehalt der bewerteten Fakten eine entschiedene Bedeutung zu; von ihnen kann ein gesellschaftlicher Bewußtseinswandel mit tiefgreifenden Folgen für die realen Lebensverhältnisse ausgehen. Entsprechende Zeichen und Vorgänge zu erkennen und zu deuten, fällt in die spezifische Kompetenz des Kulturwissenschaftlers“ (ebd.: 176).

Oder ist das jetzt doch wieder zu viel Relevanz-Zuschreibung?

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Helge Gerndt 1990: Tschernobyl als kulturelle Tatsache. In: Dieter Harmening, Erich Wimmer (Hg.): Volkskultur – Geschichte – Region. Festschrift für Wolfgang Brückner zum 60. Geburtstag. Würzburg: 155–176.

Bildquelle: Wikimedia Commons / IAEA Imagebank (CC BY 2.0)

Krise? Welche Krise?

Wovon wir uns ein Wort machen, machen wir uns die Welt. Sprache prägt das Denken und kreiert kollektive Vorstellungen. Besonders ein Begriff erfährt eine anhaltende und ungemeine Popularität im gesellschaftlichen Diskurs: die Krise. Staatskrise, Eurokrise, Lebenskrise, Finanzkrise, Regierungskrise, Liebeskrise… Es scheint, als krisele es immer irgendwo. Krise fungiert als ein bestimmtes kulturelles Erzählmuster (Meyer-Schlenkrich u. a. 2013), vielleicht sogar als ein Leitbegriff der Moderne.

Krise ist eine prominente Vokabel von Politiker*innen, Ökonom*innen oder Journalist*innen, aber auch von Kulturwissenschaftler*innen. Die Rede von der Krise hat immer einen deskriptiven und einen interpretativen Charakter. Krise ist sowohl ein Begriff, der Phänomene benennt, als auch ein eigenständiges Konzept, das theoretische Versatzstücke mit sich trägt – und meistens verschwimmen beide Dimensionen ineinander. Eine kulturanalytische Begriffsreflexion geht nicht unbedacht von sprachlichem Fremd- in Selbstgebrauch über, sondern trägt die unterschiedlichen Verwendungsweisen und Sinnschichten in der Rede von der Krise analytisch ab: Inwiefern ist das Krisen-Label treffsicher und präzise genug? Schärft es unseren Blick und Verstand? Oder trägt es eher zu terminologischen Unschärfen bei? Zugespitzt formuliert: Ist die Beschreibung und Diagnose der aktuellen Lage als „Corona-Krise“ eher vereindeutigend oder verunklarend?

Ähnlich, wie es der Volkskundler Helge Gerndt einmal für den Kultur-Begriff formuliert hat (2000: 219), ist es kulturanalytisch nicht sehr ergiebig zu fragen, was Krise allgemein ist, sondern, was sie im speziellen Fall meint. Ich möchte Gerndt präzisieren: was wer damit meint. Wenn Kulturwissenschaftler*innen fragen, „Krise? Welche Krise?“, dann stellen sie also nicht unbedingt deren Existenz in Abrede, sondern sie betonen das „Welche“ und fragen: Wer meint mit der Corona-Krise was in welchem Kontext und mit welchem Sinn? Ich greife drei wichtige Dimensionen heraus – Zeitlichkeit, Räumlichkeit und Akteur*innen –, um unterschiedliche Aspekte und Implikationen des Krisenbegriffes aufzuzeigen.

Zeitlichkeit

Bezeichnet Krise ein spezifisches, zeitlich identifizierbares Ereignis (Ölkrisen)? Oder eher einen eher unmerklichen, sich aber sukzessive zuspitzenden Prozess (Klimakrise)? Auf jeden Fall impliziert die Krise-Diagnose spezifische Vorstellungen von Zeitlichkeit, sei es als ein eher kurzfristiges Ereignis (Kubakrise) oder eine längerfristige Entwicklung (Parteienkrise). Der spezielle Begriff der Corona-Krise verbindet verschiedene Zeithorizonte: Er führt das aktuelle Geschehen mit den Entwicklungen der vergangenen und den Antizipationen der kommenden Monate zusammen. Wer von einer Krise spricht, positioniert sich, narrationstheoretisch betrachtet, immer auch selbst zum Gegenstand. Das kann erstens ein Bezug zur unmittelbaren Gegenwart sein. Dann stellt Krise eine Zeitdiagnose, eine Momentaufnahme dar, die revidier- und modifizierbar bleiben muss, wenn sie die steten Wandlungen der Wirklichkeit erfassen und nicht kurzsichtig und ahistorisch sein will.

Denn zweitens fungiert Krise als ein Etikett, um Geschichtsschreibung zu stiften, Ereignisse narrativ einzuordnen, historische Abfolgen und damit auch immer eine gewisse Form von Kausalität zu erzeugen. Gegenwartsdiagnostik und Geschichtserzählung sind als zwei Deutungsmodi stets miteinander verknüpft; es geht um deren Gewichtung zueinander. Im Moment liegt der Fokus in der öffentlichen, tagesaktuellen Rede von der Corona-Krise noch relativ stark auf dem Jetzt. Aber die unzähligen ins Leben gerufenen Sammlungsaufrufe und Dokumentationsprojekte von Historiker*innen und Museen sind unübersehbare Indizien für eine längst stattfindende Verschiebung der beiden Modi und dem Ringen um die Art der Krisen-Erzählung.

Räumlichkeit

Ein zweiter Aspekt ist die Frage nach der Lokalisierung der Krise. Betrifft sie einzelne, mehr oder minder klar definierbare Weltregionen, die am besten weit entfernt liegen (Ukrainekrise, Balkankrise)? Oder entwertet Krise lokale Unterschiede, indem sie ortsunabhängige Wirkung zeigt (Systemkrise, Strukturkrise)? Hebt die Rede von der Corona-Krise also Räumlichkeit hervor oder nivelliert sie diese? Beides trifft in gewissem Maße zu, denn die Krise äußert(e) sich diskursiv sowohl in räumlichen Zuspitzungen (Wuhan, Ischgl, Heinsberg usw.) als auch in den überregionalen Verflechtungen einer Pandemie. Der Begriff der Corona-Krise beinhaltet semantisch beides: ortsfest und ortslos, umzirkelt und zirkulierend.

Das Geschehen spielt sich in vielen Weltregionen gleichzeitig ab, aber in unterschiedlichen Stadien und Geschwindigkeiten. Gerade Vertreter*innen postkolonialer Theorie machen derzeit darauf aufmerksam, dass Ungleichzeitigkeit mit Ungleichheit einhergeht. Verschwinden diese Asynchronitäten zu sehr in einer Konnotation von Krise, die auf lokal Punktuelles und linear Temporalisiertes ausgerichtet ist? Sollte man lieber im Plural von mehreren Corona-Krisen sprechen, um der sozialen Vielfältigkeit und regionalen Verschiedenheit der Entwicklungen besser Rechnung zu tragen?

Akteur*innen

Bei der Verwendung des Krisenbegriffs stellt sich drittens die Frage, welche Akteur*innen in Beziehung gesetzt werden. Wer oder was ist eigentlich betroffen? Schematisch gegliedert kann Krise erstens individuell angelegt sein. Dann bezeichnet sie beispielsweise eine auf das Private zielende Situation (Ehekrise) oder einen geistig-innerlichen Zustand (Sinnkrise). Zweitens wird Krise in einem kollektiven Sinn verwendet. Dann zielt sie auf eine bestimmte, umgrenzbare und damit auch abgrenzbare Gruppe, zu der man am besten nicht selbst dazugehört (Flüchtlingskrise). Drittens wird der Krisenbegriff institutionell gemünzt, sodass nicht individuelle oder kollektive Körper, sondern bestimmte Körperschaften addressiert werden (Bankenkrise). Und viertens wird Krise strukturell semantisiert, deren eingeschriebene Totalität sich analytisch besonders gut mit einem systemtheoretischen Blick einfangen lässt (Wirtschaftskrise, nur noch getoppt von der Weltwirtschaftskrise).

Die Corona-Krise wird insofern als total gedeutet, als dass sie mehr oder weniger alle Lebensbereiche umfasst. Betroffen sind alle. Wirklich alle. Aber die Risiken, auch das ist inzwischen vielfach hervorgehoben worden, sind entlang sozioökonomischer Faktoren unterschiedlich verteilt – zwischen jung und alt, arm und reich oder Stadt und Land. Pointiert gesagt: Das Virus schafft Gleichheit und verstärkt zugleich Ungleichheit. Inwiefern kommt das in der Rede von der Corona-Krise zum Ausdruck?

Sensibilisierung und Präzisierung

Diese kursorische Reflexion über implizite Konnotationen von Zeitlichkeit, Räumlichkeit und Akteur*innen schärft – bei aller Knappheit und Oberflächlichkeit – das Bewusstsein, welche semantischen Spannbreiten der Krisenbegriff aufweist. Die Krise der Corona-Krise meint etwas anderes als die der Klimakrise, der Flüchlingskrise und so weiter. Kulturwissenschaftler*innen sind in der Lage, diese Unterschiede genau heraus zu arbeiten. Sie sensibilisieren so für implizite Konnotationen und Kontextualisierungen des Wortgebrauchs und legen dessen kulturelle Bedeutungsschichten, kollektive Diskursmuster oder auch politische Instrumentalisierungen offen. Um zu urteilen, inwiefern Krise eine angemessene Vokabel für die Benennung von – Ja, von was eigentlich? – ist, braucht es solche Ausdifferenzierungen ebenso wie einen begriffs- und ideengeschichtlichen Abriss, der Stoff für einen eigenen Blogbeitrag wäre.

Was Helge Gerndt für den Kulturbegriff formuliert hat, kann auch für den Krisenbegriff gelten: „sein Stellenwert – und damit auch sein Inhalt – ist vom gegebenen Argumentationszusammenhang abhängig. Zu bedenken ist also stets zuerst die Zielsetzung: ob es im konkreten Fall in erster Linie um programmatische Orientierung, methodische Perspektivierung, sachbezogene Präzisierung, theoretische Konzeptualisierung oder politische Umsetzung geht“ (Gerndt 2000: 224). Genauer zu überlegen, worauf der Krisenbegriff den Blick lenkt und woran er ihn hindert, trägt zur Reflexion der mitgeführten kulturellen Bedeutungen und womöglich auch zur sprachlichen Präzisierung bei.

Es geht nicht darum, was der Begriff meint, sondern darum, was wir mit ihm meinen.

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Helge Gerndt 2000: Zielorientierungen oder: Wieviele Kulturbegriffe braucht Volkskunde als empirische Kulturwissenschaft? In: Siegfried Fröhlich (Hg.): Kultur – Ein interdisziplinäres Kolloquium zur Begrifflichkeit. Halle (Saale): 215–228.

Carla Meyer-Schlenkrich u. a. (Hg.) 2013: Krisengeschichte(n). „Krise“ als Leitbegriff und Erzählmuster in kulturwissenschaftlicher Perspektive. Stuttgart.

Aus dem Leben einer Straße: von Abläufen, Routinen und Brüchen – 2/2

— Der erste Teil dieses Beitrags findet sich hier. —

In der kulturwissenschaftlichen Katastrophenforschung wird der Verlust von Selbstverständlichkeiten als eine der weitreichenden kulturellen Folgen genannt.1 Wir gelangen an die Grenzen unserer Erfahrung, weil wir nicht auf Früheres, schon Erlebtes zurückgreifen können und auch, weil die neuen Gegebenheiten nur bedingt abgleichbar sind mit dem Wissensvorrat, den wir uns über die Zeit und im Zusammenspiel mit Anderen angelegt haben. Die Soziologen Alfred Schütz und Thomas Luckmann (2017 [1979]) sprechen von der Krise als einer Unterbrechung im „Ablauf der Selbstverständlichkeitskette“ (ebd.: 38) und machen damit deutlich, wie wir üblicherweise in einer fortlaufenden Routine unseren Alltag bestreiten, indem wir auch mit Neuerungen und kleineren Erschütterungen anhand unseres weiten Erfahrungsschatzes relativ unbeschwert umgehen und das „fraglich Gewordene in neue Fraglosigkeit“ überführen können (ebd.: 35). Den Döner aus einer Luke statt wie sonst am breiten Tresen im Laden entgegenzunehmen, gehört da noch zu den Neuerungen, die als „kleine Transzendenzen“, also Grenzen unserer Erfahrung, unsere Gewohnheiten zwar durchbrechen, deren Bewältigung uns jedoch leichter von der Hand gehen. Denn immerhin schließen sie an Gegebenheiten an, mit denen wir, wenn auch nicht im speziellen Fall, dann doch allgemeiner gehalten bereits vertraut sind.

Ein DIN-A4-Zettel an der Türe des Imbisses ruft mir die Gebote unserer Zeit in Erinnerung: „Bitte halten Sie Abstand!“ Darunter dann der Wunsch, dass wir alle  ja dennoch versuchen sollten das Beste daraus zu machen. Ein hoffnungsvoller Ton, den ich als Versuch lese, den diffusen Erfahrungen der Krise „einen Sinn und eine Form zu geben, sie greifbar und tradierbar zu machen“ (Johler u. a. 2018: 326). Und während Andere eben das entstandene „Sinnvakuum“ (ebd.: 325), ausgelöst durch den Bruch des Alltäglichen, ausfüllen, indem sie beherzt die Kochlöffel schwingen und endlich tief in der Yoga-Position ‚die Taube‘ versinken können, so möchte der Imbiss mit seiner Beschilderung mir doch nur freundlich zurufen: Alles nicht so schlimm, solange der Spieß sich weiter um die eigene Achse dreht.

Und sowieso, all die Hinweis-Schilder: Eilig ins Schaufenster gehängte Poster deuten auf ‚die Lage‘ hin, informieren über Verhaltensregeln, spezifizieren. Die geschlossenen Cafés malen traurige Smileys auf ihre Tafeln, der Buchladen erklärt, wie das Abholsystem funktioniert und bei Edeka einige Häuser weiter versucht man wöchentlich, mit neuen Formen der Kennzeichnung die störrische Kundschaft zu leiten. Manche dieser Zettel sind schon nach wenigen Wochen derart ausgefranst, dass schon die schwindende Materialität ein Gefühl von leidigem Zwischenzustand vermittelt und uns andeutet, all das könnte bald schon wieder vorbei sein. Zurück zur Normalität, so der viel geäußerte Wunsch. Dann müsse man ja nur die Hinweise entfernen, den Tesa von der Scheibe kratzen und schon könne man sich wieder enthemmt umarmen und anderen Menschen während des Schlange-Stehens in den Nacken atmen. Die Sehnsucht nach der „Rückkehr zum Alten“ (Hinrichsen u. a. 2014: 82), zum normalen Leben, zu Alltag und Routine in all ihrem erfrischenden Trott, höre ich immer wieder in den Gesprächen, an denen ich auf der Straße vorbeigehe, wenn sich zwei Menschen über die vorgegebenen eineinhalb Meter hinweg unterhalten.

Die Gegenwart der Vergangenheit, so Pierre Bourdieu (1987: 116), sei nie besser erkennbar, als wenn der Sinn der wahrscheinlichen Zukunft plötzlich Lügen gestraft werde. Er meint damit eben jene Verhaftung im Sosein, die Starrheit unserer Dispositionen, die plötzlich nicht mehr zu den objektiven Gegebenheiten zu passen scheinen. Und so passiert es, dass sich Menschen entgegen aller Warnungen zur Begrüßung in die Arme fallen – selbst wenn sie durchaus versuchen, eine andere Form dafür zu finden –, sich trotzdem rund achthundert Mal täglich ins Gesicht fassen2 und eine Freundin mir kürzlich wie selbstverständlich einen Schluck aus ihrer Bierflasche anbot, als wir uns auf ein distanziertes Getränk am Späti trafen. Unser Körper „ruft sich nicht die Vergangenheit ins Gedächtnis, sondern agiert die Vergangenheit aus, die damit als solche aufgehoben wird, erlebt sie wieder“ (ebd.: 135). Und so bin auch ich, ob am Fenster oder in Begegnung auf der Straße, in einem Zustand des permanenten Verhandelns zwischen der gar nicht so fernen Vergangenheit, einer fragilen Gegenwart und einer noch ungewissen Zukunft, die es alltagsmäßig zu bestreiten und zu gestalten gilt.

Wie sich unser Alltag verändern wird, welche Praktiken wir erlernen, welche wieder vergessen werden, auf welche Weise und nach welcher Vergangenheit, welcher Erfahrung unsere Körper zukünftig agieren werden, sind Fragen, die eine kulturwissenschaftliche Beobachtung und Analyse erfordern. Wir werden wohl neue, alltagspraktische Formen des Ausdrucks von Freude, von Respekt, von Anerkennung, von Geselligkeit und Gemeinschaftlichkeit hervorbringen, wenn körperliche Nähe für einige Zeit wegfällt, wir uns nicht berühren, auf die Schulter klopfen, den Arm tröstend um jene legen, die sich einsam fühlen, uns Geheimnisse ins Ohr flüstern oder schlicht nah beisammen einen Döner bei unserem Lieblingsimbiss essen gehen können. Eine kulturwissenschaftliche Perspektive hilft dabei, den Wandel und seine Ambivalenzen verständlich zu machen, sie zu deuten und einzuordnen.

Die Tram vor meinem Haus jedenfalls fährt noch immer in ihrem gewohnten Takt. Inzwischen öffnet der Einzelhandel wieder seine Pforten. Die Schlangen und Hinweisschilder werden bleiben, Gesichtsmasken sind gekommen und ich hoffe darauf, dass die Ellbogen-Begrüßung mir auch irgendwann leichter fällt, auch wenn meine Bewegungen noch, wie den beiden Freunden auf ihrem Weg zum Imbiss, ungelenk scheinen, unsicher und unkoordiniert. Wir werden uns wieder begegnen und auf dem Weg dorthin möglicherweise veränderte Routinen erzeugen. Wir werden den Raum weiterhin spürbar erschließen und uns wieder zurückziehen. Ich sitze dann an einem anderen Fenster. Wenn ich dort hinaus schaue, fällt mein Blick  zuerst auf den großen Baum, dessen Zweige mittlerweile fast an das Fensterbrett reichen. In den Wochen der Krise präsentiert er mir statt Fragen schlicht seine neuen Knospen und Blätter, klein und hellgrün reflektieren sie das Sonnenlicht. Manches bleibt beständig, manches kommt unvorhergesehen, wechselt sich ab, anderes geht. Eigentlich wie immer.

Nikola Nölle (Freiburg im Breisgau, Leipzig)

Literatur

Pierre Bourdieu (1987): Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, Frankfurt am Main.

Jan Hinrichsen, Reinhard Johler und Sandro Ratt (2014): Katastrophen. Vom kulturellen Umgang mit (außer)alltäglichen Bedrohungen. In: Ewald Frie, Mischa Meier (Hg.): Aufruhr, Katastrophe, Konkurrenz, Zerfall. Bedrohte Ordnungen als Thema der Kulturwissenschaften. Tübingen: 61–82.

Reinhard Johler u. a. (2018): Die Kultur der Katastrophen. Forschungsperspektiven der deutschsprachigen Ethnologie/Kulturwissenschaft. In: Johannes Moser (Hg.): Themen und Tendenzen der deutschen und japanischen Volkskunde im Austausch. Münster, New York: 317–337.

Alfred Schütz, Thomas Luckmann (22017): Strukturen der Lebenswelt. Konstanz [Erstausgabe 1979].


1 | Exemplarisch hierfür die kulturwissenschaftlichen Positionen des Tübinger SFB 923 „Bedrohte Ordnungen“, unter anderem Johler u. a. 2018; Hinrichsen u. a. 2014 sowie die Beiträge von Paul Hugger, Helge Gerndt und anderen in der Zeitschrift für Volkskunde (86) 1990.

2 | Die Seite https://donottouchyourface.com/ will mithilfe der Webcam dabei helfen, sich bei der Arbeit am Computer nicht so oft ins Gesicht zu fassen. Nicht im Selbsttest geprüft [Zugriff: 15.04.2020].

Oh, The Times They Are A-Changin’

„How did I get here? […] Time isn’t holding up, time isn’t after us. Same as it ever was, same as it ever was.“ So sang David Byrne, Sänger der Talking Heads, 1980 und tanzte in dem dazugehörigen Musikvideo im Anzug. Dieses Musikvideo sowie der Songtext beschreiben treffend eine Transformation des Alltags zu einem Zeitpunkt, in welchem der Mensch diejenigen Routinen und Selbstverständlichkeiten bemerkt, welche ihn umgeben, immer schon umgaben und eigentlich unhinterfragt blieben. In den Worten des lyrischen Ichs kann dies vom Hörer oder von der Hörerin als Existenzkrise aufgefasst werden. In Zeiten einer Pandemie wird der Alltag im Wimpernschlag transformiert und es ist unausweichlich zu bemerken, wie die Strukturen des Alltages sich verändern. Doch was führt dazu, dass Unhinterfragtes hinterfragt wird?

In der Kulturanthropologie ist das Themenfeld Alltag nicht wegzudenken und so beschreibt Wolfgang Kaschuba die Alltagswelt „als den jeweils konkreten Ort und die konkrete Zeit […] in denen Kultur ‚gelebt‘ und zugleich beobachtet wird“ (2006: 125). Akteur*innen handeln in ihrem sozialen Umfeld, treten in einer bestimmten Art und Weise auf und prägen unter anderem damit ihr routiniertes, zyklisiertes und alltägliches Leben. Die alltägliche Lebenswelt ist „der Wirklichkeitsbereich, an der der Mensch in unausweichlicher, regelmäßiger Wiederkehr teilnimmt“ (Schütz/Luckmann 2017: 29). Kleinigkeiten wie Aufstehen um eine bestimmte Uhrzeit, sich im Café mit Freund*innen treffen, arbeiten oder zur Uni gehen oder abends die Tagesschau sehen beeinflussen das, was der Mensch täglich als gegeben auffasst und ohne Frage tagtäglich fortführt. Mir persönlich fiel es vor drei, vielleicht auch vier Wochen auf: Beobachtet man täglich mehrmals im Newsfeed sozialer Netzwerke, wie sich die Lage der bereits betroffenen Länder innerhalb von Stunden ändert, wie Maßnahmen getroffen werden, so denkt man auch darüber nach, wie die Zukunft in dem Land, in welchem man sich selbst befindet, wohl aussehen möge. Und so kam es zu den Maßnahmen, in welchen wir uns nun befinden.

Um ehrlich zu sein, es fiel mir leicht, die Strukturen meines alltäglichen Lebens zu verändern. Anstatt im Café in der Innenstadt trinken meine Freund*innen und ich unseren Kaffee nun via Skype. Genauso unser Bier nicht mehr in der coolen Studierenden-Bar.

„In der natürlichen Einstellung tritt mir der mangelnde Einklang meines Wissensvorrats nur dann ins Bewußtsein, wenn eine neuartige Erfahrung nicht in das bishin als fraglos geltende Bezugsschema hineinpaßt“ (ebd.: 35).

Anhand dieser Textstelle wird klar, dass es nicht lediglich unhinterfragte Gegebenheiten im Alltag gibt, sondern dass jene auch veränderbar sind und resultierend von dem/der Akteur*in hinterfragt werden können, insofern eine neuartige Erfahrung vorliegt. Auf Basis dieser und anderer theoretischen Ansätze lässt sich herausstellen, dass Transformationen, Änderungen und Umbrüche in der alltäglichen Lebenswelt stattfinden. So transformierte sich mein Alltag in einer Geschwindigkeit, wie ich es in meinem bisherigen Leben nicht erwartet hätte. Das Szenario begann für mich vor circa vier Wochen, kurz bevor unsere Regierung die Maßnahmen der Ausgangssperre, wie sie heute vorliegt, getroffen hat. Mir fiel auf, dass ich unruhiger wurde, dass mir das Lachen wegblieb, wenn das Thema Corona aufkam und Freund*innen Scherze machten. Dass man kurz lachte, sich dann aber mit ein wenig Angst in die Augen sah. Darauf folgte die Selbstquarantäne, eine Maßnahme, um meine Angst zu verringern. Und dann? Viel schneller als gedacht war die Quarantäne mein Alltag. Ich beobachte gerade, was man nicht alles zuhause tun, wie sehr man sich mit sich selbst beschäftigen kann, auf Social-Media-Plattformen wie Instagram. Man wird geradezu damit überschwemmt, wie Freund*innen sich ihre Zeit vertreiben, oft versehen mit dem Hashtag „wirbleibenzuhause“. Aber ist das eine Integration in einen neuen Alltag, oder eine wahnsinnig lange liminale Phase? Meine bisherige Antwort ist: Irgendwie beides.

Immer wieder im Laufe des Lebens eines Akteurs oder einer Akteurin bilden sich sogenannte „Grenzsituationen“ aus. Beispielsweise in Lebenszeiten und -abschnitten, dem Wechsel zwischen einem Job oder Beruf, setzen sich Grenzen und es kommt zu einer Trennung von etwas Vorherigem. Arnold van Gennep setzte sich mit diesen Übergängen auseinander und stellte unter anderem die Hypothese auf, dass, wer Grenzen überschreitet, sich aus einer Ordnung heraus begibt und gleichermaßen wieder in eine neue Ordnung eingebunden werden muss (vgl. Kaschuba 2006: 188).

„Das Leben eines Menschen besteht […] in einer Folge von Etappen, deren End- und Anfangsphasen einander ähnlich sind: Geburt, soziale Pubertät, Elternschaft, Aufstieg in eine höhere Klasse, Tätigkeit, Spezialisierung. Zu jedem dieser Ereignisse gehören Zeremonien, deren Ziel identisch ist: Das Individuum aus einer genau definierten Situation in eine andere, ebenso genau definierte hinüberzuführen“ (Arnold van Gennep zit. nach Kaschuba 2006: 188).

Van Gennep trennt des Weiteren Umwandlungs-, Trennungs- und Angliederungsriten und versucht neben den Funktionen auch die Formen der Übergangsriten in soziale, räumliche und biografische zu gliedern. In Kaschubas Worten regeln diese Rituale Beziehungen und Gefühle und sichern dadurch letztlich Identität (vgl. ebd.: 188f.). Arnold van Genneps Drei-Stufen-Modell veranschaulicht die drei Phasen einer ‚rite de passage‘ und teilt ein in: Abschied, Schwellenphase und (Neu-)Integration. Demnach bedeutet die erste Phase die Trennung vom vorherigen Zustand, die Schwellenphase umfasst das Leben zwischen den beiden Situationen und mit der Neuintegration ist der/die Akteur*in wieder in einer neuen Umgebung, sei sie sozialer, emotionaler oder räumlicher Art.

Das Leben besteht also aus unterschiedlichen Etappen, was bedeutet, dass Grenzüberschreitungen stattfinden und von einer Situation in eine andere übergegangen wird, wodurch der/die Akteur*in sich in eine neue Ordnung eingliedern muss. Dadurch wird der unhinterfragte und routinierte Alltag, wenn die neue Situation, in welche übergegangen wird, ansteht, hinterfragt. In Bezug auf die Pandemie wurde hinterfragt, inwiefern man das Haus, wenn nicht dringend nötig, überhaupt verlassen sollte. Danach kam die Integration in den Quarantäne-Alltag. Und da befinden wir uns nun. Hat eine Neuintegration stattgefunden, ist die Transformation abgeschlossen, was jedoch nicht bedeutet, dass weitere Umbrüche und Übergänge ausgeschlossen sind. Ich warte in aller Ruhe in einer Mischung aus liminaler Phase und stattgefundener Neuintegration auf den nächsten Übergangsritus. Ab in den nächsten Alltag, der sich vermutlich von dem jetzigen, aber auch von dem vorherigen unterscheidet. Um Bob Dylans Antikriegslied zu zitieren:

„The line it is drawn, the curse it is cast […] As the present now will later be past […] For the times, they are a-changin’“

Katharina Glander (Freiburg im Breisgau)

Literatur & Quellen

Byrne, David (Talking Heads): Once in a Lifetime. Amerika 1980 (CD: Remain in Light, Sire Records, 1980).

Byrne, David: Talking Heads – Once in a Lifetime (Official Video) (Web: YouTube 2018). Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=5IsSpAOD6K8 (Stand: 07.03.2019).

Dylan, Bob: The Times They Are A-Changin’. Amerika 1964 (CD: The Times They Are A-Changin’, Columbia Records, 1964).

Kaschuba, Wolfgang (32006): Einführung in die Europäische Ethnologie. München.

Schütz, Alfred; Luckmann, Thomas (22017): Strukturen der Lebenswelt. München.

Photocredit: Tobias Becker

Kultur als Therapie?

Es gehört zu den zentralen Erkenntnissen kulturwissenschaftlicher Forschung, dass kulturelle Ordnungen immer dann besonders sichtbar werden, wenn sie bedroht sind oder sich aufzulösen beginnen und durch andere ersetzt werden. An vielen Orten forschen Kulturwissenschaftler*innen zu solchen Ordnungen, etwa in einem Tübinger Sonderforschungsbereich mit dem heute aktueller denn je erscheinenden Titel „Bedrohte Ordnungen“, der sich auch schon zur Pandemie zu Wort gemeldet hat.

Gerade in Zeiten, die in medialen, gesellschaftlichen und politischen Diskursen als Krise charakterisiert werden, scheint vielen Menschen Kultur Halt und Stabilität zu geben. Kultur – so könnte man in Anlehnung an den Kulturwissenschaftler Konrad Köstlin formulieren, der dies für die so genannte Volkskultur so schon getan hat – ist dann Therapie. Sie hilft uns durch den Alltag, gibt uns Struktur und Möglichkeiten zur Artikulation. Sie ist, so könnte man auch sagen, die Art und Weise, wie wir uns mit den Zuständen um uns herum kritisch, kreativ, protestierend oder auch bestätigend auseinandersetzen. In Zeiten von Corona sieht man dies allerorten. In die Nachrichtenjournale haben es etwa kurze Instagram-Videos geschafft, die Menschen zeigen, wie sie in der häuslichen Quarantäne – freilich humoristisch überformt – am heimischen Herd eine Disko inszenieren, auf dem Skateboard liegend und in Badehose über den Flur kraulen oder am Fenster stehend, mit einer Socke über die Hand, das gute alte PC-Spiel Pacman nachahmen: Die Socken-Hand frisst vorbeifahrende Autos genüsslich auf und es erklingt jedes Mal ein Computer-Spiele-Retro-Geräusch.

X-mal haben mir Freundinnen und Freude diese Videos geschickt und sich gefreut, wie kreativ Menschen mit der verordneten sozialen Distanz umgehen und die eigenen vier Wände uminterpretieren. Andere Beispiele sind die unzähligen Bilder selbst genähter Mundschütze (auf einmal müssen wir darüber nachdenken, wie der Plural von Mundschutz heißt und ob es den überhaupt gibt), die Folien für Botschaften oder ästhetische Vorlieben werden. Wie wir mit verordneten Strukturen umgehen und diese für uns selbst (um-)interpretieren, zeigen diese Beispiele ebenso wie das Video eines älteren Herrn aus Italien, der – um Ausgangsbeschränkungen zu umgehen – einen Stoffhund an die Leine nahm, um mit ihm Gassi zu gehen. Kultur ist in all diesen Fällen die Art und Weise, wie wir uns zu etwas positionieren, wie wir Regeln in den Alltag integrieren und diese – manchmal eben auch sehr eigenwillig – befolgen oder diese zu umgehen versuchen.

Zeitliche Routinen – diese sind insbesondere kulturell kodiert – werden derzeit als Herausforderungen erkannt, aber auch als Lösungen verstanden. Auf Instagram postete jüngst jemand, es fühle sich doch jeder Tag nun wie ein Sonntag an, der ja immer auch mit Verlangsamung verbunden wird (weniger Verkehr, die Geschäfte geschlossen, man soll sich erholen); und zum Sonntag gehöre es ja, dass man am Samstag davor auch wieder Alkohol trinken dürfe. Folglich sei nun jeder Abend eigentlich ein Samstagabend.

Unsere alltäglichen Routinen sind durch Corona und die politischen Maßnahmen der Eindämmung empfindlich gestört: Kein Weg ist mehr wie vor der Pandemie einfach zu gehen. Der Einkauf wird zur Gefahr und Herausforderung. Der öffentliche Nahverkehr zur Gefahrenzone. Und gleichzeitig berichten die Medien, wie etwa der Einkauf bewusst zelebriert wird, wie Menschen immer nur wenig einkaufen, um so oft wie möglich den öffentlichen Raum betreten zu können. In diesen alltäglichen Routinen wird die Mahlzeit nun auf einmal wieder wichtiger: Dass die gemeinsame Mahlzeit eine höchst komplexe kulturelle Angelegenheit ist, zeigt sich in Zeiten von Corona deutlicher denn je. Die gemeinsame Mahlzeit wird zum Stabilitätsfaktor. Sie wird wichtiges soziales Ereignis und mitunter mit enormer Bedeutung versehen.

Am rührendsten sind sicher jene Formen, die Solidarität nach außen hin sichtbar machen. Während in Italien oder in Spanien der abendliche kollektive Dank an Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger oder all jene, die das System noch am Laufen halten, kollektiv von Balkonen hallt, ist man hierzulande (noch?) etwas zurückhaltender. Die Badische Zeitung hat für Sonntag, den 22. März dazu aufgerufen, aus den Fenstern und von den Balkonen Beethovens Ode an die Freude erklingen zu lassen.  In meinem Stadtteil öffnete sich nur ein einziges Fenster, durch das dann aber gediegene Cello- und Violinenklänge zu vernehmen waren. Mutiger war da schon die Gruppierung „Synthesia Ultras 79“, die gleich an mehreren Stellen der Stadt Dank an das medizinische Personal aussprach: „DANKE ALLEN HELFERN! Fuck Covid 19!“. Dass eine andere Ordnung dann stärker war, zeigte sich an der so genannten Blauen Brücke am Hauptbahnhof, an der ein Banner aus Sicherheitsgründen sogleich wieder abgehängt werden musste.

Dass Kultur uns allen hilft, den Alltag in der Krise zu bewältigen, ist sicher eine für viele Menschen äußerst positive Erfahrung. Vieles, was wir vor der Krise weitestgehend habitualisiert in Routinen getan haben, reflektieren wir nun sehr bewusst. Formate populärer Kultur etwa nutzen Menschen, um sich reflektiert mit den Folgen der Quarantäne zu befassen. Gleichzeitig ist Humor dabei vielfach eine wichtige Strategie. Kultur wird in der Krise reflexiv gewendet. Wo sie drohen zu verschwinden, werden kulturelle Angebote nun zu wertvollen Ressourcen, um die wir uns aktiv bemühen müssen.

Und so wie Kultur uns durch die Krise bringt und Kultur als Ausdrucksform genutzt wird, kann auch ein kulturwissenschaftlich informierter Blick uns helfen, die schrecklichen Folgen (nicht nur die medizinischen, sondern auch jene, die sich aus globalen Ungleichheitsverhältnissen ergeben oder aus dem Aufwind rechtspopulistischer politischer Regime, die die Krise gerade vehement für ihre eigenen politischen Zwecke instrumentalisieren) mit kulturtheoretischer Reflexion zu versehen. Das macht die Pandemie zwar nicht weniger schlimm und soll auch keinesfalls die menschlichen Tragödien, die sich global abspielen, relativieren; die Reflexion kann aber helfen, die Prozesse besser zu verstehen, mit denen Menschen nun tagtäglich konfrontiert sind. Und sie kann besonders helfen, mit einem positiveren Blick auf die kreativen und Halt und Sicherheit gebenden Aspekte von Kultur zu schauen.

Markus Tauschek (Freiburg im Breisgau)

Darf man das? – Annäherungen

Spätestens seit der Writing-Culture-Debatte ist es in der empirischen Kulturwissenschaft zum gängigen Mittel geworden, das Endprodukt, den Zugang und die eigene Verortung zum Thema zu reflektieren und zu problematisieren. Daran kommt auch dieser Blog nicht vorbei. Oder besser gesagt: gerade dieser Blog darf daran nicht vorbeikommen.

Mit der inhaltlichen Fokussierung auf die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen betreten wir Neuland. Es gehört zwar zu unserem Fachverständnis dazu, Gegenwärtiges zu analysieren, allerdings liegt zwischen Forschung und Textproduktion oft ein gehöriger zeitlicher Abstand, der teilweise den oder die Forschenden, jedoch auch das Feld schützt. Wenn wir jetzt quasi in Echtzeit mitschreiben, wirft das neue ethische Fragen auf, die verhandelt werden müssen.

Ist es vertretbar, derzeit über einen wissenschaftlichen Nutzen zu sprechen? Über ein Potenzial? Eine Chance? Negieren all diese positiv konnotierten Begriffe die Dramatik der Situation? Wie soll ich damit umgehen, wenn ich über fachrelevante Zugänge nachdenke und gleichzeitig die Infektions- und Todeszahlen stündlich steigen?

Was so drastisch klingt, sind Unsicherheiten, die die gegenwärtige Situation prägen. Finale Antworten können auf diese Fragen und weitere Kontroversen, die in den kommenden Wochen und Monaten auftreten, an dieser Stelle nicht gefunden werden. Vielleicht hilft es jedoch, anzuerkennen, dass dieser Blog selbst ein Resultat der Krise ist. Er erscheint als Bewältigungsstrategie hinsichtlich einer überfordernden Komplexität und ist ein Versuch, die Situation zu verstehen, zu ordnen, sich anzueignen und damit auszuhalten.

Wir als Beitragende sind eingebunden in die Situation und können keinen auktorialen Blick einnehmen – sowohl strukturell als auch emotional. Das zeigt sich schon in der Textproduktion: Ich sitze gerade am heimischen Schreibtisch, tippe in meinen Laptop und bediene mich der Literatur, die ich im Laufe der Studienjahre gesammelt habe oder die mir digital zur Verfügung steht. Ein kurzer Besuch in der Bibliothek, um doch schnell nachzulesen, wie der genaue Wortlaut Pierre Bourdieus war – derzeit einfach nicht möglich. Fotos für die Beiträge? Sind improvisiert. Privatbestände; das, was sich aus den Requisiten daheim machen lässt. Die Zeit hierfür habe ich, weil meine Hausarbeiten gerade brachliegen und mein Zimmer derzeit mein Büro ist. Ich bleibe daheim, wie die meisten, weil es das einzig Richtige ist. Weil auch ich nicht weiß, wann und wie es weitergeht. Weil auch ich mich sorge. Weil auch ich niemanden anstecken möchte.

Dieser Blog bietet die Möglichkeit, transparent mit allen Problematiken umzugehen und gleichzeitig etwas zu produzieren, was für manche hilfreich sein kann. Wir als Beitragende können Position beziehen, die Diskussion lenken, Blickwinkel eröffnen und damit das Feld mitgestalten. Vor allem können wir entscheiden, über was wir schreiben. Lohnt nicht auch eine Fokussierung auf die zahlreichen Initiativen und solidarischen Aktionen, auf die Transformation, das Neu-Entstehende und ein „besseres“ Danach?

Dieser  Blog ist ein Produkt der Krise. Inwiefern er die Krise mitproduziert, liegt bei den Beitragenden.

Lea Breitsprecher (Freiburg im Breisgau)

„Das Gewohnte wird problematisch“

Die Corona-Pandemie hat massive Auswirkungen auf den Alltag nahezu jedes und jeder Einzelnen. In der empirischen Kulturwissenschaft ist Alltag ein zentrales Konzept, mit dem sich solche Phänomene besser verstehen lassen. Was hilft es, mit dieser Perspektive auf die derzeitigen Entwicklungen zu schauen? Was nutzt der Blick auf den Alltag in der Krise? Eine ganze Menge!

Alltag, schreibt der Tübinger Kulturwissenschaftler Utz Jeggle, kann verstanden werden als „problemlose, normale, wiederholbare, sicher auch mühevolle, aber auch darin akzeptable und akzeptierte Routinewirklichkeit“ (1989: 81). Wenn Kulturwissenschaftler*innen in diesem Sinne von Alltag sprechen, dann verstehen sie ihn „nicht nur als Last und Mühe, sondern auch als Strukturierung in dem emphatischen Sinne von tätiger Aneignung der Umwelt“ (ebd.: 125). Das bedeutet: Alltag stiftet Orientierung. Er stellt informelle Regeln des Zusammenlebens bereit, die das soziale Miteinander einfacher, planbarer und verlässlicher machen.

Alltag erzeugt Selbstverständlichkeiten. Doch zur Zeit wird konkret spürbar, was Utz Jeggle nur abstrakt beschreibt: „Dieses Selbstverständliche wird plötzlich unvertraut, das, was nur einfach so da sein sollte, wird schwierig, fremd, bedrohend“ (ebd.: 81). Kulturelle Ordnungen, die wir oft gar nicht mehr bewusst wahrnehmen, werden im Zuge der aktuellen Corona-Lage auf einmal brüchig. Was eigentlich als normal und selbstverständlich gilt, ist in vielerlei Hinsicht in Frage gestellt. „Das Gewohnte wird problematisch“, stellt Jeggle fest (ebd.) und daraus resultiert unter anderem die derzeitige Unsicherheit. „Der Alltag in der Krise – das ist gleichsam ein brennendes Feuerwehrmagazin; denn er ist es doch, der Krisensicherheit verspricht“, vergleicht Jeggle (ebd.).

Eine kulturwissenschaftliche Perspektive, die fundierte Einordnungen und so auch gesellschaftliche Orientierung bieten kann, sollte aber nicht nur bei dieser Feststellung stehen bleiben. Denn betrachtet man die derzeitige Corona-Krise unter einem alltagskulturellen Blickwinkel, dann eröffnet sich eine ganze Reihe von wichtigen Aspekten. Einer davon ist das Spannungsfeld zwischen Konstanz und Wandel.

Alltag ist einerseits das Immer-Wiederkehrende. Auf dieser Vorhersehbarkeit baut unser kulturelles Leben auf, ja, sie ist geradezu die Voraussetzung für gesellschaftliches Zusammen-Sein. Aufgrund der Verlässlichkeit des Alltags können wir abends einschlafen und darauf vertrauen, dass sich die Welt und alles uns Vertraute nicht grundlegend gewandelt haben werden, wenn wir am nächsten Morgen wieder aufwachen. Alltag stiftet Zusammenhänge über kurzfristige Zeiten hinweg.

Das bedeutet aber andererseits nicht, dass Alltag statisch ist und sich nie verändert. Das Gegenteil ist der Fall: Alltag ist wandelbar und entwickelt sich kontinuierlich. Das passiert oft so langsam, dass diese Transformationen gar nicht richtig bemerkbar sind. Zuweilen lässt sich nur durch bewusstes Erinnern an frühere Jahre oder beim historischen Blick zurück in vorherige Jahrzehnte und Jahrhunderte feststellen, wie anders man damals lebte. Manchmal passiert der Wandel des Alltags aber auch sehr abrupt, in kurzer Zeit und ist verbunden mit großen Verwerfungen und Schwierigkeiten.

Erleben wir gerade einen solchen Moment, eine echte Zäsur? Oder behält die Beständigkeit des Alltags doch die Oberhand? Einerseits sind aktuell alle möglichen Ebenen des gesellschaftlichen Zusammenlebens von tiefen Umwälzungen betroffen. Die vielen Dimensionen, die diese Pandemie hat, greifen deutlich in alltägliche Strukturen ein und lassen nur wenige Lebensbereiche unberührt. Andererseits sind wir solchen Prozessen nicht machtlos ausgesetzt. Längst lässt sich auch mitverfolgen, was Kulturwissenschaftler*innen als Aneignung bezeichnen: Menschen gehen aktiv mit der Situation um, sie geben sich nicht einfach so geschlagen, sondern passen sich den Umständen bestmöglich an – auch wenn viele Fragen offen sind und manches noch ruckelt.

Alltag erweist sich hier, um das Zitat von Utz Jeggle nochmal aufzugreifen, „nicht nur als Last und Mühe, sondern auch als Strukturierung in dem ephatischen Sinne von tätiger Aneignung der Umwelt“ (ebd.: 125). An vielen Beispielen sehen wir gerade, wie Menschen nicht in eine ohnmächtige Lethargie verfallen, sondern wie sie neue Formen der Alltagsgestaltung erfinden, erproben und entwickeln. Auch um diesen Aspekt des Alltags in der Krise soll es in den Beiträgen dieses Blogs gehen. „So gesehen“, schlussfolgert Jeggle, „ist jede Krise des Alltags immer auch ein Schritt vorwärts“ (ebd.: 126).

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Utz Jeggle 21989: Alltag. In: Hermann Bausinger u. a.: Grundzüge der Volkskunde. Darmstadt: 81–126 [Erstauflage 1978].

Über diesen Blog

Alltag in der Krise – das bedeutet, dass gewohnte Routinen und Ordnungen fraglich werden. Vieles, was uns sonst so selbstverständlich erscheint, wird derzeit im Kontext der Corona-Pandemie fraglich. Vieles, was unser alltägliches Leben ausmacht, ist derzeit auf die Probe gestellt.

Alltag in der Krise – das bedeutet aber auch, dass sich neue Routinen und Ordnungen herausbilden. Denn auch in der Krise schaffen wir uns einen neuen, wenn auch einen anderen Alltag. Seien es Homeoffice, Homeschooling, lokale Initiativen oder die tägliche Interaktion mit Familie und Freunden über digitale Medien – viele Beispiele zeugen von Kreativität und Ideenreichtum und helfen, die gegenwärtige Situation zu bewältigen.

Beide diese Dimensionen gehören zur aktuellen Lage dazu. Und wir finden: beide sind es wert, genauer betrachtet zu werden. Darum geht es auf diesem Blog. Er wurde initiiert von Master-Studierenden aus Freiburg im Breisgau und soll ein partizipatives Projekt und eine Plattform des Austausches und der Anregung sein.

Als empirische Kulturwissenschaftler*innen beschäftigen wir uns professionell mit den Ausprägungen und Formen von Alltagskultur. Wir fragen danach, wie Menschen ihr Leben gestalten und wie sie gemeinsam mit Situationen und Herausforderungen umgehen. Mit den Analysen und Reflexionen auf diesem Blog möchten wir dazu beitragen, die aktuellen Entwicklungen kulturwissenschaftlich einzuordnen, diese Krise genauer zu verstehen und so gemeinsam besser hindurch zu kommen.

Die Beiträge verstehen wir dabei im wahrsten Sinne als „kulturwissenschaftliche Notizen“: „Notizen“ können helfen zu ordnen, zu verstehen, eine Übersicht zu gewinnen, etwas anzudenken, was zu einem späteren Zeitpunkt weitergeführt wird oder auch verworfen werden kann. Sie ermöglichen es, wo nötig, Distanz zu schaffen, indem der Gedanke auf Papier, oder den Bildschirm gebannt wird, oder unterstützen bei der Fokussierung. Sie helfen das zu ordnen, was in Echtzeit vor sich geht, ähnlich der zahlreichen Live-Ticker, die derzeit über jegliche Bildschirme rasen.

Die Heterogenität der Situation soll sich in den verschiedenen Beiträgen und dem gesamten Blog wiederspiegeln: Sie alle, Studierende, Interessierte und etablierte Kulturwissenschaftler*innen sind eingeladen, Ihre Gedanken hier festzuhalten, zu kommentieren, zu stöbern, weiterzudenken und zu teilen. In welcher Art Sie das tun – ob in Form eines philosophischen Gedankenspaziergangs, mit analytischer Feder, als autoethnografischer Bericht, Interview oder als Schnappschuss aus dem Corona-Alltag – bleibt Ihnen überlassen. Sollten Sie Interesse haben, einen Beitrag zu verfassen oder ein Foto oder Video einzuschicken, dann setzen Sie sich bitte mit der Redaktion in Verbindung.