Der Tomatenbalkon

Viele Menschen entdeckten in diesem Jahr das Gärtnern auf dem Balkon oder im Garten für sich, andere waren froh, sich endlich wieder der Arbeit mit Zier- und Nutzpflanzen im Außenbereich widmen zu können, wie gewöhnlich eben und wie in allen anderen Jahren vorher auch. Ablenkung und Beschäftigung suchten aber alle. Wundern muss man sich daher nicht, dass zwischenzeitlich in Baumärkten zum Beispiel Töpfe Mangelware waren. Für „Alltag in der Krise“ hat der Gründer und Betreiber der Balkontomateninitiative „Domaine du Giray“, der seit vielen Jahren einen Südbalkon am Freiburger Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie bewirtschaftet, eines seiner seltenen Interviews gegeben. (Die Fotos stammen aus der Bilddatenbank des Unternehmenarchivs.)

Herr Giray, in der Festschrift zum fünfzigjährigen Institutsjubiläum aus dem Jahr 2017 wird der Tomatenanbau in der Maximilianstraße 15 seit dem Jahre 2006 erwähnt, was Sie sicher gefreut hat. Wie sieht es denn 2020 aus?

Der Tomatenbalkon Anfang August 2017 bei Nacht.

Wir haben am 2. Mai, also früher als in den vergangenen Jahren, mit dem Anbau begonnen: Die ersten Sorten waren „Piccolino“, „Goldene Königin“, „Sweet Million“ und „Longhi“. Am vergangenen Wochenende kamen noch „Primavera“, „Yellow Submarine“ und „New Zealand Pear“ dazu.

Was ist zum Beispiel eine „New Zealand Pear“?

Ehrlich gesagt: ein Experiment! Denn das ist eine großfrüchtige Sorte, die nicht nur birnenförmig, sondern auch birnengroß ist und sich daher im Balkonkübelanbauverfahren eher nicht eignet. Sie soll wenig Samen enthalten und hervorragende, intensive Tomatensaucen ergeben. Wir werden sehen. Aber mehr als fünf oder sechs Früchte werden wir vermutlich nicht ernten können. Das ist eher als Schauobjekt für das Balkonpublikum gedacht. Insgesamt wird das Portfolio zehn verschiedene Sorten umfassen.

Hatten Sie in vergangenen Jahren nicht meistens elf Tomatenpflanzen kultiviert?

Das stimmt, da haben Sie im „Vorfeld“, wenn Sie mir dieses kleine doppelte Wortspiel erlauben, gut recherchiert! Die elfte Pflanze wird keine Tomate, sondern eine Mini-Vespergurke sein. Die „Domaine“ bleibt also weiterhin gestaltungsfreudig und neugierig auf die Möglichkeiten, die urbanes Gärtnern bietet.

Die Corona-Pandemie ist ja auch eine wirtschaftliche Krise. Wie stark ist Ihr Unternehmen davon betroffen?

Glücklicherweise kaum. Wir müssen keine staatlichen Unterstützungen wie etwa Kurzarbeitergeld beantragen, weil die in der Gießhilfe Beschäftigten ohnehin immer ohne Entgelt gearbeitet haben. Dafür erhielten sie seit der Unternehmensgründung freundliche Worte und vor allem: Tomaten. Ich verstehe gut, dass in anderen landwirtschaftlichen Bereichen, etwa beim Spargel oder bei den Erdbeeren, die Erntehelfer aus Osteuropa schmerzlich fehlen. Aber Sie können mir glauben, „Erntehelfer“ gab es im Institut schon immer in ausreichender Zahl!

Verkostung von elf verschiedenen Sorten im September 2015.

Wie geht es Ihnen in diesen Zeiten?

Ich denke, wir sind alle nun seit vielen, vielen Wochen besorgt und mehr oder weniger angeschlagen. Niemand wollte das erleben. Aber jeder von uns sollte nach wie vor unbedingt seinen Teil dazu beitragen, dass wir diese Zeit gut durchstehen. Sonst wird das nichts. Wir müssen uns also darauf einstellen, dass wir noch längere Zeit einen Alltag erleben, den wir so noch nicht kannten. Aber das können wir als Menschen.

Und sonst?

Ich werde sicherlich in diesem Sommer die Gespräche auf dem Balkon mit Studierenden vermissen. Die Anbaufläche ist ja schließlich mit dem so genannten kleinen Seminarraum verbunden: In der Vergangenheit hatte ich zum Beispiel oft die Sorten erklärt, zum Probieren eingeladen oder Tipps zum Tomatenanbau gegeben – und im Gegenzug bekam ich dann erzählt, was die Studierenden selbst auf dem Balkon oder auf der Fensterbank anbauen. Das fand ich immer sehr schön. Große Beachtung fand in der Regel die in jedem Jahr aufgehängte Strichliste, auf der jede geerntete Frucht eingetragen wurde. Dass mich deswegen manche für leicht wahnsinnig hielten, hat mich stets amüsiert. Diskutiert wurde dann gelegentlich die Frage, ob es nicht angemessener wäre, das Gewicht der Ernte festzuhalten als die Vielzahl der kleinen Cocktailtomaten. Ich habe meistens damit gekontert, dass ein Schäfer ja auch nicht seine Herde wiegt, sondern die Tiere zählt. Das konnte nicht immer jeden überzeugen…

Die Domaine würdigt den WM-Titel der deutschen Fußballnationalmannschaft 2014 mit einem Sonderteller.

Aber Sie haben die Frage noch nicht wirklich beantwortet.

Das stimmt. Wir hatten allerdings im Vorgespräch vereinbart, dass wir nur über Tomaten sprechen werden! Aber wenn Sie insistieren: Krisen im Alltag gibt es immer, das gehört dazu. Ich möchte über meine persönlichen Krisen während dieser kollektiven Krise eigentlich gar nicht sprechen. Aber ich gebe zu, dass es diese auf jeden Fall mehrfach gab, und dass es mich vor allem erschüttert hat, wie schlecht ich in der ersten Zeit – und dann vor allem an Ostern – damit umgehen konnte. Damit sind wir aber auch zwangsläufig beim Thema Krisenbewältigung und Lichtblicke. Ein Beispiel: Als ich Anfang Mai die ersten Tomaten einpflanzte, war ich viel glücklicher als an den Tagen und Wochen zuvor. Diese Erfahrung hat mir geholfen und verschwundene Zuversicht zurückgebracht. Ich musste dabei an den letzten Satz in Voltaires Roman „Candide ou l’optimisme“ aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts denken, der folgendermaßen lautet: „mais il faut cultiver notre jardin“.

„Aber unser Garten muss bestellt werden“? Was bedeutet das?

Für mich ist es einer der rätselhaftesten und schönsten Sätze der Weltliteratur. Er hat viele Bedeutungen. Meine Interpretation: Gemeinsam nicht zu verzweifeln, sondern nach vorne zu schauen. Und das ist für mich eine Definition von Kultur.

Die Fragen stellte Jörg Giray.

Titelbild: Der Tomatenbalkon im Juli 2018.

Ist das eigentlich noch Kultur oder schon Natur?

Kulturanthropolog*innen interessieren sich dafür, wie Menschen ihr Handeln und Leben auf kulturelle Weise strukturieren, wie sie sich und der Welt um sie herum einen Sinn geben und welche Kategoriensysteme sie dazu errichten: zwischen Subjekt und Objekt, Geist und Materie, Individuum und Gesellschaft, Krankheit und Gesundheit und so weiter. Diesen Komplex an Sinnstiftungen bezeichnen Anthropolog*innen als Kosmologien. Dabei geht es nicht um Astronomie und Astrophysik, sondern gemeint ist ein Set an soziokulturellen Glaubensgrundsätzen, Interpretationen und Praktiken über das, was die Welt im Innersten zusammenhält. Das Interesse liegt bei den Grundsätzen und Bedeutungen, die Menschen ihrem Leben und ihrer Existenz geben, auf den Konzeptionen eines sinnhaften Aufbaus der Welt – und der eigenen Rolle darin.

Es geht kulturanthropologisch nicht darum, zu überprüfen, ob diese Vorstellungen „stimmen“ (Denn wer könnte sich anmaßen, darüber zu urteilen?). Sondern im Mittelpunkt steht die analytische Neugier auf, die Auseinandersetzung mit und das Nachvolllziehen von anderen Denksystemen und kulturellen Ordnungsvorstellungen. Kann man über Corona zu einer Entschlüsselung unserer eigenen Kosmologie kommen? Zumindest lässt sich ein Ausschnitt genauer fokussieren: die Relation von Natur und Kultur.

Belebung

Handelt es sich bei Viren um belebte oder um unbelebte Entitäten? Um Lebewesen oder um „tote“ Materie? Biologisch wird diese Frage kontrovers diskutiert. Eine eindeutige Antwort gibt es nicht, die Bestimmungsversuche von Leben verschwimmen in ihren Grenzbereichen. Aber nicht nur in lebenswissenschaftlichen Definitionsansätzen, sondern auch im kulturellen Miteinander schwingen solche Versuche von Bestimmungen und Einordnungen fortlaufend mit: Verstehen wir das Coronavirus als ein passives, von seinem Träger oder Überträger abhängiges Objekt? Oder als ein aktives, eigenständig handelndes Wesen?

Ohne jeden Zweifel entfaltet das Coronavirus derzeit ein gewaltiges Potenzial zu Erzeugung von realen Effekten mit teils massiver Wirkkraft: medizinisch in unseren Körpern, psychologisch in unseren Köpfen, politisch in unserem Handeln, alltäglich in unserer individuellen Lebensgestaltung und so weiter. Oder sind es meist doch eher wir als menschliche Akteure und Angehörige eines sozialen Gemeinwesens und nicht das Virus selbst, das solche Auswirkungen und Maßnahmen in Gang setzt? Anders gefragt: Was davon ist eigentlich noch Natur und was schon Kultur? Oder sollte man die Frage lieber umdrehen: noch Kultur – schon Natur?

Der französische Anthropologe Philippe Descola problematisiert einen westlich-modernen Dualismus von Natur und Kultur und sieht die Aufgabe der Anthropologie darin, „die Art und Weise verständlich zu machen, wie sich Organismen besonderer Art in die Welt einfügen, eine feste Vorstellung von ihr erwerben und dazu beitragen, sie zu verändern, indem sie, mit ihr und untereinander, dauerhafte oder gelegentliche Bindungen von bemerkenswerter, aber nicht unendlicher Vielfalt knüpfen“ (2013: 14). Das Stichwort der Entanglements beschreibt solche Verwicklungen „of natural and social, of human and non-human, and of organic and non-organic forms“ (Hastrup 2014: 1, vgl. ebd.: 14f.). „In short, within the bounds of social life, humans have endless, actual or potential, companion species – which posits an edgy question of co-constitution forcing anthropology to rethink the fluid boundaries of its object“ (ebd.: 15). Das Nachdenken über diese Verbindungen zwischen verschiedenen Organismen und Entitäten fügt sich ein in eine „Re-Konzeptualisierung des Verhältnisses von Natur und Kultur“ (Beck 2008: 19). Für detailierte ethnografische Forschungen bestehen hier noch viele offene Fragen: Wie gestaltet sich das brisante Miteinander von Menschen und Viren in der aktuellen Pandemie? Welche konzeptionellen Trennungen sind dabei wirksam oder brüchig geworden? Welche Ordnungsvorstellungen werden neu geschaffen oder verändern sich?

Bewegung

Wenn das Virus in unserer Wahrnehmung derzeit eine radikale Bedrohung darstellt, dann fragt die Kulturanthropologie kritisch, aus welchen kulturellen Denkschemata und Handlungsweisen heraus eine solche Perspektive eigentlich resultiert. Wie kommt es dazu, dass das Virus als Gefahr aufgefasst wird? Welche Grundsätze und Gewissheiten stellt es in Frage? Vermutlich erscheint es erstens deswegen so gefährlich, weil es vielfältige Grenzen überwindet oder unterläuft: zwischen Tier und Mensch, zwischen Nähe und Ferne (Wer kannte eigentlich bis vor einem halben Jahr Wuhan?), zwischen Außen und Innen des Körpers. Ein zweiter Grund scheint die Unwissenheit über seine Eigenschaften, seine ontologische Unbestimmtheit zu sein. Das bedeutet: Wir wissen nur wenig darüber, wie das Virus in die (menschliche) Welt gekommen ist (Tiermarkt? Fledermäuse?), was es mit ihm auf sich hat (Infektiosität? Aggressivität?) und erst recht nicht, wie wir darauf reagieren sollen. Mit dem philosophischen Begriff der Ontologie ist, vereinfacht gesagt, ein grundlegender Seins-Zustand gemeint. Egal, ob jemand Viren den Status als Lebenwesen zuerkennt oder verweigert, er oder sie würde wohl kaum in Frage stellen, dass es Viren gibt. Anthropolog*innen fragen genauer nach den verschiedenen „Arten des In-der-Welt-Seins“ (Descola 2013: 14) und schauen sich beispielsweise an, wie viel Eigenständigkeit dem Virus in unserem kulturellen Verständnis zugestanden wird.

Das beginnt schon bei so kleinen sprachlichen Konnotationen wie beispielsweise der Entscheidung, ob wir davon sprechen, dass das Virus eingeschleppt und übertragen wird (Passiv!) oder einwandert und sich ausbreitet (Aktiv!). Inwiefern wollen wir dem Virus einen unberechenbaren, unkontrollierbaren Eigensinn zugestehen oder nicht? Das berührt nicht nur den Umstand, dass sich das Virus global in Bewegung setzt (von Wuhan bis Washington), sondern auch die Frage, ob sich nicht auch seine Eigenschaften in Bewegung setzen, ob es sich also womöglich verändert durch unvorhersehbare Mutationen, die Entwicklung von Resilienzen oder das Überspringen zwischen verschiedenen Gattungen. Diese potenzielle Wandlungsfähigkeit macht es unstetig und entzieht sich einer fixen Festschreibung, denn „die Identität der Wesen und die Beschaffenheit der Welt sind fließend und zufällig und widersetzen sich jeder Klassifizierung, die das Reale einzig auf die Erscheinungsformen festlegen wollte“ (ebd.: 50), so Descola.

Beziehung

Stattdessen ist die „Auseinandersetzung mit den Praktiken unabdingbar, die Menschen, andere Lebewesen und die Dinge in der Welt untrennbar verbinden“ (Gesing u. a. 2019: 9). Philippe Descola hat auf der Basis vielfältiger ethnologischer Beschreibungen eine Klassifizierung dieser Verbindungen entwickelt. Er unterscheidet die Art solcher Beziehungen in Animismus, Totemismus, Naturalismus und Analogismus. Ohne sein komplexes Modell hier im Detail nachzeichnen zu können, lässt sich zusammenfassen, dass es Descola um eine Systematisierung von verschiedenen Formen des In-Beziehung-Tretens zwischen Entitäten (etwa Menschen, Pflanzen, Tieren, Dingen) zueinander geht. Seine theoretische Ausdifferenzierung von verschiedenen Glaubenssystemen und Denkmustern empirisch auf unsere aktuellen Relationen zum Coronavirus zu beziehen und kritisch zu prüfen, ist eine analytische Aufgabe, die noch der Bearbeitung harrt.

Noch einmal: Es geht Anthropolog*innen dabei nicht darum, zu überprüfen, ob es stimmt, dass das Virus eine Gefahr darstellt oder nicht. Sondern sie versuchen nachzuzeichnen, aus welchen kulturellen Selbst- und Weltverständnissen heraus solche Vorstellungen entstehen. Sie möchten ein genaueres Verständnis erlangen und ein analytisches Fenster öffnen, um Weltordnungen und kollektive Sinngebungen offen zu legen. „Folgt man der sozialanthropologischen Kritik an dem weiten und zugleich sehr auf Symbolisch-Ideelles verengten Kulturbegriff, steht die Analyse von Relationen von Materiellem und Ideellem, von körperlichen und geistigen Phänomenen im Zentrum der Arbeit der Ethnologie“, formulierte der Europäische Ethnologe Stefan Beck und fügte an: „Doch eine solche relationale Anthropologie zu entwickeln ist eine noch zu leistende Aufgabe“ (2008: 178).

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Stefan Beck (2008): Natur | Kultur. Überlegungen zu einer relationalen Anthropologie. In: Zeitschrift für Volkskunde 104: 161–199.

Philippe Descola (2013): Jenseits von Natur und Kultur. Berlin [franz. Original 2005].

Friederike Gesing u. a. (2019): NaturenKulturen-Forschung. Eine Einleitung. In: dies. (Hg.): NaturenKulturen. Denkräume und Werkzeuge für neue politische Ökologien. Bielefeld: 7–50.

Kirsten Hastrup (2014): Nature. Anthropology on the Edge. In: dies. (Hg.): Anthropology and Nature. New York: 1–26.

Kultur als Therapie?

Es gehört zu den zentralen Erkenntnissen kulturwissenschaftlicher Forschung, dass kulturelle Ordnungen immer dann besonders sichtbar werden, wenn sie bedroht sind oder sich aufzulösen beginnen und durch andere ersetzt werden. An vielen Orten forschen Kulturwissenschaftler*innen zu solchen Ordnungen, etwa in einem Tübinger Sonderforschungsbereich mit dem heute aktueller denn je erscheinenden Titel „Bedrohte Ordnungen“, der sich auch schon zur Pandemie zu Wort gemeldet hat.

Gerade in Zeiten, die in medialen, gesellschaftlichen und politischen Diskursen als Krise charakterisiert werden, scheint vielen Menschen Kultur Halt und Stabilität zu geben. Kultur – so könnte man in Anlehnung an den Kulturwissenschaftler Konrad Köstlin formulieren, der dies für die so genannte Volkskultur so schon getan hat – ist dann Therapie. Sie hilft uns durch den Alltag, gibt uns Struktur und Möglichkeiten zur Artikulation. Sie ist, so könnte man auch sagen, die Art und Weise, wie wir uns mit den Zuständen um uns herum kritisch, kreativ, protestierend oder auch bestätigend auseinandersetzen. In Zeiten von Corona sieht man dies allerorten. In die Nachrichtenjournale haben es etwa kurze Instagram-Videos geschafft, die Menschen zeigen, wie sie in der häuslichen Quarantäne – freilich humoristisch überformt – am heimischen Herd eine Disko inszenieren, auf dem Skateboard liegend und in Badehose über den Flur kraulen oder am Fenster stehend, mit einer Socke über die Hand, das gute alte PC-Spiel Pacman nachahmen: Die Socken-Hand frisst vorbeifahrende Autos genüsslich auf und es erklingt jedes Mal ein Computer-Spiele-Retro-Geräusch.

X-mal haben mir Freundinnen und Freude diese Videos geschickt und sich gefreut, wie kreativ Menschen mit der verordneten sozialen Distanz umgehen und die eigenen vier Wände uminterpretieren. Andere Beispiele sind die unzähligen Bilder selbst genähter Mundschütze (auf einmal müssen wir darüber nachdenken, wie der Plural von Mundschutz heißt und ob es den überhaupt gibt), die Folien für Botschaften oder ästhetische Vorlieben werden. Wie wir mit verordneten Strukturen umgehen und diese für uns selbst (um-)interpretieren, zeigen diese Beispiele ebenso wie das Video eines älteren Herrn aus Italien, der – um Ausgangsbeschränkungen zu umgehen – einen Stoffhund an die Leine nahm, um mit ihm Gassi zu gehen. Kultur ist in all diesen Fällen die Art und Weise, wie wir uns zu etwas positionieren, wie wir Regeln in den Alltag integrieren und diese – manchmal eben auch sehr eigenwillig – befolgen oder diese zu umgehen versuchen.

Zeitliche Routinen – diese sind insbesondere kulturell kodiert – werden derzeit als Herausforderungen erkannt, aber auch als Lösungen verstanden. Auf Instagram postete jüngst jemand, es fühle sich doch jeder Tag nun wie ein Sonntag an, der ja immer auch mit Verlangsamung verbunden wird (weniger Verkehr, die Geschäfte geschlossen, man soll sich erholen); und zum Sonntag gehöre es ja, dass man am Samstag davor auch wieder Alkohol trinken dürfe. Folglich sei nun jeder Abend eigentlich ein Samstagabend.

Unsere alltäglichen Routinen sind durch Corona und die politischen Maßnahmen der Eindämmung empfindlich gestört: Kein Weg ist mehr wie vor der Pandemie einfach zu gehen. Der Einkauf wird zur Gefahr und Herausforderung. Der öffentliche Nahverkehr zur Gefahrenzone. Und gleichzeitig berichten die Medien, wie etwa der Einkauf bewusst zelebriert wird, wie Menschen immer nur wenig einkaufen, um so oft wie möglich den öffentlichen Raum betreten zu können. In diesen alltäglichen Routinen wird die Mahlzeit nun auf einmal wieder wichtiger: Dass die gemeinsame Mahlzeit eine höchst komplexe kulturelle Angelegenheit ist, zeigt sich in Zeiten von Corona deutlicher denn je. Die gemeinsame Mahlzeit wird zum Stabilitätsfaktor. Sie wird wichtiges soziales Ereignis und mitunter mit enormer Bedeutung versehen.

Am rührendsten sind sicher jene Formen, die Solidarität nach außen hin sichtbar machen. Während in Italien oder in Spanien der abendliche kollektive Dank an Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger oder all jene, die das System noch am Laufen halten, kollektiv von Balkonen hallt, ist man hierzulande (noch?) etwas zurückhaltender. Die Badische Zeitung hat für Sonntag, den 22. März dazu aufgerufen, aus den Fenstern und von den Balkonen Beethovens Ode an die Freude erklingen zu lassen.  In meinem Stadtteil öffnete sich nur ein einziges Fenster, durch das dann aber gediegene Cello- und Violinenklänge zu vernehmen waren. Mutiger war da schon die Gruppierung „Synthesia Ultras 79“, die gleich an mehreren Stellen der Stadt Dank an das medizinische Personal aussprach: „DANKE ALLEN HELFERN! Fuck Covid 19!“. Dass eine andere Ordnung dann stärker war, zeigte sich an der so genannten Blauen Brücke am Hauptbahnhof, an der ein Banner aus Sicherheitsgründen sogleich wieder abgehängt werden musste.

Dass Kultur uns allen hilft, den Alltag in der Krise zu bewältigen, ist sicher eine für viele Menschen äußerst positive Erfahrung. Vieles, was wir vor der Krise weitestgehend habitualisiert in Routinen getan haben, reflektieren wir nun sehr bewusst. Formate populärer Kultur etwa nutzen Menschen, um sich reflektiert mit den Folgen der Quarantäne zu befassen. Gleichzeitig ist Humor dabei vielfach eine wichtige Strategie. Kultur wird in der Krise reflexiv gewendet. Wo sie drohen zu verschwinden, werden kulturelle Angebote nun zu wertvollen Ressourcen, um die wir uns aktiv bemühen müssen.

Und so wie Kultur uns durch die Krise bringt und Kultur als Ausdrucksform genutzt wird, kann auch ein kulturwissenschaftlich informierter Blick uns helfen, die schrecklichen Folgen (nicht nur die medizinischen, sondern auch jene, die sich aus globalen Ungleichheitsverhältnissen ergeben oder aus dem Aufwind rechtspopulistischer politischer Regime, die die Krise gerade vehement für ihre eigenen politischen Zwecke instrumentalisieren) mit kulturtheoretischer Reflexion zu versehen. Das macht die Pandemie zwar nicht weniger schlimm und soll auch keinesfalls die menschlichen Tragödien, die sich global abspielen, relativieren; die Reflexion kann aber helfen, die Prozesse besser zu verstehen, mit denen Menschen nun tagtäglich konfrontiert sind. Und sie kann besonders helfen, mit einem positiveren Blick auf die kreativen und Halt und Sicherheit gebenden Aspekte von Kultur zu schauen.

Markus Tauschek (Freiburg im Breisgau)