Corona als kulturelle Tatsache

In letzter Zeit sind von Kulturwissenschaftler*innen unzählige Initiativen, Beiträge, Stellungnahmen und vieles Weitere zur Corona-Pandemie entstanden. Auch dieser Blog gehört dazu. Bei mir persönlich bleibt bei all dem allerdings ein zwiespältiger Eindruck zurück: Da ist einerseits eine Freude darüber, dass kulturanalytische Perspektiven auf das aktuelle gesellschaftliche Geschehen im besten Fall neue Einsichten, relevante Deutungen und fundierte Argumente in den öffentlichen Diskurs einbringen können und Wichtiges zu sagen haben (Ausnahmen bestätigen die Regel). Kulturwissenschaftliches Tun und Treiben erweist sich als handlungsfähig und produktiv.

Andererseits ist da aber auch eine Beunruhigung, dass das Thema ,Corona‘ erstens als ein ziemlich plumpes Verkaufsargument für die eigene Relevanz-Zuschreibung und Bedeutsamkeits-Inszenierung genutzt und – damit verbunden – zweitens zu einem „Catch it all“-Thema wird. Um dem entgegen zu wirken hilft es, einen Schritt zurück zu treten, Distanz zu gewinnen: Denn Wissenschaft im Allgemeinen und Kulturwissenschaft im Speziellen zeichnet sich ja dadurch aus, dass sie das eigene Vorgehen immer wieder auch selbst infrage stellt, Herangehensweisen reflektiert und Vorannahmen kritisch prüft. Die wohl zentralste, aber oft nur implizit bleibende, möglicherweise auch zu reflexartige Vorannahme lautet, dass die Corona-Pandemie (auch) ein kulturelles Phänomen sei. Aber was soll, was kann das eigentlich genau bedeuten?

Eine Rückholaktion der anderen Art

Der Volkskundler Helge Gerndt hat wenige Jahre nach der Katastrophe des AKW Tschernobyl 1986 in mehreren Aufsätzen dargelegt, inwiefern dieses Ereignis eine „kulturelle Tatsache“ darstellt. Sicherlich bestehen signifikante Unterschiede zwischen Tschernobyl und SARS-CoV-2 und ihren jeweiligen sozialen Folgen. Aber man kann auch Parallelen ziehen: eine thematische Dominanz in der medialen Berichterstattung; eine breite Verunsicherung in der Bevölkerung angesichts unsichtbarer Risiken; aus spezifischen Präventionslogiken heraus resultierende Verhaltensänderungen im Alltag.

Dieser Beitrag möchte zeigen: In der aktuellen Lage lohnt es sich daher, diese inzwischen 30 Jahre alten Aufsätze wieder einmal heranzuziehen und zu prüfen, was von den damals entwickelten Fragestellungen, Argumenten und Thesen sich heute wieder als analytisch hilfreich erweist und was davon zu überdenken oder analytisch weiterzuentwickeln ist. Eine Rückholaktion mit Vorwärtsabsicht.

Gerndt bezieht sich auf Émile Durkheim und dessen Terminus des „fait social“ als Bezeichnung für soziologische Tatbestände. Adaptiert auf die volkskundliche Kulturwissenschaft versteht Gerndt seine Rede von „Tschernobyl als kulturelle Tatsache“ zwar nicht als einen weiterführenden Analyse-, sehr wohl aber als einen hilfreichen Beschreibungsbegriff. Denn im Gegensatz zu ähnlichen Bezeichnungen wie etwa „Objektivation“ eröffne dieser „einen ganzheitlich-lebensweltlich ausgerichteten, ungleich aspektreicheren kulturwissenschaftlichen Zugriff“ (1990: 170). In Gerndts Aufsatz ist deutlich erkennbar, dass er gegen eine verkürzte Betrachtung von Tschernobyl unter einzelnen, kanonischen Elementen von ,Volkskultur‘, etwa als mündliche Folklore in Witzen und Redewendungen, argumentiert. Statt um inhaltliche Isolierungen auf bestimmte, traditionelle und als damals für volkskundlich relevant gehaltene Forschungsfelder gehe es ihm mit der Begriffsbildung der „kulturellen Tatsache“ um das „Erklären und Verstehen kultureller Vernetzungen in unserem sozial höchst komplex verschlungenen Alltagsleben, um Einsichten in umfassendere Lebenskomplexe aus wertbesetzten Vorstellungs- und Verhaltensmustern“ (ebd.: 173).

Denn Tschernobyl [ersetze: Corona] zeige sich im Alltagsleben „als ein vielfältiges Reflexionsobjekt und ein kontroverser Diskussionsgegenstand, als ein kompliziertes Vorstellungsbild und nicht zuletzt als ein vielschichtiger Empfindungskomplex.“ Es „ist somit ganz wesentlich ein lebensvolles, kollektiv geprägtes und bewertetes, subjektiv akzentuiertes Bewußtseinsphänomen“ (ebd: 162). Und genau diese Bewertung sei ein kultureller Vorgang, erläutert Gerndt: „Wertsetzen ist eine Tat des menschlichen Bewußtseins; werten, Bedeutung verleihen, ist die Essenz kultureller Akte. Unser Bewußtsein färbt, prägt, steuert den Lebensprozeß, so wie unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit andererseits durch kulturelle Muster gefärbt, geprägt und gesteuert wird“ (ebd.: 165). Gerndt arbeitet hier mit einem intellektualistischen, sehr aktivischen und auf Symbolisches zielendem Kulturverständnis, bei dem zu fragen bleibt, inwiefern man es heutzutage erweitern müsste, etwa durch praxistheoretische Ansätze oder die verschiedenen Stränge eines ,New Materialism‘.

Wahrnehmung und Wertbedeutsamkeit

Dennoch lohnt es, die kulturanalytische Aufmerksamkeit auf Prozesse der Wahrnehmung und Wertzuschreibung zu lenken sowie auf Prozesse der Vermittlung, denen Gerndt eine wichtige Rolle beimisst, gerade angesichts unsichtbarer Gefahren: „Während jedermanns Alltagshandlungen gewöhnlich auf dem Vertrauen in seine unmittelbare Sinneswahrnehmung gründet, wurden hier nun Sekundärerfahrungen wirksam, die jeder anhand wechselnder Vertrauensvorgaben für sich selbst aus der Informationsflut selektierte“ (ebd.: 161), schreibt er angesichts der Rolle von Medien und wissenschaftlichen Expert*innen für die Einordnung von Tschernobyl – lässt sich davon heute nicht Einiges wiedererkennen?

Mit der Bezeichnung „kulturelle Tatsache“ sei also „genau gesehen nicht ein Phänomen, sondern eine Aussage über ein oder mehrere Phänomene gemeint“ (ebd.: 169). Doch gebe es dann noch ein durchgängiges, verbindendes Merkmal für eine gemeinsame Kategorisierung, fragt Gerndt und gibt gleich selbst die Antwort: „Durchaus! Kulturwissenschaftlich gesehen ist das tertium comparationis die Wertbedeutsamkeit, mit der Menschen die von ihnen wahrgenommene und gestaltete Welt ausnahmslos übertünchen“ (ebd.: 167).  Anders als das Objektivierungsbestreben in den Naturwissenschaften seien die Wertbedeutungen und Einschätzungen in der breiten Bevölkerung die zentrale Ebene kulturwissenschaftlicher Analyse, schlussfolgert Gerndt. Ihnen komme „ganz unabhängig vom objektiven Wahrheitsgehalt der bewerteten Fakten eine entschiedene Bedeutung zu; von ihnen kann ein gesellschaftlicher Bewußtseinswandel mit tiefgreifenden Folgen für die realen Lebensverhältnisse ausgehen. Entsprechende Zeichen und Vorgänge zu erkennen und zu deuten, fällt in die spezifische Kompetenz des Kulturwissenschaftlers“ (ebd.: 176).

Oder ist das jetzt doch wieder zu viel Relevanz-Zuschreibung?

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Helge Gerndt 1990: Tschernobyl als kulturelle Tatsache. In: Dieter Harmening, Erich Wimmer (Hg.): Volkskultur – Geschichte – Region. Festschrift für Wolfgang Brückner zum 60. Geburtstag. Würzburg: 155–176.

Bildquelle: Wikimedia Commons / IAEA Imagebank (CC BY 2.0)

Das Dubioza Kolektiv und seine Quarantine Shows – eine Online-Konzertreihe aus dem Balkan gegen die Pandemie

Wenn Museen, Kultureinrichtungen und Konzerthallen geschlossen bleiben müssen, bietet das Internet eine Alternative, um kulturelle Inhalte zu verfolgen und auch zu verbreiten. Die Pariser Staatsoper, die Hamburger Elbphilharmonie und der Cirque du Soleil aus Québec sind nur drei der vielen großen Einrichtungen, die kostenfrei während der Pandemie Aufnahmen vergangener Inszenierungen oder Interviews mit Stars im Internet zur Verfügung stellen. Weltbekannte Museen können online besichtigt werden – das Schloss Versailles ist gar im Virtual-Reality-Format zugänglich. Den Musiker_innen fehlen ihre Veranstaltungsräume und sie müssen nach Alternativen suchen, um weiter vor Publikum zu spielen. Die bosnische Band Dubioza Kolektiv, die seit circa 20 Jahren den Balkan rockt, veranstaltet seit dem 27. März 2020 eine kostenfreie Online-Quarantine Show. Jeden Montag um 20:30 Uhr spielt die Band auf ihrer Facebook-Seite live aus bis zu acht verschiedenen Orten in drei Ländern des Balkans und noch dazu synchron. Bis zu 50.000 Live-Views erreichen die Konzerte jeweils, dazu kommen noch Views auf YouTube und Instagram für Auszüge der Konzerte. Dieser Beitrag möchte dieses wegen der Corona-Krise verbreitete Format präsentieren und darüber reflektieren, wie Online-Live-Shows Menschen in schweren Zeiten näher zusammenbringen und dennoch den Nutzen des Internets hinterfragen.

Dubioza Kolektiv: eine Band, die seit langem mit dem Internet spielt

Das siebte Album der Band, das ihr außerhalb des Balkans eine gewisse internationale Bekanntheit einbrachte, ist „Happy machine“, als Anspielung auf das Leben mit Maschinen und Technik, u. a. mit Internet-Suchmaschinen. Die Band hat sich längst der Frage des freien Internets und der modernen Kommunikationsprobleme gewidmet. Es ist also nicht erstaunlich, dass die Ausgangssperren im Zuge der Corona-Pandemie einen Grund boten, um kostenfreie Konzerte online zu veranstalten.

Der dritte Song aus dem Album „Happy Machine“ heißt „Free.Mp3 – The Pirate Bay Song“ (in Anspielung auf The Pirate Bay und das ursprüngliche, freie Internet ohne Urheberrechte). Der Refrain des Songs deutet auf die freie Nutzung der dort zu findenden Musik und sagt viel über die Positionierung der Band gegenüber der kommerziellen Rockszene und der Musikindustrie aus. Die Hauptbotschaft der Band ist klar: Die Musik und das Internet gehören allen, und müssen deshalb kostenlos bleiben.

Our music is for free
You can download Mp3
Keep it playing on repeat
If you hate it – press delete

Das Reimen von „free“ und „Mp3“ sowie auch „repeat“ und „delete“ (was tatsächlich im Clip-Bild zu sehen ist [Minute 1:35]) zeigt, dass Musik im Internet im Grunde ersetzbar und austauschbar ist: das Gleiche gilt für die Musiker_innen und sogar die User_innen, die deren Musik konsumieren. Diese Botschaft wird im dazugehörigen Videoclip verstärkt: Die Protagonist_innen tanzen als Pirat_innen verkleidet um das Bild herum und „stehlen“ die jeweiligen Tracks oder kleben „free“-Aufkleber auf augenscheinliche Online_Musik-Verkaufsseiten. Schon in der ersten Sekunde des Clips ist ein Tablet zu sehen, auf dem die Google-Suchmaschine geöffnet ist; sogleich werden die Worte „Download free mp3“ eingetippt. So führt die Internetrecherche zu einem Youtube-Video des Dubioza Kolektiv beim Eurovision Song Contest mit dem o. g. Refrain, also ein Bild im Bild. Ab Minute 0:24 wird das Bild des Tablets nach rechts gewischt: Der Hauptdarsteller steigt aus einem Hintergrund, der an den Film Matrix erinnert (jedoch werden Zeichen verschiedener Währungen  auf einem gelben Hintergrund dargestellt, in Anlehnung an das  Cover des Albums). Ferner klettern die Sänger auf die Wikileaks-Seite oder die YouTube-Empfehlungen, und schlagen das Bild von Youtube ein, wenn dieses den Text „Unfortunately, this content is not available in your country […]“ zeigt. Im selben Videoclip, zum Text „Everybody downloads pornography – and Dubioza Kolektiv MP3“, laufen die Sänger auf ein Porno-Set (Minute 1:24); ab Minute 1:33 regen sich die Darsteller_innen verschiedener (Porno-)Filme aus getrennten Bildern über auf deren Störung auf. Ferner kann beobachtet werden, wie Brano Jakubović aus dem YouTube-Bild selbst die Anzahl der Views einstellt  (von 560.721 auf 14.376.995). Dies kann als Provokation gegenüber der (kommerziellen) Musikindustrie und der Macht von YouTube, über Leben und Tod eines Musikstückes zu entscheiden, verstanden werden.

#FakeNews, der Name des neuesten Albums (2020), verrät auch ein Interesse für zeitgenössische Internet-Phänomene und ganz besonders für die Verbreitung falscher Informationen online (Musicodrome 2020). Dieser Name mit dem Nutzen eines Hashtags in dem Titel zeigt ein aktuelles Verständnis von Internet und Sozialen Netzwerken, aber auch eine Mise en Abyme des Hashtags, der zur selben Zeit das Album „schmückt“ und auch erkennbar macht.

Klischees und Balkan-Identität werden laut und romantisch gerockt

Weiterhin ist anzumerken, dass die Band Klischees über den Balkan aufgreift und diese kreativ bearbeitet. Auf dem Album „Happy Machine“ befindet sich ein Beispiel dafür, nämlich das Lied „No Escape from Balkan“. Darin wird der besondere „Balkan-Lebensstil“ auf zwei Arten dargestellt: Einerseits können sich diejenigen, die ihn leben, ihm nicht entziehen, andererseits rücken dessen lebendige und lebenswerte Eigenschaften in den Mittelpunkt. Im Video tanzen die Bewohner_innen eines Balkan-Dorfes einen traditionellen Tanz, grillen Fleisch und trinken Rakija, während die Band-Mitglieder den Refrain „No Escape from“ laut rocken. Während den Quarantine Shows wird dies mit Anspielungen konkreter Phänomene verbunden, die mit der Pandemie aufkamen – Desinfektionsmittel werden mit Alkohol verglichen, denn es sei wichtig, nicht nur den Körper zu desinfizieren, sondern auch die Seele. Dafür werden verschiedene Mittel verwendet, zum Beispiel Wodka oder hier Rakjia.

Provokativer Rock gegen Corona-Zeiten

Der Facebook-Post, der die Quarantäne-Konzerte ankündigt, erwähnt, dass die Konzerte die Isolationszeit angenehmer machen sollen sowie der Verbreitung der Musik der Band dienen. Ähnlich wie in Italien, dessen Bewohner_innen seit Mitte März als Reaktion auf die dortigen Ausgangssperren auf ihren Balkonen zusammen singen oder Sport treiben, hat die Konzert-Reihe des Dubioza Kolektivs das Ziel, Abwechslung zu bieten und ihren Fans in der Krise Spaß und Freude zu machen. In dem Video-Clip, das die Konzert-Reihe ankündigt, erklärt der Hauptmusiker, wie man sich während des Konzerts zu benehmen hat. Es muss genau das gemacht werden, was man bei „normalen“ Konzerten auch macht: Laut werden, tanzen und mitsingen. Sollten sich die Nachbarn beschweren, so müssen diese (virtuell) mit eingeladen werden und den Link zu den Konzerten erhalten.

Stay connected and desinfected

Mit Humor spielt die Band auf die pandemiebedingten Verhältnisse an: Das Motto der Quarantine Show lautet „Stay Connected and Disinfected“; dies ist auch auf dem aktualisierten Logo der Band zu lesen. Das Logo zeigt einen Piraten, der aber momentan eine Nuklearmaske trägt (also eine Überspitzung der Mundschutzpflicht). Das Motto liegt nahe, da es sich reimt, aber auch, weil es auf konkrete Maßnahmen zur Kontrolle der Pandemie aufmerksam macht.

Die Pandemie selbst wird ebenfalls zum Thema der Konzerte. In der Aufnahme vom 6. April wird das Lied „Brijuni (Corona Edition)“ gespielt. In dessen Refrain kommen Balkan-Blasinstrumente zentral zum Einsatz, es wird aber auch die Pandemie beschimpft. Dies dient der kreativen Verarbeitung der Pandemie als eine Art Katharsis für die Musiker_innen und das Publikum; drückt aber auch eine gewisse Hilflosigkeit gegenüber der momentanen Situation aus.

Interaktives Format

Die Shows werden live übertragen, sodass die Konzerte auch zeitversetzt auf der Facebook-Seite des Dubioza Kolektivs abrufbar sind. Sichtbar werden über Split-Screen, die verschiedenen Aufnahme-Orte und wenn Kinder der Musiker_innen zu den Aufnahmen dazukommen. Übertragen werden auch einzelne Lieder auf Instagram und Twitter. In der ersten Folge springen drei der Gitarren-Spieler genau zur selben Zeit, ohne sich zu sehen, was für sorgfältige Probearbeit spricht. Während des zweiten Konzerts tritt trotzdem das „reale“ Leben in das Konzert hinein, indem eines der Kinder des Bass-Spielers in das Wohnzimmer kommt und der Musik zuhört, auch wenn dessen Mutter versucht, das Kind zu überreden, das Wohnzimmer zu verlassen. Trotzdem spielt die Band synchron weiter, was den Eindruck einer tatsächlichen Live-Übertragung bestätigt.

Kommentarfunktion 2.0

Anzumerken ist zudem, dass die Fans während des Konzerts Grüße auf der Seite hinterlassen können. Besonders Italiener_innen, die aus Italien die Musiker_innen und die Fans „grüßen“, werden intensiv mit Facebook-Herzchen und „Daumen hoch“ als Zeichen der Mitmenschlichkeit zurückgegrüßt.

Bei den Live-Konzerten wird großer Wert darauf gelegt, den Zuschauer_innen die Songtexte beizubringen. Bei Online-Konzerten kommt dies nicht zu kurz: Am 06. April 2020 wird vorgeschlagen, die Songtexte eines Liedes immer wieder in die Kommentare zu tippen, sodass alle Zuschauer_innen sie lernen können. Der Effekt ist der gleiche, nur dass das Lernen von zu Hause aus passiert und über das Internet vermittelt wird. Allerdings fällt schnell auf, dass diese zu wiederholenden Lyrics ironischerweise aus „Lalala“-Wiederholungen bestehen. Dies spricht wiederum für Humor und Selbstironie von Seiten der Band, aber auch dafür, dass das Internet als Format der Interaktion von der Band wie dem Publikum angenommen wird. Die Band arbeitet gerne interaktiv, und Online-Formate vervielfachen die entsprechenden Möglichkeiten.

Am 20. April werden die Gäste zur „most pathetic show“ begrüßt. Dabei werden die Zuschauer_innen vom Sänger Brano Jakubović aufgerufen, die „besten“ und „verrücktesten“ Kommentare zu schreiben. Bis zu 5.000 Kommentare werden pro Konzert eingetippt, manchmal mit den echten Song-Texten, manchmal mit Grüßen aus den Wohnzimmern der Zuschauer_innen. Direkt während des ersten Songs, ab Minute 3:22, wird weiterhin für Interaktion gesorgt. Die Zuschauer_innen sollen über Kommentare mit den Musiker_innen interagieren. Dafür hält Armin Bušatlić Plakate mit Aufforderungen, ‚Texte‘ zu tippen, in die Kamera: „Type Hooo“ und „Type Yeah“. Dies spricht wieder für bewusste und in die Show integrierte direkte Interaktion mit dem Publikum sowie für Selbstironie, weil die einzigen Kommentare, die gemacht werden können (und sollen), aus austauschbaren Textbausteinen ohne großen Aussagewert bestehen.

Mrs. Googletta Transleatovich sorgt für Interaktion und Ironie

Größtenteils singen und sprechen die Bandmitglieder Bosnisch, auch wenn einige Songs auf Englisch gesungen werden (etwa der oben erwähnte Song „No Escape from Balkan“). „Googletta Transleatovich“ wird als Übersetzerin verwendet. Bei Live-Konzerten übersetzt diese Stimme die Präsentation der Band ins Englische. Nach unserem Wissen hatte sie vor den Quarantine Shows keinen Namen; seit dem 27. April hat sie sogar ihre eigene Facebook-Seite. Hier wird erneut deutlich, dass sich die Band mit dem Thema des Lebens und Lernens mit technologischer Unterstützung auseinandersetzt – die Stimme spricht ohne Emotionen und es bleibt unklar, ob sie bereits vorab aufgenommen wurde oder ob tatsächlich live – über Google – übersetzt wird. Interessant ist es anzumerken, dass Googletta die einzige „weiblich“ gelesene Protagonistin darstellt, während die Band aus sieben Männern besteht. Natürlich übersetzt sie nicht direkt das, was gesagt worden ist, sondern kommentiert und reflektiert über ihren „Algorythmus“. Am 20. April „rappt“ Googletta mit Brano Jakubović, Almir Hasanbegović und Armin Bušatlić auf dem Lied „French Song“ und macht sich über die Musik der Band lustig.

Während der letzten Aufführung am 27. April 2020 nimmt Googletta Transleatovich eine größere Rolle ein. Nach einer bis zur 20. Minute ununterbrochenen Cover-Show fordert Brano Jakubović sie auf, zu übersetzen, aber Googletta weigert sich und kritisiert die Musik der Band. Sie erzählt, sie würde sich selbst löschen und soll gar nicht mehr „in an internet search engine“ eingetippt werden. Jakubović versucht, sie zu überreden, zu bleiben, indem er den nächsten Song ihr widmet: „We really need you on this show. People of this planet need you. […] Googletta, come back“. Die Band spielt daraufhin „You’re just too good to be true…“. Ironisch ist natürlich das Gespräch zwischen Jakubović und Googletta, und deren Auseinandersetzung über die Qualität der gespielten Musik. Aber das Widmen eines Songs mit dem Refrain „I love you baby, I need you baby“ zeigt, dass wir uns unserer Abhängigkeit von Technik bewusst sind und wir zu ihr ein emotionales Verhältnis haben. Die Anthropomorphisierung einer Software mit eigenem Willen und Gefühle sagt viel aus über die Einstellung der Band gegenüber den Suchmaschinen: Googletta wird zum Teil gebraucht, zum Teil geliebt, immer aber ist sie nicht ganz neutral und frei von Emotionen: „Even though I’m a machine, in fact software, something has appeared in my code. I think I felt something. Is this an emotion? Can a software feel an emotion?“

Schlussbetrachtung

Die Band hat augenscheinlich mit großer Sorgfalt die jeweiligen Konzerte vorbereitet und legt großen Wert auf Interaktion trotz Distanz. Dafür hat sich die Band mehrere Möglichkeiten ausgedacht, sodass Zuschauer_innen „wie beim echten Konzert“ mittanzen und singen.

Es kann gesagt werden, dass dieses Format der Live-Quarantäne-Konzerte nicht nur viel Spaß für die Band wie auch die Fans bringt, sondern auch ein Zeichen der Mitmenschlichkeit darstellt. Als Zeichen der Solidarität mit Italiener_innen wurde am 6. April auf Italienisch mit Gino Srdjan Yevdjevich aus Seattle [SIC] das äußerst symbolbehaftete Lied „Bella Ciao“ gesungen. Das Internet wird dadurch zur Verbreitung menschlicher Wärme und zur Kommunikation genutzt. Ein solches Format mit regulärem Treffen begünstigt die Möglichkeit des Zusammenhalts und des Austauschs, über räumliche Grenzen hinweg. So ist auch der Zweck des Internets erfüllt: Informationen (und Musik) auszutauschen, Menschen einander näherbringen und positive Gefühle und Zusammenhalt herzustellen.

Anne-Coralie Bonnaire (Chemnitz)

Die Autorin

Anne-Coralie Bonnaire, binationale Promotion im Fach Kommunikations- und Medienwissenschaft sowie Erziehungswissenschaft in Leipzig und Paris. 2016-2019 Mitarbeiterin im Projekt „Integration internationaler Studierender“ an der TU Chemnitz. 2019-2020 Vertretung der JProfessur Interkulturelle Pädagogik der TU Chemnitz. Zuvor Projektleitung im Deutsch-Französischen Austausch und in Bulgarien. Forschungsschwerpunkte: interkulturelles Lernen und Lehren, Diversität in den (Hoch)schule, Migrant_innenbilder.

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Ist das eigentlich noch Kultur oder schon Natur?

Kulturanthropolog*innen interessieren sich dafür, wie Menschen ihr Handeln und Leben auf kulturelle Weise strukturieren, wie sie sich und der Welt um sie herum einen Sinn geben und welche Kategoriensysteme sie dazu errichten: zwischen Subjekt und Objekt, Geist und Materie, Individuum und Gesellschaft, Krankheit und Gesundheit und so weiter. Diesen Komplex an Sinnstiftungen bezeichnen Anthropolog*innen als Kosmologien. Dabei geht es nicht um Astronomie und Astrophysik, sondern gemeint ist ein Set an soziokulturellen Glaubensgrundsätzen, Interpretationen und Praktiken über das, was die Welt im Innersten zusammenhält. Das Interesse liegt bei den Grundsätzen und Bedeutungen, die Menschen ihrem Leben und ihrer Existenz geben, auf den Konzeptionen eines sinnhaften Aufbaus der Welt – und der eigenen Rolle darin.

Es geht kulturanthropologisch nicht darum, zu überprüfen, ob diese Vorstellungen „stimmen“ (Denn wer könnte sich anmaßen, darüber zu urteilen?). Sondern im Mittelpunkt steht die analytische Neugier auf, die Auseinandersetzung mit und das Nachvolllziehen von anderen Denksystemen und kulturellen Ordnungsvorstellungen. Kann man über Corona zu einer Entschlüsselung unserer eigenen Kosmologie kommen? Zumindest lässt sich ein Ausschnitt genauer fokussieren: die Relation von Natur und Kultur.

Belebung

Handelt es sich bei Viren um belebte oder um unbelebte Entitäten? Um Lebewesen oder um „tote“ Materie? Biologisch wird diese Frage kontrovers diskutiert. Eine eindeutige Antwort gibt es nicht, die Bestimmungsversuche von Leben verschwimmen in ihren Grenzbereichen. Aber nicht nur in lebenswissenschaftlichen Definitionsansätzen, sondern auch im kulturellen Miteinander schwingen solche Versuche von Bestimmungen und Einordnungen fortlaufend mit: Verstehen wir das Coronavirus als ein passives, von seinem Träger oder Überträger abhängiges Objekt? Oder als ein aktives, eigenständig handelndes Wesen?

Ohne jeden Zweifel entfaltet das Coronavirus derzeit ein gewaltiges Potenzial zu Erzeugung von realen Effekten mit teils massiver Wirkkraft: medizinisch in unseren Körpern, psychologisch in unseren Köpfen, politisch in unserem Handeln, alltäglich in unserer individuellen Lebensgestaltung und so weiter. Oder sind es meist doch eher wir als menschliche Akteure und Angehörige eines sozialen Gemeinwesens und nicht das Virus selbst, das solche Auswirkungen und Maßnahmen in Gang setzt? Anders gefragt: Was davon ist eigentlich noch Natur und was schon Kultur? Oder sollte man die Frage lieber umdrehen: noch Kultur – schon Natur?

Der französische Anthropologe Philippe Descola problematisiert einen westlich-modernen Dualismus von Natur und Kultur und sieht die Aufgabe der Anthropologie darin, „die Art und Weise verständlich zu machen, wie sich Organismen besonderer Art in die Welt einfügen, eine feste Vorstellung von ihr erwerben und dazu beitragen, sie zu verändern, indem sie, mit ihr und untereinander, dauerhafte oder gelegentliche Bindungen von bemerkenswerter, aber nicht unendlicher Vielfalt knüpfen“ (2013: 14). Das Stichwort der Entanglements beschreibt solche Verwicklungen „of natural and social, of human and non-human, and of organic and non-organic forms“ (Hastrup 2014: 1, vgl. ebd.: 14f.). „In short, within the bounds of social life, humans have endless, actual or potential, companion species – which posits an edgy question of co-constitution forcing anthropology to rethink the fluid boundaries of its object“ (ebd.: 15). Das Nachdenken über diese Verbindungen zwischen verschiedenen Organismen und Entitäten fügt sich ein in eine „Re-Konzeptualisierung des Verhältnisses von Natur und Kultur“ (Beck 2008: 19). Für detailierte ethnografische Forschungen bestehen hier noch viele offene Fragen: Wie gestaltet sich das brisante Miteinander von Menschen und Viren in der aktuellen Pandemie? Welche konzeptionellen Trennungen sind dabei wirksam oder brüchig geworden? Welche Ordnungsvorstellungen werden neu geschaffen oder verändern sich?

Bewegung

Wenn das Virus in unserer Wahrnehmung derzeit eine radikale Bedrohung darstellt, dann fragt die Kulturanthropologie kritisch, aus welchen kulturellen Denkschemata und Handlungsweisen heraus eine solche Perspektive eigentlich resultiert. Wie kommt es dazu, dass das Virus als Gefahr aufgefasst wird? Welche Grundsätze und Gewissheiten stellt es in Frage? Vermutlich erscheint es erstens deswegen so gefährlich, weil es vielfältige Grenzen überwindet oder unterläuft: zwischen Tier und Mensch, zwischen Nähe und Ferne (Wer kannte eigentlich bis vor einem halben Jahr Wuhan?), zwischen Außen und Innen des Körpers. Ein zweiter Grund scheint die Unwissenheit über seine Eigenschaften, seine ontologische Unbestimmtheit zu sein. Das bedeutet: Wir wissen nur wenig darüber, wie das Virus in die (menschliche) Welt gekommen ist (Tiermarkt? Fledermäuse?), was es mit ihm auf sich hat (Infektiosität? Aggressivität?) und erst recht nicht, wie wir darauf reagieren sollen. Mit dem philosophischen Begriff der Ontologie ist, vereinfacht gesagt, ein grundlegender Seins-Zustand gemeint. Egal, ob jemand Viren den Status als Lebenwesen zuerkennt oder verweigert, er oder sie würde wohl kaum in Frage stellen, dass es Viren gibt. Anthropolog*innen fragen genauer nach den verschiedenen „Arten des In-der-Welt-Seins“ (Descola 2013: 14) und schauen sich beispielsweise an, wie viel Eigenständigkeit dem Virus in unserem kulturellen Verständnis zugestanden wird.

Das beginnt schon bei so kleinen sprachlichen Konnotationen wie beispielsweise der Entscheidung, ob wir davon sprechen, dass das Virus eingeschleppt und übertragen wird (Passiv!) oder einwandert und sich ausbreitet (Aktiv!). Inwiefern wollen wir dem Virus einen unberechenbaren, unkontrollierbaren Eigensinn zugestehen oder nicht? Das berührt nicht nur den Umstand, dass sich das Virus global in Bewegung setzt (von Wuhan bis Washington), sondern auch die Frage, ob sich nicht auch seine Eigenschaften in Bewegung setzen, ob es sich also womöglich verändert durch unvorhersehbare Mutationen, die Entwicklung von Resilienzen oder das Überspringen zwischen verschiedenen Gattungen. Diese potenzielle Wandlungsfähigkeit macht es unstetig und entzieht sich einer fixen Festschreibung, denn „die Identität der Wesen und die Beschaffenheit der Welt sind fließend und zufällig und widersetzen sich jeder Klassifizierung, die das Reale einzig auf die Erscheinungsformen festlegen wollte“ (ebd.: 50), so Descola.

Beziehung

Stattdessen ist die „Auseinandersetzung mit den Praktiken unabdingbar, die Menschen, andere Lebewesen und die Dinge in der Welt untrennbar verbinden“ (Gesing u. a. 2019: 9). Philippe Descola hat auf der Basis vielfältiger ethnologischer Beschreibungen eine Klassifizierung dieser Verbindungen entwickelt. Er unterscheidet die Art solcher Beziehungen in Animismus, Totemismus, Naturalismus und Analogismus. Ohne sein komplexes Modell hier im Detail nachzeichnen zu können, lässt sich zusammenfassen, dass es Descola um eine Systematisierung von verschiedenen Formen des In-Beziehung-Tretens zwischen Entitäten (etwa Menschen, Pflanzen, Tieren, Dingen) zueinander geht. Seine theoretische Ausdifferenzierung von verschiedenen Glaubenssystemen und Denkmustern empirisch auf unsere aktuellen Relationen zum Coronavirus zu beziehen und kritisch zu prüfen, ist eine analytische Aufgabe, die noch der Bearbeitung harrt.

Noch einmal: Es geht Anthropolog*innen dabei nicht darum, zu überprüfen, ob es stimmt, dass das Virus eine Gefahr darstellt oder nicht. Sondern sie versuchen nachzuzeichnen, aus welchen kulturellen Selbst- und Weltverständnissen heraus solche Vorstellungen entstehen. Sie möchten ein genaueres Verständnis erlangen und ein analytisches Fenster öffnen, um Weltordnungen und kollektive Sinngebungen offen zu legen. „Folgt man der sozialanthropologischen Kritik an dem weiten und zugleich sehr auf Symbolisch-Ideelles verengten Kulturbegriff, steht die Analyse von Relationen von Materiellem und Ideellem, von körperlichen und geistigen Phänomenen im Zentrum der Arbeit der Ethnologie“, formulierte der Europäische Ethnologe Stefan Beck und fügte an: „Doch eine solche relationale Anthropologie zu entwickeln ist eine noch zu leistende Aufgabe“ (2008: 178).

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Stefan Beck (2008): Natur | Kultur. Überlegungen zu einer relationalen Anthropologie. In: Zeitschrift für Volkskunde 104: 161–199.

Philippe Descola (2013): Jenseits von Natur und Kultur. Berlin [franz. Original 2005].

Friederike Gesing u. a. (2019): NaturenKulturen-Forschung. Eine Einleitung. In: dies. (Hg.): NaturenKulturen. Denkräume und Werkzeuge für neue politische Ökologien. Bielefeld: 7–50.

Kirsten Hastrup (2014): Nature. Anthropology on the Edge. In: dies. (Hg.): Anthropology and Nature. New York: 1–26.

MNS – oder zur Vieldeutigkeit der materiellen Welt

Kaum ein Gegenstand scheint in Zeiten von Corona so umstritten zu sein wie der Mund-Nasen-Schutz. An diesem Ding entspinnen sich komplexe Diskurse um Individualität, Prävention; es geht um ästhetisches und körperliches Empfinden, am Mund-Nasen-Schutz scheidet sich auch die wissenschaftliche Expertise – und an ihm werden Verschwörungstheorien und politische Meinungsmache um die Gefährlichkeit des Virus festgemacht.

Der Mund-Nasen-Schutz ist – so könnte man kulturwissenschaftlich argumentieren – ein Metasymbol. Denn in all diesen Diskursen geht es, wie die Material Culture Studies an vielen Beispielen von der Coca-Cola-Flasche bis zur Nofretete gezeigt haben, nie nur um die reine Funktion, sondern die unterschiedlichsten Themen sind in Debatten aber auch in der alltäglichen Nutzung gleichermaßen aufgerufen. 

Da geht es – in der medialen Berichterstattung wie in den sozialen Medien – zunächst einmal um Fragen der Kultur. Als Kulturwissenschaftler*in zuckt man hier sofort zurück, denn was da als Kultur verstanden wird, greift auf einen nationalstaatlichen Container zurück, den wir wissenschaftlich zum Glück längst in die Schrottpresse gesteckt haben. Denn da wird argumentiert, dass in asiatischen Ländern der MNS flächendeckend akzeptiert würde, während das bei uns nicht der Fall sei. Was dieses „bei uns“ eigentlich genau meint, bleibt vollkommen unklar. Denn bewegt man sich in Freiburg oder wahrscheinlich in egal welcher deutschen Stadt, dann sieht man – zum Glück – längst Menschen, die einen Mund-Nasen-Schutz tragen und dem zögerlichen politischen Entschluss vorgreifen. Die Motivationen mögen dabei sicherlich ganz verschieden gelagert sein. In dieser Kultur-Debatte (in anderen „Kulturen“ sei der Mundschutz weniger problematisch) geht es dann schnell auch um Fragen der Individualität.

Ein zweiter zentraler Punkt ist die Rolle wissenschaftlicher Expertise oder wissenschaftlichen Wissens. An den epidemiologischen Debatten lässt sich sehr gut sehen, wie wissenschaftliches Wissen eben auch umstritten oder umkämpft ist. Und gleichzeitig firmieren hinter den wissenschaftlichen Debatten auch noch wirkmächtige andere Positionen: Etwa die Frage nach den Wähler*innenstimmen (Mundschutz wird dabei als wenig populäre Maßnahme imaginiert) oder nach den Hierarchien der Notwendigkeit. Deshalb auch der sicher sinnvolle Hinweis, dass spezielle Masken eben nur für medizinisches Personal reserviert bleiben müssen.

Der MNS steht schließlich auch für global vernetzte und neuerdings viel stärker für lokale Ökonomien. Das globale Moment wurde für mich besonders sichtbar, als das ökonomisch wohl einflussreichste Land plötzlich medizinische Mundschutze Deutschland weggeschnappt haben soll. Es wäre eine eigene kulturwissenschaftliche Studie, die Debatten um die globalen Herstellungs- und Handelsketten mit den sich anschließenden Diskursen um die Frage, wer was wann für wieviel Kapital bekommt bis ins Detail nachzuverfolgen. Man lernt dabei sicher viel über globale Ungleichheiten, postkoloniale Strukturen, Solidarität oder ihr entgrenztes Gegenteil. Gleichzeitig boomen vor Ort kleine ökonomische Innovationen: Vom Modeladen, der aus Designer-Stoffen Mundschutz à la haute couture anbietet, bis zur Änderungsschneiderei am Eck. Bisweilen entsteht der Eindruck, der Schwarzmarkt der Nachkriegsjahre würde hier unter neuen Vorzeichen wiederbelebt.

Aus der eher assoziativen Reihe vielleicht noch ein weiterer Punkt: Der Alltag. Kulturwissenschaftlich ist dabei zunächst einmal interessant, welche Wissensbestände hier aufgerufen sind: Wann und wie waschen? Wo lege ich das Ding so ab, dass der Virus möglichst nicht in der ganzen Bude oder in der Waschmaschine flächendeckend verteilt wird? Wie trage ich das Ding überhaupt richtig? Und wann setze ich es ab?

Ein weiterer Aspekt mögen soziale Konflikte sein, die sich hier aufspannen und die mit ebenfalls komplexen ethischen Fragen verbunden sind. Aus dem Freundeskreis höre ich, dass sich Kolleg*innen an einem nicht-akademischen Arbeitsplatz vehement weigern, einen MNS zu tragen. Die einen kommen mit Verschwörungstheorien daher, die anderen sind in eine Art Fatalismus verfallen, da doch mittelfristig eh jede*r den Virus bekomme, wieder andere finden das Ding unbequem oder zu wenig schön. Der Konflikt begann aber dann, als es um Verantwortung und Prävention ging: Müssen Kolleg*innen mit Vorerkrankungen dann zuhause bleiben? Muss man sich outen, wenn man eine Vorerkrankung hat?

Weit weniger ethisch herausfordernd ist der kulturwissenschaftliche Blick auf die Ästhetiken. Denn binnen kürzester Zeit wurde der MNS zur individuellen Leinwand der Selbstinszenierung und damit natürlich auch ein Ort der Distinktion. Wer noch die epidemiologisch wirksameren FFP2- oder FFP3-Masken ergattert hat, weil er oder sie schon zu Zeiten von SARS mit einer globalen Pandemie gerechnet hat, vermittelt mit dem Tragen – ob willentlich oder auch nicht – immer auch präventives Bewusstsein oder medizinisches Fachwissen. Wer skandinavische Muster trägt, trägt Geschmack nach außen und so weiter.

Und reizvoll wäre schließlich auch ein kulturwissenschaftlich informierter Blick darauf, wie Ironie und Humor bei der Veralltäglichung eines Gegenstands eingesetzt werden, der uns ohne jeden Zweifel sichtbar einer zentralen Ausdrucksmöglichkeit beraubt. Wer darüber mehr erfahren will, könnte einfach nur die Posts der heute-show auf Instagram ansehen oder mal nach Haustieren mit Mundschutz im Netz suchen.

Diese assoziative Reihe an kulturwissenschaftlich weiterzuverfolgenden Perspektiven auf den MNS (auch begrifflich müsste man hier noch genauer hinschauen: Wie wird das Ding jeweils benannt?) wird in der kommenden Woche sicher noch zu erweitern sein, wenn wir im öffentlichen Nahverkehr und beim Einkaufen nur noch mit MNS unterwegs sein dürfen. In jedem Fall wird auch das flächendeckende Tragen nicht zu dem Trugschluss führen, dass wir es immer mit demselben Phänomen zu tun haben. Denn auch hier gilt – wie in der kulturwissenschaftlichen Forschung ja eigentlich immer –, dass ein genauerer Blick erst zeigt, ob jemand das Ding aus Überzeugung, mit Widerwillen, als Protest gegen Kolleginnen und Kollegen, die das eben nicht tun möchten, oder mit welchen ästhetischen Präferenzen trägt (oder in unterschiedlichen Situationen etwa alles gleichzeitig).

Und um den Bogen zum Beginn noch einmal zu spannen: Wie so oft eröffnet der Blick auf die Alltagsdinge – oder wie hier auf solche, die gerade erst eines werden – den Blick auf die ganze Welt: Von Ökonomien über politische Strukturen bis hin zu Ästhetiken und körperlichem Empfinden.

Markus Tauschek (Freiburg im Breisgau)

Foto: Heiliger Josef mit MNS in einem Freiburger Innenhof (Markus Tauschek)

Der Vorhang muss geschlossen bleiben – Folgen der Vereinzelung für die Soziokultur

„Kultur als Therapie“ zu erkennen, schlägt Markus Tauschek in seinem Beitrag vom 1. April vor und macht damit gar keinen Aprilscherz, sondern argumentiert richtig, dass uns kulturelles Handeln Orientierung und Sinnstiftung im Alltag ermöglicht. Kulturelles Handeln ist aber maßgeblich auch soziales Handeln, ist eingebunden in Gruppenzusammenhänge und Aushandlungsprozesse mit unseren Mitmenschen. Das betrifft sowohl die Kultur mit dem kleinen „k“, wie sie Markus Tauschek in seinem Beitrag beschreibt, als auch die Kultur mit dem großen „K“, die auch als Hochkultur bezeichnet wird, wenn damit künstlerische Ausdrucksformen (Kunst, Tanz, Theater, Musik etc.) gemeint sind. Ich möchte in diesem Beitrag jedoch nicht nur über die Hochkultur, sondern vor allem über Soziokultur und die sogenannte Breitenkultur sprechen, die noch viel stärker auf dem Fundament der sozialen Begegnungen basiert und diese maßgeblich erst hervorbringt.

Es geht mir also um Vereine, Kulturzentren, Brauchinitiativen, Festgemeinschaften oder um Theater, wie das oben abgebildete Theater Lindenhof im schwäbischen Melchingen, deren künstlerisches Konzept teils auf der Partizipation der lokalen Bevölkerung gründet. Etwas makaber könnte man sagen – genau hier hat die Krise ihren Anfang genommen und genau hier tut sie jetzt mit am meisten weh. Das Virus verbreitete sich in Nordrhein-Westfalen auf Karnevalssitzungen, im Hohenlohekreis auf Weinfesten und in Kirchen. Es sprang dort über, wo sich Menschen trafen, miteinander feierten, sich umarmten…

Nun muss man sicherlich differenzieren, um die Folgen und Wirkungen der Krise für die Bereiche der Soziokultur zu untersuchen. Zu unterscheiden gilt es hier zwischen den Initiativen, die – wie das Theater Lindenhof – auf professionellen Strukturen aufgebaut sind und wo Menschen hauptamtlich angestellt sind, die von den Einnahmen der Kartenverkäufe ihren Lohn erhalten. Solche kleinen Theater, freischaffende Künstler*innen, Kulturzentren etc. sind derzeit von der Insolvenz bedroht. Hier gilt es zu fragen, wie Rettungsaktionen aussehen müssen, damit unsere Gesellschaft nach der Krise nicht um zahlreiche Wunderkerzen der vielfältigen Kulturlandschaft ärmer ist. Weniger prekär ist die Situation der Vereine und Brauchinitiativen sowie der Festgemeinschaften im Land. Wo Mitgliedsbeiträge weiter fließen und keine Mieten bezahlt werden müssen, heißt die Devise im Moment noch: Abwarten und hoffen, dass der Spuk bald vorbei ist. Beiden Formen der kulturellen Aktivität ist jedoch gemeinsam, dass sie derzeit nicht funktionieren, weil ein wesentliches Element ihrer Existenz quasi sich selbst bedroht: Die Sozialität.

Gemeinschaft, Begegnung und Austausch waren noch 2019 zentrale Schlüsselbegriffe zur Beschreibung der Potenziale von Kulturinitiativen während des Dialogprozesses „Kunst und Kultur in ländlichen Räumen“, das 2018/19 vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg veranstaltet wurde. Auch das Dialogforum selbst gründete auf dem Prinzip der Partizipativität. Kunst- und Kulturschaffende waren eingeladen, gemeinsam mit Verwaltungsangestellten und Politiker*innen über die Zukunft von Kunst und Kultur in ländlichen Räumen zu diskutieren. Ich begleitete dieses Dialogforum ethnografisch und war gleichzeitig Teil des Beratungsgremiums. Zukunftsfähig und förderungswürdig, so wurde in den runden Tischen und informellen Gesprächen immer wieder betont, seien Kunst und Kultur vor allem deshalb, weil sie Menschen zusammenbringen, Kontakte herstellen und dadurch Diversität erlebbar machen, Identifikationsmöglichkeiten anbieten und nicht zuletzt Auseinandersetzungen mit den gesellschaftlichen Herausforderungen dieser Zeit (Digitalisierung, demografischer Wandel, Klimakrise und damals noch Mobilitätsanforderungen) ermöglichen.

Jetzt, wo ich gerade dabei bin, einen wissenschaftlichen Beitrag über die Ethnografie dieses Dialogforums zu schreiben, überkommt mich eine Schreibblockade. Sind die Debatten und Forderungen der Kulturschaffenden nach Corona überhaupt noch relevant? Manche sind es mehr denn je – nämlich die nach grundständiger staatlicher Förderung statt Projektfinanzierung. Aber wird die Kulturlandschaft nach Corona noch dieselbe sein und so weitermachen können wie bisher? Wird uns jetzt, da wir sie schmerzlich vermissen, die soziale Seite der Kultur umso bewusster und wertvoller oder erleben wir eine Neuerfindung der Potenziale lokaler Kultur durch die Negierung von Raum und Zeit im virtuellen Kosmos? Wie sehen Kunst und Kultur (mit großem und mit kleinem „k“) derzeit und in der Zukunft aus, wenn soziale Kontakte nur auf Abstand und virtuell möglich sind? Was bleibt von ihrem großen Potenzial, Menschen zusammenzubringen, Identifikationsmöglichkeiten durch Vorbildfunktionen zu stiften und Kreativität durch Austausch zu befeuern? Ist abwarten und später so weitermachen wie bisher ein gangbarer Weg? Welche Kulturinitiativen können sich das Warten leisten?  Diese Fragen und damit die Entwicklung soziokultureller Ausdrucksformen in Zeiten der Vereinzelung gilt es jetzt für mich – und für uns Kulturwissenschaftler*innen – zu untersuchen.

Karin Bürkert (Tübingen)

Kultur als Therapie?

Es gehört zu den zentralen Erkenntnissen kulturwissenschaftlicher Forschung, dass kulturelle Ordnungen immer dann besonders sichtbar werden, wenn sie bedroht sind oder sich aufzulösen beginnen und durch andere ersetzt werden. An vielen Orten forschen Kulturwissenschaftler*innen zu solchen Ordnungen, etwa in einem Tübinger Sonderforschungsbereich mit dem heute aktueller denn je erscheinenden Titel „Bedrohte Ordnungen“, der sich auch schon zur Pandemie zu Wort gemeldet hat.

Gerade in Zeiten, die in medialen, gesellschaftlichen und politischen Diskursen als Krise charakterisiert werden, scheint vielen Menschen Kultur Halt und Stabilität zu geben. Kultur – so könnte man in Anlehnung an den Kulturwissenschaftler Konrad Köstlin formulieren, der dies für die so genannte Volkskultur so schon getan hat – ist dann Therapie. Sie hilft uns durch den Alltag, gibt uns Struktur und Möglichkeiten zur Artikulation. Sie ist, so könnte man auch sagen, die Art und Weise, wie wir uns mit den Zuständen um uns herum kritisch, kreativ, protestierend oder auch bestätigend auseinandersetzen. In Zeiten von Corona sieht man dies allerorten. In die Nachrichtenjournale haben es etwa kurze Instagram-Videos geschafft, die Menschen zeigen, wie sie in der häuslichen Quarantäne – freilich humoristisch überformt – am heimischen Herd eine Disko inszenieren, auf dem Skateboard liegend und in Badehose über den Flur kraulen oder am Fenster stehend, mit einer Socke über die Hand, das gute alte PC-Spiel Pacman nachahmen: Die Socken-Hand frisst vorbeifahrende Autos genüsslich auf und es erklingt jedes Mal ein Computer-Spiele-Retro-Geräusch.

X-mal haben mir Freundinnen und Freude diese Videos geschickt und sich gefreut, wie kreativ Menschen mit der verordneten sozialen Distanz umgehen und die eigenen vier Wände uminterpretieren. Andere Beispiele sind die unzähligen Bilder selbst genähter Mundschütze (auf einmal müssen wir darüber nachdenken, wie der Plural von Mundschutz heißt und ob es den überhaupt gibt), die Folien für Botschaften oder ästhetische Vorlieben werden. Wie wir mit verordneten Strukturen umgehen und diese für uns selbst (um-)interpretieren, zeigen diese Beispiele ebenso wie das Video eines älteren Herrn aus Italien, der – um Ausgangsbeschränkungen zu umgehen – einen Stoffhund an die Leine nahm, um mit ihm Gassi zu gehen. Kultur ist in all diesen Fällen die Art und Weise, wie wir uns zu etwas positionieren, wie wir Regeln in den Alltag integrieren und diese – manchmal eben auch sehr eigenwillig – befolgen oder diese zu umgehen versuchen.

Zeitliche Routinen – diese sind insbesondere kulturell kodiert – werden derzeit als Herausforderungen erkannt, aber auch als Lösungen verstanden. Auf Instagram postete jüngst jemand, es fühle sich doch jeder Tag nun wie ein Sonntag an, der ja immer auch mit Verlangsamung verbunden wird (weniger Verkehr, die Geschäfte geschlossen, man soll sich erholen); und zum Sonntag gehöre es ja, dass man am Samstag davor auch wieder Alkohol trinken dürfe. Folglich sei nun jeder Abend eigentlich ein Samstagabend.

Unsere alltäglichen Routinen sind durch Corona und die politischen Maßnahmen der Eindämmung empfindlich gestört: Kein Weg ist mehr wie vor der Pandemie einfach zu gehen. Der Einkauf wird zur Gefahr und Herausforderung. Der öffentliche Nahverkehr zur Gefahrenzone. Und gleichzeitig berichten die Medien, wie etwa der Einkauf bewusst zelebriert wird, wie Menschen immer nur wenig einkaufen, um so oft wie möglich den öffentlichen Raum betreten zu können. In diesen alltäglichen Routinen wird die Mahlzeit nun auf einmal wieder wichtiger: Dass die gemeinsame Mahlzeit eine höchst komplexe kulturelle Angelegenheit ist, zeigt sich in Zeiten von Corona deutlicher denn je. Die gemeinsame Mahlzeit wird zum Stabilitätsfaktor. Sie wird wichtiges soziales Ereignis und mitunter mit enormer Bedeutung versehen.

Am rührendsten sind sicher jene Formen, die Solidarität nach außen hin sichtbar machen. Während in Italien oder in Spanien der abendliche kollektive Dank an Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger oder all jene, die das System noch am Laufen halten, kollektiv von Balkonen hallt, ist man hierzulande (noch?) etwas zurückhaltender. Die Badische Zeitung hat für Sonntag, den 22. März dazu aufgerufen, aus den Fenstern und von den Balkonen Beethovens Ode an die Freude erklingen zu lassen.  In meinem Stadtteil öffnete sich nur ein einziges Fenster, durch das dann aber gediegene Cello- und Violinenklänge zu vernehmen waren. Mutiger war da schon die Gruppierung „Synthesia Ultras 79“, die gleich an mehreren Stellen der Stadt Dank an das medizinische Personal aussprach: „DANKE ALLEN HELFERN! Fuck Covid 19!“. Dass eine andere Ordnung dann stärker war, zeigte sich an der so genannten Blauen Brücke am Hauptbahnhof, an der ein Banner aus Sicherheitsgründen sogleich wieder abgehängt werden musste.

Dass Kultur uns allen hilft, den Alltag in der Krise zu bewältigen, ist sicher eine für viele Menschen äußerst positive Erfahrung. Vieles, was wir vor der Krise weitestgehend habitualisiert in Routinen getan haben, reflektieren wir nun sehr bewusst. Formate populärer Kultur etwa nutzen Menschen, um sich reflektiert mit den Folgen der Quarantäne zu befassen. Gleichzeitig ist Humor dabei vielfach eine wichtige Strategie. Kultur wird in der Krise reflexiv gewendet. Wo sie drohen zu verschwinden, werden kulturelle Angebote nun zu wertvollen Ressourcen, um die wir uns aktiv bemühen müssen.

Und so wie Kultur uns durch die Krise bringt und Kultur als Ausdrucksform genutzt wird, kann auch ein kulturwissenschaftlich informierter Blick uns helfen, die schrecklichen Folgen (nicht nur die medizinischen, sondern auch jene, die sich aus globalen Ungleichheitsverhältnissen ergeben oder aus dem Aufwind rechtspopulistischer politischer Regime, die die Krise gerade vehement für ihre eigenen politischen Zwecke instrumentalisieren) mit kulturtheoretischer Reflexion zu versehen. Das macht die Pandemie zwar nicht weniger schlimm und soll auch keinesfalls die menschlichen Tragödien, die sich global abspielen, relativieren; die Reflexion kann aber helfen, die Prozesse besser zu verstehen, mit denen Menschen nun tagtäglich konfrontiert sind. Und sie kann besonders helfen, mit einem positiveren Blick auf die kreativen und Halt und Sicherheit gebenden Aspekte von Kultur zu schauen.

Markus Tauschek (Freiburg im Breisgau)

Über diesen Blog

Alltag in der Krise – das bedeutet, dass gewohnte Routinen und Ordnungen fraglich werden. Vieles, was uns sonst so selbstverständlich erscheint, wird derzeit im Kontext der Corona-Pandemie fraglich. Vieles, was unser alltägliches Leben ausmacht, ist derzeit auf die Probe gestellt.

Alltag in der Krise – das bedeutet aber auch, dass sich neue Routinen und Ordnungen herausbilden. Denn auch in der Krise schaffen wir uns einen neuen, wenn auch einen anderen Alltag. Seien es Homeoffice, Homeschooling, lokale Initiativen oder die tägliche Interaktion mit Familie und Freunden über digitale Medien – viele Beispiele zeugen von Kreativität und Ideenreichtum und helfen, die gegenwärtige Situation zu bewältigen.

Beide diese Dimensionen gehören zur aktuellen Lage dazu. Und wir finden: beide sind es wert, genauer betrachtet zu werden. Darum geht es auf diesem Blog. Er wurde initiiert von Master-Studierenden aus Freiburg im Breisgau und soll ein partizipatives Projekt und eine Plattform des Austausches und der Anregung sein.

Als empirische Kulturwissenschaftler*innen beschäftigen wir uns professionell mit den Ausprägungen und Formen von Alltagskultur. Wir fragen danach, wie Menschen ihr Leben gestalten und wie sie gemeinsam mit Situationen und Herausforderungen umgehen. Mit den Analysen und Reflexionen auf diesem Blog möchten wir dazu beitragen, die aktuellen Entwicklungen kulturwissenschaftlich einzuordnen, diese Krise genauer zu verstehen und so gemeinsam besser hindurch zu kommen.

Die Beiträge verstehen wir dabei im wahrsten Sinne als „kulturwissenschaftliche Notizen“: „Notizen“ können helfen zu ordnen, zu verstehen, eine Übersicht zu gewinnen, etwas anzudenken, was zu einem späteren Zeitpunkt weitergeführt wird oder auch verworfen werden kann. Sie ermöglichen es, wo nötig, Distanz zu schaffen, indem der Gedanke auf Papier, oder den Bildschirm gebannt wird, oder unterstützen bei der Fokussierung. Sie helfen das zu ordnen, was in Echtzeit vor sich geht, ähnlich der zahlreichen Live-Ticker, die derzeit über jegliche Bildschirme rasen.

Die Heterogenität der Situation soll sich in den verschiedenen Beiträgen und dem gesamten Blog wiederspiegeln: Sie alle, Studierende, Interessierte und etablierte Kulturwissenschaftler*innen sind eingeladen, Ihre Gedanken hier festzuhalten, zu kommentieren, zu stöbern, weiterzudenken und zu teilen. In welcher Art Sie das tun – ob in Form eines philosophischen Gedankenspaziergangs, mit analytischer Feder, als autoethnografischer Bericht, Interview oder als Schnappschuss aus dem Corona-Alltag – bleibt Ihnen überlassen. Sollten Sie Interesse haben, einen Beitrag zu verfassen oder ein Foto oder Video einzuschicken, dann setzen Sie sich bitte mit der Redaktion in Verbindung.