Von Humor und dem Ernst der Lage

April, April! – ein Ausruf, den man normalerweise am Ersten dieses Monats oft zu hören bekommt. Sei es im Privaten oder von Unternehmen und Zeitungen. Man nimmt sich auf den Arm, erlaubt sich einen Schabernack, veräppelt sich, führt jemanden hinters Licht. Die Auflösung folgt danach, manchmal auch erst am darauffolgenden Tag: April, April!

In diesem Jahr wurde von zahlreichen Seiten bekundet, darauf verzichten zu wollen, andere in den April zu schicken. Das Freiburger Onlinemagazin fudder verkündet beispielsweise auf Instagram: „Kein Scherz: dieses Jahr gibt es von der fudder-Redaktion keine Aprilscherze. Vor allem nicht auf Kosten von Corona. Just not feeling like it.“ Auch Google als global agierendes Unternehmen nahm davon Abstand, seine Nutzer*innen in den April zu schicken und ließ davon ab, Nachfolger für die Vorjahresscherze rund um „Google Tulip“, dem ersten computerbasierten Kommunikationsmittel mit Pflanzen, und dem auf „Google Files“ basierten Screencleaner fürs Smartphone zu finden. Von Seiten des Bundesgesundheitsministeriums hieß es im Vorfeld auf Twitter: „Bitte machen Sie keine Aprilscherze zum Coronavirus und helfen sie mit, ihre Verbreitung zu verhindern.“ Mit dieser Aufforderung war die Regierung nicht allein. Laut tagesschau-Angaben seien Aprilscherze zum Thema „Corona“ in manchen Ländern gar unter Strafe gestellt worden. Wie lässt sich dieser Verzicht erklären und was bedeutet er für das generelle Verhältnis von „Corona“ und „Humor“?

Aus kulturwissenschaftlicher Warte lässt sich der Aprilscherz als Tradition deuten. Folgt man dem Volkskundler Hermann Bausinger, wird Traditionen im Allgemeinen eine gewisse Langlebigkeit und Unveränderlichkeit zugeschrieben (1991: 7). Sie stehen als fixer Punkt im Jahresablauf für Verlässlichkeit – das gilt auch für den Aprilscherz. Diesen Rahmen zu durchbrechen und ihn zu untersagen oder einzuschränken scheint ein großer Einschnitt zu sein, lässt aber auch Rückschlüsse auf „Tradition“ im Allgemeinen zu. Diese sind eben nicht statische Gebilde, sondern müssen immer im jeweiligen Kontext betrachtet werden. Bei jeder Durchführung werden sie aktualisiert, jedoch gleichzeitig auch verändert und den situativen Gegebenheiten angepasst, was, wie in diesem Fall, zur Folge haben kann, dass sie Restriktionen erfahren.

Damit ist allerdings erst erfasst, dass es die Möglichkeiten zur Veränderung des traditionellen Rahmens gibt. Versucht man zu verstehen, weshalb gerade die Corona-Thematik als Tabu im Kontext des Aprilscherzes markiert wurde, liegt die Frage nach der generellen Bedeutung von Humor in der Corona-Krise nahe. Die Herausgeberinnen des Sammelbandes „Humor. Grenzüberschreitende Spielarten eines kulturellen Phänomens“ schlagen eine weite Definition von „Humor“ vor. Sie deuten ihn „als menschliche Fähigkeit, etwas mit ,heiterer Gelassenheit‘ zu sehen“ und betrachten ihn dabei stets als Aushandlungsprodukt im jeweiligen soziokulturellen Kontext (Hoffmann u. a. 2008: III). Charakteristisch sei jedoch seine gesellschaftliche Funktion, zu einer Thematik Distanz zu schaffen. Sie schreiben: „Derjenige, der Humor zeigt, bleibt gewissermaßen überlegen, da er um seine eigene und des anderen Unvollkommenheit weiß und sie mit Gelassenheit nimmt“ (ebd.)

„Humor“ lässt sich somit als eine Art Bewältigungsstrategie deuten und erfüllt damit eine positive Funktion in der Gesellschaft, auch oder gerade in Krisensituationen. Passend dazu ein Zitat, dass ich kürzlich gelesen habe, jetzt aber nur noch sinngemäß wiedergeben kann: „Wer gegen Witze zu Corona ist, hat den Ernst der Lage nicht verstanden.“  Weshalb dann der Verzicht auf Aprilscherze?

In meinen Augen hat das etwas mit dem Format zu tun. Humor begreife ich als Überbegriff – Witze, Memes, Satire, Anekdoten und Scherze sind spezielle Ausformungen mit zusätzlichen Charakteristika, die somit nicht über einen Kamm geschert werden können. An dieser Stelle möchte ich gerne Witz und Aprilscherz vergleichen. Ein Witz ist gekennzeichnet durch seinen charakteristischen Aufbau, der in einer Pointe endet (Dimova 2008: 11). Er ist von Anfang an als solcher erkenntlich und suggeriert, dass er unerwartet enden wird und das Gegenüber in Staunen und Belustigung versetzen möchte. Ein Aprilscherz funktioniert anders. Die Entdeckung einer fliegenden Pinguinart und die Einführung des Rechtsverkehrs in Großbritannien werden im zugehörigen Wikipedia-Artikel unter den populärsten Aprilscherzen angeführt. Es sind Unwahrheiten, die verwirren sollen und, bis auf die zeitliche Fixierung, im ersten Moment nicht als solche erkennbar sind. Sie stiften Chaos. Dass das auch nach hinten losgehen kann, zeigte sich, als Tesla Gründer Elon Musk die Firma am 01. April 2018 auf Twitter für Bankrott erklärte. Die Folge: Ein Aktiensturz um acht Prozent.

Aus diesem Blickwinkel lässt sich verstehen, warum Länder wie Taiwan und Thailand Aprilscherze zu Corona wie Falschmeldungen, sozusagen als Fake News, behandeln und als Gesetzesbruch werten. Sprache formt Wirklichkeit. Unsicherheit und Destabilisierung ergeben sich durch kursierende Lügen. Ihre Wirkung kann dann auch durch ein angefügtes „April, April“ nicht aufgehoben werden, was somit gegenläufig der eigentlichen Funktion von Humor wäre.

Lea Breitsprecher (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Bausinger, Hermann 1991: Tradition und Modernisierung. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 87: 5–14.
Dimova, Ana 2008: Humor und Witz als Übersetzungsproblem. In: Hoffmann, Tina u. a. (Hg.): Humor. Grenzüberschreitende Spielarten eines kulturellen Phänomens. Göttingen: 7–20.
Hoffmann, Tina u. a. 2008: Vorwort. In: dies.: Humor. Grenzüberschreitende Spielarten eines kulturellen Phänomens. Göttingen: III–VI.