Im Homeoffice und auf der Straße

Auch ich bin im Homeoffice seit Corona – wie so viele meiner Kolleg*innen, die an der Uni beschäftigt sind. Meine Tage sind seither mehr oder weniger die gleichen; es hat sich bei mir schon eine kleine Routine ausgebildet: Nach dem Aufstehen erst einmal Tee aufsetzen, Laptop hochfahren, E-Mails checken und die neuesten Nachrichten im Internet lesen. Danach Büroarbeit: Hausarbeiten korrigieren, Forschungsnotizen strukturieren, Artikel überarbeiten, Workshop planen, Texte lesen, Schreiben. Ich sitze dabei an meinem Schreibtisch, direkt unter zwei großen Dachgeschossfenstern. Die Morgensonne im Gesicht arbeite ich vor mich hin.

Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich den Freiburger Schlossberg. Nur wenige Meter Luftlinie von mir entfernt ist die Leo-Wohleb-Brücke unter der sich die Wohnstätte einiger obdachloser Menschen befindet; um die Ecke der Freiburger Essenstreff – ein sozialer Verein, der „täglich ein warmes Mittagessen für diejenigen Menschen zur Verfügung [stellt], die es sich selbst nicht mehr leisten können“, so steht es auf der Homepage geschrieben. Seit Corona ist die Wärmestube des Essenstreffs geschlossen. Das Essensangebot ist reduziert: Es werden belegte Brötchen, Obst und Gemüse durch das Fenster im Erdgeschoss ausgeteilt. Neben dem Essenstreff ist ein ‚Gabenzaun‘ eingerichtet worden. An ihm hängen Tüten mit Lebensmitteln für Obdach- und Wohnungslose. Die Möglichkeit sich aufzuwärmen, einen nachmittäglichen Tee und Hefezopf zu erhalten, ein warmes Essen am Tisch serviert zu bekommen, Zeitung zu lesen, Handy aufzuladen und gemütlich beisammen zu sitzen gibt es nicht mehr – wegen Corona. Auch das Sonntagsfrühstück ist auf unbestimmte Zeit ausgesetzt.

Genau wie der Essenstreff haben auch die Freiburger Straßenschule, die Pflasterstub’, die Bahnhofsmission und der FreiRaum – alles Freiburger Anlaufstellen für obdach- und wohnungslose Menschen – ihre Öffnungszeiten und Angebote heruntergefahren. Der Freiburger Tafelladen hat seit Corona komplett geschlossen.

Corona trifft obdach- und wohnungslose Menschen mit geringen finanziellen Mitteln wohl am stärksten. Ihre Anlaufstellen fallen weg. Diese reduzieren (gezwungenermaßen und sicherlich schweren Herzens) ihr Angebot mehr oder weniger auf das nackte Überleben: die Versorgung mit Nahrung. Die Freiburger Straßenschule hat noch zur Postausgabe geöffnet, in der Pflasterstub’ kann man weiterhin duschen und eine medizinische Grundversorgung erhalten, telefonisch sind alle Anlaufstellen erreichbar und bieten verlängerte Telefonsprechstunden an. Doch der persönliche soziale Kontakt fällt weg. Wie wichtig ist doch soziales Miteinander und direkter sozialer Austausch – gerade in dieser als Krise betitelten und erfahrenen Corona-Situation. Wenn ich im Homeoffice bin und mir nach sozialem Kontakt ist, dann nehme ich mein Telefon zur Hand und rufe Freund*innen und Familie an. Die uns durch Corona gebrachte soziale Distanz kann ich durch Internet, (Video-)Telefonie und Instant Messaging Dienste etwas ausgleichen. Für obdach- und wohnungslose Menschen scheint das ungleich schwerer zu sein.

Barbara Sieferle (Freiburg im Breisgau)

Fotocredit: Leonie Hagen

Soziale Anlaufstellen in Freiburg

Essenstreff: http://www.essenstreff-freiburg.de/

Pflasterstub’: https://www.caritas-freiburg.de/pflasterstub.html

Straßenschule: https://www.sos-kinderdorf.de/freiburger-strassenschule oder https://de-de.facebook.com/FreiburgerStrassenSchule/

FreiRaum: https://www.diakonie-freiburg.de/index.php?freiraum-17

Bahnhofsmission: https://www.bahnhofsmission.de/index.php?id=99&woher=3&bm=19

Eine Zusammenstellung der vielen lokalen Corona-Hilfsprojekte und -Initiativen bietet außerdem die Homepage des Stadtjubiläums: https://2020.freiburg.de/pb/1532755.html