Die Welt als Lost Place

Mit den Reisebeschränkungen, Kontaktsperren und sonstigen Pandemiemaßnahmen der letzten Wochen kam das öffentliche Leben auf der halben Welt zum Erliegen. Einen kleinen Vorgeschmack auf „die Welt ohne uns“ bekommt man nun vielerorts direkt vor der eigenen Haustüre.

Zumindest bei mir in Frankreich, wo die Maßnahmen sehr umgreifend sind, begegnet man in manchen Straßen keinem Menschen. Mit den bereits vier Wochen Confinement, wie die Schutzmaßnahmen heißen, ist auch der Frühling eingezogen. In unserer Abwesenheit bricht sich die Natur langsam Bahn. Unkraut sprießt aus Gehwegen, Staub sammelt sich auf den Fenstern der geschlossenen Geschäfte, Vögel hüpfen über sonst vielbefahrene Straßen. In Venedig ist derweil das Wasser glasklar, die Treibhausemissionen gehen global zurück. Solche Beobachtungen des „Zurück zur Natur“ ließen sich bislang nur an verlassenen Orten machen. Das prominenteste Beispiel ist wohl die Sperrzone um Tschernobyl, in der die Bevölkerung der Stadt Prypjat nach dem atomaren Super-GAU alles zurücklassen mussten. Seit Jahren fasziniert dieses apokalyptische Zwangs-Naturreservat: Bilder der möblierten Häuser, die langsam verrotten und von der Natur erobert werden, gingen viral, wurden Schauplatz von Filmen, Computerspielen und letztlich selbst touristische Destination, seit die Ukraine den Publikumsverkehr in der Sperrzone genehmigt hat. Als eine der bekanntesten Dark-Tourism-Destinationen weltweit rangiert Tschernobyl mittlerweile bei den nationalen touristischen Besuchszahlen direkt hinter der Hauptstadt Kiew. Ob das Interesse an dieser geheimnisvollen Welt ohne Menschen nach der Corona-Erfahrung noch so bestehen wird, ist nicht abzuschätzen. 

Warum üben Lost Places eine solche Faszination aus?

Im Dazwischen liege der Reiz dieser verlassenen Orte, wie bereits Simmel über die Ruine schrieb: Zwischen Natur und Kultur, zwischen Vergangenheit und Gegenwart – und in der Abwesenheit des Menschen. Schließlich heißt das lateinische Wort „culturare“ auch bearbeiten und bezieht sich ursprünglich auf landwirtschaftliche Bodennutzung. Wenn also Stillstand einkehrt und die Bearbeitung des Menschen fehlt, seine Zeugnisse verfallen, dann haben wir in der Ruine nicht nur ein morbides Symbol der Vergänglichkeit, sondern auch die Versinnbildlichung der romantischen Sehnsucht nach dem „Ursprünglichen“, nach dem Zurückweichen der Zivilisation und ihrer Überformungen.  

Nun sind wir Menschen in diesen Zeiten nicht verschwunden, nur das öffentliche Leben ist gehemmt. Wir sind auch nicht im Rousseau’schen Sinne einen Schritt in Richtung Natur gegangen. Die Logiken unserer Kultur, sie greifen weiterhin, nur über andere Kanäle. So schreibt die taz am 14. April süffisant über das immer häufiger gesichtete Bücherregal im Hintergrund der Video-Chattenden, es sei der „Schwanzvergleich der Pandemie“, oder besser: der Ausdruck des eigenen Habitus.

Gleichzeitig heißt es angesichts der unbekannten Situation und der ständigen Wendungen vor allem: Ausharren. Und dieses Ausharren schafft Zeit für Reflexion – über das Gewesene und das Zukünftige. Viele Videos und Blogs der „Urban Exploration“, wie sich das Hobby nennt, verlassene Orte zu erkunden und dieses Abenteuer medial zu verfertigen, verfolgen eine bestimmte Erzählung: Es geht den Akteuren darin nicht nur ums Dokumentieren des Ist-Zustands des Verfalls, es geht auch um Spekulationen über die Vergangenheit der verlassenen Orte und ihre Zukunft. Nicht selten enden Beiträge mit dem Wunsch der Akteure, dass sich Investoren fänden, die die Ruine wiederherstellen und den Ort zu neuem Glanz führen.

Dasein in der Schwebe

Ganz ähnlich ist das aktuelle Ausharren im Dazwischen auch geprägt von umgreifenden Utopievorstellungen, von Träumen von einer besseren Welt nach Corona und von einer Reflexion über die Auswirkungen der Globalisierung. Globale Märkte, Industrie und Kapitalismus stehen in der Kritik, noch viel mehr, als dies im letzten Jahr durch die „Fridays for Future“-Bewegung angekurbelt wurde. Die schnelle Verbreitung des Virus und die globale Handelsschlacht um medizinische Produkte zeigen deren negativen Auswirkungen für alle sichtbar. Im eigenen Alltag wird die Logik der freien Marktwirtschaft und der sozialen Ungleichheit in Form von Hamsternden und leeren Regalen schmerzlich deutlich: Die einen kaufen weg, die anderen haben nichts.

Auch das politische Europa war zwischenzeitlich in ähnlich kritischem Zustand, wie ein Covid-19-Patient unter künstlicher Beatmung: Nationalismus, fehlender Konsens, unterschiedlichste Maßnahmen, volle Lager mit Geflüchteten an den Außengrenzen und dazwischen ein Deutschland, das wieder Ulrich Becks Vision vom „deutschen Europa“ in der Krise nach 2009 und dessen Gefahrpotential auferstehen ließ. „Wozu braucht es noch die Union, wenn sie nicht hilft?“, schienen viele EU-Bürger, gerade in Spanien und Italien bis vor Kurzem zu fragen. Der Verfall der europäischen Ordnung wirkte bereits fortgeschritten; das Haus Europa leer. Die zirkulierenden Verschwörungstheorien und Falschinformationen nagen derweil weiterhin an der Demokratie, auch an der nationalen. Ein Blick in die Kommentare der Live-Übertragungen von Statements des Robert-Koch-Instituts und der Regierung lassen schaudern. Doch dies war auch schon vor Corona so.

Kind fährt allein Skateboard am 04.04.2020 vor dem Straßburger Justizpalast.

Viel bemerkenswerter ist der Rückgang der Umfragewerte populistischer Parteien oder die hohe Zahl der neuen Abonnenten etablierter Medien. Beispielsweise die lokale Badische Zeitung verzeichnete über 2000 neue Digital-Abonnenten im März und auch ihre Printauflagen steigen. Die seit Jahren totgeglaubte Zeitung, sie hat in der Krise wieder hohe Bedeutung als Informationsquelle. Das hätte man vor Corona so wenig für möglich gehalten, wie die unkomplizierte Umstellung auf Home-Office in weiten Teilen des Dienstleistungssektors, oder die schnelle Entscheidungsfindung in der Politik. Alltag, so scheint es, hemmt auch manchmal Entwicklungen und Entscheidungen, die in der Krise plötzlich rapide möglich sind, vor allem aber stützen sich verunsicherte Menschen auf etablierte Diskursmächte: sei es in den Medien, in der Politik, oder in der Wissenschaft.

 Im besten Fall lernen wir nachhaltig aus dieser Krise, der Erfahrung von Grenzziehungen, Abwesenheit, Mangel, Bedrohung und dem Einschnitt von persönlicher Freiheit. Im Schlechtesten endet die Corona-Erzählung wie „Die Pest“ von Albert Camus, die es wieder in die Bestsellerliste geschafft hat: Die Überlebenden freuen sich ihres Daseins und verdrängen die dunkle Erfahrung möglichst schnell – der Alltag absorbiert jeden Zweifel von gestern.

 Die Welt bliebe auch dann kein Lost Place, aber renoviert würde sie nicht.

 Uwe Baumann (Freiburg im Breisgau/Straßburg)

Literatur

Ulrich Beck (2012): Das deutsche Europa. Berlin.

Albert Camus (1990): Die Pest. Düsseldorf [franz. Erstaufl. 1947].

Richard Sennett (1998): Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin  [engl. Erstauf. 1998].

Georg Simmel (2008): Die Ruine, in: ders.: Philosophische Kultur. Frankfurt a. M. [Erstaufl. 1907], S. 123-128.

Alan Weisman (2008): Die Welt ohne uns. Reise über eine unbevölkerte Erde. München [engl. Erstaufl. 2007].

Zahlen bitte! #2 – Europa in der Krise

Dominant in der gegenwärtigen Berichterstattung sind nicht nur die aktuellen Steigungsraten der Infektionszahlen und die Debatte um den Nutzen von Gesichtsmasken, sondern auch die Frage, wie auf europäischer Ebene mit den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise umgegangen werden soll. Besonders betroffene Staaten wie Italien und Spanien hoffen auf so genannte „Corona-Bonds“. Der deutsche Außenminister Heiko Maas und Finanzminister Olaf Scholz befinden in einem gestern veröffentlichten Artikel Unterstützung durch bestehende Instrumente für ausreichend. Längst geht es nicht mehr nur um eine reine wirtschaftliche Unterstützung. Vielmehr geht es um Europa als Werteunion – Solidarität, die im Kleinen so hoch gelobt wird, soll nun auch auf dem internationalen Parkett zum Ausdruck kommen und wird immer mehr zur Gewissensfrage für die EU-Mitgliedsstaaten. Die Entscheidung darüber wird von den Mächtigen der EU gefällt, tangiert jedoch auch aktiv das Alltagsleben der Menschen.

Europa ist nicht einfach da. Okay, physisch vielleicht schon, als geografischer Kontinent, wobei auch dieser erst kartiert und benannt werden musste. Europa ist vielmehr auf vielen Ebenen ein Konstrukt. Das zeigt schon die Entwicklung der EU mit ihren jeweiligen Stationen, angefangen bei der Montanunion als Wirtschaftsverbund hin zur jetzigen Situation mit den gewählten Gremien und wachsender Mitgliederzahl. Die Union ist dynamisch und verändert sich. In diese politischen Strukturen schreibt sich aber auch die Idee von Europa ein, als Symbol für Vielfalt und das Überkommen nationalstaatlicher Grenzziehungen. Dass dieses Denken der politischen Festlegung vorangeht, zeigte beispielsweise schon Stefan Zweig in seiner Autobiografie, die er mit „Erinnerungen eines Europäers“ unterschrieb – gut ein Jahrzehntvor Gründung der Montanunion. Beide Aspekte, die gouvernementale Rahmung und die ideologische Unterfütterung, bedingen sich zu weiten Teilen gegenseitig und werden auch im Alltagsleben immer wieder geschaffen.

Wenn ich über die Grenzen gehe und nach Italien in den Urlaub fahre, zum Arbeiten ins Nachbarland pendle oder von „Eucor“, dem Verbund der Universitäten im südbadischen Dreiländereck, Gebrauch mache und an Hochschulen in der Schweiz und Frankreich Kurse belege, aktualisiere ich Europa. Ebenso beim Einkauf, wo die Produktpalette auch maßgeblich durch eine europäische Vielfalt geprägt wird oder durch Praktika in Nachbarländern, die ohne große bürokratische Hürden verfolgt werden können und womöglich durch die europäische Erasmus+-Förderung unterstützt werden. Oder wenn ich einen Artikel über die alltägliche Relevanz Europas schreibe – Europa wird diskursiv und in den alltäglichen Handlungen hergestellt. Diese praxeologische Sichtweise hebt auch der Europäische Ethnologe Daniel Habit hervor (Habit 2011: 16). Meiner Meinung nach hat diese das Potenzial, „Europa“ von einem Status als „Plastikwort“ (ebd.: 13) zu befreien, indem sie in erster Linie alltägliche Lebenswelten fokussiert.

In der derzeitigen Lage ist der Großteil der aufgezählten Aspekte eingeschränkt. Man ist physisch gebunden – an das eigene Haus oder die Wohnung, aber auch an den eigenen Nationalstaat, da viele Grenzen geschlossen wurden. Europa ist in meinen Augen dennoch präsent. Bezogen auf den individuellen Handlungsrahmen beispielsweise in Form von kulturellem Angebot, das digital in Anspruch genommen werden kann. Ein Beispiel hierfür ist die Zusammenstellung der wichtigsten Kunstwerke des Malers Raffael, anlässlich seines 500. Todestages, unter Rückgriff der Bestände verschiedener Museen. Weiter gedacht ist Europa bei der Corona-Krisenbewältigung entscheiden. Es hat sich in den vergangenen Wochen gezeigt, dass nationalstaatliche Alleingänge, beispielsweise bei der Verteilung von Schutzausrüstungen, kontraproduktiv sind. Europäische Solidarität wird lebensnotwendig, etwa, wenn freie Krankenhausbetten Patient*innen aus anderen Ländern zur Verfügung gestellt werden.  

Keine Entscheidung auf EU-Ebene kann losgelöst von unseren Alltagserfahrungen betrachtet werden und geht darum uns alle etwas an. Europa bestimmt das Alltagsleben der Menschen entscheidend mit und viele Wünsche und Sehnsüchte, viele Entbehrungen in der gegenwärtigen Situation, orientieren sich an der Vorstellung und den Potenzialen von Europa – in der krisenhaften Zeit wird es noch deutlicher als sonst zum Desiderat. Dass das politische Europa, und damit auch das ideelle Konstrukt, auf wackligen Füßen steht, wurde, wenn nicht schon 2015, spätestens durch den Brexit klar. Gegenwärtige autokratische Bestrebungen in einzelnen Mitgliedstaaten reihen sich in diese Entwicklung ein. Mein Abschlusswort kann an dieser Stelle nur sein: Ja, zahlen bitte! Mit gemeinsamem Konsens und solidarisch. Damit eine Krisenhaftigkeit Europas im kommenden „Danach“ den Alltag so vieler Menschen nicht noch weiter in die Krise stürzt. Mit dieser Sichtweise und der gesamten Thematik ist sicherlich ein gewisser Pathos verbunden, aber vielleicht tut das auch mal gut.

Lea Breitsprecher (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Daniel Habit (2011): Die Inszenierung Europas? Kulturhauptstädte zwischen EU-Europäisierung, Cultural Governance und lokalen Eigenlogiken. Berlin u. a.