Das Ende der Corona-Krise denken

Wenn Corona vorbei sein wird, dann – ja, dann! Zurzeit ist die Hoffnung auf dieses „Dann“ sehr präsent; das Denken an die Zukunft: Wenn die Krise überwunden sein wird, dann – ja, was eigentlich dann? Es wird darauf ankommen, schon jetzt Vorstellungen dieses „Dann“ zu entwickeln. Die schlechte Nachricht: Das Ende der Corona-Krise wird keines sein. Die gute: Zukunft beginnt bereits im Jetzt.

Es ist schon richtig: Einzelne Beschränkungen, die im Moment existieren, werden schrittweise enden. Restriktionen werden allmählich wegfallen. Kinder und Jugendliche werden wieder zur Schule gehen und ihre Eltern zur Arbeit. Gaststätten werden wieder geöffnet, Fußballstadien wieder gefüllt sein. Doch trotz allem: Die derzeitige Corona-Krise wird kein fixes Ende haben. Und wir täten gut daran, uns das bereits jetzt bewusst zu machen.

Auch wenn Prognosen schwierig geworden sind (dazu gleich mehr): Viel wahrscheinlicher wird wohl sein, dass die Krise nicht abrupt aufhören wird, sondern eher langsam, vielleicht sogar unmerklich ausfranst. Musikalisch gesprochen: ein sukzessives Fade-Out anstatt eines klaren Schlussakkords. Und gegenwärtig ist ungewiss, ob es aufgrund dynamischer Entwicklungen, die sich auch beim Auftreten von herbstlichen Grippewellen beobachten lassen, zu einem erneuten Aufflammen der Virusverbreitung in einem halben Jahr kommt. Erweist sich das Decrescendo nur als kurzes Zwischenpiano?

Was bedeutet diese Offenheit der Zukunft für die Wiederherstellung soziokultureller Alltäglichkeiten? Zunächst einmal, dass nach derzeitigem Wissenstand die Krise viele unterschiedliche, asynchron stattfindende Enden statt eines gemeinsamen Schlusspunkts haben wird. Während die Schülerin längst wieder im Unterricht sitzt, mag für einen Altenpfleger womöglich noch kein Normalzustand erreicht sein. Eine Freiberuflerin wird in anderen Zeiträumen denken als ein Student. Was sich hieran zeigt ist, mit dem Kultursoziologen Andreas Reckwitz gesprochen, „eine Konstellation der Gleichzeitigkeit unterschiedlicher sozialer Eigenzeiten in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen“ (2016: 133). Bei einem Blick auf die globale Verbreitung des Virus rücken zudem die „sehr verschiedenenartigen Eigenzeiten unterschiedlicher Weltregionen“ (ebd.: 134) in den Blick.

Für wen werden die Auswirkungen der Corona-Pandemie wo mit welchen Zeitskalen verbunden sein? Was sind in welchen spezifischen Kontexten die kurz-, die mittel-, die langfristigen Folgen? Und welche davon sind heute noch gar nicht absehbar? Die meisten Antworten auf solche Fragen liegen derzeit hinter dem Wissenshorizont. Die Zeit ist brüchig geworden. Prognosen? Schwierig. Planungen? Makulatur.

Man kann diese Lage einer problematisch gewordenen zeitlichen Perspektivierung mit Andreas Reckwitz als „Krise der modernen Rationalisierung der Zukunft“ beschreiben. Zukunft erweist sich dabei „als ein Raum von unberechenbaren Prozessen, die sich aus der Perspektive der Gegenwart nicht mit völliger Sicherheit vorhersagen lassen“ (ebd.: 131). Denn Zukunft, so behauptet Reckwitz, wird nunmehr „als ein Raum von Ungewissheiten angenommen, so dass es nicht mehr um die Erreichung eines positiven Zustands, sondern um die Vermeidung möglichst negativer Zustände geht“ (ebd.: 130). Einfacher und zugespitzt formuliert: Im besten Fall wird es nicht allzu schlimm kommen.

Aber eine solche Perspektive verkennt das Gestaltungspotenzial der Gegenwart. Temporäres kann sich – zumindest potenziell – zu Dauerhaftem verfestigen. Ob das eher für die geschlossenen Grenzen zutreffen wird oder doch für die Motive von Solidarität und Fürsorge, wird sich zeigen. Das Coronavirus hat jedenfalls, wenn auch mit aller Wucht, ein Tor geöffnet, um gemeinsam über ein gutes, ein besseres Leben in der Zukunft nachzudenken. Und um daran schon heute mitzuwirken. Zukunftsexploration nennt Reckwitz das und meint damit eine „zeitliche Orientierung von Praktiken, in denen Zukunft gar nicht geplant werden soll, sondern als ein offener Möglichkeitsraum erscheint, so dass spielerisch mit verschiedenen denkbaren Szenarien hantiert wird“ (ebd.: 132).

Ein klar umrissenes, eindeutig definierbares Ende der Corona-Krise wird es also nicht geben. Sondern die Rückkehr zu Alltagsroutinen wird graduell und subtil erfolgen. Trotz aller Sehnsüchte und Hoffnungen wird es vielleicht gar nicht so sehr zu merken sein, wenn sich neue Normalitäten herausbilden, neue Selbstverständlichkeiten formieren. Das soziale Leben wird vor allem unbemerkt in geordnete Bahnen zurückfinden. Gut möglich allerdings, dass diese Bahnen andere sein werden als zuvor.

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Andreas Reckwitz 2016: Zukunftspraktiken. Die Zeitlichkeit des Sozialen und die Krise der modernen Rationalisierung der Zukunft. In: ders.: Kreativität und soziale Praxis. Studien zur Sozial- und Gesellschaftstheorie. Bielefeld: 115–135.