„Wie unter einem Brennglas…“ – 1/2

Wo totale Unsicherheit regiert, greifen Menschen, es macht sie aus, zunächst auf Altbewährtes zurück. Das gilt nicht zuletzt in sprachlicher Hinsicht“, erläutert der Philosoph Wolfram Eilenberger in einem Beitrag von Deutschlandfunk Kultur. Er macht darin darauf aufmerksam, dass „die Kette“ zu einer dominanten Metapher bei der Veranschaulichung des Corona-Geschehens geworden sei: als Ansteckungs- und Infektionskette ebenso wie als Liefer- und Produktionskette. Eilenbergers scharfsinnige Beobachtung regt an, zu überlegen, durch welche sprachlichen Bilder kulturelles Denken und Deuten Gestalt annimmt. Es ist in der Tat bemerkenswert, dass in einer Zeit und Welt, die ganz wesentlich durch Metaphern des Netzes geprägt ist (das Internet, die sozialen Netzwerke, das neuronale Netzwerk, Akteur-Netzwerk-Theorie etc.), über die Denkfigur der Kette wieder Vorstellungen von stringenter Nachverfolgbarkeit und Linearität anstatt von wechselseitigen Verflechtungen und Multikausalitäten aufkommen.

Ein kursorischer Überblick

Ich möchte auf eine etwas andere, aber nicht weniger bemerkenswerte Spielart solchen versinnbildlichen Sprechens hinweisen: das Brennglas. Zur Illustration nachfolgend ein paar wahllos herausgegriffene Beispiele als ein kursorischer Überblick: „Wie unter dem Brennglas offenbart die Corona-Krise Probleme unserer Gesellschaft“, stellt das Hilfswerk Misereor fest. „Die Corona-Pandemie zeigt geradezu im Brennglas, welche Berufe wirklich relevant sind für die Daseinsvorsorge, das Überleben und die Zukunft der Gesellschaft“, besagt eine „Gemeinsame Stellungnahme zum Internationalen Jahr der Pflegenden und Hebammen vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie in Deutschland“. „Ich glaube, es ist wie ein Brennglas“, äußert sich der Soziologe Hartmut Rosa in einem Deutschlandfunk-Interview über Ängste und Ohnmachtsgefühle. Der Ökonom Henning Vöpel argumentiert im Interview mit der Zeitung Die Welt: „Corona ist ein Brennglas, das Strukturprobleme und Versäumnisse offenlegt.“ „Tatsächlich scheint sich die Klassenstruktur unserer Gesellschaft momentan wie unter einem Brennglas zu zeigen“, so auch ein Artikel des Tagesspiegels. „Die Pandemie zeigt die Probleme im Gesundheitswesen wie unter einem Brennglas“, zitiert das Schwäbische Tagblatt Michael Sauters vom Personalrat des Uniklinikums Tübingen. Und die Linken-Politikerin Amira Mohamed Ali stellt im Gespräch mit der taz fest: „Es ist schon krass, wie Probleme, auf die wir immer hingewiesen haben, jetzt wie unter einem Brennglas vergrößert werden.“ Ich breche diese Auflistung hier ab. Sie ließe sich noch lange fortsetzen.

Wenn die Menschen, wie Wolfram Eilenberger behauptet, in Krisenzeiten auch sprachlich auf Altbewährtes zurückgreifen, wie ist dann diese gehäufte Rede vom Brennglas zu verstehen? Zunächst einmal ist dessen Physik sehr simpel: Mittels einer Konvexlinse werden Lichtstrahlen auf einen Punkt gebündelt und können so Material entzünden. Das Prinzip ist so einfach, dass aus Versehen in der Sonne liegengelassene Lupen Brände entfachen können, was in vielen Fällen auch schon tatsächlich vorgekommen ist. Jene technische Einfachheit, die mit dem Sprachbild des Brennglases impliziert wird, steht in Kontrast zu den nur für Spezialist*innen verständlichen Technologien in wissenschaftlichen Verfahren und den komplizierten Versuchsinstrumenten, um das Coronavirus zu detektieren und zu analysieren. Wer kann schon erklären, wie ein Transmissionselektronenmikroskop genau funktioniert?

Die Metapher des Brennglases reduziert demgegenüber soziale, politische, wirtschaftliche usw. Komplexität durch eine einfach und anschaulich wirkende Analogie. Das Sprachbild bringt die Bündelung eines bestimmten Mediums (wie etwa Lichtstrahlen) in einem sich erhitzenden Punkt zum Ausdruck. Die Situation wird kondensiert bis sie eskaliert. Was als dieses Medium (also als das symbolische Pendant zu den Lichtstrahlen) allerdings im Einzelnen sprachlich eingesetzt und damit argumentativ mobilisiert wird, kann sehr verschieden sein, wie die oben genannten Beispiele zeigen. „Corona“ fungiert in der symbolisch aufgeladenen Rede genauso als Indikator für problematisch gewordene Natur-Kultur-Beziehungen wie für Defizite in der Digitalisierung, Unzulänglichkeiten im Bildungssystem, Versäumnisse im Gesundheitssektor, Ungleichheiten zwischen sozialen Schichten oder den Geschlechtern, Probleme des kapitalistischen Wirtschaftssystems und alle möglichen weiteren Mängel in und an der Gesellschaft. Die Brennglas-Metapher scheint vielseitig einsetzbar zu sein und irgendwie immer zu passen.

Ein kulturwissenschaftlicher Tiefenblick

Denn das Bild der Lupe als ein visuelles Hilfsmittel suggeriert, Betrachtetes schärfer sehen und sich kleine Dinge auf einmal ganz groß vor Augen führen zu können. Aber es birgt auch Gefahren: Die Kulturwissenschaftlerin Doris Bachmann-Medick schrieb im Zusammenhang von Analogisierungen und metaphorischen Übernahmen in der Wissenschaftslandschaft einmal von der „Gefahr, sich angesichts der Evidenz des metaphorischen Bildes aus der Erklärungsleistung zu entpflichten“ (2006: 24). Ein allzu blumiger und dadurch unbestimmt bleibender Ausdruck – wie eben jener des Brennglases – kann stets auch eine Erklär-Entpflichtung riskieren, insofern er Zusammenhänge vorspiegelt, die eigentlich erstmal penibel auszubuchstabieren und argumentativ im Detail darzulegen, das heißt plausibel zu machen wären. Gefragt ist – um selbst bildhaft zu werden – ein kulturwissenschaftlich-kritischer Tiefenblick, der unter die Oberflächen des Metaphorischen und symbolische Verhüllungen schaut.

Damit soll nicht in Abrede gestellt werden, dass etliche soziale, ökonomische usw. Probleme existieren und durch die Corona-Pandemie sichtbarer zutage treten. Das ist in vielen Hinsichten ganz sicher der Fall. Aber aufzuschlüsseln ist eben, wie genau das im Einzelnen der Fall ist, wie also die Bezüge konkret beschaffen sind, anstatt sich der verführerischen Kraft des Sprachbildlichen und Symbolischen allzu unreflektiert hinzugeben. Bachmann-Medick spricht sich für „eine gebremste Metaphorisierung“ (ebd.: 27) aus. „Metaphern und Analogien sind in den Kulturwissenschaften weit verbreitete, charakteristische Erkenntnis- und Darstellungsmittel. Zudem scheint es geradezu kennzeichnend für die Kulturwissenschaften zu sein, dass auch die Analysekategorien selbst noch metaphorisiert werden“, erkennt sie an (ebd.: 25). Es gelte jedoch, sich nicht den Sprachbildern auszuliefern, sondern Bachmann-Medick zufolge könnten „die Kulturwissenschaften mit ihren eigenen Darstellungsmitteln, etwa den Metaphern, zugleich Vorgänge der Metaphorisierung selbst reflektieren und sichtbar machen“ (ebd.: 27).

Wie das mit einem künstlerischen Seitenblick aussehen könnte, zeigt der zweite Teil dieses Beitrags.

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Doris Bachmann-Medick: Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. Reinbek 2006.

Foto: Unsplash / Mary Y.

Krise? Welche Krise?

Wovon wir uns ein Wort machen, machen wir uns die Welt. Sprache prägt das Denken und kreiert kollektive Vorstellungen. Besonders ein Begriff erfährt eine anhaltende und ungemeine Popularität im gesellschaftlichen Diskurs: die Krise. Staatskrise, Eurokrise, Lebenskrise, Finanzkrise, Regierungskrise, Liebeskrise… Es scheint, als krisele es immer irgendwo. Krise fungiert als ein bestimmtes kulturelles Erzählmuster (Meyer-Schlenkrich u. a. 2013), vielleicht sogar als ein Leitbegriff der Moderne.

Krise ist eine prominente Vokabel von Politiker*innen, Ökonom*innen oder Journalist*innen, aber auch von Kulturwissenschaftler*innen. Die Rede von der Krise hat immer einen deskriptiven und einen interpretativen Charakter. Krise ist sowohl ein Begriff, der Phänomene benennt, als auch ein eigenständiges Konzept, das theoretische Versatzstücke mit sich trägt – und meistens verschwimmen beide Dimensionen ineinander. Eine kulturanalytische Begriffsreflexion geht nicht unbedacht von sprachlichem Fremd- in Selbstgebrauch über, sondern trägt die unterschiedlichen Verwendungsweisen und Sinnschichten in der Rede von der Krise analytisch ab: Inwiefern ist das Krisen-Label treffsicher und präzise genug? Schärft es unseren Blick und Verstand? Oder trägt es eher zu terminologischen Unschärfen bei? Zugespitzt formuliert: Ist die Beschreibung und Diagnose der aktuellen Lage als „Corona-Krise“ eher vereindeutigend oder verunklarend?

Ähnlich, wie es der Volkskundler Helge Gerndt einmal für den Kultur-Begriff formuliert hat (2000: 219), ist es kulturanalytisch nicht sehr ergiebig zu fragen, was Krise allgemein ist, sondern, was sie im speziellen Fall meint. Ich möchte Gerndt präzisieren: was wer damit meint. Wenn Kulturwissenschaftler*innen fragen, „Krise? Welche Krise?“, dann stellen sie also nicht unbedingt deren Existenz in Abrede, sondern sie betonen das „Welche“ und fragen: Wer meint mit der Corona-Krise was in welchem Kontext und mit welchem Sinn? Ich greife drei wichtige Dimensionen heraus – Zeitlichkeit, Räumlichkeit und Akteur*innen –, um unterschiedliche Aspekte und Implikationen des Krisenbegriffes aufzuzeigen.

Zeitlichkeit

Bezeichnet Krise ein spezifisches, zeitlich identifizierbares Ereignis (Ölkrisen)? Oder eher einen eher unmerklichen, sich aber sukzessive zuspitzenden Prozess (Klimakrise)? Auf jeden Fall impliziert die Krise-Diagnose spezifische Vorstellungen von Zeitlichkeit, sei es als ein eher kurzfristiges Ereignis (Kubakrise) oder eine längerfristige Entwicklung (Parteienkrise). Der spezielle Begriff der Corona-Krise verbindet verschiedene Zeithorizonte: Er führt das aktuelle Geschehen mit den Entwicklungen der vergangenen und den Antizipationen der kommenden Monate zusammen. Wer von einer Krise spricht, positioniert sich, narrationstheoretisch betrachtet, immer auch selbst zum Gegenstand. Das kann erstens ein Bezug zur unmittelbaren Gegenwart sein. Dann stellt Krise eine Zeitdiagnose, eine Momentaufnahme dar, die revidier- und modifizierbar bleiben muss, wenn sie die steten Wandlungen der Wirklichkeit erfassen und nicht kurzsichtig und ahistorisch sein will.

Denn zweitens fungiert Krise als ein Etikett, um Geschichtsschreibung zu stiften, Ereignisse narrativ einzuordnen, historische Abfolgen und damit auch immer eine gewisse Form von Kausalität zu erzeugen. Gegenwartsdiagnostik und Geschichtserzählung sind als zwei Deutungsmodi stets miteinander verknüpft; es geht um deren Gewichtung zueinander. Im Moment liegt der Fokus in der öffentlichen, tagesaktuellen Rede von der Corona-Krise noch relativ stark auf dem Jetzt. Aber die unzähligen ins Leben gerufenen Sammlungsaufrufe und Dokumentationsprojekte von Historiker*innen und Museen sind unübersehbare Indizien für eine längst stattfindende Verschiebung der beiden Modi und dem Ringen um die Art der Krisen-Erzählung.

Räumlichkeit

Ein zweiter Aspekt ist die Frage nach der Lokalisierung der Krise. Betrifft sie einzelne, mehr oder minder klar definierbare Weltregionen, die am besten weit entfernt liegen (Ukrainekrise, Balkankrise)? Oder entwertet Krise lokale Unterschiede, indem sie ortsunabhängige Wirkung zeigt (Systemkrise, Strukturkrise)? Hebt die Rede von der Corona-Krise also Räumlichkeit hervor oder nivelliert sie diese? Beides trifft in gewissem Maße zu, denn die Krise äußert(e) sich diskursiv sowohl in räumlichen Zuspitzungen (Wuhan, Ischgl, Heinsberg usw.) als auch in den überregionalen Verflechtungen einer Pandemie. Der Begriff der Corona-Krise beinhaltet semantisch beides: ortsfest und ortslos, umzirkelt und zirkulierend.

Das Geschehen spielt sich in vielen Weltregionen gleichzeitig ab, aber in unterschiedlichen Stadien und Geschwindigkeiten. Gerade Vertreter*innen postkolonialer Theorie machen derzeit darauf aufmerksam, dass Ungleichzeitigkeit mit Ungleichheit einhergeht. Verschwinden diese Asynchronitäten zu sehr in einer Konnotation von Krise, die auf lokal Punktuelles und linear Temporalisiertes ausgerichtet ist? Sollte man lieber im Plural von mehreren Corona-Krisen sprechen, um der sozialen Vielfältigkeit und regionalen Verschiedenheit der Entwicklungen besser Rechnung zu tragen?

Akteur*innen

Bei der Verwendung des Krisenbegriffs stellt sich drittens die Frage, welche Akteur*innen in Beziehung gesetzt werden. Wer oder was ist eigentlich betroffen? Schematisch gegliedert kann Krise erstens individuell angelegt sein. Dann bezeichnet sie beispielsweise eine auf das Private zielende Situation (Ehekrise) oder einen geistig-innerlichen Zustand (Sinnkrise). Zweitens wird Krise in einem kollektiven Sinn verwendet. Dann zielt sie auf eine bestimmte, umgrenzbare und damit auch abgrenzbare Gruppe, zu der man am besten nicht selbst dazugehört (Flüchtlingskrise). Drittens wird der Krisenbegriff institutionell gemünzt, sodass nicht individuelle oder kollektive Körper, sondern bestimmte Körperschaften addressiert werden (Bankenkrise). Und viertens wird Krise strukturell semantisiert, deren eingeschriebene Totalität sich analytisch besonders gut mit einem systemtheoretischen Blick einfangen lässt (Wirtschaftskrise, nur noch getoppt von der Weltwirtschaftskrise).

Die Corona-Krise wird insofern als total gedeutet, als dass sie mehr oder weniger alle Lebensbereiche umfasst. Betroffen sind alle. Wirklich alle. Aber die Risiken, auch das ist inzwischen vielfach hervorgehoben worden, sind entlang sozioökonomischer Faktoren unterschiedlich verteilt – zwischen jung und alt, arm und reich oder Stadt und Land. Pointiert gesagt: Das Virus schafft Gleichheit und verstärkt zugleich Ungleichheit. Inwiefern kommt das in der Rede von der Corona-Krise zum Ausdruck?

Sensibilisierung und Präzisierung

Diese kursorische Reflexion über implizite Konnotationen von Zeitlichkeit, Räumlichkeit und Akteur*innen schärft – bei aller Knappheit und Oberflächlichkeit – das Bewusstsein, welche semantischen Spannbreiten der Krisenbegriff aufweist. Die Krise der Corona-Krise meint etwas anderes als die der Klimakrise, der Flüchlingskrise und so weiter. Kulturwissenschaftler*innen sind in der Lage, diese Unterschiede genau heraus zu arbeiten. Sie sensibilisieren so für implizite Konnotationen und Kontextualisierungen des Wortgebrauchs und legen dessen kulturelle Bedeutungsschichten, kollektive Diskursmuster oder auch politische Instrumentalisierungen offen. Um zu urteilen, inwiefern Krise eine angemessene Vokabel für die Benennung von – Ja, von was eigentlich? – ist, braucht es solche Ausdifferenzierungen ebenso wie einen begriffs- und ideengeschichtlichen Abriss, der Stoff für einen eigenen Blogbeitrag wäre.

Was Helge Gerndt für den Kulturbegriff formuliert hat, kann auch für den Krisenbegriff gelten: „sein Stellenwert – und damit auch sein Inhalt – ist vom gegebenen Argumentationszusammenhang abhängig. Zu bedenken ist also stets zuerst die Zielsetzung: ob es im konkreten Fall in erster Linie um programmatische Orientierung, methodische Perspektivierung, sachbezogene Präzisierung, theoretische Konzeptualisierung oder politische Umsetzung geht“ (Gerndt 2000: 224). Genauer zu überlegen, worauf der Krisenbegriff den Blick lenkt und woran er ihn hindert, trägt zur Reflexion der mitgeführten kulturellen Bedeutungen und womöglich auch zur sprachlichen Präzisierung bei.

Es geht nicht darum, was der Begriff meint, sondern darum, was wir mit ihm meinen.

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Helge Gerndt 2000: Zielorientierungen oder: Wieviele Kulturbegriffe braucht Volkskunde als empirische Kulturwissenschaft? In: Siegfried Fröhlich (Hg.): Kultur – Ein interdisziplinäres Kolloquium zur Begrifflichkeit. Halle (Saale): 215–228.

Carla Meyer-Schlenkrich u. a. (Hg.) 2013: Krisengeschichte(n). „Krise“ als Leitbegriff und Erzählmuster in kulturwissenschaftlicher Perspektive. Stuttgart.