Veränderung im „unalltäglichen“ Alltag. Krankenhausmitarbeiterinnen berichten

Denken wir über unseren Alltag nach und was dieser beinhaltet, so kommt dabei meistens heraus, dass man arbeitet, an die Uni geht, seine Freizeit mit Freunden oder in einem Verein gestaltet, und so weiter. Doch gibt es ab und zu auch die Situation, dass wir aus diesem Gewohnten ausbrechen. Zum Beispiel, wenn man krank wird oder sich verletzt – dann muss man für gewisse Zeit in ein Krankenhaus. Dort wird man behandelt und gepflegt. Diese Situation, die außerhalb unseres Alltags liegt, ist wiederum für andere ganz alltäglich. Die Rede ist von Mitarbeiter*innen in Krankenhäusern.

Im Rahmen der Vorlesung Einführung in die Methoden kulturwissenschaftlicher Forschung am Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Universität Freiburg haben wir eine Logopädin und eine Krankenschwester über die aktuelle Ausnahmesituation, die aufgrund der Corona-Pandemie herrscht, interviewt und sind unter anderem der Frage nachgegangen, inwiefern die Corona-Pandemie sich auf den Berufsalltag in Kliniken und auf das Personal auswirkt.

Seit Beginn der Pandemie wurde eine Urlaubssperre, die bis Mitte Mai andauerte, verhängt, damit alle Mitarbeiter*innen einsetzbar waren, berichtete die Logopädin. Ein großes Problem vor allem zu Beginn der Pandemie war, dass nicht genügend Schutzkleidung vorhanden war, insbesondere FFP2-Masken. Da man in der Regel nicht zuverlässig über Corona-Verdachtsfälle auf den Stationen informiert war, war das Personal zusätzlich erhöhtem Risiko ausgesetzt. Eine Erschwernis im Bereich der Logopädie war vor allem die Pflicht des Tragens einer FFP2-Maske für Therapeut*innen und Patient*innen, was das Arbeiten unmöglich machte. Obwohl zunächst ein erhöhter Zusammenhalt des Klinikpersonals spürbar gewesen sei, hatte die Interviewte nach einiger Zeit das Gefühl,  „[…] dass doch eben einzelne Berufsgruppen den Eindruck hatten, dass sie die absolute Mehrarbeit leisten. Im Prinzip gilt das jedoch für sämtlich Berufsgruppen, bis hin zum Küchen- und Reinigungspersonal, dass alle unter dieser Belastung auf ihre Art zu leiden haben.“ Dass die Arbeit deutlich anstrengender ist als zuvor, so die Interviewte, wirkt sich auch, in der Regel negativ, auf das Privatleben aus.

Linda P. ist Krankenschwester und arbeitet normalerweise auf der Urologie-Station in ihrem Krankenhaus. Seit Beginn der Pandemie wurde ihre Station zur sogenannten Corona-Station umfunktioniert. Ihr Arbeitsalltag ist nun noch routinierter und ritualisierter geworden. Beim Betreten des Krankenhauses desinfiziert sie sich die Hände, dann zieht sie ihre Arbeitskleidung an. Bevor sie zu einem Patienten darf, muss sie eine Maske aufziehen, darüber eine Art Plastikhaube, einen Ganzkörperanzug, Handschuhe und eine Art Schutz für ihre Füße. Doch auch in ihrer Freizeit habe sich viel geändert. Auf meine Frage, wie sie diese gestaltet, antwortet sie: „Also ich versuche irgendwas zu machen, was nicht mit Corona zu tun hat, weil ich kann es nicht hören. Also ich gehe auch nicht Essen oder so, weil du da den Mundschutz aufziehen musst. Ich vermeide es so gut es geht, einkaufen zu gehen, also ich versuche, dass ich alles in einem Mal habe und nicht jedes Mal, das könnte ich noch und das könnte ich noch, weil ich einfach dann kein Bock mehr auf Maske habe. Ich versuch im Moment ganz ganz viel mit Freunden Kontakt zu halten, weil das einfach in der letzten Zeit so gefehlt hat und gestalte dann eher so meine Freizeit.“ Doch bei vielen Freunden und Bekannten entwickelte sich, laut ihrer Aussage, eine irrationale Panik vor einer Ansteckung durch sie. So hätten beispielsweise ihre Vermieter von ihr verlangt, dass sie den Handlauf der Treppe und die Türklinke nicht mehr anfasse oder Arbeitskollegen ihres Ehemannes wollten, dass er wegen ihrer Arbeit zuhause bleibe.

Die Interviews haben uns gezeigt, dass Krankenhäuser, zumindest jene, in denen die Interviewten arbeiten, schnell auf die Pandemie reagieren mussten, wodurch eine genauere Planung der Durch- beziehungsweise Einführung der Maßnahmen nicht gewährleistet war. Vor allem das Fehlen von Schutzausrüstung und das Entsorgen dieser nach jedem Gebrauch. Es wurde außerdem sichtbar, dass durch das Arbeiten in Krankenhäusern in der momentanen Situation das Privatleben und die Freizeit der Beschäftigten durch die Veränderungen im Beruf zusätzlich beeinträchtigt werden, der Alltag wird „unalltäglich“.  

Melina E. (Offenburg) und Philemon R. (Lahr)

Passende weiterführende Literatur:

Norbert Elias & John Scotson (2006): Zur Theorie von Etablierten-Außenseiter-Beziehungen. In: Norbert Elias: Etablierte und Außenseiter. Frankfurt a. M.: 7–39 [Erstausgabe 1965].