Corona als kulturelle Tatsache

In letzter Zeit sind von Kulturwissenschaftler*innen unzählige Initiativen, Beiträge, Stellungnahmen und vieles Weitere zur Corona-Pandemie entstanden. Auch dieser Blog gehört dazu. Bei mir persönlich bleibt bei all dem allerdings ein zwiespältiger Eindruck zurück: Da ist einerseits eine Freude darüber, dass kulturanalytische Perspektiven auf das aktuelle gesellschaftliche Geschehen im besten Fall neue Einsichten, relevante Deutungen und fundierte Argumente in den öffentlichen Diskurs einbringen können und Wichtiges zu sagen haben (Ausnahmen bestätigen die Regel). Kulturwissenschaftliches Tun und Treiben erweist sich als handlungsfähig und produktiv.

Andererseits ist da aber auch eine Beunruhigung, dass das Thema ,Corona‘ erstens als ein ziemlich plumpes Verkaufsargument für die eigene Relevanz-Zuschreibung und Bedeutsamkeits-Inszenierung genutzt und – damit verbunden – zweitens zu einem „Catch it all“-Thema wird. Um dem entgegen zu wirken hilft es, einen Schritt zurück zu treten, Distanz zu gewinnen: Denn Wissenschaft im Allgemeinen und Kulturwissenschaft im Speziellen zeichnet sich ja dadurch aus, dass sie das eigene Vorgehen immer wieder auch selbst infrage stellt, Herangehensweisen reflektiert und Vorannahmen kritisch prüft. Die wohl zentralste, aber oft nur implizit bleibende, möglicherweise auch zu reflexartige Vorannahme lautet, dass die Corona-Pandemie (auch) ein kulturelles Phänomen sei. Aber was soll, was kann das eigentlich genau bedeuten?

Eine Rückholaktion der anderen Art

Der Volkskundler Helge Gerndt hat wenige Jahre nach der Katastrophe des AKW Tschernobyl 1986 in mehreren Aufsätzen dargelegt, inwiefern dieses Ereignis eine „kulturelle Tatsache“ darstellt. Sicherlich bestehen signifikante Unterschiede zwischen Tschernobyl und SARS-CoV-2 und ihren jeweiligen sozialen Folgen. Aber man kann auch Parallelen ziehen: eine thematische Dominanz in der medialen Berichterstattung; eine breite Verunsicherung in der Bevölkerung angesichts unsichtbarer Risiken; aus spezifischen Präventionslogiken heraus resultierende Verhaltensänderungen im Alltag.

Dieser Beitrag möchte zeigen: In der aktuellen Lage lohnt es sich daher, diese inzwischen 30 Jahre alten Aufsätze wieder einmal heranzuziehen und zu prüfen, was von den damals entwickelten Fragestellungen, Argumenten und Thesen sich heute wieder als analytisch hilfreich erweist und was davon zu überdenken oder analytisch weiterzuentwickeln ist. Eine Rückholaktion mit Vorwärtsabsicht.

Gerndt bezieht sich auf Émile Durkheim und dessen Terminus des „fait social“ als Bezeichnung für soziologische Tatbestände. Adaptiert auf die volkskundliche Kulturwissenschaft versteht Gerndt seine Rede von „Tschernobyl als kulturelle Tatsache“ zwar nicht als einen weiterführenden Analyse-, sehr wohl aber als einen hilfreichen Beschreibungsbegriff. Denn im Gegensatz zu ähnlichen Bezeichnungen wie etwa „Objektivation“ eröffne dieser „einen ganzheitlich-lebensweltlich ausgerichteten, ungleich aspektreicheren kulturwissenschaftlichen Zugriff“ (1990: 170). In Gerndts Aufsatz ist deutlich erkennbar, dass er gegen eine verkürzte Betrachtung von Tschernobyl unter einzelnen, kanonischen Elementen von ,Volkskultur‘, etwa als mündliche Folklore in Witzen und Redewendungen, argumentiert. Statt um inhaltliche Isolierungen auf bestimmte, traditionelle und als damals für volkskundlich relevant gehaltene Forschungsfelder gehe es ihm mit der Begriffsbildung der „kulturellen Tatsache“ um das „Erklären und Verstehen kultureller Vernetzungen in unserem sozial höchst komplex verschlungenen Alltagsleben, um Einsichten in umfassendere Lebenskomplexe aus wertbesetzten Vorstellungs- und Verhaltensmustern“ (ebd.: 173).

Denn Tschernobyl [ersetze: Corona] zeige sich im Alltagsleben „als ein vielfältiges Reflexionsobjekt und ein kontroverser Diskussionsgegenstand, als ein kompliziertes Vorstellungsbild und nicht zuletzt als ein vielschichtiger Empfindungskomplex.“ Es „ist somit ganz wesentlich ein lebensvolles, kollektiv geprägtes und bewertetes, subjektiv akzentuiertes Bewußtseinsphänomen“ (ebd: 162). Und genau diese Bewertung sei ein kultureller Vorgang, erläutert Gerndt: „Wertsetzen ist eine Tat des menschlichen Bewußtseins; werten, Bedeutung verleihen, ist die Essenz kultureller Akte. Unser Bewußtsein färbt, prägt, steuert den Lebensprozeß, so wie unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit andererseits durch kulturelle Muster gefärbt, geprägt und gesteuert wird“ (ebd.: 165). Gerndt arbeitet hier mit einem intellektualistischen, sehr aktivischen und auf Symbolisches zielendem Kulturverständnis, bei dem zu fragen bleibt, inwiefern man es heutzutage erweitern müsste, etwa durch praxistheoretische Ansätze oder die verschiedenen Stränge eines ,New Materialism‘.

Wahrnehmung und Wertbedeutsamkeit

Dennoch lohnt es, die kulturanalytische Aufmerksamkeit auf Prozesse der Wahrnehmung und Wertzuschreibung zu lenken sowie auf Prozesse der Vermittlung, denen Gerndt eine wichtige Rolle beimisst, gerade angesichts unsichtbarer Gefahren: „Während jedermanns Alltagshandlungen gewöhnlich auf dem Vertrauen in seine unmittelbare Sinneswahrnehmung gründet, wurden hier nun Sekundärerfahrungen wirksam, die jeder anhand wechselnder Vertrauensvorgaben für sich selbst aus der Informationsflut selektierte“ (ebd.: 161), schreibt er angesichts der Rolle von Medien und wissenschaftlichen Expert*innen für die Einordnung von Tschernobyl – lässt sich davon heute nicht Einiges wiedererkennen?

Mit der Bezeichnung „kulturelle Tatsache“ sei also „genau gesehen nicht ein Phänomen, sondern eine Aussage über ein oder mehrere Phänomene gemeint“ (ebd.: 169). Doch gebe es dann noch ein durchgängiges, verbindendes Merkmal für eine gemeinsame Kategorisierung, fragt Gerndt und gibt gleich selbst die Antwort: „Durchaus! Kulturwissenschaftlich gesehen ist das tertium comparationis die Wertbedeutsamkeit, mit der Menschen die von ihnen wahrgenommene und gestaltete Welt ausnahmslos übertünchen“ (ebd.: 167).  Anders als das Objektivierungsbestreben in den Naturwissenschaften seien die Wertbedeutungen und Einschätzungen in der breiten Bevölkerung die zentrale Ebene kulturwissenschaftlicher Analyse, schlussfolgert Gerndt. Ihnen komme „ganz unabhängig vom objektiven Wahrheitsgehalt der bewerteten Fakten eine entschiedene Bedeutung zu; von ihnen kann ein gesellschaftlicher Bewußtseinswandel mit tiefgreifenden Folgen für die realen Lebensverhältnisse ausgehen. Entsprechende Zeichen und Vorgänge zu erkennen und zu deuten, fällt in die spezifische Kompetenz des Kulturwissenschaftlers“ (ebd.: 176).

Oder ist das jetzt doch wieder zu viel Relevanz-Zuschreibung?

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Helge Gerndt 1990: Tschernobyl als kulturelle Tatsache. In: Dieter Harmening, Erich Wimmer (Hg.): Volkskultur – Geschichte – Region. Festschrift für Wolfgang Brückner zum 60. Geburtstag. Würzburg: 155–176.

Bildquelle: Wikimedia Commons / IAEA Imagebank (CC BY 2.0)

Kultur als Therapie?

Es gehört zu den zentralen Erkenntnissen kulturwissenschaftlicher Forschung, dass kulturelle Ordnungen immer dann besonders sichtbar werden, wenn sie bedroht sind oder sich aufzulösen beginnen und durch andere ersetzt werden. An vielen Orten forschen Kulturwissenschaftler*innen zu solchen Ordnungen, etwa in einem Tübinger Sonderforschungsbereich mit dem heute aktueller denn je erscheinenden Titel „Bedrohte Ordnungen“, der sich auch schon zur Pandemie zu Wort gemeldet hat.

Gerade in Zeiten, die in medialen, gesellschaftlichen und politischen Diskursen als Krise charakterisiert werden, scheint vielen Menschen Kultur Halt und Stabilität zu geben. Kultur – so könnte man in Anlehnung an den Kulturwissenschaftler Konrad Köstlin formulieren, der dies für die so genannte Volkskultur so schon getan hat – ist dann Therapie. Sie hilft uns durch den Alltag, gibt uns Struktur und Möglichkeiten zur Artikulation. Sie ist, so könnte man auch sagen, die Art und Weise, wie wir uns mit den Zuständen um uns herum kritisch, kreativ, protestierend oder auch bestätigend auseinandersetzen. In Zeiten von Corona sieht man dies allerorten. In die Nachrichtenjournale haben es etwa kurze Instagram-Videos geschafft, die Menschen zeigen, wie sie in der häuslichen Quarantäne – freilich humoristisch überformt – am heimischen Herd eine Disko inszenieren, auf dem Skateboard liegend und in Badehose über den Flur kraulen oder am Fenster stehend, mit einer Socke über die Hand, das gute alte PC-Spiel Pacman nachahmen: Die Socken-Hand frisst vorbeifahrende Autos genüsslich auf und es erklingt jedes Mal ein Computer-Spiele-Retro-Geräusch.

X-mal haben mir Freundinnen und Freude diese Videos geschickt und sich gefreut, wie kreativ Menschen mit der verordneten sozialen Distanz umgehen und die eigenen vier Wände uminterpretieren. Andere Beispiele sind die unzähligen Bilder selbst genähter Mundschütze (auf einmal müssen wir darüber nachdenken, wie der Plural von Mundschutz heißt und ob es den überhaupt gibt), die Folien für Botschaften oder ästhetische Vorlieben werden. Wie wir mit verordneten Strukturen umgehen und diese für uns selbst (um-)interpretieren, zeigen diese Beispiele ebenso wie das Video eines älteren Herrn aus Italien, der – um Ausgangsbeschränkungen zu umgehen – einen Stoffhund an die Leine nahm, um mit ihm Gassi zu gehen. Kultur ist in all diesen Fällen die Art und Weise, wie wir uns zu etwas positionieren, wie wir Regeln in den Alltag integrieren und diese – manchmal eben auch sehr eigenwillig – befolgen oder diese zu umgehen versuchen.

Zeitliche Routinen – diese sind insbesondere kulturell kodiert – werden derzeit als Herausforderungen erkannt, aber auch als Lösungen verstanden. Auf Instagram postete jüngst jemand, es fühle sich doch jeder Tag nun wie ein Sonntag an, der ja immer auch mit Verlangsamung verbunden wird (weniger Verkehr, die Geschäfte geschlossen, man soll sich erholen); und zum Sonntag gehöre es ja, dass man am Samstag davor auch wieder Alkohol trinken dürfe. Folglich sei nun jeder Abend eigentlich ein Samstagabend.

Unsere alltäglichen Routinen sind durch Corona und die politischen Maßnahmen der Eindämmung empfindlich gestört: Kein Weg ist mehr wie vor der Pandemie einfach zu gehen. Der Einkauf wird zur Gefahr und Herausforderung. Der öffentliche Nahverkehr zur Gefahrenzone. Und gleichzeitig berichten die Medien, wie etwa der Einkauf bewusst zelebriert wird, wie Menschen immer nur wenig einkaufen, um so oft wie möglich den öffentlichen Raum betreten zu können. In diesen alltäglichen Routinen wird die Mahlzeit nun auf einmal wieder wichtiger: Dass die gemeinsame Mahlzeit eine höchst komplexe kulturelle Angelegenheit ist, zeigt sich in Zeiten von Corona deutlicher denn je. Die gemeinsame Mahlzeit wird zum Stabilitätsfaktor. Sie wird wichtiges soziales Ereignis und mitunter mit enormer Bedeutung versehen.

Am rührendsten sind sicher jene Formen, die Solidarität nach außen hin sichtbar machen. Während in Italien oder in Spanien der abendliche kollektive Dank an Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger oder all jene, die das System noch am Laufen halten, kollektiv von Balkonen hallt, ist man hierzulande (noch?) etwas zurückhaltender. Die Badische Zeitung hat für Sonntag, den 22. März dazu aufgerufen, aus den Fenstern und von den Balkonen Beethovens Ode an die Freude erklingen zu lassen.  In meinem Stadtteil öffnete sich nur ein einziges Fenster, durch das dann aber gediegene Cello- und Violinenklänge zu vernehmen waren. Mutiger war da schon die Gruppierung „Synthesia Ultras 79“, die gleich an mehreren Stellen der Stadt Dank an das medizinische Personal aussprach: „DANKE ALLEN HELFERN! Fuck Covid 19!“. Dass eine andere Ordnung dann stärker war, zeigte sich an der so genannten Blauen Brücke am Hauptbahnhof, an der ein Banner aus Sicherheitsgründen sogleich wieder abgehängt werden musste.

Dass Kultur uns allen hilft, den Alltag in der Krise zu bewältigen, ist sicher eine für viele Menschen äußerst positive Erfahrung. Vieles, was wir vor der Krise weitestgehend habitualisiert in Routinen getan haben, reflektieren wir nun sehr bewusst. Formate populärer Kultur etwa nutzen Menschen, um sich reflektiert mit den Folgen der Quarantäne zu befassen. Gleichzeitig ist Humor dabei vielfach eine wichtige Strategie. Kultur wird in der Krise reflexiv gewendet. Wo sie drohen zu verschwinden, werden kulturelle Angebote nun zu wertvollen Ressourcen, um die wir uns aktiv bemühen müssen.

Und so wie Kultur uns durch die Krise bringt und Kultur als Ausdrucksform genutzt wird, kann auch ein kulturwissenschaftlich informierter Blick uns helfen, die schrecklichen Folgen (nicht nur die medizinischen, sondern auch jene, die sich aus globalen Ungleichheitsverhältnissen ergeben oder aus dem Aufwind rechtspopulistischer politischer Regime, die die Krise gerade vehement für ihre eigenen politischen Zwecke instrumentalisieren) mit kulturtheoretischer Reflexion zu versehen. Das macht die Pandemie zwar nicht weniger schlimm und soll auch keinesfalls die menschlichen Tragödien, die sich global abspielen, relativieren; die Reflexion kann aber helfen, die Prozesse besser zu verstehen, mit denen Menschen nun tagtäglich konfrontiert sind. Und sie kann besonders helfen, mit einem positiveren Blick auf die kreativen und Halt und Sicherheit gebenden Aspekte von Kultur zu schauen.

Markus Tauschek (Freiburg im Breisgau)

Klopapier – ein Analyseversuch in 3 Lagen

Müsste man ein Objekt für die Corona-Krise (zumindest in Deutschland) finden, es wäre wohl eine Rolle Klopapier. Dieses ist zu einem stark nachgefragten Haushaltsartikel geworden, aber ebenso zu einem Objekt des populären Spaßes und Spotts sowie nun ebenfalls (und auch auf expliziten Wunsch hin) zum Thema dieses Blogs: halb augenzwinkernd, halb ernst.

Mein persönlicher Klopapier-Moment ereignete sich an einer Straßenbahn-Haltestelle. Einige Meter rechts von mir wartete eine Frau mit Einkaufstasche und einer großen Packung an… Auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig standen zwei Personen mit… Und auf dem Gehsteig liefen innerhalb von Sekunden mehrere Passantinnen vorbei, alle ebenfalls mit… – na ja, Sie wissen schon. Vermutlich benötigen sie alle gerade wirklich, wirklich welches. Gleich zwei Kommilitoninnen berichteten mir unabhängig voneinander, wie die Mitglieder ihrer jeweiligen WG mehrere Supermärkte abklappern mussten, um schließlich wenigstens eine kleine Packung ergattern zu können.

Gerade weil Klopapier nicht verfügbar ist, ist es allgegenwärtig geworden. Anwesenheit durch Abwesenheit. Inzwischen gibt es fadenscheinige Online-Angebote, horrende Wucherpreise, rationierte Abgaben „in haushaltsüblichen Mengen“ und und und. Dieser Beitrag hätte sich auch leicht durch eine reine Zusammenstellung von entsprechenden Medienartikeln füllen lassen können. Ich erspare es Ihnen. Nur so viel als Faustregel: Spätestens dann, wenn das Gesellschaftsressort einer großen, seriösen deutschen Tageszeitung sich eines solchen Themas annimmt, muss die Situation wirklich ernst sein.

Erste Lage: Spott und Sushi

Die Satireseite „Der Postillon“ präsentiert für Gourmets „Die 10 besten Rezepte für Nudeln mit Klopapier“. Die Auswahl reicht von „Nudelauflauf mit Klopapiergratin“ über „Klopapiergulasch mit Nudeln“ bis zu „Klopapier-Sushi mit Nudelfüllung“. Nur ein Beispiel unter vielen weiteren, welche die „Klopapier-Hysterie“ humoristisch auf die Schippe nehmen.

In einer Zeit, in der sich in Krankenhäusern dramatische Szenen abspielen und einige um nicht weniger als das Leben ihrer Mitmenschen kämpfen, stellt das Klopapier einen unverdächtigen, harmlos erscheinenden Gegenstand zur Artikulation von Jux und Ironie dar. Witz und Spaß – das weiß die Empirische Kulturwissenschaft schon lange – sind aber nicht nur bloße Lappalien, sondern verhandeln unter ihrer Oberfläche auch gesellschaftliche Wertvorstellungen und kulturelle Normen des Denk- und des Sagbaren. Woher kommt also diese Klopapier-Satire? Welche Funktionen und Artikulationen speisen sich aus deren Unterhaltungswert?

Zweite Lage: Herdentrieb und Handke

„Warum kaufen alle Leute eigentlich so viel Klopapier?“ – Auf Internetforen wie beispielsweise gutefrage.net finden sich derzeit dutzende solcher Fragen. Neben den bereits genannten Motiven von Ironie und Witz („sie bauen sich Schutzmasken draus“, „sie haben Schiss“) führen die User in ihren Antworten immer wieder psychologische Erkläransätze an: Schneeballeffekt und Herdentrieb. Der Berliner Tagesspiegel zieht in einem Artikel gar Sigmund Freud, Peter Handke und Max Reger für einen Erklärungsversuch zurate.

Kulturwissenschaftler*innen sind skeptischer gegenüber solchen psychologisierenden Unterstellungen. Sie fragen vielmehr: Wie kommen solche Erklärungsmuster zustande? Wie sind ihre Argumentationen beschaffen? Und wie werden sie in welchen gesellschaftlichen Bereichen wirkmächtig?

Dritte Lage: Klischees und Kondome

Fußballprofis verbreiteten über Instagram eine „Challenge“, bei der sie statt mit einem Ball mit Klopapier jonglieren. Auch solche Umfunktionalisierungen sind Beispiele dafür, wie ein zentrales, oft aber wenig thematisiertes Element materieller Alltagskultur aus seiner Nische heraustritt. Klopapier wird im Zuge der Corona-Krise zu einem intensiv diskutierten, humoristisch verarbeiteten Symbol stilisiert, in den klassischen Medien genauso wie in der digitalen Netz-Kommunikation.

Glaubt man entsprechenden Berichten, dann hamstern die Menschen in den Niederlanden Marihuana, in Frankreich Kondome und Rotwein, in den USA Waffen und so weiter. Es handelt sich um Vergleichspraktiken und Zuordnungen, die Stereotypvorstellungen und nationale Klischees bedienen – und inzwischen zu einem festen Motiv im „Klopapier-Diskurs“ geworden sind.

Wenn sich der Hype ums Klopapier legen und es wieder überall verfügbar sein wird, gibt es nur eine andere Frage, an der sich die Geister scheiden: Soll man das Klopapier so aufhängen, dass das Papierende nach vorne oder nach hinten hängt? Hat eigentlich schonmal jemand näher untersucht, ob es bei dieser Kontroverse bestimmte soziale oder regionale Unterschiede gibt? Für alle diejenigen, die in der Quarantäne-Zeit – sei es aus echtem alltagskulturellen Forschungsdrang oder aus purer Langeweile heraus – darüber genauer nachdenken möchten, sei gesagt: Wikipedia listet Argumente für beide Varianten auf. Was die User von gutefrage.net empfehlen, habe ich allerdings nicht recherchiert.

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

„Das Gewohnte wird problematisch“

Die Corona-Pandemie hat massive Auswirkungen auf den Alltag nahezu jedes und jeder Einzelnen. In der empirischen Kulturwissenschaft ist Alltag ein zentrales Konzept, mit dem sich solche Phänomene besser verstehen lassen. Was hilft es, mit dieser Perspektive auf die derzeitigen Entwicklungen zu schauen? Was nutzt der Blick auf den Alltag in der Krise? Eine ganze Menge!

Alltag, schreibt der Tübinger Kulturwissenschaftler Utz Jeggle, kann verstanden werden als „problemlose, normale, wiederholbare, sicher auch mühevolle, aber auch darin akzeptable und akzeptierte Routinewirklichkeit“ (1989: 81). Wenn Kulturwissenschaftler*innen in diesem Sinne von Alltag sprechen, dann verstehen sie ihn „nicht nur als Last und Mühe, sondern auch als Strukturierung in dem emphatischen Sinne von tätiger Aneignung der Umwelt“ (ebd.: 125). Das bedeutet: Alltag stiftet Orientierung. Er stellt informelle Regeln des Zusammenlebens bereit, die das soziale Miteinander einfacher, planbarer und verlässlicher machen.

Alltag erzeugt Selbstverständlichkeiten. Doch zur Zeit wird konkret spürbar, was Utz Jeggle nur abstrakt beschreibt: „Dieses Selbstverständliche wird plötzlich unvertraut, das, was nur einfach so da sein sollte, wird schwierig, fremd, bedrohend“ (ebd.: 81). Kulturelle Ordnungen, die wir oft gar nicht mehr bewusst wahrnehmen, werden im Zuge der aktuellen Corona-Lage auf einmal brüchig. Was eigentlich als normal und selbstverständlich gilt, ist in vielerlei Hinsicht in Frage gestellt. „Das Gewohnte wird problematisch“, stellt Jeggle fest (ebd.) und daraus resultiert unter anderem die derzeitige Unsicherheit. „Der Alltag in der Krise – das ist gleichsam ein brennendes Feuerwehrmagazin; denn er ist es doch, der Krisensicherheit verspricht“, vergleicht Jeggle (ebd.).

Eine kulturwissenschaftliche Perspektive, die fundierte Einordnungen und so auch gesellschaftliche Orientierung bieten kann, sollte aber nicht nur bei dieser Feststellung stehen bleiben. Denn betrachtet man die derzeitige Corona-Krise unter einem alltagskulturellen Blickwinkel, dann eröffnet sich eine ganze Reihe von wichtigen Aspekten. Einer davon ist das Spannungsfeld zwischen Konstanz und Wandel.

Alltag ist einerseits das Immer-Wiederkehrende. Auf dieser Vorhersehbarkeit baut unser kulturelles Leben auf, ja, sie ist geradezu die Voraussetzung für gesellschaftliches Zusammen-Sein. Aufgrund der Verlässlichkeit des Alltags können wir abends einschlafen und darauf vertrauen, dass sich die Welt und alles uns Vertraute nicht grundlegend gewandelt haben werden, wenn wir am nächsten Morgen wieder aufwachen. Alltag stiftet Zusammenhänge über kurzfristige Zeiten hinweg.

Das bedeutet aber andererseits nicht, dass Alltag statisch ist und sich nie verändert. Das Gegenteil ist der Fall: Alltag ist wandelbar und entwickelt sich kontinuierlich. Das passiert oft so langsam, dass diese Transformationen gar nicht richtig bemerkbar sind. Zuweilen lässt sich nur durch bewusstes Erinnern an frühere Jahre oder beim historischen Blick zurück in vorherige Jahrzehnte und Jahrhunderte feststellen, wie anders man damals lebte. Manchmal passiert der Wandel des Alltags aber auch sehr abrupt, in kurzer Zeit und ist verbunden mit großen Verwerfungen und Schwierigkeiten.

Erleben wir gerade einen solchen Moment, eine echte Zäsur? Oder behält die Beständigkeit des Alltags doch die Oberhand? Einerseits sind aktuell alle möglichen Ebenen des gesellschaftlichen Zusammenlebens von tiefen Umwälzungen betroffen. Die vielen Dimensionen, die diese Pandemie hat, greifen deutlich in alltägliche Strukturen ein und lassen nur wenige Lebensbereiche unberührt. Andererseits sind wir solchen Prozessen nicht machtlos ausgesetzt. Längst lässt sich auch mitverfolgen, was Kulturwissenschaftler*innen als Aneignung bezeichnen: Menschen gehen aktiv mit der Situation um, sie geben sich nicht einfach so geschlagen, sondern passen sich den Umständen bestmöglich an – auch wenn viele Fragen offen sind und manches noch ruckelt.

Alltag erweist sich hier, um das Zitat von Utz Jeggle nochmal aufzugreifen, „nicht nur als Last und Mühe, sondern auch als Strukturierung in dem ephatischen Sinne von tätiger Aneignung der Umwelt“ (ebd.: 125). An vielen Beispielen sehen wir gerade, wie Menschen nicht in eine ohnmächtige Lethargie verfallen, sondern wie sie neue Formen der Alltagsgestaltung erfinden, erproben und entwickeln. Auch um diesen Aspekt des Alltags in der Krise soll es in den Beiträgen dieses Blogs gehen. „So gesehen“, schlussfolgert Jeggle, „ist jede Krise des Alltags immer auch ein Schritt vorwärts“ (ebd.: 126).

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Utz Jeggle 21989: Alltag. In: Hermann Bausinger u. a.: Grundzüge der Volkskunde. Darmstadt: 81–126 [Erstauflage 1978].

Über diesen Blog

Alltag in der Krise – das bedeutet, dass gewohnte Routinen und Ordnungen fraglich werden. Vieles, was uns sonst so selbstverständlich erscheint, wird derzeit im Kontext der Corona-Pandemie fraglich. Vieles, was unser alltägliches Leben ausmacht, ist derzeit auf die Probe gestellt.

Alltag in der Krise – das bedeutet aber auch, dass sich neue Routinen und Ordnungen herausbilden. Denn auch in der Krise schaffen wir uns einen neuen, wenn auch einen anderen Alltag. Seien es Homeoffice, Homeschooling, lokale Initiativen oder die tägliche Interaktion mit Familie und Freunden über digitale Medien – viele Beispiele zeugen von Kreativität und Ideenreichtum und helfen, die gegenwärtige Situation zu bewältigen.

Beide diese Dimensionen gehören zur aktuellen Lage dazu. Und wir finden: beide sind es wert, genauer betrachtet zu werden. Darum geht es auf diesem Blog. Er wurde initiiert von Master-Studierenden aus Freiburg im Breisgau und soll ein partizipatives Projekt und eine Plattform des Austausches und der Anregung sein.

Als empirische Kulturwissenschaftler*innen beschäftigen wir uns professionell mit den Ausprägungen und Formen von Alltagskultur. Wir fragen danach, wie Menschen ihr Leben gestalten und wie sie gemeinsam mit Situationen und Herausforderungen umgehen. Mit den Analysen und Reflexionen auf diesem Blog möchten wir dazu beitragen, die aktuellen Entwicklungen kulturwissenschaftlich einzuordnen, diese Krise genauer zu verstehen und so gemeinsam besser hindurch zu kommen.

Die Beiträge verstehen wir dabei im wahrsten Sinne als „kulturwissenschaftliche Notizen“: „Notizen“ können helfen zu ordnen, zu verstehen, eine Übersicht zu gewinnen, etwas anzudenken, was zu einem späteren Zeitpunkt weitergeführt wird oder auch verworfen werden kann. Sie ermöglichen es, wo nötig, Distanz zu schaffen, indem der Gedanke auf Papier, oder den Bildschirm gebannt wird, oder unterstützen bei der Fokussierung. Sie helfen das zu ordnen, was in Echtzeit vor sich geht, ähnlich der zahlreichen Live-Ticker, die derzeit über jegliche Bildschirme rasen.

Die Heterogenität der Situation soll sich in den verschiedenen Beiträgen und dem gesamten Blog wiederspiegeln: Sie alle, Studierende, Interessierte und etablierte Kulturwissenschaftler*innen sind eingeladen, Ihre Gedanken hier festzuhalten, zu kommentieren, zu stöbern, weiterzudenken und zu teilen. In welcher Art Sie das tun – ob in Form eines philosophischen Gedankenspaziergangs, mit analytischer Feder, als autoethnografischer Bericht, Interview oder als Schnappschuss aus dem Corona-Alltag – bleibt Ihnen überlassen. Sollten Sie Interesse haben, einen Beitrag zu verfassen oder ein Foto oder Video einzuschicken, dann setzen Sie sich bitte mit der Redaktion in Verbindung.