Komm her, Veränderung!

Als Studentin der Kulturanthropologie / Europäischen Ethnologie befasse ich mich in den Morgenstunden mit dem Artikel „Potenziale freisetzen: Akteur-Netzwerk-Theorie und Assemblageforschung in der interdisziplinären kritischen Stadtforschung“ von Alexa Färber. Während ich versuche, mich mit zukünftigen Konzepten einer nachhaltigen Stadtentwicklung auseinanderzusetzen, ziehen meine Gedanken bereits weiter zwischen der Farm-to-Fork-Strategie, dem European Green Deal, der Biodiversitätsstrategie und enden bei einer eigenen Ernährungsumstellung. Potenziale freisetzen, ja das wäre auch unter derzeitigen Corona-Beschränkungen und einem möglichen gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Wandel wünschenswert. Es fällt mir schwer, hier in Deutschland Privilegien genießen zu dürfen, wenn anderswo Menschen leiden und prekären Lebensbedingungen machtlos ausgesetzt sind. Doch welchen Beitrag kann man als einzelnes Individuum zu positiven Veränderungen in dieser komplexen Welt und zu gegebenen Corona-Umständen leisten?[1]

The struggle is real

In ländlichen Regionen, wie es in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung dargestellt wird, gibt es häufig gefestigte Alltagsstrukturen und der Umgang mit der Pandemie wird als relativ gelassen beschrieben.[2] Währenddessen kam es in der Universitätsstadt Göttingen Anfang Juni zu einigen Diskussionen über die stigmatisierenden Zeitungsartikel, die von den vermehrten Corona-Infektionen berichteten und sich dabei gegenüber den Bewohner_innen eines Hochhauskomplexes vorwurfsvoll äußerten.[3] Fast zeitgleich demonstrierten am zentralen Marktplatz über tausend Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt.[4] An diesem Wochenende (20.06.2020) folgten weitere Ausschreitungen aufgrund von Corona-Maßnahmen und gegebenen Wohnverhältnissen.[5] Zwischen diesen Widersprüchlichkeiten und lokalen Auseinandersetzungen stellt sich mir die Frage, mit welchen konkreten Umsetzungen sich der Zusammenhalt in Städten verbessern ließe, um weitere Konflikte und Spannungen in diesen krisenhaften Zeiten zu vermeiden. Da durch die Ressourcenknappheit und die drohenden Klimaveränderungen ein Wandel in verschiedener Hinsicht unausweichlich scheint, bleibt zu überlegen, ob sich dieser durch ein neues Konjunkturprogramm, alternative Energieversorgung über Wasserstoffanlagen und ein paar E-Autos wuppen lässt.[6]

Um auf die Göttinger Demonstration zurückzukommen, lässt mich der Eindruck nicht los, dass sich ein gewaltiges Potenzial gesellschaftlicher Dynamiken nutzen ließe, um eine nachhaltige Entwicklung voranzutreiben. Es lässt sich im Alltag trotz der Corona-Auflagen immer wieder beobachten, wie sorgsam manche Individuen miteinander umgehen und wie kreativ sie ihre Ideen in den unterschiedlichsten Projekten umsetzen.[7] Es kann ein beeindruckender Zusammenhalt entstehen, sobald sich viele Menschen gemeinsam für ein und dasselbe Ziel stark machen. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) spricht hierbei von „sozio-ökonomische[n] Kippelemente[n]“[8]. Hans-Joachim Schellnhuber[9] beschreibt diese als „[…] eine sich selbst verstärkende Dynamik in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft […], mit der sich eine neue klimafreundliche und nachhaltige Haltung verbreitet“[10]. Ein Beispiel für diese Kippmechanismen zur Klimastabilisierung ist für Schnellnhuber die Fridays-for-Future-Bewegung.[11] Doch was lässt sich neben offenen Kundgebungen und Gemeinwohlorientiertheit in der derzeitigen besonderen Virus-Situation noch beobachten und nachhaltig verändern?

Zeitlupe Apokalypse?!

„The Pandemic Is Not a Natural Disaster. The coronavirus isn’t just a public-health-crisis. It’s an ecological one“[12] lautet ein weiterer Artikel zu einem meiner Online-Uni-Seminare. Zwischen den Diskussionen über einen wirtschaftlichen Wandel frage ich mich aus kulturanthropologischer Perspektive vor allem, wie hier mehr Menschen dazu animiert werden könnten, ihre Privilegien kritisch zu hinterfragen. Alltag schafft Orientierung[13], aber Routinen können auch gefährlich werden oder zumindest eintönig, wenn wir nicht wachsam bleiben und einen möglichen Wandel aktiv mitgestalten. Oder um es mit den Worten von Jan Böhmermann zu sagen: „Die Normalisierung von Wahnsinn fühlt sich nicht wahnsinnig an, sondern normal.“[14] Auch wenn wir einen „Wahnsinn“ vielleicht noch nicht erreicht haben, ist doch genau jetzt ein guter Zeitpunkt, um unsere Konsumgesellschaft zu überdenken oder wenigstens die alltäglichen Selbstverständlichkeiten anzuerkennen.

Packen wir’s an!

Unter Freunden machten wir vor Kurzem die Beobachtung, dass wir neue Routinen für uns entdeckten, als wir uns an einem Samstagmorgen zu einem Markteinkauf verabredeten. Obendrein sind wir bei einer Laufrunde im Wald auf eine Streuobstwiese direkt in Uni-Nähe gestoßen und machten zum ersten Mal eigenes Bärlauch-Pesto. Hallo neue Selbstversorgung, hallo neue Gewohnheiten im Alltag! Oder um auf die angeblichen Worte Gandhis zurückzugreifen: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“[15] Denn wer weniger von anderen fordert und mehr selbst handelt, kann so einiges Neues und Wertvolles entdecken. Hätte ich die Wahl, würde ich sogar gerne gleich ins Kliemannsland[16] umziehen, in dem man mehr selbst reparieren und die gegebenen Ressourcen vor Ort tatsächlich nutzen kann.

Neue Routine: Marktbummel – mehr Grün fürs Eigenheim.

Und ja, falls noch mehr Veränderungen folgen, kann das anstrengend und ungewohnt werden, aber sie können uns auch eine große Chance zur Verbesserung bieten.In vielen Alltagssituationen lässt sich bereits beobachten, dass sich einige Menschen Gedanken über ihre Umwelt und ihr eigenes Verhalten machen. Immer mehr scheinen sich über die Wirkmächtigkeit des Alltäglichen und die eigene Gestaltungsmacht bewusster zu werden, was vielleicht auch durch Covid-19 beeinflusst worden ist. Deshalb bietet sich genau jetzt eine Gelegenheit, der jede_r offen gegenübertreten kann, denn Veränderung muss nicht immer etwas Negatives oder Kompliziertes bedeuten.

#takecareofyourself #takecareofothers #supportyourlocal #supportyourgrandma #Zufallwowirgeborenwurden #Privilegienwertschätzen #positivechange #Neuepraktiken #candomentalität #betterdayswillcome #degrowth #Eigenverantwortung #Resilienz #sustainableeurope #sustainablecities

Hanna B. (Göttingen)

Titelbild: Göttinger Demonstration (06.06.2020).


[1] Vgl. Jorismusik: „Kommt schon gut“, 06.07.18. In: YouTube, https://www.youtube.com/watch?v=Mo_cYrdU98Y (letzter Zugriff am 16.06.2020).

[2] Vgl. Tschirpke, Vinzent: „Warum das Dorf in Krisenzeiten besser als die Großstadt ist“, 27.03.2020. In: Süddeutsche Zeitung, https://sz-magazin.sueddeutsche.de/abschiedskolumne/coronavirus-dorf-grossstadt-88523 (letzter Zugriff am 16.06.2020).

[3] Roma Antidiscrimination Network: „Hetze wegen Corona in Göttingen breitet sich aus“, 04.06.2020. In: RAN, https://ran.eu.com/hetze-wegen-corona-in-gottingen-breitet-sich-aus/ (letzter Zugriff am 15.06.2020).

[4] Vgl. Franke, Rüdiger: „Tausende demonstrieren gegen Rassismus – auch in Göttingen“, 07.06.2020. In: Harz Kurier, https://www.harzkurier.de/region/article229268008/Tausende-protestieren-gegen-Rassismus-auch-in-Goettingen.html (letzter Zugriff am 16.06.2020).

[5] Vgl. Hallo Niedersachsen: „Göttingen will Hochhaus-Bewohner besser informieren“, 21.06.2020. In: NDR, https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/braunschweig_harz_goettingen/Goettingen-will-Hochhaus-Bewohner-besser-informieren,corona3550.html (letzter Zugriff am 21.06.2020).

[6] Vgl. Küstner, Kai: „Der Stoff, aus dem die Träume sind“, 10.06.2020. In: Tagesschau.de, https://www.tagesschau.de/inland/wasserstoff-strategie-103.html (letzter Zugriff am 16.06.2020).

[7] Wie zum Beispiel die Nachbarschaftshilfe oder das gemeinschaftliche Masken-Nähen.

[8] Otto, Ilona u. a.: „Gesellschaftliche Kippmechanismen können den Durchbruch zur Klimastabilisierung auslösen“, 21.01.2020. In: Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, https://www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/gesellschaftliche-kippmechanismen-konnen-den-durchbruch-zur-klimastabilisierung-auslosen (letzter Zugriff am 16.06.2020).

[9] Ehemaliger Direktor des PIK

[10] Otto, Ilona u. a.: siehe Fußnote 7.

[11] Vgl. ebd.

[12] Brown, Kate (2020): „The Pandemic Is Not a Natural Disaster. The coronavirus isn’t just a public-health-crisis. It’s an ecological one“, New York: The New Yorker.

[13] Vgl. Becker, Tobias: „Das Gewohnte wird problematisch“, 24.03.2020. In: Alltag in der Krise. Kulturwissenschaftliche Notizen, https://alltaginderkrise.org/2020/03/24/das-gewohnte-wird-problematisch/ (letzter Zugriff am 15.06.2020).

[14] Böhmermann, Jan: „Fest und Flauschig. Zuhause 29“, 03.06.2020, 26:37 min.

[15] Gandhi, Arun (2019): Wut ist ein Geschenk: Das Vermächtnis meines Großvaters Mahatma Gandhi, Köln: DuMont, S. 15.

[16] Vgl. Kliemann, Fynn: https://www.kliemannsland.de/ (letzter Zugriff am 17.06.2020).

Mein rechter, rechter Platz ist leer…

… da wünsch’ ich mir grad niemand her! Das populäre Kinderspiel, bei dem man miteinander im Stuhlkreis sitzt und nur ein Platz frei bleibt, der dann immer wechselt, macht derzeit wenig Spaß. Denn anstatt zu fragen, „Als was soll ich kommen?“ und beim Sitzplatzwechsel beispielsweise die Gangart bestimmter Tiere nachzuahmen, heißt es nun wohl eher: „Wie nah darf ich überhaupt kommen?“

Kulturwissenschaftler*innen betrachten Raum nicht als voraussetzungslos gegebenes Faktum oder als festgefügte Determinante, sondern als variable soziale Größe. Sie verstehen räumliche Ordnungen als durch kollektive Konventionen, kulturelle Vorstellungen und unreflektierte Alltagsroutinen im praktischen Tun hergestellt, organisiert und gegliedert. Ob in Bussen und Bahnen, Restaurants und Cafés oder auf Kirchen- und Parkbänken – überall zielen Abstandsgebote auf veränderte Formen der sozialräumlichen Orientierung und Strukturierung. Hier soll jeder zweite Platz freibleiben, dort werden den Gästen auseinandergerückte und durchnummerierte Tische zugewiesen, und so weiter. Auch Handlungen des Sich-Annäherns, Begrüßens, Beinander-Stehens, Ausweichens auf dem Gehweg etc. werden zu – mal bewussten, mal unbewussten – Modi des kollektiven Raumverhaltens. Solche Praktiken und Arrangements lassen sich besonders mit einem interaktionstheoretischen Analyseblick genauer fassen, wie ihn der Soziologe Erving Goffman ausgearbeitet hat (1971, 1974).

Goffman spricht unter anderem von „Territorien des Selbst“: Wie nah dürfen einem die eigenen Kinder oder Freund*innen kommen? Wie fern sollen einem die Nachbar*innen oder Fremde bleiben? Nicht nur Bekanntheits- und Vertrauensverhältnisse, sondern eine Vielzahl an Faktoren spielen bei solchen sozialräumlichen Anordnungen mit hinein: Differenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, die Frage des Geschlechts, Macht und Status oder das Agieren in einer bestimmten sozialen Rolle, um nur einige wenige Aspekte anzudeuten. Sie alle formen konzentrische Kreise, die sich um das Individuum anordnen. Welche dieser kleinen oder großen Radien verschieben sich aktuell, sortieren sich neu – oder haben Bestand?

Distanz halten allerorten wegen Abstandsgeboten?

Gerade jetzt, in einer Phase der Lockerung in weiten Teilen Europas, eröffnen sich vielfältige und interessante Blicke darauf, wie verschiedene alltagsterritoriale Konfigurationen und Setzungen aufeinander einwirken und auf welchen Ebenen sozialräumliche Strukturierungen (immer noch oder schon wieder) wirksam werden – oder auch nicht. Wenn die Polizei durch die städtische Fußgängerzone oder um den nahe gelegenen See fährt, um Verstöße gegen die geltenden rechtlichen Verfügungen zu ahnden oder allein über ihre sichtbare Präsenz die nach wie vor geltenden Abstandsgebote im kollektiven Bewusstsein zu halten, handelt es sich um eine staatlich-normative, rechtlich kodifizierte Dimension räumlicher Zuweisungen in Form von Ver- und Geboten. Ein anderer Aspekt sind die von Goffman beschriebenen Formationen von räumlichen Anordnungen, die auf soziokulturelle Weise gleichermaßen in unseren Körpern wie in unseren Köpfen verankert sind. Das äußert sich beispielsweise in einem Gefühl von Unbehagen und dem intuitiven Zurück- oder Ausweichen, wenn jemand sprichwörtlich „zu nah auf die Pelle“ rückt. Eine solche, durch kulturelle statt juristische Normen beeinflusste Form der räumlichen Orientierung und Anordnung kann mit dem rechtlich Niedergelegten übereinstimmen – muss sie aber bei Weitem nicht immer. Situationen des Konflikts aufzuspüren und genauer zu betrachten, wäre eine klassische ethnografische Herangehensweise, um diesem Mit- und Gegeneinander von unterschiedlichen Raumordnungen kulturwissenschaftlich näher auf den Grund zu gehen.

Eine andere Möglichkeit wäre, nach kulturellen Prägekräften und Wechselwirkungen zu fragen: Bildet sich über das epidemiologisch gebotene „Distancing“, dessen Handhabung und Ausgestaltung wir in den letzten Monaten alle erlernt haben, eine nachhaltig veränderte Form der sozialräumlichen Orientierung heraus? Oder überwiegen alltägliche Beharrungskräfte gegenüber den temporären Regulierungen? Ich wage gegenwärtig noch nicht, das zu beurteilen. Man wird abwarten und die Entwicklungen und Verhaltensweisen längerfristig mit einem mikrosoziologischen Fokus aufs Detail im Blick behalten müssen, um zu erfahren, inwiefern es auch weiterhin heißt: Mein rechter, rechter Platz ist leer… – und mein linker auch!

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Erving Goffman 1971: Verhalten in sozialen Situationen. Strukturen und Regeln der Interaktion im öffentlichen Raum. Gütersloh.

Erving Goffman 1974: Das Individuum im öffentlichen Austausch. Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung. Frankfurt am Main.

Ausgelächelt (vorerst). Gedanken aus dem Corona-Alltag

Wo fängt man am besten mit seinen ganzen Notizen an, denke ich so bei mir, während ich dort sitze, wo ich seit über zwei Monaten sitze, mit dem Blick auf einen holsteinischen Garten, der in den letzten Wochen erstaunlich grün geworden ist. Am besten beginnt man – während des In-den-Garten-Guckens ist das ich etwas verloren gegangen – am besten beginnt man mit der Angst, wie man das jetzt eigentlich alles macht, ohne es falsch zu machen. Das fragt man sich ja nun ständig im Alltag in der Krise: Kann man eigentlich zur Kassiererin noch «dankeschön» sagen, durch diese Maske hindurch? Entsteht dabei nicht viel zu viel gefährliches Aerosol? Meistens geht man nun mit dem Kopf leicht nach unten gebeugt durch die Strassen; wenn Leute reden, mit sich oder anderen, hält man die Luft kurz an und schaut weg. Man weiss nicht so recht. Im Auto fühlt es sich wiederum sehr gut an – sehr geschützt, nicht nur vor dem neuen Schmutz, sondern vor allem vor den neuen Fragen, die sich ergeben: Hält es der Friseur für unhöflich, wenn man auf seine Smalltalk-Angebote nicht eingeht? Schliesslich ist er einem ziemlich nah und beide Masken sind schon etwas, nun ja, etwas angeschmutzt. Und wo Schmutz ist, ist auch die Scham nicht weit: Darf man dieses und jenes? Muss man vor Zoom-Sitzungen seine Zähne putzen, das Hemd wechseln, Deo benutzen? Darf man jetzt stinken? Kann man ruhigen Gewissens Mundgeruch haben?

Apropos Mundgeruch: An der mittelalterlichen Universität wurde ein Witz erzählt. Dass nämlich die Inquisition einen Professor der Teufelei beschuldigt habe, weil der bei Disputationen so sehr aus dem Mund gerochen – und damit die Prüfungskandidaten ziemlich verschreckt – haben soll, dass nur Satan persönlich für den Gestank verantwortlich infrage gekommen sei. Ach, seufzt man, wie schön ist’s im dunklen stinkenden Mittelalter gewesen! Schön, weil doch schon dort eine für uns Modernen so vertraute Kopplung aus Sinnen und Semantik wirksam war, die es jetzt nicht mehr gibt. Seit 800 Jahren wurde an Universitäten mal mehr, mal weniger vor sich hin gestunken! Und vom Heiligen Bernhard bis zu American Pie – Jetzt wird geheiratet war die Uni, die Schule, ein Ort, von dem die folk lore genau wusste, dass die Lehrenden Mundgeruch hatten, dass die Schule, die Uni mithin nur dann echt war, wenn da jüngere Menschen auf ältere stiessen, die aus dem Mund rochen. Und jetzt? Sitzt man, als Lehrender, vor diesem Rechner, dem das Gestinke egal ist, weshalb er einen auch nicht stoppt, wenn man ins Grübeln gerät, ob das Gestinke noch Gestinke ist, wenn man vom Virus ganz allein vor den Rechner hingeworfen worden ist.

Heute ist so vieles anders: Gestern wusste der Körper noch besser als man selbst, was er darf und was nicht. Heute aber weiss man nicht so genau, was und wo der Körper überhaupt noch ist. In der alten Zeit, wo der Körper in engen Bussen und stickigen Regionalbahnen zusammen mit anderen Körpern irgendwohin gefahren ist, wo viele andere Körper gewartet haben – füge ein: Konzerte, Clubs, Kaufhausschnäppchensonntage, Beerdigungen –, konnte man den Körpern nicht ausweichen, was einen auch daran erinnerte, dass, wie P. Gabriel bemerkt hat, der Körper ein Käfig ist. Man erinnert sich zurück: An einem sehr heissen Tag in einem sehr heissen Land ist man einmal stehend in einem sehr vollen Bus gefahren und vor Hitze, Durst und Beengtheit ohnmächtig geworden, und man wäre auf den Boden gestürzt, wenn man nicht auf den nahen Körper einer alten Dame gefallen wäre, die – aufgrund der Beengtheit – keine andere Möglichkeit gehabt hatte, als einen aufzufangen. Heute ist es, auch in dem sehr heissen Land, im Bus so leer, dass man auf den Boden knallen würde.

Man guckt jetzt viel, was mit einem selbst und den anderen gerade passiert, um ganz leibhaftig und live die – wie spätere Masterarbeiten titeln werden – Emergenz von Handlungsgrammatiken zu beobachten. Wobei das mit dem Gucken und Beobachten auch schwierig geworden ist – mit den Masken im Gesicht, Masken, die keine personae sind, keine Verweise auf ein Selbst, das man nur über Masken sehen kann, sondern nur Stoff. Neulich im Supermarkt fiel das Portemonnaie beim Bezahlen auf den Boden, doch das normalerweise in so einem Moment etwas peinlich berührte Lächeln gegenüber den wartenden Anderen hing hinter der Maske fest, hinter der auch das Gesicht rot wurde.

Müssen jetzt eigentlich all diese schönen Situationsbeschreibungen, mit denen Alltagssoziologien arbeiten, umgeschrieben werden, denkt man? Bei Luhmann, dem grossen Lächler, heisst es, dass Gesellschaft dort beginnt, wo Alter lächelt, um Ego zu begrüssen, und Ego daraufhin mit einem Lachen in Richtung Alter reagiert. Verzeihen Sie, Herr Luhmann, aber das werden alle Post-Corona-Menschen nicht verstehen, nicht, weil doppelte Kontingenz so wahnsinnig kompliziert wäre, sondern weil sie maskenfreies Lächeln nicht mehr kennen. Aber man wird das Lachen doch weiterhin kennen, sagt nun jemand, das geht doch auch auf Zoom. Richtig, da geht es auch – allerdings wirkt es dort genauso echt wie digitaler Mundgeruch; übrigens: noch viel nerviger als Gesichtsmasken und Zoomsitzungen sind jetzt all die, die Baudrillard aus dem digitalen Schrank holen und grosse Reden halten, dass das doch sowieso alles ontologisch dieselbe Suppe sei! Anstatt über ontologische Suppen sollte man aber jetzt über Begrüssungen und Abschiede nachdenken, über das Lächeln, Mundverziehen, Zähneblecken und Nasewackeln!

Und man muss auch darüber nachdenken, dass die Zukunft verloren geht, weil man gerade so viel über sie nachdenkt: Wenn Alltag einmal bedeutet hat, in einem Fluss zu fliessen, dann war die Alltagszukunft immer da, wo man gleich hingetrieben sein würde – irgendwie doch woanders, aber nicht sonderlich anders. Jetzt überlegt man: 2021, 2023, 2024… In vier Jahren könnte es also xymässig sein, wenn nicht vorher dieses eine Unternehmen aus Tübingen… In den Alltagssoziologien, die man so gerne gelesen hat, gab es die beruhigend stabile Trias aus Erfahren, Erleben, Erwarten. Hier und da mal kleine, nervige breachings, re-framings und inhibitions, aber das war schon cool soweit, weil alles doch in einen recht gleichmässigen Fluss aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eingetaucht war – und man lernte doch auch durch diese kleinen Kriselchen. Aber jetzt?

Kultur ist, so steht es in den Büchern, ein Gedächtnis, das Erinnerungen an die Zukunft bereitstellt. Was ist aber heute die Zukunft? Etwas, was jedenfalls als Alltagszukunft verschwindet, wenn man über sie nachdenkt. Man muss sich das mal vorstellen: Im Fan-Forum der Holstein-Kiel-Ultras heisst es, dass man jetzt auf die Bundesliga scheissen würde, weil Fussball einfach nur noch scheissegal sei. Das hat bei mir wirklich gesessen, als ich es gelesen habe! Fussball ist ja eine schöne Parabel auf das, was Kultur ist: Jede Saison geht es wieder los, ein neuer Meister wird gesucht, gespielt wird nach Regeln von Achtzehnhundertblumenkohl und am Ende machen es die Bayern. «#Pre-Corona-Culture in a #nutshell!» Das Vergessen ist im Gedächtnis namens Kultur nur vorgesehen, wenn man beginnt, Neues zu erinnern. Aber woher soll das Neue kommen, wenn alles zum Geisterspiel wird? Meine Alltags-Versteh-Helden, Garfinkel, Goffman, Luhmann, können mich gerade nicht retten: Bei ihnen ist nämlich nicht beschrieben, was passiert, wenn die eine lächelt und der andere nicht nur nicht weiss, was das bedeutet, sondern das Lächeln auch nicht sehen kann, weil seine Augen am Stoff festhängen. Insofern ist die Maske doch mehr als nur Stoff: Sie ist ein grosser Schirm, der sich über all die so langweiligen Routineprogramme, Anschlusskommunikationen, Handlungsketten, Lernrelais wirft, die den Alltag einst alltäglich gehalten haben. Und das macht mir Angst (vorerst).

Sebastian Dümling (Basel, derzeit: Kiel)

Titelbild: Blick vom Schreibtisch in den Garten, S. D. Mai 2020.

Aus dem Leben einer Straße: von Abläufen, Routinen und Brüchen – 2/2

— Der erste Teil dieses Beitrags findet sich hier. —

In der kulturwissenschaftlichen Katastrophenforschung wird der Verlust von Selbstverständlichkeiten als eine der weitreichenden kulturellen Folgen genannt.1 Wir gelangen an die Grenzen unserer Erfahrung, weil wir nicht auf Früheres, schon Erlebtes zurückgreifen können und auch, weil die neuen Gegebenheiten nur bedingt abgleichbar sind mit dem Wissensvorrat, den wir uns über die Zeit und im Zusammenspiel mit Anderen angelegt haben. Die Soziologen Alfred Schütz und Thomas Luckmann (2017 [1979]) sprechen von der Krise als einer Unterbrechung im „Ablauf der Selbstverständlichkeitskette“ (ebd.: 38) und machen damit deutlich, wie wir üblicherweise in einer fortlaufenden Routine unseren Alltag bestreiten, indem wir auch mit Neuerungen und kleineren Erschütterungen anhand unseres weiten Erfahrungsschatzes relativ unbeschwert umgehen und das „fraglich Gewordene in neue Fraglosigkeit“ überführen können (ebd.: 35). Den Döner aus einer Luke statt wie sonst am breiten Tresen im Laden entgegenzunehmen, gehört da noch zu den Neuerungen, die als „kleine Transzendenzen“, also Grenzen unserer Erfahrung, unsere Gewohnheiten zwar durchbrechen, deren Bewältigung uns jedoch leichter von der Hand gehen. Denn immerhin schließen sie an Gegebenheiten an, mit denen wir, wenn auch nicht im speziellen Fall, dann doch allgemeiner gehalten bereits vertraut sind.

Ein DIN-A4-Zettel an der Türe des Imbisses ruft mir die Gebote unserer Zeit in Erinnerung: „Bitte halten Sie Abstand!“ Darunter dann der Wunsch, dass wir alle  ja dennoch versuchen sollten das Beste daraus zu machen. Ein hoffnungsvoller Ton, den ich als Versuch lese, den diffusen Erfahrungen der Krise „einen Sinn und eine Form zu geben, sie greifbar und tradierbar zu machen“ (Johler u. a. 2018: 326). Und während Andere eben das entstandene „Sinnvakuum“ (ebd.: 325), ausgelöst durch den Bruch des Alltäglichen, ausfüllen, indem sie beherzt die Kochlöffel schwingen und endlich tief in der Yoga-Position ‚die Taube‘ versinken können, so möchte der Imbiss mit seiner Beschilderung mir doch nur freundlich zurufen: Alles nicht so schlimm, solange der Spieß sich weiter um die eigene Achse dreht.

Und sowieso, all die Hinweis-Schilder: Eilig ins Schaufenster gehängte Poster deuten auf ‚die Lage‘ hin, informieren über Verhaltensregeln, spezifizieren. Die geschlossenen Cafés malen traurige Smileys auf ihre Tafeln, der Buchladen erklärt, wie das Abholsystem funktioniert und bei Edeka einige Häuser weiter versucht man wöchentlich, mit neuen Formen der Kennzeichnung die störrische Kundschaft zu leiten. Manche dieser Zettel sind schon nach wenigen Wochen derart ausgefranst, dass schon die schwindende Materialität ein Gefühl von leidigem Zwischenzustand vermittelt und uns andeutet, all das könnte bald schon wieder vorbei sein. Zurück zur Normalität, so der viel geäußerte Wunsch. Dann müsse man ja nur die Hinweise entfernen, den Tesa von der Scheibe kratzen und schon könne man sich wieder enthemmt umarmen und anderen Menschen während des Schlange-Stehens in den Nacken atmen. Die Sehnsucht nach der „Rückkehr zum Alten“ (Hinrichsen u. a. 2014: 82), zum normalen Leben, zu Alltag und Routine in all ihrem erfrischenden Trott, höre ich immer wieder in den Gesprächen, an denen ich auf der Straße vorbeigehe, wenn sich zwei Menschen über die vorgegebenen eineinhalb Meter hinweg unterhalten.

Die Gegenwart der Vergangenheit, so Pierre Bourdieu (1987: 116), sei nie besser erkennbar, als wenn der Sinn der wahrscheinlichen Zukunft plötzlich Lügen gestraft werde. Er meint damit eben jene Verhaftung im Sosein, die Starrheit unserer Dispositionen, die plötzlich nicht mehr zu den objektiven Gegebenheiten zu passen scheinen. Und so passiert es, dass sich Menschen entgegen aller Warnungen zur Begrüßung in die Arme fallen – selbst wenn sie durchaus versuchen, eine andere Form dafür zu finden –, sich trotzdem rund achthundert Mal täglich ins Gesicht fassen2 und eine Freundin mir kürzlich wie selbstverständlich einen Schluck aus ihrer Bierflasche anbot, als wir uns auf ein distanziertes Getränk am Späti trafen. Unser Körper „ruft sich nicht die Vergangenheit ins Gedächtnis, sondern agiert die Vergangenheit aus, die damit als solche aufgehoben wird, erlebt sie wieder“ (ebd.: 135). Und so bin auch ich, ob am Fenster oder in Begegnung auf der Straße, in einem Zustand des permanenten Verhandelns zwischen der gar nicht so fernen Vergangenheit, einer fragilen Gegenwart und einer noch ungewissen Zukunft, die es alltagsmäßig zu bestreiten und zu gestalten gilt.

Wie sich unser Alltag verändern wird, welche Praktiken wir erlernen, welche wieder vergessen werden, auf welche Weise und nach welcher Vergangenheit, welcher Erfahrung unsere Körper zukünftig agieren werden, sind Fragen, die eine kulturwissenschaftliche Beobachtung und Analyse erfordern. Wir werden wohl neue, alltagspraktische Formen des Ausdrucks von Freude, von Respekt, von Anerkennung, von Geselligkeit und Gemeinschaftlichkeit hervorbringen, wenn körperliche Nähe für einige Zeit wegfällt, wir uns nicht berühren, auf die Schulter klopfen, den Arm tröstend um jene legen, die sich einsam fühlen, uns Geheimnisse ins Ohr flüstern oder schlicht nah beisammen einen Döner bei unserem Lieblingsimbiss essen gehen können. Eine kulturwissenschaftliche Perspektive hilft dabei, den Wandel und seine Ambivalenzen verständlich zu machen, sie zu deuten und einzuordnen.

Die Tram vor meinem Haus jedenfalls fährt noch immer in ihrem gewohnten Takt. Inzwischen öffnet der Einzelhandel wieder seine Pforten. Die Schlangen und Hinweisschilder werden bleiben, Gesichtsmasken sind gekommen und ich hoffe darauf, dass die Ellbogen-Begrüßung mir auch irgendwann leichter fällt, auch wenn meine Bewegungen noch, wie den beiden Freunden auf ihrem Weg zum Imbiss, ungelenk scheinen, unsicher und unkoordiniert. Wir werden uns wieder begegnen und auf dem Weg dorthin möglicherweise veränderte Routinen erzeugen. Wir werden den Raum weiterhin spürbar erschließen und uns wieder zurückziehen. Ich sitze dann an einem anderen Fenster. Wenn ich dort hinaus schaue, fällt mein Blick  zuerst auf den großen Baum, dessen Zweige mittlerweile fast an das Fensterbrett reichen. In den Wochen der Krise präsentiert er mir statt Fragen schlicht seine neuen Knospen und Blätter, klein und hellgrün reflektieren sie das Sonnenlicht. Manches bleibt beständig, manches kommt unvorhergesehen, wechselt sich ab, anderes geht. Eigentlich wie immer.

Nikola Nölle (Freiburg im Breisgau, Leipzig)

Literatur

Pierre Bourdieu (1987): Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, Frankfurt am Main.

Jan Hinrichsen, Reinhard Johler und Sandro Ratt (2014): Katastrophen. Vom kulturellen Umgang mit (außer)alltäglichen Bedrohungen. In: Ewald Frie, Mischa Meier (Hg.): Aufruhr, Katastrophe, Konkurrenz, Zerfall. Bedrohte Ordnungen als Thema der Kulturwissenschaften. Tübingen: 61–82.

Reinhard Johler u. a. (2018): Die Kultur der Katastrophen. Forschungsperspektiven der deutschsprachigen Ethnologie/Kulturwissenschaft. In: Johannes Moser (Hg.): Themen und Tendenzen der deutschen und japanischen Volkskunde im Austausch. Münster, New York: 317–337.

Alfred Schütz, Thomas Luckmann (22017): Strukturen der Lebenswelt. Konstanz [Erstausgabe 1979].


1 | Exemplarisch hierfür die kulturwissenschaftlichen Positionen des Tübinger SFB 923 „Bedrohte Ordnungen“, unter anderem Johler u. a. 2018; Hinrichsen u. a. 2014 sowie die Beiträge von Paul Hugger, Helge Gerndt und anderen in der Zeitschrift für Volkskunde (86) 1990.

2 | Die Seite https://donottouchyourface.com/ will mithilfe der Webcam dabei helfen, sich bei der Arbeit am Computer nicht so oft ins Gesicht zu fassen. Nicht im Selbsttest geprüft [Zugriff: 15.04.2020].

MNS – oder zur Vieldeutigkeit der materiellen Welt

Kaum ein Gegenstand scheint in Zeiten von Corona so umstritten zu sein wie der Mund-Nasen-Schutz. An diesem Ding entspinnen sich komplexe Diskurse um Individualität, Prävention; es geht um ästhetisches und körperliches Empfinden, am Mund-Nasen-Schutz scheidet sich auch die wissenschaftliche Expertise – und an ihm werden Verschwörungstheorien und politische Meinungsmache um die Gefährlichkeit des Virus festgemacht.

Der Mund-Nasen-Schutz ist – so könnte man kulturwissenschaftlich argumentieren – ein Metasymbol. Denn in all diesen Diskursen geht es, wie die Material Culture Studies an vielen Beispielen von der Coca-Cola-Flasche bis zur Nofretete gezeigt haben, nie nur um die reine Funktion, sondern die unterschiedlichsten Themen sind in Debatten aber auch in der alltäglichen Nutzung gleichermaßen aufgerufen. 

Da geht es – in der medialen Berichterstattung wie in den sozialen Medien – zunächst einmal um Fragen der Kultur. Als Kulturwissenschaftler*in zuckt man hier sofort zurück, denn was da als Kultur verstanden wird, greift auf einen nationalstaatlichen Container zurück, den wir wissenschaftlich zum Glück längst in die Schrottpresse gesteckt haben. Denn da wird argumentiert, dass in asiatischen Ländern der MNS flächendeckend akzeptiert würde, während das bei uns nicht der Fall sei. Was dieses „bei uns“ eigentlich genau meint, bleibt vollkommen unklar. Denn bewegt man sich in Freiburg oder wahrscheinlich in egal welcher deutschen Stadt, dann sieht man – zum Glück – längst Menschen, die einen Mund-Nasen-Schutz tragen und dem zögerlichen politischen Entschluss vorgreifen. Die Motivationen mögen dabei sicherlich ganz verschieden gelagert sein. In dieser Kultur-Debatte (in anderen „Kulturen“ sei der Mundschutz weniger problematisch) geht es dann schnell auch um Fragen der Individualität.

Ein zweiter zentraler Punkt ist die Rolle wissenschaftlicher Expertise oder wissenschaftlichen Wissens. An den epidemiologischen Debatten lässt sich sehr gut sehen, wie wissenschaftliches Wissen eben auch umstritten oder umkämpft ist. Und gleichzeitig firmieren hinter den wissenschaftlichen Debatten auch noch wirkmächtige andere Positionen: Etwa die Frage nach den Wähler*innenstimmen (Mundschutz wird dabei als wenig populäre Maßnahme imaginiert) oder nach den Hierarchien der Notwendigkeit. Deshalb auch der sicher sinnvolle Hinweis, dass spezielle Masken eben nur für medizinisches Personal reserviert bleiben müssen.

Der MNS steht schließlich auch für global vernetzte und neuerdings viel stärker für lokale Ökonomien. Das globale Moment wurde für mich besonders sichtbar, als das ökonomisch wohl einflussreichste Land plötzlich medizinische Mundschutze Deutschland weggeschnappt haben soll. Es wäre eine eigene kulturwissenschaftliche Studie, die Debatten um die globalen Herstellungs- und Handelsketten mit den sich anschließenden Diskursen um die Frage, wer was wann für wieviel Kapital bekommt bis ins Detail nachzuverfolgen. Man lernt dabei sicher viel über globale Ungleichheiten, postkoloniale Strukturen, Solidarität oder ihr entgrenztes Gegenteil. Gleichzeitig boomen vor Ort kleine ökonomische Innovationen: Vom Modeladen, der aus Designer-Stoffen Mundschutz à la haute couture anbietet, bis zur Änderungsschneiderei am Eck. Bisweilen entsteht der Eindruck, der Schwarzmarkt der Nachkriegsjahre würde hier unter neuen Vorzeichen wiederbelebt.

Aus der eher assoziativen Reihe vielleicht noch ein weiterer Punkt: Der Alltag. Kulturwissenschaftlich ist dabei zunächst einmal interessant, welche Wissensbestände hier aufgerufen sind: Wann und wie waschen? Wo lege ich das Ding so ab, dass der Virus möglichst nicht in der ganzen Bude oder in der Waschmaschine flächendeckend verteilt wird? Wie trage ich das Ding überhaupt richtig? Und wann setze ich es ab?

Ein weiterer Aspekt mögen soziale Konflikte sein, die sich hier aufspannen und die mit ebenfalls komplexen ethischen Fragen verbunden sind. Aus dem Freundeskreis höre ich, dass sich Kolleg*innen an einem nicht-akademischen Arbeitsplatz vehement weigern, einen MNS zu tragen. Die einen kommen mit Verschwörungstheorien daher, die anderen sind in eine Art Fatalismus verfallen, da doch mittelfristig eh jede*r den Virus bekomme, wieder andere finden das Ding unbequem oder zu wenig schön. Der Konflikt begann aber dann, als es um Verantwortung und Prävention ging: Müssen Kolleg*innen mit Vorerkrankungen dann zuhause bleiben? Muss man sich outen, wenn man eine Vorerkrankung hat?

Weit weniger ethisch herausfordernd ist der kulturwissenschaftliche Blick auf die Ästhetiken. Denn binnen kürzester Zeit wurde der MNS zur individuellen Leinwand der Selbstinszenierung und damit natürlich auch ein Ort der Distinktion. Wer noch die epidemiologisch wirksameren FFP2- oder FFP3-Masken ergattert hat, weil er oder sie schon zu Zeiten von SARS mit einer globalen Pandemie gerechnet hat, vermittelt mit dem Tragen – ob willentlich oder auch nicht – immer auch präventives Bewusstsein oder medizinisches Fachwissen. Wer skandinavische Muster trägt, trägt Geschmack nach außen und so weiter.

Und reizvoll wäre schließlich auch ein kulturwissenschaftlich informierter Blick darauf, wie Ironie und Humor bei der Veralltäglichung eines Gegenstands eingesetzt werden, der uns ohne jeden Zweifel sichtbar einer zentralen Ausdrucksmöglichkeit beraubt. Wer darüber mehr erfahren will, könnte einfach nur die Posts der heute-show auf Instagram ansehen oder mal nach Haustieren mit Mundschutz im Netz suchen.

Diese assoziative Reihe an kulturwissenschaftlich weiterzuverfolgenden Perspektiven auf den MNS (auch begrifflich müsste man hier noch genauer hinschauen: Wie wird das Ding jeweils benannt?) wird in der kommenden Woche sicher noch zu erweitern sein, wenn wir im öffentlichen Nahverkehr und beim Einkaufen nur noch mit MNS unterwegs sein dürfen. In jedem Fall wird auch das flächendeckende Tragen nicht zu dem Trugschluss führen, dass wir es immer mit demselben Phänomen zu tun haben. Denn auch hier gilt – wie in der kulturwissenschaftlichen Forschung ja eigentlich immer –, dass ein genauerer Blick erst zeigt, ob jemand das Ding aus Überzeugung, mit Widerwillen, als Protest gegen Kolleginnen und Kollegen, die das eben nicht tun möchten, oder mit welchen ästhetischen Präferenzen trägt (oder in unterschiedlichen Situationen etwa alles gleichzeitig).

Und um den Bogen zum Beginn noch einmal zu spannen: Wie so oft eröffnet der Blick auf die Alltagsdinge – oder wie hier auf solche, die gerade erst eines werden – den Blick auf die ganze Welt: Von Ökonomien über politische Strukturen bis hin zu Ästhetiken und körperlichem Empfinden.

Markus Tauschek (Freiburg im Breisgau)

Foto: Heiliger Josef mit MNS in einem Freiburger Innenhof (Markus Tauschek)

Mondrian auf dem Käsebrot

Und, haben Sie die Referenz im Beitragsbild erkannt? Es ist meine persönliche Hommage an René Magrittes Ölgemälde „La voix des Airs“ aus dem Jahr 1931. Im Original schweben drei eiserne Kugeln losgelöst von ihrer Umwelt über einer weiten Landschaft. Hier sind es jetzt eben drei Christbaumkugeln über den Hügeln des schweizerischen Aargaus. Nur, was soll das Ganze? Der Gedanke liegt nahe, dass ich mein Gefühl für Zeitlichkeit nun vollends verloren habe und nicht nur „kein Weekend“ mehr kenne, sondern mich seelisch und moralisch auch schon auf die Weihnachtszeit vorbereite. So weit ist es zum Glück noch nicht gekommen. Vielmehr habe ich versucht, mich bei der Suche nach einem passenden Teaserbild für den heutigen Beitrag selbst einmal kreativ auszutoben. Möglicherweise kommt das Ihnen gar nicht so fremd vor und Sie haben in den vergangenen Wochen bereits ähnliche Bilder gesehen. In Ermangelung einer treffenderen Beschreibung nenne ich sie „nachgestellte Kunstwerke“. Die Bandbreite ist hierbei immens und reicht von der Nachbildung von Vincent van Goghs berühmten Selbstporträt mit verbundenem Ohr bis zum Abbild eines Piet Mondrian-Gemäldes mit dessen klarer geometrischen Aufteilung auf einem Käsebrot. Die fertigen Fotografien werden dann meist über Social Media geteilt. Doch wie lassen sich die neu erwachsene Praktik und die entstehenden Bilder kulturwissenschaftlich deuten und welche Aussagen lassen sich dahingehend über den gegenwärtigen Corona-Alltag treffen?

Copy and paste aus dem 19. Jahrhundert?

Medial fanden die Fotos zahlreicher Internetnutzer einiges an Aufmerksamkeit. Das heute-journal verwies beispielsweise in der Sendung vom 13.04.2020 auf zahlreiche kreative Endprodukte und schlug eine eigene Deutung des neuen Trends vor, indem es betont, dass dieser gar nicht so neu sei. Oliver Heuchert verkündet in dem Beitrag, dass eine Praktik aus dem 19. Jahrhundert gerade wiederaufkommen würde, das tableau vivant, das lebende Gemälde also. Kurz zum Hintergrund: „,Lebende Bilder, auch Tableaux vivants genannt, sind szenische Arrangements von Personen, die für kurze Zeit stumm und bewegungslos gehalten werden und sich so für den Betrachter zu einem Bild formieren. Es handelt sich um ein kulturgeschichtliches Phänomen, das zwischen bildender und darstellender Kunst steht‘“, so die Definition der Kunsthistorikerin Birgit Jooss (2004: 272).

Das Ganze fand auf einer Bühne statt und entwickelte einen besonderen Reiz durch die Performanz, an der das Publikum teilhaben konnte. Das heute-journal setzt die gegenwärtigen nachgestellten Gemälde und Skulpturen damit in einen direkten Bezug, sogar in eine Entwicklungslinie, mit diesem bildungsbürgerlichen Freizeitvergnügen. In meinen Augen eine gewagte Deutung, der ich nicht in allen Punkten zustimme. Raum, Dauer und Interaktion unterscheiden sich in hohem Maße und sind durch die gegenwärtige Situation maßgeblich beeinflusst. Die Nachstellungen finden zuhause statt und die Interaktion mit dem Publikum erfolgt im Gegensatz zum 19. Jahrhundert über eine zweidimensionale Fotografie. Die Bühne wird ersetzt durch die sozialen Medien und deren Plattformen.

Dennoch finde ich es interessant, dass diese Historisierung der aktuellen Praktik stattfindet. Es scheint fast so, als würden die Vergewisserung dieses langen Zeitraums und die Tradierung der Praktik in die gegenwärtige Zeit einem Bedürfnis nach Kontinuität und Stabilität nachkommen, das durch die aktuelle Erschütterung des Gewohnten ausgelöst wird. Bei der Feststellung einer möglichen Analogie zu den tableaux vivants stehenzubleiben, wird meines Erachtens jedoch den unterschiedlichen Qualitäten der Bilder nicht gerecht und wirkt zu homogenisierend, weshalb die Vielschichtigkeit der Fotografien und Praktiken in ihrem Kontext näher betrachtet werden muss.

Reflexion des Alltags in der Badewanne zusammen mit Marat

Versucht man, den Beginn für den aktuellen Trend zu finden, stößt man auf die Instagram-Seite covidclassics, betrieben von einer vierköpfigen WG aus dem US-amerikanischen Connecticut. Das erste veröffentlichte Bild war eine Nachbildung von Jacque-Louis Davids „Tod des Marat“, in diesem Fall im gefliesten Badezimmer mit angeschnittener moderner Porzellantoilette am seitlichen Bildrand. Swiped man nach links weiter, erscheint ein Abbild des Originals und dann noch eine Making-Off Aufnahme, die die Praktik des Nachstellens in den Vordergrund hebt.

Verfolgt man die unterschiedlichen Posts, lassen sich zwei Tendenzen ausmachen: Zum einen scheinen manche Fotografien zum Ziel zu haben, das Original möglichst exakt nachzubilden, indem aufwändige Requisiten geschaffen werden und auch mal ein lateinischer Text akribisch abgezeichnet wird. Zum anderen heben manche Bilder das Artifizielle und den requisitenhaften Charakter bewusst hervor. So ist das Gewand der schwangeren Dame in Jan van Eycks „Arnolfini-Hochzeit“ klar als Schlafsack identifizierbar und über das Käsebrot von zuvor müssen wir ja gar nicht sprechen.

Gerade dieses Herausstellen des requisitenhaften Charakters lässt sich als eine Reflexion des Alltags und der gegenwärtigen Handlungsmöglichkeiten deuten. Das machen die vier Betreiber*innen des Accounts auch deutlich, wenn sie in die Beschreibung ihrer Seite schreiben: „No filters, no edits, just us and the stuff in our house.“ Schon dieser Aspekt zeigt, dass die aktuellen Fotografien einen anderen Deutungsgehalt innehaben als die tableaux vivants des 19. Jahrhunderts.

Die Beschreibung des Accounts geht noch weiter: „4 roommates who love art… and are indefinitely quarantined.“ Aus diesem Blickwinkel lässt sich das Nachstellen der Kunstwerke für die Akteur*innen zu Beginn vielleicht am ehesten als Mußebeschäftigung deuten. Dass sich das gewandelt hat, machen sie jedoch am Ende eines aktuellen Posts deutlich, in dem sie das einmonatige Bestehen der Seite feiern, jedoch auch verkünden, künftige Beiträge mit größerem zeitlichen Abstand posten zu wollen, da ihnen, grob umschrieben, der sich etablierende Alltag in die Quere kommt und seinen Tribut zollt.

Eine weitere Deutungsebene erhält man, wenn man den Blick dem Kommentarbereich zuwendet. Nutzer*innen posten Ausrufe wie „Your best one to date (and you set the bar high!) the lighting is so good“ und „I look forward to your posts every day. Welcome bright spot during self isolation! “ Die kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Seite wird deutlich und der Kontakt zur Kultur scheint für die Follower fast therapeutischen Gehalt zu entwickeln, wie es auch Markus Tauschek in seinem Blogbeitrag deutlich macht. Die Praktiken rund um das Bild, ob von Erstellenden oder Rezipierenden, sowie das Endprodukt selbst sind Teil des Corona-Alltags und werden durch ihn hervorgebracht.

Aber nur die Gemälde von Hopper bitte!

Ein weiterer Akteur tritt hinzu, wenn man den Blick verschiedenen Museen zuwendet. Das Getty Museum in Los Angeles hat den Anfang gemacht, die Fondation Beyeler in Basel/Riehen zieht nach: Die (derzeit) virtuellen Besucher*innen werden aufgerufen, Gemälde der Sammlung bzw. aktuellen Ausstellung nachzustellen und die Ergebnisse über Social Media zu teilen. Im Fall der Fondation Beyeler wird der hashtag #followhoppersview bemüht, um die Ergebnisse dieser Beschäftigung zu sammeln. Gefordert sind Einsendungen, die von der Sichtweise des amerikanischen Malers Edward Hoppers beeinflusst sind und den täglichen Isolationsalltag widerspiegeln. Zusammen mit den anderen Angeboten des Museums – digitale Führungen, Hintergrundinformationen durch den Kurator – entsteht ein Netzwerk an Möglichkeiten des virtuellen Museumsbesuchs. Die Freizeitbeschäftigung des Nachstellens von Kunstwerken wird damit institutionalisiert und zur Marketingstrategie umfunktioniert.

Mit leicht pathetischem Unterton könnte man an dieser Stelle noch einmal die Eins-zu-Eins-Analogie zu den tableaux vivants abweisen, kann aber nicht verneinen, dass den Bildern über die Praktiken und die drumherum entstehenden Netzwerke „Leben“ eingehaucht wird. Und falls Sie noch nach einer Wochenendbeschäftigung suchen, haben Sie jetzt vielleicht Anregungen gefunden. Über die Einsendung Ihrer Ergebnisse würden wir uns freuen!  Schließlich sei in den kommenden Wochen und Monaten noch genügend Zeit, um berühmte Kunstwerke nachzustellen, wie Marietta Slomka im heute-journal den angeführten Bericht schließt. Hauptsache man fange nicht an, Hieronymus Bosch zu kopieren.

Lea Breitsprecher (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Birgit Jooss (2004): Die Erstarrung des Körpers zum Tableau. Lebende Bilder in Performances. In: Christian Janecke (Hg.): Performance und Bild – Performance als Bild. Berlin: 272–303.

Stell Dir vor, draußen ist Corona-Pandemie und jeder bleibt zuhause…

Wir befinden uns im Jahr 2020, Ort der Handlung ist das Hier und Jetzt. Auf der Bühne der Weltgesellschaft wird das Drama „Corona-Pandemie“ aufgeführt. Wir sind alle Mitwirkende und Zuschauer zugleich. Da ist es Zeit, jeden Einzelnen zu fragen: Wie reagierst Du selbst auf Corona?

In der Anfangsphase der Ausbreitung von COVID-19 dokumentieren meine kurzen Interviews die Situation, Befürchtungen und Hoffnungen meiner Mitmenschen in Bezug auf die weltweite Pandemie. 

Den Anfang des Projekts bildete ein von mir gesprochener Text mit drei Fragen den ich per Audiobotschaft an etwa 50 Personen versendet habe. Später habe ich die Fragen noch schriftlich ausformuliert:

Inwiefern betreffen Dich die Präventivmaßnahmen zur Corona-Pandemie (also was hat Corona für Auswirkungen auf Dich)?

Was sind Deine konkreten Befürchtungen in Bezug auf die Corona-Pandemie?

Was gibt Dir Hoffnung in diesen Zeiten?

Abschließend gab es noch eine Bitte:Hast Du einen Tipp für Deine Mitmenschen?

In den folgenden Tagen und Wochen haben Menschen in unterschiedlichsten Berufen und sozialen Situationen schriftlich oder per Audiobotschaft auf meine Fragen geantwortet. Wenn die Befragten die Antworten für die Veröffentlichung autorisiert haben, wurden die Audiodateien hochgeladen und über eine Website zur Verfügung gestellt.

Mit Hilfe meiner subjektiven teilnehmenden Befragung erfasse ich die Individuen in ihrer jeweiligen emotionalen Situation. Die erste Frage soll die Befragten in ihrem spezifischen sozialen Umfeld abholen und ihre persönlichen Eindrücke erfassen. Die zweite  Frage nach den Befürchtungen gibt einen Einblick in die Sorgen der Befragten. Dies wird von der abschließenden Frage nach Hoffnungen aufgefangen und gibt dem Interviewenden, Interviewten und Lesenden einen affirmativen Abschluss.

Von den Befragten hat etwa ein Drittel geantwortet. Frauen haben eher ausführlicher und auch spontaner geantwortet. Den Anfang bildete meist eine Schilderung der aktuellen unmittelbar persönlichen Situation mit ihren Einschränkungen. Die Antworten reichten von Zukunftskepsis eines Studenten, der sich mit Hilfe eines Umzuges in eine Wohnung mit Balkon in sozialer Distanz übt, bis zu Rentnern mit Atemwegserkrankungen in unmittelbarer Gefährdungslage durch das Virus. So sorgt sich Charlotte um ihren Vater, erkennt aber gleichzeitig an, dass er sich gut schützt: „Ich habe Angst um meinen Papa, der ist siebzig geworden letztes Jahr. Er hat auch Vorerkrankungen und viel geraucht als er jünger war und er hatte auch Lungenentzündungen und ähnliches. Er ist aber ein alter Trapper und schließt sich einfach zuhause ein.“ Janosch hinterfragt die weitgehend unkritisch hingenommenen Einschränkung der Bürgerrechte  und auch Friedrich ist sich nicht sicher, ob alle Einschränkungen wieder auf den Zustand vor Corona zurückgefahren werden.​ ​Andere, wie Petra, befürchten die mittelfristigen sozialen Folgen der Schutzmaßnahmen: „Ich befürchte auch, dass wir lange, lange und über die nächsten Generationen hinweg die Folgen tragen müssen, genauso wie im Augenblick die Folgen der Bankenkrise von 2008.“

Die meisten Befragten äußern große Hoffnung und Glück in den kleinen Dingen.

Marianne hofft auf Erkenntnis, indem sie die Hoffnung äußert, „dass die Welt, die jetzt zum Stillstand verdonnert ist, sich auf sich selbst besinnt. (…) Meine Hoffnung ist, dass da ein Umdenken stattfindet auf das Wesentliche, den Umgang miteinander und den Umgang mit der Natur und mit unserer Welt.“ Auch​ ​Titus betrachtet das Ganze global: „Unsere Erde, die bekommt nun wesentlich weniger CO2 ab und vielleicht kann man das auch alles ein klein bisschen runterfahren (…).“

Andere finden Kraft in ihrem Glauben, wie Elisabeth: „Trösten tut mich wirklich, dass ich beten kann, dass sich unser Leben und das Leben unserer Kinder immer wieder Gott anvertrauen kann.“​ Aber auch im Privaten ​kann man Glück finden, wie Fariba, die vorschlägt: „einfach die Zeit intensiv zu nutzen und zu schauen, dass man da so weit wie möglich daraus etwas Gutes macht.“​ ​Und konkrete Tipps gibt es unter anderem von Lydia, die gleichzeitig die Bedeutung der Kommunikation auch über Internet betont: „Wir verbringen mehr Zeit damit, uns miteinander zu unterhalten, Spaziergänge zu unternehmen. (…) Das Internet ist wichtig geworden in der aktuellen Situation. Es bietet bessere Austauschmöglichkeiten auch mit Freunden und Familie an.“

Die soziale Distanzierung, die ausfallenden sozialen Veranstaltungen und insbesondere das Ostern ohne Familie machen allen zu schaffen, aber zahlreiche Telefonate und Interaktionen über soziale Medien kompensieren zum Teil die Lage. In den lokalen Nachbarschaften bildet sich aus einem Gemeinschaftsgarten ein solidarisches soziales Netzwerk. Am Ende finde ich in den vielen Antworten und Reaktionen der Befragten immer wieder die Zuversicht, die uns auch in Zeiten massiver sozialer Verwerfungen morgens aufstehen lässt, zur Arbeit gehen und uns um unsere Familien kümmern lässt. 

Timo Tamm

Muße in Zeiten von Corona

Neben Berichten über gesundheitliche, soziale, politische und ökonomische Probleme und Notlagen in der Corona-Krise, die in diversen Livetickern dargestellt werden, neben Aktionen und Gesten der Solidarität und des (galgen-)humoristischen Umgangs mit der von vielen als surreal empfundenen Situation, gibt es auch eine verbreitete Deutung, die das Positive herauszustellen versucht: die Krise als Chance.

Es gibt auch gute Nachrichten, positive Effekte: Die Verbesserung der Luftqualität in Großstädten zum Beispiel, die Steigerung des Ansehens bestimmter Berufsgruppen, das Voranschreiten der Digitalisierung oder die nun ernsthafter geführte Diskussion über das Bedingungslose Grundeinkommen. Und auch auf individuell-alltäglicher Ebene kommt eine Hoffnung auf: Die Möglichkeit – als Effekt der verordneten Notwendigkeit – aus dem Stress, der Hektik, der ständigen Beschleunigung und Zeitverdichtung auszubrechen.

Der Psychologe und Marktforscher Stephan Grünewald wird in einem ARD-Artikel zu „Sinn und Unsinn von ‚Hamsterkäufen‘“ zitiert: In der Quarantäne schwinge „auch die Verheißung mit, mal zwei Wochen lang aus allen Zwängen raus zu sein, den Stress los zu sein und sich allein oder im Kreis der Familie den eigenen Interessen widmen zu können“ – die Hamsterkäufe als „temporäres Ende des Hamsterrades“.

Eine Chance also, die durch ausbleibende Veranstaltungen und Treffen gewonnene Zeit für sich selbst zu nutzen, sie wertvoll auszufüllen. Da liegt die Assoziation mit einem Begriff nahe, der nicht erst durch das Corona-Virus wieder an Popularität gewonnen hat: Muße. Im alltagssprachlichen Verständnis kann man „Muße haben etwas zu tun“, „etwas mit Muße tun“ oder auch etwas so lange verschieben, bis man „Muße dafür hat“. Gerade die letzte Aussage weist Muße als Ziel, als angestrebte Erfahrung aus, die im Alltag nicht einfach und selbstverständlich zu sein scheint, die aber umso dringlicher ersehnt wird. Der Soziologe und Risikoforscher Ortwin Renn stellt dazu im Deutschlandfunk eine gesellschaftliche Diagnose: „Dennoch, insgesamt gesehen: Etwas mehr Ruhe, etwas mehr Muße, etwas mehr Zurückhaltung tut uns allen gut.“

Max Tholl greift diese Aussage Renns in seinem Artikel für den Tagesspiegel auf, dessen Überschrift seinen Appell unmittelbar verdeutlicht: „Wir müssen raus aus dem Hamsterrad der Produktivität!“. Er warnt davor, die nun gewonnene Zeit gleich wieder für die Bearbeitung von allerlei persönlichen Projekten zu instrumentalisieren und plädiert dafür, sich Trägheit als „radikales Mindset“ anzueignen: „Es ist weder Apathie noch Resignation, sondern die Verweigerung der Maxime der Selbstoptimierung. Es ist die Wiedererlangung der Autonomie über Körper und Geist gegenüber den Forderungen der absoluten Produktivität.“

Die aktuelle Isolation als Chance für Muße – das scheint eine Verheißung zu sein, die besonders vor Augen führt, was sonst fehlt: ein „freies Verweilen in der Zeit“, die „Freiheit von temporalen Zwängen“, dass die „Leistungserwartung“ im Beruflichen wie im Privaten (Stichwort „Freizeitstress“) zugunsten einer „Unbestimmtheit“ in den Hintergrund tritt, die wiederum „Potentiale“ eröffnet (so lauten einige der Bestimmungsstücke des Begriffs, die der Sonderforschungsbereich 1015  „Muße“ an der Universität Freiburg in verschiedensten Disziplinen herausgearbeitet hat).

Die Anti-Virus-Maßnahmen könnten – durch die heilsame Unterbrechung des Gewohnten – bisher nur geahnte Freiräume schaffen. Muße bedeutet dann nicht Faulheit, sondern Raum für Kreativität, für das Entwickeln innovativer Ideen, für das (Kennen-)Lernen.

Die Frankfurter Rundschau empfiehlt in ihrem Artikel „Zur Muße gezwungen: So macht man das Beste aus einer Quarantäne“ vier „schöne Dinge“, mit denen man sich in Corona-Zeiten beschäftigen könne: Schallplatten hören (am besten Lieder mit Zeit-Thematik), sich ungewöhnliche Möglichkeiten für Bewegung ausdenken und diese in sozialen Netzwerken teilen, ungestört Serien schauen (durch Abwesenheit von Theater, Kneipe und Kino im Alltag) sowie Giovanni Boccaccios „Decamerone“ lesen (da zur aktuellen Situation passend und außerdem unterhaltsam ablenkend).

In dem Buch fliehen zehn junge Adlige im 14. Jahrhundert vor der Pest in ein Landhaus bei Florenz und unterhalten sich gegenseitig mit selbst erdachten Geschichten. Der Novellenzyklus wird aktuell gern angeführt, wenn es um die literarische Auseinandersetzung mit Epidemien geht (so beispielsweise in einem ZEIT-Artikel von Ulrich Greiner; außerdem versucht sich die ZEIT mit ihrem „Dekameron-Projekt“ an einer zeitgenössischen Version)

Der Soziologe Hans-Georg Soeffner zieht in seinem Aufsatz „Muße – Absichtsvolle Absichtslosigkeit“ (2014) ebenfalls Boccaccios Werk heran, um aufzuzeigen „was – immer schon – räumlich und zeitlich strukturell als Rahmen hergestellt und eingehalten werden muss, damit die Muße zu ihrem Recht kommt: einerseits die Abwendung von der Unruhe des Alltags, von seinen Zielvorgaben und dem daraus folgenden Handlungs- und Entscheidungszwang sowie andererseits die Hinwendung zu einer außeralltäglichen Öffnung der Zeit- und Raumgestaltung und der damit verbundenen Entkoppelung der Wahrnehmung von vorgegebener Zielorientierung“ (Soeffner 2014, 43).

Mit Soeffner betrachtet könnte die Corona-Krise also durchaus eine Chance für Muße beinhalten – nämlich dadurch, dass nun (unter radikal veränderten Umständen) andere alltägliche Gesetzmäßigkeiten gelten, die gewohnte Vorstellungen von Arbeit, Leistung, Zielformulierungen und Zeitgestaltung herausfordern, sie offenlegen, sie reflektierbar und diskutierbar machen.

Die Frage, ob Menschen in der Zeit der Kontaktsperre, Selbstisolation, vielleicht sogar Quarantäne, Muße erleben bzw. bestimmte (zeitliche) Anteile ihres Corona-Alltags als Muße bezeichnen würden, ist sicherlich höchst individuell. Sie hängt vor allem mit den genaueren Umständen zusammen, die diesen Alltag prägen und die nun vielleicht besonders bewusstwerden: Lebe ich allein, in einer Wohngemeinschaft, mit Partner*in, Familie, Kindern zusammen? Arbeite ich im Homeoffice, (wie gewohnt) außerhalb des Hauses oder gar nicht? Muss ich Existenzängste haben oder ist mein Einkommen und Auskommen gesichert? Sorge ich mich um Verwandte und Freunde? Bin ich selbst gesund?

Viel spannender als die (ohnehin kaum zu beantwortende) Frage, ob Menschen nun durch die gesellschaftlichen Auswirkungen des Virus Muße erleben oder nicht, ist die Beobachtung, welche Faszination die Vorstellung einer unverplanten, frei gestaltbaren Zeit ausübt. So wird in der Corona-Krise einerseits deutlich, wie Kultur Stabilität und Ordnung für den Alltag schafft (siehe den Beitrag von Markus Tauschek). Andererseits zeigt die Ausnahmesituation die empfundenen Lücken und Probleme der nun bedrohten Ordnung besonders deutlich auf: Zeit für sich selbst scheint überall zu fehlen.

Die vermeintliche ‚Harmlosigkeit‘ der Muße als angenehme Form des Zeitvertreibs wird schnell gebrochen, wenn sie nun in der Krise als Heilmittel gegen gesellschaftliche Zumutungen in Stellung gebracht wird. Sie legt den Finger in die Wunde alltäglich erlebter Belastungen und rückt eine Frage in den Fokus: Wer kann sich Muße eigentlich (vor der Krise und nun in der Krise) auf wessen Kosten leisten? Muße entfaltet so ihre ethische und gesellschaftspolitische Sprengkraft. Die paradoxale Bestimmung der Muße als „kontrollierte Freisetzung der Menschen von Zwängen“ (Soeffner 2014, 42) macht deutlich – und hier lässt sich eine Parallele zur Corona-Krise ziehen – dass sie in kulturelle und soziale Ordnungen eingebunden bleibt. Sie löst die hergebrachte Ordnung nicht auf, aber sie macht sie bewusst und dadurch – zumindest potenziell – veränderbar.

Inga Wilke (Freiburg im Breisgau)

Inga Wilke im Interview mit Radio Dreyeckland zum Thema „Verheißung von Muße“

Literatur

Hans-Georg Soeffner (2014): Muße – Absichtsvolle Absichtslosigkeit. In: Burkhard Hasebrink/Peter Philipp Riedl (Hg.): Muße im kulturellen Wandel. Semantisierungen, Ähnlichkeiten, Umbesetzungen. Berlin, S. 34–53.

Bildquelle: Wikimedia / Sascha Grosser/ CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

Oh, The Times They Are A-Changin’

„How did I get here? […] Time isn’t holding up, time isn’t after us. Same as it ever was, same as it ever was.“ So sang David Byrne, Sänger der Talking Heads, 1980 und tanzte in dem dazugehörigen Musikvideo im Anzug. Dieses Musikvideo sowie der Songtext beschreiben treffend eine Transformation des Alltags zu einem Zeitpunkt, in welchem der Mensch diejenigen Routinen und Selbstverständlichkeiten bemerkt, welche ihn umgeben, immer schon umgaben und eigentlich unhinterfragt blieben. In den Worten des lyrischen Ichs kann dies vom Hörer oder von der Hörerin als Existenzkrise aufgefasst werden. In Zeiten einer Pandemie wird der Alltag im Wimpernschlag transformiert und es ist unausweichlich zu bemerken, wie die Strukturen des Alltages sich verändern. Doch was führt dazu, dass Unhinterfragtes hinterfragt wird?

In der Kulturanthropologie ist das Themenfeld Alltag nicht wegzudenken und so beschreibt Wolfgang Kaschuba die Alltagswelt „als den jeweils konkreten Ort und die konkrete Zeit […] in denen Kultur ‚gelebt‘ und zugleich beobachtet wird“ (2006: 125). Akteur*innen handeln in ihrem sozialen Umfeld, treten in einer bestimmten Art und Weise auf und prägen unter anderem damit ihr routiniertes, zyklisiertes und alltägliches Leben. Die alltägliche Lebenswelt ist „der Wirklichkeitsbereich, an der der Mensch in unausweichlicher, regelmäßiger Wiederkehr teilnimmt“ (Schütz/Luckmann 2017: 29). Kleinigkeiten wie Aufstehen um eine bestimmte Uhrzeit, sich im Café mit Freund*innen treffen, arbeiten oder zur Uni gehen oder abends die Tagesschau sehen beeinflussen das, was der Mensch täglich als gegeben auffasst und ohne Frage tagtäglich fortführt. Mir persönlich fiel es vor drei, vielleicht auch vier Wochen auf: Beobachtet man täglich mehrmals im Newsfeed sozialer Netzwerke, wie sich die Lage der bereits betroffenen Länder innerhalb von Stunden ändert, wie Maßnahmen getroffen werden, so denkt man auch darüber nach, wie die Zukunft in dem Land, in welchem man sich selbst befindet, wohl aussehen möge. Und so kam es zu den Maßnahmen, in welchen wir uns nun befinden.

Um ehrlich zu sein, es fiel mir leicht, die Strukturen meines alltäglichen Lebens zu verändern. Anstatt im Café in der Innenstadt trinken meine Freund*innen und ich unseren Kaffee nun via Skype. Genauso unser Bier nicht mehr in der coolen Studierenden-Bar.

„In der natürlichen Einstellung tritt mir der mangelnde Einklang meines Wissensvorrats nur dann ins Bewußtsein, wenn eine neuartige Erfahrung nicht in das bishin als fraglos geltende Bezugsschema hineinpaßt“ (ebd.: 35).

Anhand dieser Textstelle wird klar, dass es nicht lediglich unhinterfragte Gegebenheiten im Alltag gibt, sondern dass jene auch veränderbar sind und resultierend von dem/der Akteur*in hinterfragt werden können, insofern eine neuartige Erfahrung vorliegt. Auf Basis dieser und anderer theoretischen Ansätze lässt sich herausstellen, dass Transformationen, Änderungen und Umbrüche in der alltäglichen Lebenswelt stattfinden. So transformierte sich mein Alltag in einer Geschwindigkeit, wie ich es in meinem bisherigen Leben nicht erwartet hätte. Das Szenario begann für mich vor circa vier Wochen, kurz bevor unsere Regierung die Maßnahmen der Ausgangssperre, wie sie heute vorliegt, getroffen hat. Mir fiel auf, dass ich unruhiger wurde, dass mir das Lachen wegblieb, wenn das Thema Corona aufkam und Freund*innen Scherze machten. Dass man kurz lachte, sich dann aber mit ein wenig Angst in die Augen sah. Darauf folgte die Selbstquarantäne, eine Maßnahme, um meine Angst zu verringern. Und dann? Viel schneller als gedacht war die Quarantäne mein Alltag. Ich beobachte gerade, was man nicht alles zuhause tun, wie sehr man sich mit sich selbst beschäftigen kann, auf Social-Media-Plattformen wie Instagram. Man wird geradezu damit überschwemmt, wie Freund*innen sich ihre Zeit vertreiben, oft versehen mit dem Hashtag „wirbleibenzuhause“. Aber ist das eine Integration in einen neuen Alltag, oder eine wahnsinnig lange liminale Phase? Meine bisherige Antwort ist: Irgendwie beides.

Immer wieder im Laufe des Lebens eines Akteurs oder einer Akteurin bilden sich sogenannte „Grenzsituationen“ aus. Beispielsweise in Lebenszeiten und -abschnitten, dem Wechsel zwischen einem Job oder Beruf, setzen sich Grenzen und es kommt zu einer Trennung von etwas Vorherigem. Arnold van Gennep setzte sich mit diesen Übergängen auseinander und stellte unter anderem die Hypothese auf, dass, wer Grenzen überschreitet, sich aus einer Ordnung heraus begibt und gleichermaßen wieder in eine neue Ordnung eingebunden werden muss (vgl. Kaschuba 2006: 188).

„Das Leben eines Menschen besteht […] in einer Folge von Etappen, deren End- und Anfangsphasen einander ähnlich sind: Geburt, soziale Pubertät, Elternschaft, Aufstieg in eine höhere Klasse, Tätigkeit, Spezialisierung. Zu jedem dieser Ereignisse gehören Zeremonien, deren Ziel identisch ist: Das Individuum aus einer genau definierten Situation in eine andere, ebenso genau definierte hinüberzuführen“ (Arnold van Gennep zit. nach Kaschuba 2006: 188).

Van Gennep trennt des Weiteren Umwandlungs-, Trennungs- und Angliederungsriten und versucht neben den Funktionen auch die Formen der Übergangsriten in soziale, räumliche und biografische zu gliedern. In Kaschubas Worten regeln diese Rituale Beziehungen und Gefühle und sichern dadurch letztlich Identität (vgl. ebd.: 188f.). Arnold van Genneps Drei-Stufen-Modell veranschaulicht die drei Phasen einer ‚rite de passage‘ und teilt ein in: Abschied, Schwellenphase und (Neu-)Integration. Demnach bedeutet die erste Phase die Trennung vom vorherigen Zustand, die Schwellenphase umfasst das Leben zwischen den beiden Situationen und mit der Neuintegration ist der/die Akteur*in wieder in einer neuen Umgebung, sei sie sozialer, emotionaler oder räumlicher Art.

Das Leben besteht also aus unterschiedlichen Etappen, was bedeutet, dass Grenzüberschreitungen stattfinden und von einer Situation in eine andere übergegangen wird, wodurch der/die Akteur*in sich in eine neue Ordnung eingliedern muss. Dadurch wird der unhinterfragte und routinierte Alltag, wenn die neue Situation, in welche übergegangen wird, ansteht, hinterfragt. In Bezug auf die Pandemie wurde hinterfragt, inwiefern man das Haus, wenn nicht dringend nötig, überhaupt verlassen sollte. Danach kam die Integration in den Quarantäne-Alltag. Und da befinden wir uns nun. Hat eine Neuintegration stattgefunden, ist die Transformation abgeschlossen, was jedoch nicht bedeutet, dass weitere Umbrüche und Übergänge ausgeschlossen sind. Ich warte in aller Ruhe in einer Mischung aus liminaler Phase und stattgefundener Neuintegration auf den nächsten Übergangsritus. Ab in den nächsten Alltag, der sich vermutlich von dem jetzigen, aber auch von dem vorherigen unterscheidet. Um Bob Dylans Antikriegslied zu zitieren:

„The line it is drawn, the curse it is cast […] As the present now will later be past […] For the times, they are a-changin’“

Katharina Glander (Freiburg im Breisgau)

Literatur & Quellen

Byrne, David (Talking Heads): Once in a Lifetime. Amerika 1980 (CD: Remain in Light, Sire Records, 1980).

Byrne, David: Talking Heads – Once in a Lifetime (Official Video) (Web: YouTube 2018). Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=5IsSpAOD6K8 (Stand: 07.03.2019).

Dylan, Bob: The Times They Are A-Changin’. Amerika 1964 (CD: The Times They Are A-Changin’, Columbia Records, 1964).

Kaschuba, Wolfgang (32006): Einführung in die Europäische Ethnologie. München.

Schütz, Alfred; Luckmann, Thomas (22017): Strukturen der Lebenswelt. München.

Photocredit: Tobias Becker

Zeig mir, wie du wohnst und ich sag dir, wer du bist

Eingangssequenz der heute-show vom 03. April 2020: Der Moderator Oliver Welke steht vor einer deckenhohen Bücherwand und verkündet: „Ich mache es heute so, wie die allermeisten meiner Fernsehkollegen und melde mich aus meinem privaten Wohnzimmer. Hinter mir das alte Billy-Regal mit den Büchern aus meiner Studentenzeit. Das soll euch zuhause beweisen: Ja, ich bin auf dem Teppich geblieben, ich wohne wie ihr, ich bin einer von euch. Denn in diesen Tagen sind wir ja tatsächlich alle gleich…“. Die Bücherwand fällt nach hinten über und wird als Kulisse enttarnt. Der Blick wird frei auf eine enorme Eingangshalle mit Kronleuchtern und goldenen Statuen an den Wänden. Welke dreht sich nach hinten, lächelt nervös und verkündet: „Alles von Ikea.“

Worauf die Satiresendung hier mit einem starken Augenzwinkern anspielt, ist das Auftreten vieler Expert*innen und Politiker*innen im eigenen Zuhause. Nachrichtensendungen schalten sie zu, um Einschätzungen der Lage zu erhalten und Meinungen zu sammeln. Wichtig scheint dabei zu sein, dass das Gegenüber physisch zu sehen ist – mit einer Stimme aus dem Off ist es nicht getan. Da sich jedoch auch die zugeschalteten Personen oftmals in Selbstisolation befinden, erblickt man zurzeit so viele verschiedene Wohnungseinrichtungen wie sonst nur im Einrichtungskatalog. Von Eiche Rustikal über Designermöbel von Vitra. Mal das Wohnzimmer, mal die Küche oder das Büro. Manchmal sogar das Schlafzimmer… – die Bandbreite ist groß und spielt mit den Erwartungen, die wir an die jeweilige Person stellen.

Teilweise komme ich mir schon vor wie eine Voyeurin, wenn ich den Hintergrund scanne und Ausschau nach Büchertiteln, Dekoobjekten und Familienfotos halte. Alles Informationen, die sonst nicht zugänglich sind. Ganz nach dem Motto: Zeig mir, wie du wohnst und ich sag dir, wer du bist. Denn dass Wohnungseinrichtungen enormes analytisches Potenzial haben, zeigte bereits der Anthropologe Daniel Miller in seiner Ethnografie „The Comfort of Things“, in der er verschiedene Wohnungen und die darin enthaltenen Objekte einer Londoner Straße unter die Lupe nahm: „Objects surely don’t talk. Or do they? The person in that living-room gives an account of themselves by responding to questions. But every object in that room is equally a form by which they have chosen to express themselves“ (2008: 2).

Nicht nur Nachrichtenschalten, sondern auch Unterhaltungsformate werden in die eigenen vier Wände verlegt – Paradebeispiel: Late-Night-Talkshows aus den USA. Jimmy Kimmel, Jimmy Fallon und weitere melden sich aus dem eigenen Haus mit selbstgemaltem Logo und von den Kindern eingesungenem Intro. Das Lachen des Publikums wird ersetzt durch das Rauschen der stockenden WLAN-Verbindung und Stars und Sternchen tauchen per Liveschalte via Skype und Co. auf – wieder mit dem eigen Heim als Hintergrund, das dann oftmals auch zum Gegenstand der Unterhaltung wird.

Zweierlei wird daran deutlich:

  1. Grenzziehungen zwischen privat und öffentlich scheinen zu verschwimmen. Dieses Verhältnis wird in der Forschung insbesondere in Bezug auf digitale Kommunikation und Social Media untersucht, ist aber in dem Kontext oftmals Produkt bewusster Praktiken seitens der Akteur*innen. Nun ist eine gewisse Ausweglosigkeit damit verbunden, denn die Entscheidung, zuhause zu bleiben, ist nicht optional. Das „private“ Auftreten von Stars im eigenen Wohnzimmer wird in den Kommentarbereichen von zugehörigen Videos oftmals als „authentisch“ und „echt“ gedeutet wird.
  2. Es ist ein weiteres anschauliches Beispiel dafür, wie normative Vorstellungen in der Krise ausgehebelt werden – die zu weiten Teilen dadurch jedoch auch erst sichtbar werden. Wenn ich einen führenden Virologen im Freizeitlook auf der eigenen Sitzgruppe im heimischen Wohnzimmer sehe, entspricht das nicht dem Bild, das ich von der Person beziehungsweise ihrer Rolle habe. Dieses ist nicht einmal unbedingt an die konkrete Person geknüpft, sondern kann von deren Bezeichnung als Expert*in oder Virolog*in abhängen, mit der eine gewisse Institutionalisierung und Rollenzuschreibung zusammenhängen, die normalerweise durch das Framing, den deutungsweisenden Rahmen, wie es der Soziologe Erwing Goffman herausstellte (2019), transportiert werden. Im Anzug in den Hallen einer Forschungseinrichtung oder im weißen Kittel inmitten des Laborsettings würde aus meiner Sicht eher dem Auftreten von Expert*innen entsprechen. Hier fällt dieser Rahmen weg und wird durch Bekanntes ersetzt, das wir eher anderen sozialen Rollen zuordnen würden und aus unserem eigenen Alltag kennen.

Beide Aspekte führen zunehmend auch zu entgegenwirkenden Praktiken. Bleibt man bei den US-amerikanischen Talkshows, scheint es, als würde eine zunehmende Professionalisierung angestrebt werden, die sich an das gewohnte Setting des Fernsehstudios anlehnt. Tische werden installiert und Sets aufgebaut. Die Skype-Interviews werden dann auch nicht mehr über das eigene Smartphone der Hosts geführt, sondern mittels eines großen Screens. Die Verschmelzung von „privat“ und „öffentlich“ lässt sich als Irritationsmoment deuten, dem der Wunsch nach Kontrolle und Deutungshoheit gegenübersteht. Das Auftreten im Zuhause ist trotz jeglicher Deutung als „authentisch“ stets auch ein Inszenierungsprozess und abhängig von bewussten Entscheidungen der jeweiligen Akteur*innen. Das hat auch Oliver Welke gezeigt, wenn er auf die oftmals auftretende Positionierung vor Bücherwänden anspielt, die als Kulisse agieren. Wieder mit Goffman gesprochen spielen wir alle doch „Theater“, nach kurzer Irritation selbst im Corona-Alltag.

Lea Breitsprecher (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Erving Goffman (182019): Wir alle spielen Theater. Selbstdarstellung im Alltag. Berlin/München/Zürich.

Daniel Miller (2008): The Comfort oft Things. Cambridge.

Zahlen bitte! #2 – Europa in der Krise

Dominant in der gegenwärtigen Berichterstattung sind nicht nur die aktuellen Steigungsraten der Infektionszahlen und die Debatte um den Nutzen von Gesichtsmasken, sondern auch die Frage, wie auf europäischer Ebene mit den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise umgegangen werden soll. Besonders betroffene Staaten wie Italien und Spanien hoffen auf so genannte „Corona-Bonds“. Der deutsche Außenminister Heiko Maas und Finanzminister Olaf Scholz befinden in einem gestern veröffentlichten Artikel Unterstützung durch bestehende Instrumente für ausreichend. Längst geht es nicht mehr nur um eine reine wirtschaftliche Unterstützung. Vielmehr geht es um Europa als Werteunion – Solidarität, die im Kleinen so hoch gelobt wird, soll nun auch auf dem internationalen Parkett zum Ausdruck kommen und wird immer mehr zur Gewissensfrage für die EU-Mitgliedsstaaten. Die Entscheidung darüber wird von den Mächtigen der EU gefällt, tangiert jedoch auch aktiv das Alltagsleben der Menschen.

Europa ist nicht einfach da. Okay, physisch vielleicht schon, als geografischer Kontinent, wobei auch dieser erst kartiert und benannt werden musste. Europa ist vielmehr auf vielen Ebenen ein Konstrukt. Das zeigt schon die Entwicklung der EU mit ihren jeweiligen Stationen, angefangen bei der Montanunion als Wirtschaftsverbund hin zur jetzigen Situation mit den gewählten Gremien und wachsender Mitgliederzahl. Die Union ist dynamisch und verändert sich. In diese politischen Strukturen schreibt sich aber auch die Idee von Europa ein, als Symbol für Vielfalt und das Überkommen nationalstaatlicher Grenzziehungen. Dass dieses Denken der politischen Festlegung vorangeht, zeigte beispielsweise schon Stefan Zweig in seiner Autobiografie, die er mit „Erinnerungen eines Europäers“ unterschrieb – gut ein Jahrzehntvor Gründung der Montanunion. Beide Aspekte, die gouvernementale Rahmung und die ideologische Unterfütterung, bedingen sich zu weiten Teilen gegenseitig und werden auch im Alltagsleben immer wieder geschaffen.

Wenn ich über die Grenzen gehe und nach Italien in den Urlaub fahre, zum Arbeiten ins Nachbarland pendle oder von „Eucor“, dem Verbund der Universitäten im südbadischen Dreiländereck, Gebrauch mache und an Hochschulen in der Schweiz und Frankreich Kurse belege, aktualisiere ich Europa. Ebenso beim Einkauf, wo die Produktpalette auch maßgeblich durch eine europäische Vielfalt geprägt wird oder durch Praktika in Nachbarländern, die ohne große bürokratische Hürden verfolgt werden können und womöglich durch die europäische Erasmus+-Förderung unterstützt werden. Oder wenn ich einen Artikel über die alltägliche Relevanz Europas schreibe – Europa wird diskursiv und in den alltäglichen Handlungen hergestellt. Diese praxeologische Sichtweise hebt auch der Europäische Ethnologe Daniel Habit hervor (Habit 2011: 16). Meiner Meinung nach hat diese das Potenzial, „Europa“ von einem Status als „Plastikwort“ (ebd.: 13) zu befreien, indem sie in erster Linie alltägliche Lebenswelten fokussiert.

In der derzeitigen Lage ist der Großteil der aufgezählten Aspekte eingeschränkt. Man ist physisch gebunden – an das eigene Haus oder die Wohnung, aber auch an den eigenen Nationalstaat, da viele Grenzen geschlossen wurden. Europa ist in meinen Augen dennoch präsent. Bezogen auf den individuellen Handlungsrahmen beispielsweise in Form von kulturellem Angebot, das digital in Anspruch genommen werden kann. Ein Beispiel hierfür ist die Zusammenstellung der wichtigsten Kunstwerke des Malers Raffael, anlässlich seines 500. Todestages, unter Rückgriff der Bestände verschiedener Museen. Weiter gedacht ist Europa bei der Corona-Krisenbewältigung entscheiden. Es hat sich in den vergangenen Wochen gezeigt, dass nationalstaatliche Alleingänge, beispielsweise bei der Verteilung von Schutzausrüstungen, kontraproduktiv sind. Europäische Solidarität wird lebensnotwendig, etwa, wenn freie Krankenhausbetten Patient*innen aus anderen Ländern zur Verfügung gestellt werden.  

Keine Entscheidung auf EU-Ebene kann losgelöst von unseren Alltagserfahrungen betrachtet werden und geht darum uns alle etwas an. Europa bestimmt das Alltagsleben der Menschen entscheidend mit und viele Wünsche und Sehnsüchte, viele Entbehrungen in der gegenwärtigen Situation, orientieren sich an der Vorstellung und den Potenzialen von Europa – in der krisenhaften Zeit wird es noch deutlicher als sonst zum Desiderat. Dass das politische Europa, und damit auch das ideelle Konstrukt, auf wackligen Füßen steht, wurde, wenn nicht schon 2015, spätestens durch den Brexit klar. Gegenwärtige autokratische Bestrebungen in einzelnen Mitgliedstaaten reihen sich in diese Entwicklung ein. Mein Abschlusswort kann an dieser Stelle nur sein: Ja, zahlen bitte! Mit gemeinsamem Konsens und solidarisch. Damit eine Krisenhaftigkeit Europas im kommenden „Danach“ den Alltag so vieler Menschen nicht noch weiter in die Krise stürzt. Mit dieser Sichtweise und der gesamten Thematik ist sicherlich ein gewisser Pathos verbunden, aber vielleicht tut das auch mal gut.

Lea Breitsprecher (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Daniel Habit (2011): Die Inszenierung Europas? Kulturhauptstädte zwischen EU-Europäisierung, Cultural Governance und lokalen Eigenlogiken. Berlin u. a.

„Ich kenne kein Weekend“

Spätestens am Sonntagabend tauchen in meinen Feeds auf Social-Media-Seiten die ersten Beiträge zum Thema „Montag“ auf: „Wenn du Sonntag schon wieder an Montag denkst.“ „Sei immer du selbst. Außer du bist Montag, dann sei Freitag.“ „Möge dein Kaffee stark sein und dein Montag kurz.“ Stets visuell untermalt durch schlafende Arbeitnehmer*innen, Faultiere und quengelnde Kinder. Montag, stilisiert als unheilvoller Beginn einer neuen Woche, die nur auf das ersehnte „hoch die Hände, Wochenende“ hinarbeitet. Dieser Tage ist es anders. Corona dominiert auch die humoristischen Betrachtungen des Alltaglebens, wobei ein Thema immer wieder aufgegriffen wird: der Verlust von Zeitlichkeit. Besonders auf den Punkt bringt es wohl der Instagram-Nutzer Seth, besser bekannt als dudewithsign, wenn er fragt: „What Fkn Day is it?“

Eine Woche regelt unseren Alltag und wird durch unseren Alltag geregelt. Sie ist ein Ordnungssystem, das zwischen Werktag und Wochenende unterscheidet, zwischen Arbeit und Freizeit. Es gibt Wochenpläne, die die Wochenaufgaben zusammenfassen. Das Wochenende steht dem Wochenanfang gegenüber; Ferienhäuser werden wochenweise vermietet; in Wochen wird der Abstand bis zum nächsten Urlaub angegeben; 52 Wochen bilden ein Jahr… Kurz: ein wochenweises Denken hat sich etabliert.

Schärft man den Blick durch die sozialkonstruktivistische Brille weiter, wird deutlich, dass die Woche selbst nicht per se gegeben ist, sondern durch verschiedene räumliche und soziale Arrangements geprägt wird. Die Arbeitstage werden unter anderem definiert durch den Weg ins Büro und den Austausch mit den Kolleg*innen, während das Wochenende Treffen im Freundeskreis und Ausflüge nahelegt.

Diese Elemente fallen in der gegenwärtigen Situation für viele Menschen weg. Das merke ich selbst an meinem subjektiven Corona-Alltag. Meinem Job als Hilfskraft gehe ich im Homeoffice nach. Wenn ich Aufgaben bearbeite, die für einen längeren Zeitraum definiert sind, fällt es schwer, das Notebook am Samstag und Sonntag beiseitezulegen. Arbeit und Freizeit überlagern sich räumlich und sozial in dem Maße, dass die Differenzierung teilweise hinfällig wird. Indizien dafür, dass gerade doch Wochenende ist, bieten mir dann noch Formate, wie das TV-Programm, die an der wochenweisen Strukturierung festhalten. Frei nach Joseph Beuys ließe sich gerade behaupten: „Ich kenne kein Weekend.“

Zumindest erkenne ich es nicht. Dieser Befund ist sicherlich höchst kontingent und abhängig von den verschiedenen Kontexten der jeweiligen Personen. Im Alltagsleben einer befreundeten Lehrerin äußert sich die Wochenstruktur beispielsweise deutlich stärker: Sie bereitet Wochenpläne für die Schüler*innen vor und führt morgens an den Werktagen Telefonate mit den Erziehungsberechtigten. In Bezug auf ihre Interaktion mit Bekannten und Familie wird aber auch hier deutlich, dass das räumliche Setting und die zeitliche Strukturierung an Bedeutung verlieren, da Telefonate oder auch Skype-Unterhaltungen in Bezug auf die Einbettung im Alltag variabel sind und durch den eingeschränkten Möglichkeitsraum oft ähnliche Rahmungen aufweisen.

Es bleibt abzuwarten, wie sich diese „normalen“ Strukturen im „Danach“ wieder einpendeln werden. Sicherlich ist durch die lange Tradition die Wirkmacht des Regelsystems „Woche“ nicht zu unterschätzen. Trotzdem zeigt die Corona-Krise, dass dieser Rahmen aufgeweicht und transformiert werden kann.

Lea Breitsprecher (Freiburg im Breisgau)

Stadt ja – aber wie, wo und wann?

Die Corona-Pandemie setzt eine jähe Zäsur in das Forschungsprojekt von uns Masterstudierenden des Instituts für Kulturanthropologie in Freiburg. Unter dem Titel „Alltag findet Stadt“ haben wir uns in den letzten Monaten intensiv mit den „Normalitäten“ des Freiburger Lebens auseinandergesetzt. Normalitäten, die jetzt nicht mehr gelten. Normalitäten, zu denen auch der Wissenschaftsalltag zählt, der momentan auf Stand-by gesetzt ist: ein Buchprojekt und eine geplante Ausstellung im öffentlichen Raum sind verschoben; Meetings im Seminarraum sind geplatzt; die letzten Fotografien für den Bildband finden später statt. Dann, wenn es wieder „normal“ ist. Was sollten sie derzeit auch abbilden? Den gebauten Raum? Verwaiste Straßen? Wo sind die Akteur*innen; wo die betrachteten Praktiken? Alltag findet Stadt – ja, generell schon, aber findet Alltag gerade überhaupt statt? „Alltag findet Stadt“ findet derzeit auf jeden Fall nicht statt. Aber vielleicht findet Stadt statt? Wenn ja, wie?

Die Soziologin Martina Löw verweist auf die Relevanz der Kategorien „Dichte, Größe und Heterogenität“ in Bezug auf das soziologische Stadtverständnis (2008: 11). „Dichte, das heißt, die Konzentration von Menschen, Dingen, Institutionen und Formen, sowie die damit zusammenhängende Anonymität und Heterogenität der BewohnerInnen prägen das Handeln der Bewohner deutlich“, führt sie weiter fort (ebd.). Stadt wird also über die Menschen hergestellt, über die Interaktionen, die Praktiken und ist dabei äußerst heterogen. Wie sieht es aber zur Zeit aus? Die Infrastrukturen können nicht genutzt werden und sind zum großen Teil geschlossen. Laufwege erstrecken sich bis zum nächstgelegenen Supermarkt, physischer Kontakt besteht nur zu den Mitgliedern der eigenen Wohngemeinschaft. Der Alltag scheint synchronisiert und die Handlungsräume, die die Stadt sonst bietet, scheinen negiert. Wie lässt sich ,Stadt‘ in der Krise dann überhaupt denken? Welche Bedeutung wird ihr zugeschrieben?

Vier Tendenzen werden in diesem Kontext deutlich:

  1. Stadt prägt den Alltag der Menschen nicht in dem Ausmaß wie zuvor, urbane Imaginationen existieren aber weiterhin als Referenzgröße bei der Bewertung des eigenen Handelns. In der Einordnung der gegenwärtigen alltäglichen Situation dient das städtische ,Vorher‘ als Kontrastfolie und als Ausgangspunkt für die zukunftsgerichteten Vorstellungen eines ,Danachs‘.
  2. Stadt als Verwaltungseinheit erlangt zentrale Bedeutung. Regelungen, wie Ausgangsbeschränkungen, werden nicht nur auf nationaler oder Landesebene beschlossen, sondern fallen oft auch hinter den Mauern der städtischen Rathäuser. Freiburg ist dafür ein anschauliches Beispiel: Mit seinem frühen Entschluss, eine Ausgangsbeschränkung zu erlassen, war Oberbürgermeister Martin Horn vielen Kommunen, Ländern und schließlich auch der Bundesrepublik voraus. In den Medien wurde das breit rezipiert und Ansichten der Freiburger Innenstadt wurden öfter als gewohnt in den Nachrichtenprogrammen der öffentlich-rechtlichen Sender aufgerufen.
  3. Stadt bleibt damit auch eine wichtige Sinneinheit. Anhand des räumlichen Bezugspunktes werden Entwicklungen bewertet und abgeschätzt. Wie steigen die Fallzahlen in Freiburg? Wie im Vergleich dazu in Mannheim? ,Stadt‘ ist vorstellbar – sowohl bezogen auf die Einwohnerzahl, als auch auf die Auswirkungen der derzeitigen Krise.
  4. Stadt ist online. Geht man gerade auf Instagram, taucht immer wieder der Hashtag #supportyourlocal auf, verbunden mit der Aufforderung, Gutscheine der städtischen Einzelhändler und Gastronomien zu erwerben und das Online-Bestellangebot zu nutzen. Waren werden dann auch mal per Fahrradkurier geliefert. Kommentare finden sich unter den Posts, Menschen treten in Interaktion, bilden Netzwerke – die Infrastrukturen, die sonst den physischen Raum ausmachen, bilden sich im virtuellen Raum ab und stellen ,Stadt‘ her.

Anhand der Beispiele zeigt sich, dass ,Stadt‘ auch in der gegenwärtigen Situation Bedeutung hat, wenn auch in neuen Kontexten, durch neue Praktiken und Zuschreibungen. ,Stadt‘ ist relational, entwickelt sich entlang der Menschen und ihrer Netzwerke, sogar online (ebd.: 8f.). Sie ist wandelbar, fluid und kontingent. Sie transformiert sich und es stellt sich die Frage, wie ,Stadt‘ nach Corona aussehen wird.

Stadt wird auf jeden Fall stattfinden, wie der Alltag auch, der wieder in die Stadt findet – und wie auch „Alltag findet Stadt“ stattfinden wird. Anders vielleicht, zu einem anderen Zeitpunkt, angepasst an die Situation – aber stattfinden wird das alles.

Lea Breitsprecher (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Löw, Martina u. a. 22008: Einführung in die Stadt- und Raumsoziologie. Opladen; Farmington Hills.
May, Sarah (Hg.) 2020: Alltag findet Stadt. Freiburg zum Beispiel. Münster, New York [in Vorbereitung].

Fotocredit: Leonie Hagen

„Das Gewohnte wird problematisch“

Die Corona-Pandemie hat massive Auswirkungen auf den Alltag nahezu jedes und jeder Einzelnen. In der empirischen Kulturwissenschaft ist Alltag ein zentrales Konzept, mit dem sich solche Phänomene besser verstehen lassen. Was hilft es, mit dieser Perspektive auf die derzeitigen Entwicklungen zu schauen? Was nutzt der Blick auf den Alltag in der Krise? Eine ganze Menge!

Alltag, schreibt der Tübinger Kulturwissenschaftler Utz Jeggle, kann verstanden werden als „problemlose, normale, wiederholbare, sicher auch mühevolle, aber auch darin akzeptable und akzeptierte Routinewirklichkeit“ (1989: 81). Wenn Kulturwissenschaftler*innen in diesem Sinne von Alltag sprechen, dann verstehen sie ihn „nicht nur als Last und Mühe, sondern auch als Strukturierung in dem emphatischen Sinne von tätiger Aneignung der Umwelt“ (ebd.: 125). Das bedeutet: Alltag stiftet Orientierung. Er stellt informelle Regeln des Zusammenlebens bereit, die das soziale Miteinander einfacher, planbarer und verlässlicher machen.

Alltag erzeugt Selbstverständlichkeiten. Doch zur Zeit wird konkret spürbar, was Utz Jeggle nur abstrakt beschreibt: „Dieses Selbstverständliche wird plötzlich unvertraut, das, was nur einfach so da sein sollte, wird schwierig, fremd, bedrohend“ (ebd.: 81). Kulturelle Ordnungen, die wir oft gar nicht mehr bewusst wahrnehmen, werden im Zuge der aktuellen Corona-Lage auf einmal brüchig. Was eigentlich als normal und selbstverständlich gilt, ist in vielerlei Hinsicht in Frage gestellt. „Das Gewohnte wird problematisch“, stellt Jeggle fest (ebd.) und daraus resultiert unter anderem die derzeitige Unsicherheit. „Der Alltag in der Krise – das ist gleichsam ein brennendes Feuerwehrmagazin; denn er ist es doch, der Krisensicherheit verspricht“, vergleicht Jeggle (ebd.).

Eine kulturwissenschaftliche Perspektive, die fundierte Einordnungen und so auch gesellschaftliche Orientierung bieten kann, sollte aber nicht nur bei dieser Feststellung stehen bleiben. Denn betrachtet man die derzeitige Corona-Krise unter einem alltagskulturellen Blickwinkel, dann eröffnet sich eine ganze Reihe von wichtigen Aspekten. Einer davon ist das Spannungsfeld zwischen Konstanz und Wandel.

Alltag ist einerseits das Immer-Wiederkehrende. Auf dieser Vorhersehbarkeit baut unser kulturelles Leben auf, ja, sie ist geradezu die Voraussetzung für gesellschaftliches Zusammen-Sein. Aufgrund der Verlässlichkeit des Alltags können wir abends einschlafen und darauf vertrauen, dass sich die Welt und alles uns Vertraute nicht grundlegend gewandelt haben werden, wenn wir am nächsten Morgen wieder aufwachen. Alltag stiftet Zusammenhänge über kurzfristige Zeiten hinweg.

Das bedeutet aber andererseits nicht, dass Alltag statisch ist und sich nie verändert. Das Gegenteil ist der Fall: Alltag ist wandelbar und entwickelt sich kontinuierlich. Das passiert oft so langsam, dass diese Transformationen gar nicht richtig bemerkbar sind. Zuweilen lässt sich nur durch bewusstes Erinnern an frühere Jahre oder beim historischen Blick zurück in vorherige Jahrzehnte und Jahrhunderte feststellen, wie anders man damals lebte. Manchmal passiert der Wandel des Alltags aber auch sehr abrupt, in kurzer Zeit und ist verbunden mit großen Verwerfungen und Schwierigkeiten.

Erleben wir gerade einen solchen Moment, eine echte Zäsur? Oder behält die Beständigkeit des Alltags doch die Oberhand? Einerseits sind aktuell alle möglichen Ebenen des gesellschaftlichen Zusammenlebens von tiefen Umwälzungen betroffen. Die vielen Dimensionen, die diese Pandemie hat, greifen deutlich in alltägliche Strukturen ein und lassen nur wenige Lebensbereiche unberührt. Andererseits sind wir solchen Prozessen nicht machtlos ausgesetzt. Längst lässt sich auch mitverfolgen, was Kulturwissenschaftler*innen als Aneignung bezeichnen: Menschen gehen aktiv mit der Situation um, sie geben sich nicht einfach so geschlagen, sondern passen sich den Umständen bestmöglich an – auch wenn viele Fragen offen sind und manches noch ruckelt.

Alltag erweist sich hier, um das Zitat von Utz Jeggle nochmal aufzugreifen, „nicht nur als Last und Mühe, sondern auch als Strukturierung in dem ephatischen Sinne von tätiger Aneignung der Umwelt“ (ebd.: 125). An vielen Beispielen sehen wir gerade, wie Menschen nicht in eine ohnmächtige Lethargie verfallen, sondern wie sie neue Formen der Alltagsgestaltung erfinden, erproben und entwickeln. Auch um diesen Aspekt des Alltags in der Krise soll es in den Beiträgen dieses Blogs gehen. „So gesehen“, schlussfolgert Jeggle, „ist jede Krise des Alltags immer auch ein Schritt vorwärts“ (ebd.: 126).

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Utz Jeggle 21989: Alltag. In: Hermann Bausinger u. a.: Grundzüge der Volkskunde. Darmstadt: 81–126 [Erstauflage 1978].

Über diesen Blog

Alltag in der Krise – das bedeutet, dass gewohnte Routinen und Ordnungen fraglich werden. Vieles, was uns sonst so selbstverständlich erscheint, wird derzeit im Kontext der Corona-Pandemie fraglich. Vieles, was unser alltägliches Leben ausmacht, ist derzeit auf die Probe gestellt.

Alltag in der Krise – das bedeutet aber auch, dass sich neue Routinen und Ordnungen herausbilden. Denn auch in der Krise schaffen wir uns einen neuen, wenn auch einen anderen Alltag. Seien es Homeoffice, Homeschooling, lokale Initiativen oder die tägliche Interaktion mit Familie und Freunden über digitale Medien – viele Beispiele zeugen von Kreativität und Ideenreichtum und helfen, die gegenwärtige Situation zu bewältigen.

Beide diese Dimensionen gehören zur aktuellen Lage dazu. Und wir finden: beide sind es wert, genauer betrachtet zu werden. Darum geht es auf diesem Blog. Er wurde initiiert von Master-Studierenden aus Freiburg im Breisgau und soll ein partizipatives Projekt und eine Plattform des Austausches und der Anregung sein.

Als empirische Kulturwissenschaftler*innen beschäftigen wir uns professionell mit den Ausprägungen und Formen von Alltagskultur. Wir fragen danach, wie Menschen ihr Leben gestalten und wie sie gemeinsam mit Situationen und Herausforderungen umgehen. Mit den Analysen und Reflexionen auf diesem Blog möchten wir dazu beitragen, die aktuellen Entwicklungen kulturwissenschaftlich einzuordnen, diese Krise genauer zu verstehen und so gemeinsam besser hindurch zu kommen.

Die Beiträge verstehen wir dabei im wahrsten Sinne als „kulturwissenschaftliche Notizen“: „Notizen“ können helfen zu ordnen, zu verstehen, eine Übersicht zu gewinnen, etwas anzudenken, was zu einem späteren Zeitpunkt weitergeführt wird oder auch verworfen werden kann. Sie ermöglichen es, wo nötig, Distanz zu schaffen, indem der Gedanke auf Papier, oder den Bildschirm gebannt wird, oder unterstützen bei der Fokussierung. Sie helfen das zu ordnen, was in Echtzeit vor sich geht, ähnlich der zahlreichen Live-Ticker, die derzeit über jegliche Bildschirme rasen.

Die Heterogenität der Situation soll sich in den verschiedenen Beiträgen und dem gesamten Blog wiederspiegeln: Sie alle, Studierende, Interessierte und etablierte Kulturwissenschaftler*innen sind eingeladen, Ihre Gedanken hier festzuhalten, zu kommentieren, zu stöbern, weiterzudenken und zu teilen. In welcher Art Sie das tun – ob in Form eines philosophischen Gedankenspaziergangs, mit analytischer Feder, als autoethnografischer Bericht, Interview oder als Schnappschuss aus dem Corona-Alltag – bleibt Ihnen überlassen. Sollten Sie Interesse haben, einen Beitrag zu verfassen oder ein Foto oder Video einzuschicken, dann setzen Sie sich bitte mit der Redaktion in Verbindung.