Urlaub unter (Selbst-)Beobachtung oder Chronik einer Abreise

Wie sehr hatte ich mich auf die frische Brise, den Blick auf das Meer und lange Spaziergänge am Strand – bei jedem Wind und Wetter – gefreut. Es kam anders. Zwischen An- und Abreise lagen nur vier Tage, diese Zeit war im doppelten Sinne des Wortes ein Hin und Her. Im Nachhinein war die Anreise bereits der Beginn der Abreise, eine Zeit geprägt von den Nachrichten zum Coronavirus und Covid-19.

Samstag: Anreise

5.30 Uhr, das Taxi kommt und der Fahrer berichtet mir auf Nachfrage, dass in der Nacht so gut wie nichts los gewesen sei. Er ist davon überzeugt, dass sich bereits viele Menschen selbst beschränkt und ihr Ausgehverhalten verändert hätten. 5.45 Uhr, Heidelberg Hauptbahnhof: Auf dem Gleis sind nur wenige Personen, der ICE 774 nach Hannover kommt zu früh und fährt pünktlich um 5.47 Uhr ab. Der Großraumwagen ist so gut wie leer, bis nach Hannover halten sich maximal fünf bis sechs Personen gleichzeitig dort auf. Das Zugpersonal hat keine Handschuhe an, versucht aber, die Papiertickets nicht anzufassen – das Abknipsen ist kompliziert und klappt bei mir nicht. Der Schaffner muss das Ticket schließlich doch in die Hand nehmen. Ankunft in Hannover mit leichter Verspätung, allerdings fällt der Anschlusszug nach Bremen aus; das bedeutet über eine Stunde Aufenthalt. Immerhin kann ich als Vielfahrer und Comfort-Kunde in die DB Lounge – auch hier: nur wenig Betrieb. Der anschließende IC Richtung Norddeich Mole ist hingegen ziemlich voll – viele Urlauber sind dabei, das bezeugen die Koffer und Rucksäcke in den Gepäckablagen.

Ich verlasse in Norden den Zug und fahre von dort weiter mit dem Bus. Die Fahrgäste steigen alle vorne beim Busfahrer ein, er kontrolliert die Tickets. Der letzte Umstieg erfolgt am Fähranleger in Bensersiel. Dort hat sich eine Menschenschlange gebildet, nicht nur wegen der neuen Abstandsregeln, sondern weil das Schiff wegen Umbaumaßnahmen an anderer Stelle anlegt. Ankunft auf Langeoog gegen 16.30 Uhr, mit zweistündiger Verspätung. Aber immerhin – ich bin da, das Wetter frühlingshaft und die Insel und das wenige Treiben sind wie immer. Am Abend ist noch Zeit für einen kurzen Abstecher an den Strand.

Müde und erschöpft falle ich ins Bett. Ich schlafe tief und fest.

Sonntag: Überraschung

Das Wetter ist wechselhaft, aber trocken. Am Strand gehen die Menschen spazieren, in Gruppen, zu zweit, mit Hund, allein, lassen Drachen fliegen, einige sitzen im Sand, Kinder schaufeln im Schlick. Ein ganz normaler Strandtag zu dieser Jahreszeit. Andere sitzen in den Cafés, manche auch draußen, und genießen die ab und an hervorlugende Sonne. Alles ist ruhig und gelassen.

Am Abend dann die überraschende Nachricht: Schleswig-Holstein geht voran und schließt seine Inseln und Halligen für Besucher. Ich bin nicht beunruhigt – ich bin ja in Niedersachsen. Ein paar Stunden später erreicht mich eine Kurznachricht: „Wir haben gerade gelesen, dass alle Gäste abreisen müssen 😫😰😢😱“. Ich kann es nicht glauben, wir schreiben hin und her, ich rufe schließlich die Website der Gemeinde auf. Tatsächlich, die Bürgermeisterin hat eine Stellungnahme veröffentlicht, unter anderem heißt es, dass die „Gesundheitssysteme der Inseln nicht auf eine größere Zahl von mit dem Coronavirus infizierten Menschen vorbereitet“ seien und weiter: „Urlauberinnen und Urlauber, die bereits auf einer der Inseln Quartier bezogen haben, werden gebeten, den Heimweg anzutreten“. Ich bin doch gerade erst angekommen. Aber es gibt noch Hoffnung:„Es besteht kein Grund zu übereilten Reaktionen, alle Gäste werden geordnet abreisen können. Wir werden Ihnen auf diesem Wege und über Ihre Gastgeber zeitnah weitere Informationen zukommen lassen“.

Ich kann zunächst nicht einschlafen, zuviel geht mir durch den Kopf. Dann aber falle ich in einen tiefen Schlaf.

Montag: Unsicherheit

Montagfrüh: Die erste Handlung ist ein Blick in die Langeoog-App: Keine neue Nachricht der Bürgermeisterin. Ich unternehme nichts, höre aber die Nachbarn, wie sie packen und das Haus verlassen. Ich will mich nicht anstecken (!) lassen, gehe spazieren – viele andere sind auch noch am Strand unterwegs. Auch am Nachmittag gibt es noch keine neuen Informationen. Es ist laut in den Straßen, die nächste Fähre legt bald ab und die Leute schieben ihre Rollkoffer zur Inselbahn. Das Rathaus hat mittlerweile geschlossen, Auskünfte erteilt die Touristeninformation am Bahnhof. Ich erkundige mich beim Schalter über den Stand der Dinge, die Mitarbeiterin hat aber keine weiteren Informationen und verweist mich auf die App.

Die Abendnachrichten berichten über nichts anderes mehr; abreisende Gäste von anderen Nordseeinseln geben Interviews und schildern chaotische Verhältnisse.

Im Ferienhaus ist es deutlich ruhiger, viele sind abgereist.

Die ganze Nacht drehe ich mich hin und her, mein Schlaf ist unruhig.

Dienstag: Verwirrung

Als ich aufwache, habe ich mich entschieden. Ich packe den Koffer, um ihn bei der Post aufzugeben und plane, am nächsten Tag abzureisen. Vorher laufe ich zum Bahnhof und möchte mir noch einmal ein Bild machen: Viele Menschen warten dort auf die Abreise. Ich gehe nach Hause und treffe auf den Hausverwalter, mit dem ich mich lange unterhalte. Mittlerweile kommen die ersehnten neuen Informationen, der Erlass des Landes Niedersachsens ist da; Punkt 2 lautet: „Urlauber, die bereits auf der Insel verweilen, haben Zeit bis zum 25.03.2020 diese zu verlassen“. Ich bin beruhigt. Der Verwalter ist sichtlich mitgenommen, über die schlechte Kommunikation am Sonntagabend und die darauf folgenden Reaktionen der Gäste; er klingt verzweifelt, denn er weiß, was das (auch wirtschaftlich) bedeutet: Die Saison fängt jetzt erst an und zu Ostern, sagt er, werden sie das erste Mal – seit er sich erinnern kann – ohne Gäste auf der Insel sein. Er meint, ich solle bleiben, das mache ich auch. Ich packe den Koffer wieder aus und verbringe den Rest des Tages am Strand.

Abendnachrichten und Sondersendungen wechseln sich ab. Der NDR Coronavirus-Live-Ticker gehört mittlerweile zu meinen Hauptinformationsquellen, und der Virologe Christian Drosten, der einen eigenen Podcast hat, begegnet mir hier zum ersten Mal. Die Website der Deutschen Bahn rufe ich ebenfalls regelmäßig auf – wie länge fährt sie wohl noch?

Im Ferienhaus sind weitere Personen abgereist, ich höre aber unter mir noch den Fernseher. Immerhin, ich bin nicht allein.

Die ganze Nacht drehe ich mich hin und her, mein Schlaf ist unruhig.

Mittwoch: Entscheidung

Und täglich grüßt das Murmeltier: Als ich aufwache, habe ich mich entschieden. Ich packe den Koffer (erneut) und gebe ihn bei der Post auf. Es ist ein trüber Tag, es regnet fast ununterbrochen. Saßen gestern noch Touristen im Café, so sieht man heute kaum noch jemanden. Eigentlich ein Tag für das Schwimmbad und die Sauna – aber das Bad hat, wie mittlerweile überall im Land, geschlossen. Auch alle Läden sind zu, nur ein paar Restaurants und Cafés haben geöffnet und natürlich die Supermärkte und die Drogerie.

Ein Tag auf der Couch, mit Tee und Buch. 14.51 Uhr, ich schreibe einer Verwandten, dass ich abreisen werde: „Das ist alles zu dynamisch und nicht vorhersehbar. Es ist schade, aber jetzt die beste und richtige Entscheidung. Macht auch keinen Spaß, wenn man ständig wie auf Kohlen sitzt“.

Am Abend appelliert Angela Merkel in ihrer Fernsehansprache an die Disziplin der Bevölkerung: „Es ist ernst“.

Die ganze Nacht drehe ich mich hin und her, mein Schlaf ist unruhig.

Donnerstag: Abreise

8.00 Uhr, ich verlasse das Haus, die Inselbahn geht um 8.20 Uhr. Nur wenige Menschen sind am Bahnhof; die meisten sind Insulaner, daneben ein paar versprengte Touristen. Ich fühle mich ertappt – hätte ich früher abreisen müssen? Die Überfahrt dauert ca. eine Stunde, ein paar Reisende müssen wie ich mit dem Bus zum Bahnhof nach Esens. Der Busfahrer öffnet nur die hintere Tür und wir steigen alle dort ein. Er kontrolliert die Tickets nicht, man kommt auch nicht zu ihm durch, ein rotes Absperrband trennt uns vom vorderen Teil des Busses. Die Nordwestbahn verspätet sich, die Zugstrecke ist hier eingleisig. Ankunft in Oldenburg mit circa 40 Minuten Verspätung. Nicht nur ich verpasse meinen Anschlusszug. Der Bahnhof ist wie ausgestorben, vereinzelt sitzen und stehen Menschen. Auch der DB-Service Point hat vorgesorgt und ein Trennband gespannt. Die Zugbegleiter im ICE haben jetzt fast alle Handschuhe an; einige Passagiere telefonieren, sagen Treffen ab, stornieren Buchungen.

Nächster Umstieg in Hannover, auch hier: nur wenige Menschen sind unterwegs, die DB-Lounge hat jetzt geschlossen. Im ICE 579 Richtung Stuttgart sitzt ein Ehepaar, das mit mir auf der Fähre war – eine stille Gemeinschaft. Letzter Umstieg in Mannheim: Die S-Bahn am Abend ist gut gefüllt, die Pendler fahren nach Hause. Ankunft in Heidelberg mit insgesamt einer Stunde Verspätung. Meine erste Textnachricht als ich zu Hause ankomme, 19.16 Uhr: „Jetzt ist erst mal durschneiden angesagt“. 19.19 Uhr: „Durchschnaufen! Scheiß Korrektur!“.

Müde und erschöpft falle ich ins Bett. Ich schlafe tief und fest.

Stefanie Samida (Heidelberg)