Corona als kulturelle Tatsache

In letzter Zeit sind von Kulturwissenschaftler*innen unzählige Initiativen, Beiträge, Stellungnahmen und vieles Weitere zur Corona-Pandemie entstanden. Auch dieser Blog gehört dazu. Bei mir persönlich bleibt bei all dem allerdings ein zwiespältiger Eindruck zurück: Da ist einerseits eine Freude darüber, dass kulturanalytische Perspektiven auf das aktuelle gesellschaftliche Geschehen im besten Fall neue Einsichten, relevante Deutungen und fundierte Argumente in den öffentlichen Diskurs einbringen können und Wichtiges zu sagen haben (Ausnahmen bestätigen die Regel). Kulturwissenschaftliches Tun und Treiben erweist sich als handlungsfähig und produktiv.

Andererseits ist da aber auch eine Beunruhigung, dass das Thema ,Corona‘ erstens als ein ziemlich plumpes Verkaufsargument für die eigene Relevanz-Zuschreibung und Bedeutsamkeits-Inszenierung genutzt und – damit verbunden – zweitens zu einem „Catch it all“-Thema wird. Um dem entgegen zu wirken hilft es, einen Schritt zurück zu treten, Distanz zu gewinnen: Denn Wissenschaft im Allgemeinen und Kulturwissenschaft im Speziellen zeichnet sich ja dadurch aus, dass sie das eigene Vorgehen immer wieder auch selbst infrage stellt, Herangehensweisen reflektiert und Vorannahmen kritisch prüft. Die wohl zentralste, aber oft nur implizit bleibende, möglicherweise auch zu reflexartige Vorannahme lautet, dass die Corona-Pandemie (auch) ein kulturelles Phänomen sei. Aber was soll, was kann das eigentlich genau bedeuten?

Eine Rückholaktion der anderen Art

Der Volkskundler Helge Gerndt hat wenige Jahre nach der Katastrophe des AKW Tschernobyl 1986 in mehreren Aufsätzen dargelegt, inwiefern dieses Ereignis eine „kulturelle Tatsache“ darstellt. Sicherlich bestehen signifikante Unterschiede zwischen Tschernobyl und SARS-CoV-2 und ihren jeweiligen sozialen Folgen. Aber man kann auch Parallelen ziehen: eine thematische Dominanz in der medialen Berichterstattung; eine breite Verunsicherung in der Bevölkerung angesichts unsichtbarer Risiken; aus spezifischen Präventionslogiken heraus resultierende Verhaltensänderungen im Alltag.

Dieser Beitrag möchte zeigen: In der aktuellen Lage lohnt es sich daher, diese inzwischen 30 Jahre alten Aufsätze wieder einmal heranzuziehen und zu prüfen, was von den damals entwickelten Fragestellungen, Argumenten und Thesen sich heute wieder als analytisch hilfreich erweist und was davon zu überdenken oder analytisch weiterzuentwickeln ist. Eine Rückholaktion mit Vorwärtsabsicht.

Gerndt bezieht sich auf Émile Durkheim und dessen Terminus des „fait social“ als Bezeichnung für soziologische Tatbestände. Adaptiert auf die volkskundliche Kulturwissenschaft versteht Gerndt seine Rede von „Tschernobyl als kulturelle Tatsache“ zwar nicht als einen weiterführenden Analyse-, sehr wohl aber als einen hilfreichen Beschreibungsbegriff. Denn im Gegensatz zu ähnlichen Bezeichnungen wie etwa „Objektivation“ eröffne dieser „einen ganzheitlich-lebensweltlich ausgerichteten, ungleich aspektreicheren kulturwissenschaftlichen Zugriff“ (1990: 170). In Gerndts Aufsatz ist deutlich erkennbar, dass er gegen eine verkürzte Betrachtung von Tschernobyl unter einzelnen, kanonischen Elementen von ,Volkskultur‘, etwa als mündliche Folklore in Witzen und Redewendungen, argumentiert. Statt um inhaltliche Isolierungen auf bestimmte, traditionelle und als damals für volkskundlich relevant gehaltene Forschungsfelder gehe es ihm mit der Begriffsbildung der „kulturellen Tatsache“ um das „Erklären und Verstehen kultureller Vernetzungen in unserem sozial höchst komplex verschlungenen Alltagsleben, um Einsichten in umfassendere Lebenskomplexe aus wertbesetzten Vorstellungs- und Verhaltensmustern“ (ebd.: 173).

Denn Tschernobyl [ersetze: Corona] zeige sich im Alltagsleben „als ein vielfältiges Reflexionsobjekt und ein kontroverser Diskussionsgegenstand, als ein kompliziertes Vorstellungsbild und nicht zuletzt als ein vielschichtiger Empfindungskomplex.“ Es „ist somit ganz wesentlich ein lebensvolles, kollektiv geprägtes und bewertetes, subjektiv akzentuiertes Bewußtseinsphänomen“ (ebd: 162). Und genau diese Bewertung sei ein kultureller Vorgang, erläutert Gerndt: „Wertsetzen ist eine Tat des menschlichen Bewußtseins; werten, Bedeutung verleihen, ist die Essenz kultureller Akte. Unser Bewußtsein färbt, prägt, steuert den Lebensprozeß, so wie unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit andererseits durch kulturelle Muster gefärbt, geprägt und gesteuert wird“ (ebd.: 165). Gerndt arbeitet hier mit einem intellektualistischen, sehr aktivischen und auf Symbolisches zielendem Kulturverständnis, bei dem zu fragen bleibt, inwiefern man es heutzutage erweitern müsste, etwa durch praxistheoretische Ansätze oder die verschiedenen Stränge eines ,New Materialism‘.

Wahrnehmung und Wertbedeutsamkeit

Dennoch lohnt es, die kulturanalytische Aufmerksamkeit auf Prozesse der Wahrnehmung und Wertzuschreibung zu lenken sowie auf Prozesse der Vermittlung, denen Gerndt eine wichtige Rolle beimisst, gerade angesichts unsichtbarer Gefahren: „Während jedermanns Alltagshandlungen gewöhnlich auf dem Vertrauen in seine unmittelbare Sinneswahrnehmung gründet, wurden hier nun Sekundärerfahrungen wirksam, die jeder anhand wechselnder Vertrauensvorgaben für sich selbst aus der Informationsflut selektierte“ (ebd.: 161), schreibt er angesichts der Rolle von Medien und wissenschaftlichen Expert*innen für die Einordnung von Tschernobyl – lässt sich davon heute nicht Einiges wiedererkennen?

Mit der Bezeichnung „kulturelle Tatsache“ sei also „genau gesehen nicht ein Phänomen, sondern eine Aussage über ein oder mehrere Phänomene gemeint“ (ebd.: 169). Doch gebe es dann noch ein durchgängiges, verbindendes Merkmal für eine gemeinsame Kategorisierung, fragt Gerndt und gibt gleich selbst die Antwort: „Durchaus! Kulturwissenschaftlich gesehen ist das tertium comparationis die Wertbedeutsamkeit, mit der Menschen die von ihnen wahrgenommene und gestaltete Welt ausnahmslos übertünchen“ (ebd.: 167).  Anders als das Objektivierungsbestreben in den Naturwissenschaften seien die Wertbedeutungen und Einschätzungen in der breiten Bevölkerung die zentrale Ebene kulturwissenschaftlicher Analyse, schlussfolgert Gerndt. Ihnen komme „ganz unabhängig vom objektiven Wahrheitsgehalt der bewerteten Fakten eine entschiedene Bedeutung zu; von ihnen kann ein gesellschaftlicher Bewußtseinswandel mit tiefgreifenden Folgen für die realen Lebensverhältnisse ausgehen. Entsprechende Zeichen und Vorgänge zu erkennen und zu deuten, fällt in die spezifische Kompetenz des Kulturwissenschaftlers“ (ebd.: 176).

Oder ist das jetzt doch wieder zu viel Relevanz-Zuschreibung?

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Helge Gerndt 1990: Tschernobyl als kulturelle Tatsache. In: Dieter Harmening, Erich Wimmer (Hg.): Volkskultur – Geschichte – Region. Festschrift für Wolfgang Brückner zum 60. Geburtstag. Würzburg: 155–176.

Bildquelle: Wikimedia Commons / IAEA Imagebank (CC BY 2.0)

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