Ressourcen, Ressourcen, überall und nirgendwo Ressourcen

Ein großes Thema wurde im Blog bisher weniger beachtet bzw. nur peripher gestreift: die ökonomische Seite der Krise. Sicherlich, die Auseinandersetzung mit der Kulturindustrie und die Bedeutung des Toilettenpapiers sind auch im weitesten Sinne ökonomische Themen und die Prekarität von Wohnungslosen zeigt eindeutig das Verhältnis von fehlendem ökonomischem Kapital und Krise auf. Dennoch fehlen in der Liste unserer Schlagwörter bis jetzt Begriffe wie „Ökonomie“ und „Wirtschaft“. Eigentlich merkwürdig, wenn man sich die Entstehungsgeschichte des Blogprojekts vor Augen führt. Ausgangspunkt war ein Seminar, das wir im Zuge unseres Masterstudiums belegt haben. Thematische Fokussierung war die Aushandlung von Ressourcen, Knappheit und Überfluss in unterschiedlichen Kontexten. Am Ende des Semesters stand ich vor der bekannten Aufgabe, ein Forschungsfeld für die Hausarbeit zu finden. In dieser Zeit wurde auch Corona zunehmend zum Thema und rückte damit ins Blickfeld der Themenfindung. Nach Beginn der Ausgangsbeschränkungen und mit der Schließung der Bibliotheken lag das Projekt Hausarbeit erst einmal brach und aus der Idee, Corona im Kontext dieser Seminararbeit zu thematisieren, entwickelte sich langsam der Blog, der die Krise und ihre Folgen und Ausformungen in das Zentrum rückt. Beachtet man die mediale und lebensweltliche Präsenz der ökonomischen Folgen, scheint es fast gefordert, diese vermehrt zu thematisieren. Diesen Beitrag verstehe ich als einen ganz persönlichen Versuch, mich an den Themenkomplex „Ressourcen“ heranzuwagen und damalige Ideen konzeptionell an- und weiterzudenken.

Exploration

Oft ist es bei einem neuen Forschungsthema doch so, dass auf die erste Sensibilisierung das Wahrnehmen unzähliger Phänomene folgt, die in den Dunstkreis des Themas hineinspielen. Dokumentarisch festgehalten werden sie meist durch Schnappschüsse und gespeicherte Screenshots sowie kurze Notizen am Rand herumliegender Dokumente. Um sie herum beginnt sich das Feld zu formieren und analytische Zugänge zu einzelnen Phänomenen werden ausgearbeitet, während andere Beobachtungen verworfen werden.

Abb. 1

Wenn ich jetzt in die Galerie meines Smartphones schaue und mir meine visuellen Notizen zum Thema Corona und Ressourcen betrachte, fallen mir die Paradoxien und Widersprüchlichkeiten im Feld auf. Neben Fotos aus Supermärkten, die die leergekauften Regale zeigen, und Hinweisen an Apotheken zu leergekauften Desinfektionsmitteln (Abb. 1) gibt es auch Werbeplakate für Handwaschmittel, die

Abb. 2

dieses als besonders wirksam in der gegenwärtigen Lage beschreiben (Abb. 2) oder Rabattaktionen, die mit der Tendenz zum Hamsterkauf spielen (Abb. 3). Auch die Erweiterung bestehender Produktpaletten spielte hinein, wie beispielsweise bei einer großen Einrichtungskette, die plötzlich Desinfektionsspray führte (Abb. 4). In allen Beispielen scheint es in irgendeiner Weise um Ressourcen zu gehen. An der einen Stelle fehlen sie, an der anderen werden sie geschaffen – Corona selbst wird zur Ressource der Marketingstrategien. Das allein hat jetzt noch keinen analytischen Wert. Vielmehr muss in den Blick rücken, welche Prozesse und Dynamiken im Feld zu diesen Phänomenen führen, welche Akteur*innen involviert sind und wie sich daraus Netzwerke und Machtverhältnisse bilden. Grundlage hierfür ist ein sozialkonstruktivistisches Verständnis von „Ressourcen“, wie es u. a. die Kulturanthropologin Gisela Welz in ihrem Aufsatz Knappheit – eine anthropologische Kategorie? (2015) formuliert.

Abb. 3

Knappheit und Toilettenpapier

Welz löst sich von einem Verständnis von Ressource in einem wirtschaftswissenschaftlichen Sinn. Anstatt Ressourcen essentialistisch als „alle Bedingungen und Stoffe […], die Produktionsprozesse er-möglichen“ (2015: 37) zu fassen, betrachtet sie deren Gemachtheit und erläutert das an der Kategorie der Knappheit: „Das Zur-Neige-Gehen eines Stoffes […] per se konstituiert keine ,Knappheit‘ einer Ressource, sondern die metrologischen und technologischen Operationen, die diesen Zustand sichtbar

Abb. 4

machen, und die wissen(schaft)sbasierten Ansprüche, die diesen Zustand dann als Knappheit definieren, machen Güter knapp“ (ebd.: 40).
Diskurse, Wissen und auch Praktiken konstruieren damit Ressourcen und Knappheit, was jeweils situativ ausgehandelt wird und damit einen Objektivitätsanspruch unterläuft. Knappheit „ist vielmehr als eine jeweils unterschiedlich situierte Kategorie zu begreifen, deren Plausibilität durch spezielle Objektivierungsmechanismen hergestellt wird“ (ebd.: 47). Welz plädiert dafür, Knappheit als Produkt menschlichen Handelns zu betrachten. Das zeigt auch das Beispiel des Toilettenpapiers. Weder ein Produktionsausfall noch verlorengegangene Ware führten zu der Deutung von Knappheit. Vielmehr war es eine Umverteilungsproblematik, die durch Hamsterkäufe viele Packungen wenigen Akteur*innen zuordnete. Als knapp markiert wird das Toilettenpapier erst im Spannungsfeld der Praktiken des Hamsterkaufens, der Deutung der leeren Regale beim Einkauf und damit einhergehenden zukunftsorientierten Ängsten, der darauf folgenden Regularien und der medialen Aufarbeitung und Inszenierung. Diese Punkte laufen nicht getrennt voneinander ab, sondern bedingen sich gegenseitig und formen damit das mit, was als Knappheit gedeutet wird. Eine weitere Aufgabe wäre nun, diese Mechanismen und Dynamiken näher nachzuzeichnen, um die Verteilung von Deutungs- und Machtverhältnissen im Feld besser erfassen zu können.

Schnelllebigkeit der Krise

An dieser Stelle wird für mich auch deutlich, was die zentrale Herausforderung der Beforschung der gegenwärtigen Krise ist, die sich im Bereich der Wirtschaft vielleicht am stärksten wiederspiegelt: die Kurzlebigkeit und rasante Veränderung. Das Thema Toilettenpapier beispielsweise, das mir im März noch so prägnant erschien, ist inzwischen, nur wenige Wochen nach Beginn der Krise, eigentlich schon nicht mehr aktuell und hat im Feld an Bedeutung verloren. Stattdessen treten andere ökonomische Fragen auf, denen, das ist zumindest mein Eindruck, von den Akteur*innen eine höhere Brisanz zugeschrieben wird. Mir stellt sich dann die Frage, welche Auswirkungen das auf die ethnografische Arbeit hat. Das Potenzial unserer Disziplin ist es sicherlich im Kleinen, im Sichtbaren, die Unsichtbarkeiten und dahinterliegende politische Formationen aufzudecken und zu verstehen, wie es Jens Adam und Asta Vonderau deutlich machen (2014). Doch in welchem Maße sollte die Wahl der beforschten Phänomene auch durch das Feld geleitet werden und reflektieren, welche Erwartungen und Implikationen dort situativ regieren?

Lea Breitsprecher (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Jens Adam/Asta Vonderau (2014): Formationen des Politischen. Überlegungen zu einer Anthropologie politischer Felder. In: dies. (Hg.): Formationen des Politischen. Anthropologie politischer Felder. Bielefeld: 7-32.

Gisela Welz (2015): Knappheit – eine anthropologische Kategorie?. In: Grewe, Maria/Tauschek, Markus (Hg.): Knappheit, Mangel, Überfluss. Kulturwissenschaftliche Positionen zum Umgang mit begrenzten Ressourcen. Frankfurt a. M.: 35–56.

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