Der Geist ist aus der Flasche – 1/2

Wagt man eine kulturanalytische Zeitdiagnose oder gar eine Prognose, dann besteht immer die Gefahr, Kurzfristiges mit Langfristigem, Elementares mit Marginalem zu verwechseln. Was aktuell relevant wirkt, kann perspektivisch gesehen unbedeutend sein; was derzeit hingegen als abseitig erscheint, kann sich insgeheim als zentral und hochgradig folgenreich erweisen. Nötig ist daher eine Ausdifferenzierung von transitorischen und transformativen Aspekten. Während transitorisch einen vorübergehenden, nur relativ kurz andauernden Wechsel meint, bezeichnet transformativ eine nachhaltige, längerfristige, effektvolle Entwicklung. Das erste ist eine Umstellung, das zweite eine Umwandlung. Transitorisch benennt eine andere Gegenwart, transformativ eine andere Zukunft.

Eine solche Zukunft versteht der Kulturtheoretiker Arjun Appadurai als „a culturally organized dimension of human life“ (2013: 294): „We also need to remember that the future is not just a technical or neutral space, but is shot through with affect and sensation“ (ebd.: 286f.). Diese affektive Aufgeladenheit ist in der persönlichen wie öffentlichen Stimmung derzeit regelrecht greifbar. Doch mit dem abgegriffenen und sehr normativen Begriffspaar von Optimisten und Pessimisten kommt man, glaube ich, in der Analyse von „humans as future-makers“ (ebd.: 285) nicht besonders weit. Stattdessen möchte ich eine Kategorisierung in Progressivisten und Regressivisten vorschlagen. Beide verstehe ich dezidiert nicht als bestimmte oder bestimmbare Einzelpersonen, sondern als soziologische Denkfiguren. Sie stellen modellhafte Idealtypen bestimmter Deutungs- und Handlungsstile dar, in denen sich heterogene Kräftefelder und verschiedenartige Diskurse kreuzen.

Progressivisten

Kennzeichnend für Progressivisten sind die vielfachen „Krise als Chance“-Äußerungen. Betont wird die produktive Kraft von Zukunftsgestaltung, wie sie auch bei Appadurai durchtönt: „[T]he future is not a blank space for the inscription of technocratic enlightement or for nature’s long-term oscillations, but a space for democratic design that must begin with the recognition that the future is a cultural fact“ (ebd.: 299). Hoffnung müsse nicht nur als ein Produkt von Ausnahmesituationen und Notständen – aktuell etwa in Form der vielen „Alles wird gut“-Regenbogen-Schilder –, sondern als stetes Element alltäglichen Denkens und Handelns verstanden werden, fordert Appadurai. Ideen und Vorstellungen des guten Lebens seien zu verstehen „as a map of the journey from here to there and from now to then, as a part of the ethics of everyday life“ (ebd.: 292).

Stärker herauskommen als hineingeraten zu sein, ist die zentrale Deutung der Progressivisten. In ihr fungiert Hoffnung „as a feature of quotidian social life“ (ebd.: 289). Die Forderung nach einem ökologisch ausgerichteten Wiederaufschwung der Wirtschaft ist dafür ein gutes Beispiel, ebenso die Erwartung eines ersehnten Digitalisierungsschubs in der Schul- und Arbeitswelt. Oder auch individuelle Reflexionen darüber, was einem im Leben wirklich wichtig ist; moralische Motive von Solidarität und Vergemeinschaftung – wieder stärker auf den älteren Nachbarn zu achten oder öfter mal die Großcousine anzurufen. Die Corona-Krise habe dann, bei aller Tragik, auch etwas Gutes, ja sogar Heilsames. So wird sie jedenfalls von den Progressivisten umgedeutet zu einem Schritt der Veränderung nach vorn, getragen von „ethics of possibility“: „[T]hose ways of thinking, feeling and acting that increase the horizons of hope, that expand the field of the imagination, that produce greater equity in what I have called the capacity to aspire, and that widen the field of informed, creative, and critical citizenship“ (ebd.: 295).

Regressivisten

Aber es gibt auch ganz andere Tendenzen und Deutungen. Appadurai zitiert die Kapitalismuskritikerin Naomi Klein: „[N]ot so long ago, disasters were periods of social levelling, rare moments when atomized communities put disasters aside and pulled together. Today they are moments when we are hurled further apart, when we lurch into a radically segregated future where some of us will fall off the map“ (ebd.: 296). Die Antizipationen der Regressivisten angesichts solcher Entwicklungen sind das, was der Soziologe Zygmunt Bauman als „Retrotopia“ bezeichnet hat: „Statt in eine ungewisse und allzu offensichtlich nicht vertrauenswürdige Zukunft investierte man alle Hoffnungen auf gesellschaftliche Verbesserungen nunmehr in ein halbvergessenes Gestern, an dem man vor allem dessen vermeintliche Stabilität und folglich Vertrauenswürdigkeit schätzenswert fand. Durch diese Kehrtwende wird die Zukunft, vormals natürliches Habitat der Hoffnung und berechtigter Erwartungen, zum Schreckensszenario drohender Alpträume“ (2017: 14).

Zu den retrotopischen Tendenzen der Regressivisten kann man aktuell beispielsweise antiglobalistische Diskurse zählen, die zwar auch schon vor der Corona-Pandemie existierten, nun aber eine deutliche Verstärkung erfahren. Es geht um Kritik an internationaler Verflechtung und Supranationalität, um das Zurückweisen von Ambiguität und Komplexität, im Extremfall bis hin zu Verschwörungsmythen. Die geschlossenen Grenzen in Europa bilden zurzeit sicherlich den sinnbildlichsten Ausdruck für regressivistische Maßnahmen und eine Retropie, die Bauman zufolge „ihren Reiz aus der Hoffnung auf eine endgültige Versöhnung von Freiheit und Sicherheit“ (ebd.: 17) gewinnt. „Die Straße nach Morgen wird zum düsteren Pfad des Niedergangs und Verfalls“, schreibt er. „Vielleicht erweist sich da der Weg zurück, ins Gestern, als Möglichkeit, die Trümmer zu vermeiden, die die Zukunft jedes Mal angehäuft hat, sobald sie zur Gegenwart wurde?“ (ebd.: 15).

Unterscheidungen: Optimist, Pessimist, Stoizist

Es gibt wichtige Unterschiede des Progressivisten und Regressivisten zum Optimisten bzw. Pessimisten. Sie liegen im Grad des selbstständigen Handelns gegenüber des fremdbestimmten Sich-Fügens: Während der Optimist eher passiv auf das Kommende vertraut, weil eh schon alles gut werden wird, reagiert der Progressivist ziemlich aktiv mit einem gestalterischen „Hin-zu“ und dem Vorantreiben eines Kosmopolitismus. Und während der Pessimist eher passiv in Resignation versinkt, weil eh schon alles vergebens ist, reagiert der Regressivist ziemlich aktiv mit einem „Zurück-zu“ und dem Vorantreiben eines Isolationismus. Beide Sozialfiguren zeichnen sich nicht durch Untätigkeit, sondern durch je spezifische, intervenierende Praxisformen aus. Im Gegensatz zur Optimist-Pessimist-Paarung richtet die Kategorisierung von Progressivisten und Regressivisten den Blick nicht nur auf bestimmte Denkhaltungen und Deutungsstile, sondern auch auf die daraus hervorgehenden, konkreten Handlungspraktiken. Die Gegenüberstellung eines progressiven „Hin-zu“ und eines regressiven „Zurück-zu“ kann daher auch die sich aktuell verschärfenden gesellschaftlichen und politischen Polarisierungen angemessener beschreiben.

Allerdings beinhaltet eine eingängige Einteilung immer auch eine gewisse ‚faktische Kraft des Normativen‘ und verführt dazu, sie allzu ernst zu nehmen. Das strukturalistische Zweierschema suggeriert ein plakatives Entweder-Oder. Zu ergänzen wäre daher mindestens eine dritte, aber konzeptionell ziemlich diffuse Kategorie, für die ich bisher keinen passenderen Begriff gefunden habe als die des Stoizisten. Dessen Devise ist es gerade nicht, engagiert zu handeln, sondern vielmehr, bisweilen apathisch abzuwarten und die Lage auszusitzen. Für ihn ist die Zukunft nicht affektiv aufgeladen, weder positiv noch negativ. Keine Hoffnungen, die enttäuschend, keine Ängste, die lähmend wirken könnten. Intervention ist seine Sache nicht. Es könnte bald zunehmend ungemütlich für ihn werden. Denn ein Geist ist aus der Flasche.

Welcher Geist, das erläutert der zweite Teil dieses Beitrags.

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Arjun Appadurai 2013: The Future as Cultural Fact. In: ders.: The Future as Cultural Fact. Essays on the Global Condition. London, Brooklyn/NY: 285–300.

Zygmunt Bauman 2017: Retrotopia. Berlin.

Ein Gedanke zu „Der Geist ist aus der Flasche – 1/2“

  1. Möglicherweise ist die dritte Kategorie eine Kombination aus Regressivisten und Progressivisten. Also ein weitergeführtes „Sowohl als auch“ Schema. Dazu müssten die Progressivisten, die mir aktiver erscheinen, den Schritt in Richtung Perspektive der Regressivisten machen. Der Rückzug auf den eigenen Standpunkt auf beiden Seiten führt zu Stagnation. Ein Dialog zwischen allen ist unbedingt anzustreben. Ebenso ein Zusammenschluss zwischen allen progressivistischen Strömungen. Täten sich alle zusammen und sähen sie eine empathische und fürsorgende Menschheit als gemeinsames Ziel bzw. als gemeinsamen Nenner, entstünde ein neues globales Narrativ, wie „Leben funktioniert und gelingen kann“.

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