Skypst du noch oder zoomst du schon?

Zu den Uniseminarsitzungen treffen wir uns über Jitsi, der wöchentliche Kaffee mit der besten Freundin wird über Skype getrunken und an Institutskolloquien nimmt man jetzt über Zoom teil (dazu später mehr): Während der Corona-Pandemie eröffnen sich neue Erfahrungswelten rund um Skype, Zoom und Co. Der Videochat tritt an die Stelle des physischen Face-to-Face. Sogar der Messengerdienst WhatsApp hat in den vergangenen Wochen aufgerüstet und ein Update rausgebracht, das jetzt auch Gruppenvideochats ermöglicht. Der gemeinsame Abend im Freundeskreis beim Gläschen Wein ist also gesichert. Lebenswelten scheinen sich immer stärker in das Digitale zu verlagern. Wie ist aber dieses Miteinander einzuordnen? Ist es neu oder ein Ersatz? Wie steht es im Verhältnis zur physischen Interaktion und wie konstituiert sich dabei das Soziale?

Nähe und Distanz

Das SZ Magazin postete wenige Tage nach dem Beginn der Kontaktbeschränkungen seine neue Vokabel der Woche: „social distancing“. Ein paradoxer Begriff für die Autor*innen. Ihre knappe glossarartige Definition lautet: „Englisch für räumliche Trennung oder zumindest räumliche Distanz. In Zeiten der Viruserkrankung bekanntermaßen ein Mittel, um die Ansteckung zu verhindern. Ein bisschen missverständlich aber ist dieser gängige Begriff. Denn was gebraucht wird, ist ja eher: physical distancing, social caring. Also: physische Distanz bei sozialer Nähe.“

Dieser Zusammenhang wurde auch auf breiter Ebene medial verhandelt: Jetzt sei es Zeit, wieder mit den Menschen in Kontakt zu treten, die man seit längerem nicht mehr gesehen hat, sich bei der Familie zu melden und Freundschaften zu pflegen, mittels WhatsApp und Co. Solidarität und Nähe scheint nur einen Klick entfernt. Facebook hat dafür sogar letzte Woche eine neue Reaktion eingeführt: ein lächelnder Smiley mit zugekniffenen Augen drückt liebevoll ein rotes Herz an sich. Der Technikgigant schreibt zur Einführung: „Gemeinsam gegen die Einsamkeit. Wir haben eine neue Reaktion eingeführt, mit der wir Freunden und Verwandten zeigen können, dass wir in Gedanken bei ihnen sind – besonders in Zeiten wie diesen, da viele von uns von ihren Liebsten getrennt sind.“

Das Soziale im Digitalen

Kommen wir aber nochmal zurück auf den Begriff des social distancing. Er impliziert generell ein Verständnis des Sozialen, das sich lediglich auf den „analogen“ Raum bezieht und dadurch an physische Präsenz gebunden ist. Digitalen Lebenswelten wird das Soziale nicht zugeschrieben. Das ist durchaus eine Deutung, die einem aus der Alltagserfahrung bekannt sein mag. Die Aussage, dass die Kontakte über Social Media keine Freund*innen seien und man doch lieber nach draußen gehen solle, haben wohl viele Jugendlichen schon einmal zu hören bekommen. Videochats, Telefonate, SMS und Facebook-Reaktionen stellen diese Perspektive in Frage.

Dass diese kategoriale Unterscheidung aufgelöst werden sollte, machte der Sozialanthropologe Stefan Beck bereits 2015 in seinem Aufsatz Von Praxistheorie 1.0 zu 3.0 – oder: wie analoge und digitale Praxen relationiert werden sollten deutlich, indem er der Frage nachging, wie sich das Soziale auch durch digitale Praxen (re-)produziert und welche Rückwirkungen das auf den Menschen hat. Dabei machte er deutlich, „dass Analoges und Digitales nicht zwei Welten angehört, sondern dass permanente Translationen und organisierte Übergänge zwischen Analogem und Digitalem zu beobachten sind; und dass analoge und digitale Prozesse so untrennbar aufeinander bezogen sind, dass nur ein genaueres Verständnis dieser Relationalität analytischen Gewinn verspricht. Und schließlich, dass das Soziale nicht jenseits, sondern in den technologischen Arrangements selbst gesucht werden sollte“ (Beck 2015: 3).

Das (un-)gewohnte Digitale

An dieser Stelle ist klar, dass das Soziale, trotz Kontaktbeschränkungen im physischen Raum, nicht verloren gegangen ist, sondern sich auch im Digitalen konstituieren kann und dies bezogen auf das Arbeitsleben, das Studium und Freundschaften. Bisher ungeklärt geblieben ist allerdings das Verhältnis der digitalen Praxen zu den gewohnten Interaktionen im analogen Raum. Vor einigen Wochen habe ich mich am Telefon mit einer Freundin darüber unterhalten, wie wir jeweils mit der gegenwärtigen Situation umgehen. Sie gab dabei an, Treffen mit Freund*innen zu gemeinsamen Spaziergängen zu vermeiden, obwohl das von politischer Seite mit ausreichend Sicherheitsabstand genehmigt wäre. Sie selbst deutete dies damit, dass ihr der Wegfall bekannter Interaktionsmuster bei physischen Begegnungen, wie zum Beispiel die Umarmung zur Begrüßung, die Krisenhaftigkeit der gegenwärtigen Situation stärker vor Augen führen würde, als es beispielsweise bei Videochats mit Freund*innen der Fall sei. Diese führe sie wiederum täglich und manche sozialen Kontakte hätten sich dadurch sogar intensiviert.

Es fällt schwer, das Skypen oder Zoomen als Ersatz für die Interaktion im analogen Raum zu betrachten, das wäre sicherlich auch ein verkürzter Blickwinkel. Wie zuvor bereits herausgestellt wurde, ist Alltag nicht entweder analog oder digital. Meistens sind es hybride Mischformen, die die alltäglichen Praktiken prägen, jedoch mit jeweils anderen Akzentuierungen, abhängig von der Situation. Ich behaupte, dass vor Corona direkten Face-to-Face Interaktion ein höherer Stellenwert im Alltag zugeschrieben wurde. Dass soll nicht in einer Hierarchisierung oder Wertung in Bezug auf das Verhältnis von „analog“ und „digital“ münden, sondern lediglich verdeutlichen, dass manche Praktiken je nach Kontext und Situation eine stärkere Bedeutungszuschreibung erfahren. Daraus ergibt sich auch, dass sich Routinen vornehmlich um das jeweils Prägnantere herum ausbilden. Für meine Freundin wird das Gewohnte im Treffen mit einer Bekannten auf der Straße in Frage gestellt und die Deutung des Alltages gerät ins Wanken. Videochats sind eher eine neue Situation, die noch nicht routinisiert ist und kennzeichnen daher weniger stark das aktuell Disruptive im Alltag und damit die Krise. Dennoch bedienen sie sich auch an dem, was den Prä-Corona-Alltag ausmachte, bezogen auf das Bild eines physischen Gegenübers (auch wenn es hier nur auf dem Screen ist) als auch auf die damit verbunden Praktiken, wie das gemeinsame Kaffeetrinken oder die Arbeitskonferenz. Das Setting durch Webcam und Mikrofon innerhalb der eigenen vier Wände markiert diese allerdings als eine neue Hybridform, die somit Abstand nimmt von den gewohnten routinisierten Handlungen.

Routinen im Digitalen – do it yourself!

Gleichzeitig bleibt wie eigentlich immer in der Kulturanthropologie festzuhalten, dass die Bewertung und Deutung der jeweiligen Praktiken höchst kontingent ist und sowohl von den Akteur*innen und ihrem jeweiligen Medienwissen als auch von der Situation, gepaart mit den an sie gerichteten Erwartungen und den sich ergebenden Netzwerken, abhängt. Es wird spannend sein zu beobachten, wie sich im Kontext der digitalen Praktiken in der kommenden Zeit Routinen einüben werden. Die Forderung, Videokonferenzen beizubehalten, um auch klimafreundlicher zu handeln, wurde bereits laut.

Wer an dieser Stelle selbst seine digitalen Praktiken noch einmal auf einer anderen sozialen Ebene erproben möchte, hat die Chance, über den PC oder das Handy an der Vortragsreihe der Abteilung Kulturanthropologie der Universität Bonn teilzunehmen – über Zoom. Vier Vorträge von unterschiedlichen Fachvertreter*innen widmen sich ab heute, verteilt über das gesamte Semester, dem treffenden Thema „Anthropologie in Zeiten der Krise. Konflikte um Ressourcen, Wissen und Deutungsmacht“.

Programm des Kolloquiums der Abteilung Kulturanthropologie der Uni Bonn (Vorträge mit anschließender Diskussion):

06.05.2020 – 18.15 Uhr
Prof. Dr. Jörg Niewöhner (Humboldt-Universität, Berlin)
„Reflexion, Diffraktion, Rekursivität. Ethnographische Theoriearbeit in Ko-laborativen Modi“

17.06.2020 – 18.15 Uhr
Dr. Marion Näser-Lather (Philipps-Universität Marburg)
„Wissenschaft im Konfliktfeld antifeministischer Diskurse –  Strategien im Kampf um Deutungsmacht“

01.07.2020 – 18.15 Uhr
Jun.-Prof. Meike Wolf (Goethe-Universität, Frankfurt)
„Kulturanthropologische Perspektiven auf Pandemieforschung“

08.07.2020 – 18.15 Uhr
M.A. Patrick Wielowiejski (Humboldt-Universität, Berlin)
„Strategischer Agonismus. Forschung in rechten Feldern zwischen ethnografischer Offenheit und antifaschistischer Haltung“

Anmeldungen und Teilnahme:

Alle Vorträge finden online und live via Zoom statt. Zur Teilnahme melden Sie sich bitte unter vortragsreihe@uni-bonn.de unter Angabe des Vortrags bis spätestens einen Tag vor der Veranstaltung an.

Sie erhalten den Einladungslink zum Vortrag per Mail. Außerdem erhalten Sie ein Thesenpapier der/des Autor*in, falls Sie sich auf die gemeinsame Diskussion im Anschluss vorbereiten möchten.

Informationen und Abstracts finden Sie auch hier.

Lea Breitsprecher (Freiburg im Breisgau)/Abteilung Kulturanthropologie der Uni Bonn (Veranstaltungsprogramm)

Literatur

Stefan Beck (2015): Von Praxistheorie 1.0 zu 3.0 – oder: wie analoge und digitale Praxen relationiert werden sollten. (Keynote bei der Tagung „Digitale Praxen“ an der Goethe Universität in Frankfurt a. M.). Online abrufbar unter: http://www.academia.edu/10952692/ [05.05.2020].

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