Aus dem Leben einer Straße: von Abläufen, Routinen und Brüchen – 2/2

— Der erste Teil dieses Beitrags findet sich hier. —

In der kulturwissenschaftlichen Katastrophenforschung wird der Verlust von Selbstverständlichkeiten als eine der weitreichenden kulturellen Folgen genannt.1 Wir gelangen an die Grenzen unserer Erfahrung, weil wir nicht auf Früheres, schon Erlebtes zurückgreifen können und auch, weil die neuen Gegebenheiten nur bedingt abgleichbar sind mit dem Wissensvorrat, den wir uns über die Zeit und im Zusammenspiel mit Anderen angelegt haben. Die Soziologen Alfred Schütz und Thomas Luckmann (2017 [1979]) sprechen von der Krise als einer Unterbrechung im „Ablauf der Selbstverständlichkeitskette“ (ebd.: 38) und machen damit deutlich, wie wir üblicherweise in einer fortlaufenden Routine unseren Alltag bestreiten, indem wir auch mit Neuerungen und kleineren Erschütterungen anhand unseres weiten Erfahrungsschatzes relativ unbeschwert umgehen und das „fraglich Gewordene in neue Fraglosigkeit“ überführen können (ebd.: 35). Den Döner aus einer Luke statt wie sonst am breiten Tresen im Laden entgegenzunehmen, gehört da noch zu den Neuerungen, die als „kleine Transzendenzen“, also Grenzen unserer Erfahrung, unsere Gewohnheiten zwar durchbrechen, deren Bewältigung uns jedoch leichter von der Hand gehen. Denn immerhin schließen sie an Gegebenheiten an, mit denen wir, wenn auch nicht im speziellen Fall, dann doch allgemeiner gehalten bereits vertraut sind.

Ein DIN-A4-Zettel an der Türe des Imbisses ruft mir die Gebote unserer Zeit in Erinnerung: „Bitte halten Sie Abstand!“ Darunter dann der Wunsch, dass wir alle  ja dennoch versuchen sollten das Beste daraus zu machen. Ein hoffnungsvoller Ton, den ich als Versuch lese, den diffusen Erfahrungen der Krise „einen Sinn und eine Form zu geben, sie greifbar und tradierbar zu machen“ (Johler u. a. 2018: 326). Und während Andere eben das entstandene „Sinnvakuum“ (ebd.: 325), ausgelöst durch den Bruch des Alltäglichen, ausfüllen, indem sie beherzt die Kochlöffel schwingen und endlich tief in der Yoga-Position ‚die Taube‘ versinken können, so möchte der Imbiss mit seiner Beschilderung mir doch nur freundlich zurufen: Alles nicht so schlimm, solange der Spieß sich weiter um die eigene Achse dreht.

Und sowieso, all die Hinweis-Schilder: Eilig ins Schaufenster gehängte Poster deuten auf ‚die Lage‘ hin, informieren über Verhaltensregeln, spezifizieren. Die geschlossenen Cafés malen traurige Smileys auf ihre Tafeln, der Buchladen erklärt, wie das Abholsystem funktioniert und bei Edeka einige Häuser weiter versucht man wöchentlich, mit neuen Formen der Kennzeichnung die störrische Kundschaft zu leiten. Manche dieser Zettel sind schon nach wenigen Wochen derart ausgefranst, dass schon die schwindende Materialität ein Gefühl von leidigem Zwischenzustand vermittelt und uns andeutet, all das könnte bald schon wieder vorbei sein. Zurück zur Normalität, so der viel geäußerte Wunsch. Dann müsse man ja nur die Hinweise entfernen, den Tesa von der Scheibe kratzen und schon könne man sich wieder enthemmt umarmen und anderen Menschen während des Schlange-Stehens in den Nacken atmen. Die Sehnsucht nach der „Rückkehr zum Alten“ (Hinrichsen u. a. 2014: 82), zum normalen Leben, zu Alltag und Routine in all ihrem erfrischenden Trott, höre ich immer wieder in den Gesprächen, an denen ich auf der Straße vorbeigehe, wenn sich zwei Menschen über die vorgegebenen eineinhalb Meter hinweg unterhalten.

Die Gegenwart der Vergangenheit, so Pierre Bourdieu (1987: 116), sei nie besser erkennbar, als wenn der Sinn der wahrscheinlichen Zukunft plötzlich Lügen gestraft werde. Er meint damit eben jene Verhaftung im Sosein, die Starrheit unserer Dispositionen, die plötzlich nicht mehr zu den objektiven Gegebenheiten zu passen scheinen. Und so passiert es, dass sich Menschen entgegen aller Warnungen zur Begrüßung in die Arme fallen – selbst wenn sie durchaus versuchen, eine andere Form dafür zu finden –, sich trotzdem rund achthundert Mal täglich ins Gesicht fassen2 und eine Freundin mir kürzlich wie selbstverständlich einen Schluck aus ihrer Bierflasche anbot, als wir uns auf ein distanziertes Getränk am Späti trafen. Unser Körper „ruft sich nicht die Vergangenheit ins Gedächtnis, sondern agiert die Vergangenheit aus, die damit als solche aufgehoben wird, erlebt sie wieder“ (ebd.: 135). Und so bin auch ich, ob am Fenster oder in Begegnung auf der Straße, in einem Zustand des permanenten Verhandelns zwischen der gar nicht so fernen Vergangenheit, einer fragilen Gegenwart und einer noch ungewissen Zukunft, die es alltagsmäßig zu bestreiten und zu gestalten gilt.

Wie sich unser Alltag verändern wird, welche Praktiken wir erlernen, welche wieder vergessen werden, auf welche Weise und nach welcher Vergangenheit, welcher Erfahrung unsere Körper zukünftig agieren werden, sind Fragen, die eine kulturwissenschaftliche Beobachtung und Analyse erfordern. Wir werden wohl neue, alltagspraktische Formen des Ausdrucks von Freude, von Respekt, von Anerkennung, von Geselligkeit und Gemeinschaftlichkeit hervorbringen, wenn körperliche Nähe für einige Zeit wegfällt, wir uns nicht berühren, auf die Schulter klopfen, den Arm tröstend um jene legen, die sich einsam fühlen, uns Geheimnisse ins Ohr flüstern oder schlicht nah beisammen einen Döner bei unserem Lieblingsimbiss essen gehen können. Eine kulturwissenschaftliche Perspektive hilft dabei, den Wandel und seine Ambivalenzen verständlich zu machen, sie zu deuten und einzuordnen.

Die Tram vor meinem Haus jedenfalls fährt noch immer in ihrem gewohnten Takt. Inzwischen öffnet der Einzelhandel wieder seine Pforten. Die Schlangen und Hinweisschilder werden bleiben, Gesichtsmasken sind gekommen und ich hoffe darauf, dass die Ellbogen-Begrüßung mir auch irgendwann leichter fällt, auch wenn meine Bewegungen noch, wie den beiden Freunden auf ihrem Weg zum Imbiss, ungelenk scheinen, unsicher und unkoordiniert. Wir werden uns wieder begegnen und auf dem Weg dorthin möglicherweise veränderte Routinen erzeugen. Wir werden den Raum weiterhin spürbar erschließen und uns wieder zurückziehen. Ich sitze dann an einem anderen Fenster. Wenn ich dort hinaus schaue, fällt mein Blick  zuerst auf den großen Baum, dessen Zweige mittlerweile fast an das Fensterbrett reichen. In den Wochen der Krise präsentiert er mir statt Fragen schlicht seine neuen Knospen und Blätter, klein und hellgrün reflektieren sie das Sonnenlicht. Manches bleibt beständig, manches kommt unvorhergesehen, wechselt sich ab, anderes geht. Eigentlich wie immer.

Nikola Nölle (Freiburg im Breisgau, Leipzig)

Literatur

Pierre Bourdieu (1987): Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, Frankfurt am Main.

Jan Hinrichsen, Reinhard Johler und Sandro Ratt (2014): Katastrophen. Vom kulturellen Umgang mit (außer)alltäglichen Bedrohungen. In: Ewald Frie, Mischa Meier (Hg.): Aufruhr, Katastrophe, Konkurrenz, Zerfall. Bedrohte Ordnungen als Thema der Kulturwissenschaften. Tübingen: 61–82.

Reinhard Johler u. a. (2018): Die Kultur der Katastrophen. Forschungsperspektiven der deutschsprachigen Ethnologie/Kulturwissenschaft. In: Johannes Moser (Hg.): Themen und Tendenzen der deutschen und japanischen Volkskunde im Austausch. Münster, New York: 317–337.

Alfred Schütz, Thomas Luckmann (22017): Strukturen der Lebenswelt. Konstanz [Erstausgabe 1979].


1 | Exemplarisch hierfür die kulturwissenschaftlichen Positionen des Tübinger SFB 923 „Bedrohte Ordnungen“, unter anderem Johler u. a. 2018; Hinrichsen u. a. 2014 sowie die Beiträge von Paul Hugger, Helge Gerndt und anderen in der Zeitschrift für Volkskunde (86) 1990.

2 | Die Seite https://donottouchyourface.com/ will mithilfe der Webcam dabei helfen, sich bei der Arbeit am Computer nicht so oft ins Gesicht zu fassen. Nicht im Selbsttest geprüft [Zugriff: 15.04.2020].

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