MNS – oder zur Vieldeutigkeit der materiellen Welt

Kaum ein Gegenstand scheint in Zeiten von Corona so umstritten zu sein wie der Mund-Nasen-Schutz. An diesem Ding entspinnen sich komplexe Diskurse um Individualität, Prävention; es geht um ästhetisches und körperliches Empfinden, am Mund-Nasen-Schutz scheidet sich auch die wissenschaftliche Expertise – und an ihm werden Verschwörungstheorien und politische Meinungsmache um die Gefährlichkeit des Virus festgemacht.

Der Mund-Nasen-Schutz ist – so könnte man kulturwissenschaftlich argumentieren – ein Metasymbol. Denn in all diesen Diskursen geht es, wie die Material Culture Studies an vielen Beispielen von der Coca-Cola-Flasche bis zur Nofretete gezeigt haben, nie nur um die reine Funktion, sondern die unterschiedlichsten Themen sind in Debatten aber auch in der alltäglichen Nutzung gleichermaßen aufgerufen. 

Da geht es – in der medialen Berichterstattung wie in den sozialen Medien – zunächst einmal um Fragen der Kultur. Als Kulturwissenschaftler*in zuckt man hier sofort zurück, denn was da als Kultur verstanden wird, greift auf einen nationalstaatlichen Container zurück, den wir wissenschaftlich zum Glück längst in die Schrottpresse gesteckt haben. Denn da wird argumentiert, dass in asiatischen Ländern der MNS flächendeckend akzeptiert würde, während das bei uns nicht der Fall sei. Was dieses „bei uns“ eigentlich genau meint, bleibt vollkommen unklar. Denn bewegt man sich in Freiburg oder wahrscheinlich in egal welcher deutschen Stadt, dann sieht man – zum Glück – längst Menschen, die einen Mund-Nasen-Schutz tragen und dem zögerlichen politischen Entschluss vorgreifen. Die Motivationen mögen dabei sicherlich ganz verschieden gelagert sein. In dieser Kultur-Debatte (in anderen „Kulturen“ sei der Mundschutz weniger problematisch) geht es dann schnell auch um Fragen der Individualität.

Ein zweiter zentraler Punkt ist die Rolle wissenschaftlicher Expertise oder wissenschaftlichen Wissens. An den epidemiologischen Debatten lässt sich sehr gut sehen, wie wissenschaftliches Wissen eben auch umstritten oder umkämpft ist. Und gleichzeitig firmieren hinter den wissenschaftlichen Debatten auch noch wirkmächtige andere Positionen: Etwa die Frage nach den Wähler*innenstimmen (Mundschutz wird dabei als wenig populäre Maßnahme imaginiert) oder nach den Hierarchien der Notwendigkeit. Deshalb auch der sicher sinnvolle Hinweis, dass spezielle Masken eben nur für medizinisches Personal reserviert bleiben müssen.

Der MNS steht schließlich auch für global vernetzte und neuerdings viel stärker für lokale Ökonomien. Das globale Moment wurde für mich besonders sichtbar, als das ökonomisch wohl einflussreichste Land plötzlich medizinische Mundschutze Deutschland weggeschnappt haben soll. Es wäre eine eigene kulturwissenschaftliche Studie, die Debatten um die globalen Herstellungs- und Handelsketten mit den sich anschließenden Diskursen um die Frage, wer was wann für wieviel Kapital bekommt bis ins Detail nachzuverfolgen. Man lernt dabei sicher viel über globale Ungleichheiten, postkoloniale Strukturen, Solidarität oder ihr entgrenztes Gegenteil. Gleichzeitig boomen vor Ort kleine ökonomische Innovationen: Vom Modeladen, der aus Designer-Stoffen Mundschutz à la haute couture anbietet, bis zur Änderungsschneiderei am Eck. Bisweilen entsteht der Eindruck, der Schwarzmarkt der Nachkriegsjahre würde hier unter neuen Vorzeichen wiederbelebt.

Aus der eher assoziativen Reihe vielleicht noch ein weiterer Punkt: Der Alltag. Kulturwissenschaftlich ist dabei zunächst einmal interessant, welche Wissensbestände hier aufgerufen sind: Wann und wie waschen? Wo lege ich das Ding so ab, dass der Virus möglichst nicht in der ganzen Bude oder in der Waschmaschine flächendeckend verteilt wird? Wie trage ich das Ding überhaupt richtig? Und wann setze ich es ab?

Ein weiterer Aspekt mögen soziale Konflikte sein, die sich hier aufspannen und die mit ebenfalls komplexen ethischen Fragen verbunden sind. Aus dem Freundeskreis höre ich, dass sich Kolleg*innen an einem nicht-akademischen Arbeitsplatz vehement weigern, einen MNS zu tragen. Die einen kommen mit Verschwörungstheorien daher, die anderen sind in eine Art Fatalismus verfallen, da doch mittelfristig eh jede*r den Virus bekomme, wieder andere finden das Ding unbequem oder zu wenig schön. Der Konflikt begann aber dann, als es um Verantwortung und Prävention ging: Müssen Kolleg*innen mit Vorerkrankungen dann zuhause bleiben? Muss man sich outen, wenn man eine Vorerkrankung hat?

Weit weniger ethisch herausfordernd ist der kulturwissenschaftliche Blick auf die Ästhetiken. Denn binnen kürzester Zeit wurde der MNS zur individuellen Leinwand der Selbstinszenierung und damit natürlich auch ein Ort der Distinktion. Wer noch die epidemiologisch wirksameren FFP2- oder FFP3-Masken ergattert hat, weil er oder sie schon zu Zeiten von SARS mit einer globalen Pandemie gerechnet hat, vermittelt mit dem Tragen – ob willentlich oder auch nicht – immer auch präventives Bewusstsein oder medizinisches Fachwissen. Wer skandinavische Muster trägt, trägt Geschmack nach außen und so weiter.

Und reizvoll wäre schließlich auch ein kulturwissenschaftlich informierter Blick darauf, wie Ironie und Humor bei der Veralltäglichung eines Gegenstands eingesetzt werden, der uns ohne jeden Zweifel sichtbar einer zentralen Ausdrucksmöglichkeit beraubt. Wer darüber mehr erfahren will, könnte einfach nur die Posts der heute-show auf Instagram ansehen oder mal nach Haustieren mit Mundschutz im Netz suchen.

Diese assoziative Reihe an kulturwissenschaftlich weiterzuverfolgenden Perspektiven auf den MNS (auch begrifflich müsste man hier noch genauer hinschauen: Wie wird das Ding jeweils benannt?) wird in der kommenden Woche sicher noch zu erweitern sein, wenn wir im öffentlichen Nahverkehr und beim Einkaufen nur noch mit MNS unterwegs sein dürfen. In jedem Fall wird auch das flächendeckende Tragen nicht zu dem Trugschluss führen, dass wir es immer mit demselben Phänomen zu tun haben. Denn auch hier gilt – wie in der kulturwissenschaftlichen Forschung ja eigentlich immer –, dass ein genauerer Blick erst zeigt, ob jemand das Ding aus Überzeugung, mit Widerwillen, als Protest gegen Kolleginnen und Kollegen, die das eben nicht tun möchten, oder mit welchen ästhetischen Präferenzen trägt (oder in unterschiedlichen Situationen etwa alles gleichzeitig).

Und um den Bogen zum Beginn noch einmal zu spannen: Wie so oft eröffnet der Blick auf die Alltagsdinge – oder wie hier auf solche, die gerade erst eines werden – den Blick auf die ganze Welt: Von Ökonomien über politische Strukturen bis hin zu Ästhetiken und körperlichem Empfinden.

Markus Tauschek (Freiburg im Breisgau)

Foto: Heiliger Josef mit MNS in einem Freiburger Innenhof (Markus Tauschek)

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