Von Bewegung und Stillstand

Für mich – kurz nach der Wiedervereinigung geboren, in einer Europäischen Union mit offenen Grenzen aufgewachsen, in Besitz eines deutschen Passes und dem dazugehörigen stereotypen Aussehen – ist freie Mobilität selbstverständlich. Ich finde es wunderlich paradox, dass ein Virus, das rasend schnell um die Welt reist, gerade für so viel Stagnation sorgt. Im Stillstand liegt aber auch die Möglichkeit, über die Bedeutung von Bewegung nachzudenken.

Ein Sonnenbalkon unter vielen

9,80 Sekunden. Das ist die durchschnittlich gemessene Zeit, die ich benötige, um vom Bett zu meinem Arbeitsplatz und von dort zum Feierabendbier mit Freunden zu gelangen. Mein Aktivitätsradius: 52,60 Quadratmeter, laut Mietvertrag und inklusive Sonnenbalkon. Noch vor fünf Wochen war es für mich einfach, nach Slowenien zu reisen, Besuch aus Nepal zu bekommen und mich regelmäßig mit einem Freund zu treffen, der im nahegelegenen Frankreich wohnt. Nun ist die Bewegungsfreiheit, die mich so selbstverständlich umgab, eingeschränkt. Meine Welt ist ziemlich klein geworden. Reisen, pendeln, schnell mal rausgehen und nach Hause kommen – diese Dinge sind für mich so sehr Normalität, dass sie mir nun schmerzlich fehlen.

Dass ich mit diesem Gefühl nicht alleine bin, erkenne ich, wenn ich durch die Landschaften sozialer Medien wandere. Dort sehe ich Adaptionen von U-Bahn-Plänen, die nun auf die eigene Wohnung angepasst wurden (Richtung Badezimmer, Knotenpunkt Kühlschrank, Endstation Schlafzimmer) und Karten mit potenziellen Urlaubsgebieten (Balkonien, Großbettannien, Bangladusche). Wenn alles plötzlich stillsteht, scheint einigen Menschen bewusst zu werden, wie sehr Mobilität ihr Leben prägt und vielleicht auch, was für ein hohes Gut sie ist.

Bewegung ist überall. Vorstellungen, Dinge, Menschen und eben auch Viren sind kontinuierlich auf der Reise um die Welt. Das beobachtete unter anderen der britische Soziologe John Urry. Auch eine Pandemie wie der Ausbruch von SARS 2002/2003, meint er, könne diese umfassende Mobilität nicht stoppen. Was Urry für SARS feststellte, gilt auch heute für Covid-19. Auch wenn es sich für mich, zurück geworfen auf 52,60 Quadratmeter mit Sonnenbalkon, nicht so anfühlt, es ist immer noch viel in Bewegung da draußen: Hilfsgüter, medizinisches Wissen oder auch Praktiken des Durchhaltens wie beispielsweise dem gemeinsamen Singen von den Balkonen, egal ob diese an den Kanälen von Venedig oder in der Runzstraße in Freiburg liegen.

Zunehmende Mobilität verknüpft die Welt. Wie verwoben sie tatsächlich ist, auch das zeigt uns das neue Corona-Virus. Noch im Dezember habe ich mit einer gewissen Teilnahmslosigkeit die Nachrichten aus Wuhan gelesen. War alles ziemlich weit weg. So weit weg, wie es auch der Krieg im Jemen, die Menschrechtsverletzungen in Indien oder die Geflüchteten auf Lesbos sind. Der Ethnologe Arjun Appadurai spricht davon, dass durch Denken und Handel Räume entstehen, nahe und fern gelegene. Indem ich mich einer bestimmten Situation, Region, einem Nationalstaat oder Erdteil zugehörig, mich für ihn zuständig und von den Geschehnissen dort betroffen fühle, erschaffe ich auch immer Räume mit, die mich nichts angehen, die mich nicht wirklich betreffen. Durch das Virus und seine Ausbreitung über Grenzen hinweg, von Erdteil zu Erdteil, in meiner Stadt, in mein Leben und auf meinen Sonnenbalkon, verändern sich nun meine Wahrnehmung von Zuständigkeit und Betroffenheit. Meine Bewegungsfreiheit, die ich so sehr vermisse, ist ein Privileg, sie kommt nicht ohne Verantwortung aus.

Hier liegt eine Chance der aktuellen Situation: Ich, wir alle vielleicht, müssen umdenken, müssen unsere alten Raumvorstellungen über den Haufen werfen und globalere, facettenreichere, allumfassendere Zuständigkeitsräume für uns errichten. Nicht nur in der aktuellen Situation, sondern auch darüber hinaus. Es ist unsere Aufgabe, das Große mit dem Kleinen zu verbinden, anstatt es gegeneinander auszuspielen. Abschottung, Populismus, erstarkende Nationalstaaten oder der Wunsch nach religiöser Homogenität dürfen keine Lösungen sein. Globale Verbindungen formen das Lokale, das, und hier bin ich wieder zurück bei Appadurai, mehr relational und kontextgebunden denn als räumliche Größenordnung verstanden werden sollte. Wie ich mich verhalte, wie ich mich einbringe und wie ich die Welt sehe, hat Auswirkung auf sie. Auch das können wir vom Virus lernen.

Mir ist nun klar: Mobilität ist ein fragiles, wertvolles Gut. So nötig im Moment der Rückzug ins Kleine ist, umso wichtiger wird es werden, für die Öffnung von Grenzen, für eine gerechte Verteilung von Bewegungsfreiheit zu kämpfen und sich daran zu erinnern, dass auch die scheinbar entferntesten Ereignisse uns selbst betreffen. Von der Haltestelle am Kühlschrank ist es manchmal nur ein Katzensprung an die Elfenbeinküste und von dort zu erfundenen Urlaubszielen. Die Erde umfasst ungefähr 510.000.000 Quadratkilometer und meine 52,6 Quadratmeter mit Sonnenbalkon sind ein Teil davon.

Ruth Weiand (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Appadurai, Arjun (1996): Modernity at Large. Cultural Dimensions of Globalisation. Minneapolis, London.

Sheller, Mimi/Urry, John (2006): The new mobilities paradigm. In: Environment and Planning 2/38: 207–226.

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