Muße in Zeiten von Corona

Neben Berichten über gesundheitliche, soziale, politische und ökonomische Probleme und Notlagen in der Corona-Krise, die in diversen Livetickern dargestellt werden, neben Aktionen und Gesten der Solidarität und des (galgen-)humoristischen Umgangs mit der von vielen als surreal empfundenen Situation, gibt es auch eine verbreitete Deutung, die das Positive herauszustellen versucht: die Krise als Chance.

Es gibt auch gute Nachrichten, positive Effekte: Die Verbesserung der Luftqualität in Großstädten zum Beispiel, die Steigerung des Ansehens bestimmter Berufsgruppen, das Voranschreiten der Digitalisierung oder die nun ernsthafter geführte Diskussion über das Bedingungslose Grundeinkommen. Und auch auf individuell-alltäglicher Ebene kommt eine Hoffnung auf: Die Möglichkeit – als Effekt der verordneten Notwendigkeit – aus dem Stress, der Hektik, der ständigen Beschleunigung und Zeitverdichtung auszubrechen.

Der Psychologe und Marktforscher Stephan Grünewald wird in einem ARD-Artikel zu „Sinn und Unsinn von ‚Hamsterkäufen‘“ zitiert: In der Quarantäne schwinge „auch die Verheißung mit, mal zwei Wochen lang aus allen Zwängen raus zu sein, den Stress los zu sein und sich allein oder im Kreis der Familie den eigenen Interessen widmen zu können“ – die Hamsterkäufe als „temporäres Ende des Hamsterrades“.

Eine Chance also, die durch ausbleibende Veranstaltungen und Treffen gewonnene Zeit für sich selbst zu nutzen, sie wertvoll auszufüllen. Da liegt die Assoziation mit einem Begriff nahe, der nicht erst durch das Corona-Virus wieder an Popularität gewonnen hat: Muße. Im alltagssprachlichen Verständnis kann man „Muße haben etwas zu tun“, „etwas mit Muße tun“ oder auch etwas so lange verschieben, bis man „Muße dafür hat“. Gerade die letzte Aussage weist Muße als Ziel, als angestrebte Erfahrung aus, die im Alltag nicht einfach und selbstverständlich zu sein scheint, die aber umso dringlicher ersehnt wird. Der Soziologe und Risikoforscher Ortwin Renn stellt dazu im Deutschlandfunk eine gesellschaftliche Diagnose: „Dennoch, insgesamt gesehen: Etwas mehr Ruhe, etwas mehr Muße, etwas mehr Zurückhaltung tut uns allen gut.“

Max Tholl greift diese Aussage Renns in seinem Artikel für den Tagesspiegel auf, dessen Überschrift seinen Appell unmittelbar verdeutlicht: „Wir müssen raus aus dem Hamsterrad der Produktivität!“. Er warnt davor, die nun gewonnene Zeit gleich wieder für die Bearbeitung von allerlei persönlichen Projekten zu instrumentalisieren und plädiert dafür, sich Trägheit als „radikales Mindset“ anzueignen: „Es ist weder Apathie noch Resignation, sondern die Verweigerung der Maxime der Selbstoptimierung. Es ist die Wiedererlangung der Autonomie über Körper und Geist gegenüber den Forderungen der absoluten Produktivität.“

Die aktuelle Isolation als Chance für Muße – das scheint eine Verheißung zu sein, die besonders vor Augen führt, was sonst fehlt: ein „freies Verweilen in der Zeit“, die „Freiheit von temporalen Zwängen“, dass die „Leistungserwartung“ im Beruflichen wie im Privaten (Stichwort „Freizeitstress“) zugunsten einer „Unbestimmtheit“ in den Hintergrund tritt, die wiederum „Potentiale“ eröffnet (so lauten einige der Bestimmungsstücke des Begriffs, die der Sonderforschungsbereich 1015  „Muße“ an der Universität Freiburg in verschiedensten Disziplinen herausgearbeitet hat).

Die Anti-Virus-Maßnahmen könnten – durch die heilsame Unterbrechung des Gewohnten – bisher nur geahnte Freiräume schaffen. Muße bedeutet dann nicht Faulheit, sondern Raum für Kreativität, für das Entwickeln innovativer Ideen, für das (Kennen-)Lernen.

Die Frankfurter Rundschau empfiehlt in ihrem Artikel „Zur Muße gezwungen: So macht man das Beste aus einer Quarantäne“ vier „schöne Dinge“, mit denen man sich in Corona-Zeiten beschäftigen könne: Schallplatten hören (am besten Lieder mit Zeit-Thematik), sich ungewöhnliche Möglichkeiten für Bewegung ausdenken und diese in sozialen Netzwerken teilen, ungestört Serien schauen (durch Abwesenheit von Theater, Kneipe und Kino im Alltag) sowie Giovanni Boccaccios „Decamerone“ lesen (da zur aktuellen Situation passend und außerdem unterhaltsam ablenkend).

In dem Buch fliehen zehn junge Adlige im 14. Jahrhundert vor der Pest in ein Landhaus bei Florenz und unterhalten sich gegenseitig mit selbst erdachten Geschichten. Der Novellenzyklus wird aktuell gern angeführt, wenn es um die literarische Auseinandersetzung mit Epidemien geht (so beispielsweise in einem ZEIT-Artikel von Ulrich Greiner; außerdem versucht sich die ZEIT mit ihrem „Dekameron-Projekt“ an einer zeitgenössischen Version)

Der Soziologe Hans-Georg Soeffner zieht in seinem Aufsatz „Muße – Absichtsvolle Absichtslosigkeit“ (2014) ebenfalls Boccaccios Werk heran, um aufzuzeigen „was – immer schon – räumlich und zeitlich strukturell als Rahmen hergestellt und eingehalten werden muss, damit die Muße zu ihrem Recht kommt: einerseits die Abwendung von der Unruhe des Alltags, von seinen Zielvorgaben und dem daraus folgenden Handlungs- und Entscheidungszwang sowie andererseits die Hinwendung zu einer außeralltäglichen Öffnung der Zeit- und Raumgestaltung und der damit verbundenen Entkoppelung der Wahrnehmung von vorgegebener Zielorientierung“ (Soeffner 2014, 43).

Mit Soeffner betrachtet könnte die Corona-Krise also durchaus eine Chance für Muße beinhalten – nämlich dadurch, dass nun (unter radikal veränderten Umständen) andere alltägliche Gesetzmäßigkeiten gelten, die gewohnte Vorstellungen von Arbeit, Leistung, Zielformulierungen und Zeitgestaltung herausfordern, sie offenlegen, sie reflektierbar und diskutierbar machen.

Die Frage, ob Menschen in der Zeit der Kontaktsperre, Selbstisolation, vielleicht sogar Quarantäne, Muße erleben bzw. bestimmte (zeitliche) Anteile ihres Corona-Alltags als Muße bezeichnen würden, ist sicherlich höchst individuell. Sie hängt vor allem mit den genaueren Umständen zusammen, die diesen Alltag prägen und die nun vielleicht besonders bewusstwerden: Lebe ich allein, in einer Wohngemeinschaft, mit Partner*in, Familie, Kindern zusammen? Arbeite ich im Homeoffice, (wie gewohnt) außerhalb des Hauses oder gar nicht? Muss ich Existenzängste haben oder ist mein Einkommen und Auskommen gesichert? Sorge ich mich um Verwandte und Freunde? Bin ich selbst gesund?

Viel spannender als die (ohnehin kaum zu beantwortende) Frage, ob Menschen nun durch die gesellschaftlichen Auswirkungen des Virus Muße erleben oder nicht, ist die Beobachtung, welche Faszination die Vorstellung einer unverplanten, frei gestaltbaren Zeit ausübt. So wird in der Corona-Krise einerseits deutlich, wie Kultur Stabilität und Ordnung für den Alltag schafft (siehe den Beitrag von Markus Tauschek). Andererseits zeigt die Ausnahmesituation die empfundenen Lücken und Probleme der nun bedrohten Ordnung besonders deutlich auf: Zeit für sich selbst scheint überall zu fehlen.

Die vermeintliche ‚Harmlosigkeit‘ der Muße als angenehme Form des Zeitvertreibs wird schnell gebrochen, wenn sie nun in der Krise als Heilmittel gegen gesellschaftliche Zumutungen in Stellung gebracht wird. Sie legt den Finger in die Wunde alltäglich erlebter Belastungen und rückt eine Frage in den Fokus: Wer kann sich Muße eigentlich (vor der Krise und nun in der Krise) auf wessen Kosten leisten? Muße entfaltet so ihre ethische und gesellschaftspolitische Sprengkraft. Die paradoxale Bestimmung der Muße als „kontrollierte Freisetzung der Menschen von Zwängen“ (Soeffner 2014, 42) macht deutlich – und hier lässt sich eine Parallele zur Corona-Krise ziehen – dass sie in kulturelle und soziale Ordnungen eingebunden bleibt. Sie löst die hergebrachte Ordnung nicht auf, aber sie macht sie bewusst und dadurch – zumindest potenziell – veränderbar.

Inga Wilke (Freiburg im Breisgau)

Inga Wilke im Interview mit Radio Dreyeckland zum Thema „Verheißung von Muße“

Literatur

Hans-Georg Soeffner (2014): Muße – Absichtsvolle Absichtslosigkeit. In: Burkhard Hasebrink/Peter Philipp Riedl (Hg.): Muße im kulturellen Wandel. Semantisierungen, Ähnlichkeiten, Umbesetzungen. Berlin, S. 34–53.

Bildquelle: Wikimedia / Sascha Grosser/ CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

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