Corona und das Selbst

Die Erfahrung der Corona-Krise schreibt sich in die Gesellschaft ein. Sie wird eher früher denn spät neue Anforderung an ihre Subjekte stellen und durchzusetzen wissen. Die vorliegende Notiz soll unter Zuhilfenahme eines Essays des Kulturwissenschaftlers Byung-Chul Han ein kleines Blinklicht auf post-virale Subjektivierungsformen werfen.

Ich befinde mich seit einigen Tagen im Wochenendhaus eines Freundes. Wir versuchen, möglichst wenig Kontakt mit den Menschen in der Umgebung aufzunehmen. Spielen viel, sitzen am Lagerfeuer, schauen Filme. Ich mache mir Gedanken um die Situation, was sie für mich und mein Arbeitsleben bedeutet und welche Einstellung ich demgegenüber vertrete. Seit einem Monat kann ich meinen beiden Jobs nicht nachgehen. So sitze ich auf der Veranda, und beginne einen Essay zu lesen, der mir vor einiger Zeit in die Hände gefallen ist. „Müdigkeitsgesellschaft“ von Byung-Chul Han (2015). Ich lese:

„Jedes Zeitalter hat seine Leitkrankheiten. So gibt es ein bakterielles Zeitalter, das aber spätestens mit der Erfindung des Antibiotika zu Ende gegangen ist. Trotz unübersehbarer Angst vor grippaler Pandemie leben wir heute nicht mehr im viralen Zeitalter. Wir haben es dank immunologischer Technik hinter uns gelassen“ (ebd.: 7).

Ich denke nach. Konkret über: Wenn wir nicht mehr im viralen Zeitalter leben, wie lässt sich dann die gegenwärtige Situation beschreiben? Der Coronavirus scheint in die meisten, wenn nicht in alle Bereiche unseres Lebens einzudringen. Wo ist die immunulogische Technik? Natürlich wird sie entwickelt, aber wann, und was passiert bis dahin mit uns?

Han schreibt weitergehend, wir seien keine „immunologischen Subjekte mehr“ (ebd.: 9). Die Grenzen des spätmodernen Subjekts seien nicht mehr durch Andersheit definiert, sondern lägen allerhöchstens noch in der Differenz von Gleich und Gleich (ebd.). Es geht nicht mehr darum, den Anderen als anders zu konzipieren und abzuwehren. In einer globalisierten und hybridisierten Welt treffen wir paradoxerweise nur noch auf das verinnerlichte Gleiche. In diesem negativitätslosen Raum (ebd.: 16) beobachtet Han eine „Vermassung des Positiven“ (ebd.: 18).

Wieder denke ich nach, notiere: Corona ist aber scheinbar doch das radikal Andere. Es ist, mit Hans Worten, ein „phantomhafter Feind, der sich über den ganzen Planeten ausbreitet […] und in sämtliche Ritzen der Macht vordringt“ (ebd.: 16). Als Vertreter einer anderen Spezies rein objektiv handelnd, das globalisierte Subjekt befallend. Es ist der Andere in uns. Es macht Mitmenschen zu Anderen, hält sie auf Abstand und schließt sie aus. Ich schließe mich gerade sogar selbst aus!

Han zufolge geht das Übermaß an Positivem dann mit einer positivisierten Gewalt einher. Das aus der Disziplinargesellschaft entlassene Subjekt findet sich in der Leistungsgesellschaft wieder. Es muss nicht mehr tun oder nicht-tun, sondern können. Der Imperativ unserer Zeit, „yes we can“ bemerkt Han (ebd.: 20). Dies wirkt sich nicht nur im produktiven Sinne aus, sondern führt zu den Leitkrankheiten, oder „pathologischen Manifestationen“ unseres Zeitalters. Burn-Out, Depression und ADHS „brechen in dem Moment aus, in dem das Leistungssubjekt nicht mehr können kann“ (ebd.: 23). Es scheitert an dem gesellschaftlichen Paradigma, es selbst werden zu müssen und erfährt eine Auto-Gewalt des Gleichen.

Im Versuch, die psychopathologischen Ausführungen Hans zum gesellschaftlichen Subjekt mit dem gegenwärtigen viralen Zustand in Beziehung zu setzen, entstehen diese Zeilen. Ich schreibe nun:

Zweifellos leben wir in einer Leistungsgesellschaft, im neoliberalen Zeitalter des „unternehmerischen Selbst“ (Bröckling 2007) und ich teile die Auffassung Hans, das viele Menschen an den Ansprüchen, ‚sie selbst zu werden‘, zugrunde gehen. Das Coronavirus ist ein aus vergangenen Zeiten gefallener Vertreter viraler Gewalt, imstande, zu töten und damit politisch zu wirken, Strukturwandel zu erzeugen, oder meine eigenen Beziehungen zu verändern. Es ist auch in der Lage, für ökonomischen Stillstand zu sorgen und schlechter gestellte Menschen an die Grenzen ihrer existenziellen Grundlagen zu bringen.

In einem Fall: Kann das Leistungssubjekt aus objektiven Gründen (wirtschaftlicher Shutdown) nicht mehr können und verkennt diese auf kurz oder lang als eigene Unfähigkeit, Unmögliches zu können. Es setzt sich somit zwei Gewalten aus: Erstens der viralen und zweitens der Auto-Gewalt des Gleichen und muss lernen, mit diesen zu leben, gewöhnt sich an die Prekarität des Ausnahmezustands und erkrankt an diesem.

Im anderen Fall: Erkennen wir durch den ökonomischen Stillstand die Grenzen der Produktivität. Die viel beschworene ‚wohltuende‘ Entschleunigung des Shutdowns ist zweifellos ein Klassenprivileg einer in vielerlei Hinsicht mit Macht ausgestatteten Klasse, die an die entgrenzte Produktivität und an das Wachstumsdiktum glaubt und auf ihre Subjekte bezieht. Sie kann aber in der derzeitigen Situation lernen. Es entsteht die Möglichkeit… endlich müde zu sein. So nennt Han diesen Moment kontemplativer Aufmerksamkeit (Han 2015: 29), der uns in die Lage versetzt, wirklich kreativ zu sein, neu zu denken und schließlich vielleicht auch anders zu leben.

Oliver Estay Arndt (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Bröckling, Ulrich (2007): Das unternehmerische Selbst. Frankfurt am Main.

Han, Byung-Chul (¹¹2015): Müdigkeitsgesellschaft. Berlin.

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