Ein Blick auf die Strassen in Zürich zu Zeiten von Covid-19

«Bleiben Sie zuhause. Bitte. Alle.» lautet die offizielle staatliche Weisung seit nun fast vier Wochen in der Schweiz. Ausnahmen sind Arbeitsweg, Arzt, Apotheke und Einkäufe. Sich draussen aktiv zu bewegen mit der geforderten physischen Distanz von zwei Metern ist nicht verboten. Viele Menschen, Junge, Alte, Erwachsene mit ihren Kindern, nutzen alleine oder mit ihren engsten Familienmitgliedern die kostbare und grundlegende Bewegungsfreiheit für Spaziergänge, Velotouren oder Spiel auf Trottoirs und auf den noch frei zugänglichen Plätzen. Für zahlreiche Menschen, die sich den gesundheitspolitisch nachvollziehbaren Vorgaben beugen und dem pandemischen Narrativ folgen, wird der eigene Nahraum, das Wohnquartier und die unmittelbare Nachbarschaft bedeutsamer, der Mobilitätsradius kleiner.

Es gibt diverse kultur- und sozialwissenschaftliche Stadtforschungen zur Bedeutung eben dieser Räume und den damit verbundenen Qualitäten der Alltagspraktiken und der Beschreibung seiner kulturellen Figurationen. Sie zeigen zum Beispiel, wie soziale Interaktionen und Prozesse im Quartier zu Identitätsstiftung und Kohäsion beitragen (Hall 2012;), wie (kreativ-)wirtschaftliche Entwicklungen, Konsum und Stadtentwicklung zusammenhängen (Zukin 2010), wie körperlich-leibliche Bewegungen zum mentalen und physischen Wohlbefinden führen (Funke-Wieneke 2008), wie Infrastrukturen und Verknüpfungen von Ding, Technologie und Mensch sich gegenseitig formen (Thibaud 2010) oder wie nachhaltige, faire und lebenswerte Städte sich durch polyzentrische Strukturen, robuste Netzwerke und kurze Wege im Nahraum auszeichnen (Montgomery 2013).

Zu Covid-19-Zeiten werden all diese Qualitäten neu wahrgenommen, justiert und sie fungieren nun als besondere Narrative, die konstruieren, träumen, zerstören und reproduzieren, auf lokaler, regionaler und transnationaler Ebene, etwa wenn sich da und dort urbane Alltagspraktiken verändern und sich neue Ordnungen und Routinen unter den gegenwärtigen Bedingungen formen und zeigen.

Auf der Basis einiger sporadischen Beobachtungen und Streifzüge durch den Strassenraum der Stadt Zürich während der letzten Wochen möchte ich an dieser Stelle zwei Aspekte aufnehmen. Sie geben zum einen Einblick, wie die gegenwärtige Situation in den jeweiligen Kontexten bewältigt und wie konkret Zürichs Stadtraum während Covid-19 angeeignet und reguliert wird. Zum anderen verweisen sie auf die Dringlichkeit, auch jetzt kritische Fragen zu stellen und Gestaltungsmöglichkeiten auszuloten, etwa wenn soziale Ungleichheit und fehlende Resilienz sich im Machtgefüge des Stadtraums in neuer Deutlichkeit zeigt.

Die Strassenräume Zürichs muten gleichsam leer an, obschon auf einzelnen Einfallsachsen der Stadt unter den gebotenen Vorzeichen noch immer einige Autos unterwegs sind. Deutlich sichtbar werden allerdings zahlreiche, unterschiedliche Kurierdienste vorwiegend zu Velo, aber auch mit Auto. Prominent fallen dabei die Uber Eats-Velokuriere auf. Es scheinen ausschliesslich Männer diesen Service zu verrichten. Die Räder wollen dabei meist nicht so recht zu Grösse und Körper ihrer Fahrer passen. Entweder haben die Geräte im Verhältnis zu den Körpern verhältnismässig kleine Räder oder winzige Rahmen und/oder die Lenker sind sichtbar zu tief und so schlecht eingestellt, dass einem der Rücken schon beim Zuschauen schmerzt. All diese Kuriere scheinen offenbar keine routinierten Radfahrer zu sein. Der Zustand der meist wenig qualitativ aussehenden und eher älteren Fahrräder fällt in einer reichen Stadt wie Zürich auf. Sind doch zu «normalen Zeiten» übermässig viele chice, teure und gepflegte Räder auf den Strassen anzutreffen. Da die Fahrräder der Kuriere weder Werbung noch Standardisierung zeigen, stammen sie offenbar, ganz der Logik eines Subunternehmens der Sharing-Wirtschaft folgend, aus dem Privatbesitz der Kuriere. Der zweite Blickfang sind die meist schlecht auf den Schultern sitzenden, grossen boxenartigen Schultertaschen, die während des Transports die Essenslieferungen warmhalten sollen. So kämpfen sich die Kuriere in ergonomisch schmerzhaft anmutender Art und Weise auf ihren billig aussehenden und schlecht eingestellten Velos durch die Stadt.

Bekannt, und wohl auch zu Covid-19-Zeiten unverändert, ist dabei schon seit Langem, dass gerade diese Kuriere sehr wenig Geld verdienen und unter unfairen, prekären und sozial nicht abgesicherten Arbeitsbedingungen für ihr Einkommen schuften müssen. Der Umgang mit und die Be-Wertung von Arbeit unterschiedlicher Menschen und die ungleiche Anerkennung von Dienstleistungen, Tätigkeiten und Menschen zeigen sich zu Covid-19-Zeiten deutlicher als zuvor. Interessant ist, dass gerade in den hippen, sogenannten gentrifizierten Stadtteilen, viele Restaurationsbetriebe, die sonst junge, gutverdienende Menschen unter den Vorzeichen eines ethisch guten Konsums verpflegen, ihre Online-Services nun ausgerechnet via Uber Eats organisieren, und dass die bestellende Kundschaft dabei offenbar keine moralischen Gewissensbisse kennt, wenn es um die Befriedigung des eigenen Konsums geht. Von einer Care-Ökonomie scheinen wir somit, wenn es um den eigenen urbanen Lebensstil und Konsum geht, doch noch weit entfernt zu sein.

Das Bedürfnis und das Recht, sich draussen aufzuhalten, zu spazieren, sich aus eigener Muskelkraft zu bewegen, wird unter den gegebenen Vorzeichen vorwiegend im eigenen, urbanen Nahraum gelebt. Allerdings ist die Einhaltung des gebotenen Abstands von zwei Metern im knapp verfügbaren städtischen öffentlichen Raum aufgrund der derzeitigen Verteilung der Verkehrsflächen oft kaum möglich. Menschen kommen sich ständig zu nahe, müssen sich auf den Trottoirs kreuzen, passieren nahe und stehen gedrängt beieinander auf den ihnen zugewiesenen Verkehrsflächen, etwa vor Lichtsignalanlagen. Es zeigt derzeit nachdrücklich: Die Trottoirs sind zu eng und zu knapp bemessen für die Anzahl der Menschen, die in der Stadt lebt. Öffentliche Räume im Siedlungsgebiet und der gebaute Stadtraum reichen nicht aus für eine physisch distanzierte Aneignung und aktive Fortbewegung zu Fuss oder mit dem Velo, für einen angenehmen Aufenthalt ohne Konsumpflicht und erholsames Verweilen. Das Regime in Zürich favorisiert und ermöglicht auch in gegenwärtigen Krisenzeiten ein ungehindertes Unterwegssein mit dem eigenen Auto statt einer grundlegenden aktiven Mobilität mit den derzeit notwendigen physischen Distanzen. Das Zu-Fuss-Gehen, das allen Menschen prinzipiell freisteht, grundlegend und gratis ist und dessen Nutzen für das mentale und physische Wohlbefinden seit Jahrzehnten durch unterschiedliche wissenschaftliche Studien rund um den Globus belegt ist, wird zu Covid-19-Zeiten stärker beschnitten. Verschärft wird ein solches Regime nämlich durch die Schliessung von stark frequentierten Aussenräumen wie Parkanlagen und Uferwegen. Paradoxerweise wird so dort dem hohen Aufkommen von Menschen und den daher nicht mehr einhaltbaren Abständen Einhalt geboten, anstatt die knappen Fusswegnetze, die als öffentliche Räume zu den wichtigsten Nervenbahnen der Städte zählen, mit zusätzlichen, allenfalls temporär bereitgestellten alternativen Routen und Flächen etwa auf den überproportional breiten und nun teilweise leergefegten Strassen erweitert würden.

Die Stadt wird auch zu Krisenzeiten nicht den Menschen zurückzugeben. Vielmehr werden Versuche, sie zu Fuss anzueignen, disziplinarisch im Namen der Gesundheitspolitik unterbunden. Der Solidarität wegen bleiben die Strassen den Autos überlassen und die Menschen, wenn unterwegs, dann gedrängt auf den Trottoirs und verfügbaren Gehflächen. Auf der einen oder anderen weniger befahrenen Strasse wird ein bisschen widerständisch und auf eigene Gefahr hin auf den Strassen gejoggt und spaziert und sich so der Stadtraum angeeignet. Ob damit nun ein Bedürfnis und eine Sensibilisierung nach mehr Stadtraum für Menschen statt Maschinen geweckt wird und wie lange sich die Menschen in ihren physischen Bewegungen vor Ort in Zürich disziplinieren lassen, wird der Verlauf der Pandemie und die anstehende Sommerzeit zeigen.

Monika Litscher (Zürich)

Literatur

Funke-Wieneke, Jürgen (2008): Sich Bewegen in der Stadt. Eine Besichtigung mit Maurice Merleau-Ponty. In: Funke-Wieneke, Jürgen; Klein, Gabriele (Hg.): Bewegungsraum und Stadtkultur. Sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven. Bielefeld.

Hall, Suzanne (2012): City, Street and Citizen. The measure of the ordinary. London, New York.

Montgomery, Charles (2013): Happy City. Transforming our lives through urban design. New York.

Thibaud, Jean-Paul (2010): La ville à l’épreuve des sens. In: Coutard, Olivier; Jean-Pierre, Lévy (Hg.): Ecologies urbaines: états des savoirs et perspectives. Paris: 198–213.

Zukin, Sharon (2010): Naked City. The feath and life of authentic urban places. Oxford, New York.

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