Welche Farbe hat das Virus?

Den medialen Bildern zufolge: oft gelb oder lila, häufig rot. Was hat es mit dieser Bildersprache auf sich? Das Nachdenken über solche kulturell kodierten Darstellungen führt zum Aspekt der (Un-)Sichtbarkeit und zu Praktiken der Visualisierung. Und zur Frage nach einem angemessenen Umgang mit dem Status von wissenschaftlichem Wissen, das grundlegend durch Technik und Expert*innen vermittelt ist.

Das Coronavirus ist überall und nirgends. Was widersprüchlich klingt, stellt einen zentralen Faktor in gegenwärtigen Umgangsformen mit Verbreitungsbefunden, Vorsorgeparadigmen und Risikoabschätzungen dar: Die Spannung von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit ist die Folie für diejenige von Sicherheit und Unsicherheit. Wir können das Coronavirus nicht sehen, sondern unser gesamtes virologisches Wissen ist vermittelt über eine komplexe Infrastruktur an technischen Artefakten (Petrischalen, Pipetten, Mikroskope). Das gilt auch für das bildliche Wissen:

„Wissenschaftliche Bilder bilden Wirklichkeit nicht einfach ab, sondern sie sind das Ergebnis eines komplexen Herstellungs- und Transformationsprozesses, an dessen ,Anfang‘ nicht ein Gegenstand steht, sondern Meßdaten – Aufzeichnungen von Signalen, elektromagnetische Wellen, Energien und Impulse –, Ereignisse also, die selbst bereits technisch erzeugt sind“ (Heintz/Huber 2001: 12). Bei solchen Visualisierungsverfahren spielt daher auch das Digitale eine fundamentale Rolle. Aus einer kontinuierlichen Wirklichkeit werden diskrete Daten – Nullen und Einsen, Nullen oder Einsen, die digitale Modelle und rechnerprozessierte Bilder erschaffen.

In vielen Forschungsgebieten nutzen Wissenschaftler*innen gezielt sogenannte Falschfarbendarstellungen, um feine Nuancen in digital generierten Bildern zu erkennen. Hier ist der Einsatz von Farben ein methodisches Mittel für das Ziel der Wissensgenerierung. Gegenüber dieser erkenntnisleitenden Forschungspraxis dienen die in der populären Medienberichterstattung eingesetzten Bilder vielmehr illustrativen Zwecken der Kommunikation und Veranschaulichung. Allerdings ist die Grenze zwischen explorativer, wissenschaftlicher Erkenntnissuche und konkretisierender, populärer Anschauung oft ziemlich unscharf.  Die obigen Viren-Visualisierungen aus der deutschen „Tagesschau“ sind alles andere als reine, unverfälschte Abbildungen oder natürlich-realistische Wiedergaben. Vielmehr stellen sie in höchstem Maße modellierte, berechnete, synthetisierte, vielfach digital vermittelte und auch ästhetisierte Abstraktionen dar.

Wir haben kulturell gelernt, solche visuellen Formen als wissenschaftliche Repräsentation zu verstehen und erkennen (genauer gesagt: wiedererkennen) daher diese Darstellungen als Viren. Doch was solche Bilder (wenn wir diese Bezeichnung hierfür überhaupt gebrauchen wollen) im Detail zeigen, bleibt für die meisten unklar. Es bedarf nicht nur der technischen Netzwerke, um Visualisierungen zu erzeugen, sondern auch der Personen, die über die nötige Kompetenz verfügen, das Gesehene sinnhaft zu deuten und Schlüsse daraus zu ziehen. Diese soziale Figur der mit Vertrauen und Kompetenz ausgestatteten Expert*innen wird derzeit prominent von den immens nachgefragten Virolog*innen ausgefüllt.

Umkämpftes Wissen und entwickelte Wirklichkeiten

Doch die Erkenntnis, dass das Virus-Wissen stets nur über komplexe Techniken der Datenprozessierung und elitäre Expert*innen-Deutungen vermittelt und veranschaulicht wird, bildet gegenwärtig auch eine umkämpfte kulturelle Herausforderung. Deswegen wird gerade so intensiv über die unterschiedlichen Infektionsstatistiken oder die Zuverlässigkeit der Tests (die ja nichts anderes machen, als Unsichtbares sichtbar werden zu lassen!) gesprochen. Deswegen formieren sich einerseits antielitäre, wissenschaftsfeindliche Verschwörungstheorien und andererseits steigt die Nachfrage nach als seriös aufgefassten Quellen. Unterschwellig wird hier überall verhandelt: Was wird von wem aus welchen Gründen für wahr und für wahrhaftig gehalten? Glaube ich nur, was ich sehe, oder weiß ich, wem ich glauben kann? Was können wir durch wen oder was wie wissen?

(Wissenschaftliche) Information – auch die visuelle – ist nicht einfach da, sondern entsteht erst in hoch voraussetzungsreichen Praktiken (Testverfahren, Laborauswertungen), die das Virus detektieren und charakterisieren (sollen). Deutlich wird dabei, „wie viele Apparaturen, Operationsschritte, Entscheidungen und Eingriffe involviert sind, bis vor unseren Augen jene Bilder entstehen, deren Perfektion unmittelbare Sichtbarkeit suggeriert.“ Doch faktisch „sind diese Bilder keine Abbilder, sondern visuell realisierte theoretische Modelle bzw. Datenverdichtungen. Ob die Sache so aussieht, wie die Bilder sie uns zeigen, werden wir nie mit Sicherheit wissen“ (ebd.: 9).

Die Wirklichkeit, die uns die Bilder zeigen, wird nicht entdeckt, sondern entwickelt.

Entsprechend ist es notorisch schwer, das Coronavirus aus dem Bereich der kognitiv-analytischen Abstraktion in denjenigen des konkret Erfahrbaren und „Wirklichen“ zu holen. Ähnlich wie bei der toxischen, aber surrealen Gefahr atomarer Strahlung stoßen menschliche Wahrnehmungs- und Anschauungsfähigkeiten an ihre Grenzen, so ist nun häufig zu hören – aber was für ein Verständnis von Wahrnehmung und Anschauung liegt solchen Aussagen eigentlich zugrunde? Was sind das für kulturelle Auffassungen von Erkenntnis und Evidenz, angesichts des Zusammenspiels von materialisierter Komposition (Arrangements von Objekten und Technik) und subjektivierter Kompetenz (Expert*innenwissen und Urteilsvermögen)?

Über solche kritischen Reflexionen lassen sich Antworten finden auf die Frage, wie wir uns welches Bild von dem Virus machen.

Im wörtlichen und im metaphorischen Sinn.

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Bettina Heintz, Jörg Huber (2001): Der verführerische Blick. Formen und Folgen wissenschaftlicher Visualisierungsstrategien. In: dies. (Hg.): Mit dem Auge denken. Strategien der Sichtbarmachung in wissenschaftlichen und visuellen Welten. Zürich: 9–40.

Bildquelle: tagesschau.de

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