Zahlen bitte! #2 – Europa in der Krise

Dominant in der gegenwärtigen Berichterstattung sind nicht nur die aktuellen Steigungsraten der Infektionszahlen und die Debatte um den Nutzen von Gesichtsmasken, sondern auch die Frage, wie auf europäischer Ebene mit den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise umgegangen werden soll. Besonders betroffene Staaten wie Italien und Spanien hoffen auf so genannte „Corona-Bonds“. Der deutsche Außenminister Heiko Maas und Finanzminister Olaf Scholz befinden in einem gestern veröffentlichten Artikel Unterstützung durch bestehende Instrumente für ausreichend. Längst geht es nicht mehr nur um eine reine wirtschaftliche Unterstützung. Vielmehr geht es um Europa als Werteunion – Solidarität, die im Kleinen so hoch gelobt wird, soll nun auch auf dem internationalen Parkett zum Ausdruck kommen und wird immer mehr zur Gewissensfrage für die EU-Mitgliedsstaaten. Die Entscheidung darüber wird von den Mächtigen der EU gefällt, tangiert jedoch auch aktiv das Alltagsleben der Menschen.

Europa ist nicht einfach da. Okay, physisch vielleicht schon, als geografischer Kontinent, wobei auch dieser erst kartiert und benannt werden musste. Europa ist vielmehr auf vielen Ebenen ein Konstrukt. Das zeigt schon die Entwicklung der EU mit ihren jeweiligen Stationen, angefangen bei der Montanunion als Wirtschaftsverbund hin zur jetzigen Situation mit den gewählten Gremien und wachsender Mitgliederzahl. Die Union ist dynamisch und verändert sich. In diese politischen Strukturen schreibt sich aber auch die Idee von Europa ein, als Symbol für Vielfalt und das Überkommen nationalstaatlicher Grenzziehungen. Dass dieses Denken der politischen Festlegung vorangeht, zeigte beispielsweise schon Stefan Zweig in seiner Autobiografie, die er mit „Erinnerungen eines Europäers“ unterschrieb – gut ein Jahrzehntvor Gründung der Montanunion. Beide Aspekte, die gouvernementale Rahmung und die ideologische Unterfütterung, bedingen sich zu weiten Teilen gegenseitig und werden auch im Alltagsleben immer wieder geschaffen.

Wenn ich über die Grenzen gehe und nach Italien in den Urlaub fahre, zum Arbeiten ins Nachbarland pendle oder von „Eucor“, dem Verbund der Universitäten im südbadischen Dreiländereck, Gebrauch mache und an Hochschulen in der Schweiz und Frankreich Kurse belege, aktualisiere ich Europa. Ebenso beim Einkauf, wo die Produktpalette auch maßgeblich durch eine europäische Vielfalt geprägt wird oder durch Praktika in Nachbarländern, die ohne große bürokratische Hürden verfolgt werden können und womöglich durch die europäische Erasmus+-Förderung unterstützt werden. Oder wenn ich einen Artikel über die alltägliche Relevanz Europas schreibe – Europa wird diskursiv und in den alltäglichen Handlungen hergestellt. Diese praxeologische Sichtweise hebt auch der Europäische Ethnologe Daniel Habit hervor (Habit 2011: 16). Meiner Meinung nach hat diese das Potenzial, „Europa“ von einem Status als „Plastikwort“ (ebd.: 13) zu befreien, indem sie in erster Linie alltägliche Lebenswelten fokussiert.

In der derzeitigen Lage ist der Großteil der aufgezählten Aspekte eingeschränkt. Man ist physisch gebunden – an das eigene Haus oder die Wohnung, aber auch an den eigenen Nationalstaat, da viele Grenzen geschlossen wurden. Europa ist in meinen Augen dennoch präsent. Bezogen auf den individuellen Handlungsrahmen beispielsweise in Form von kulturellem Angebot, das digital in Anspruch genommen werden kann. Ein Beispiel hierfür ist die Zusammenstellung der wichtigsten Kunstwerke des Malers Raffael, anlässlich seines 500. Todestages, unter Rückgriff der Bestände verschiedener Museen. Weiter gedacht ist Europa bei der Corona-Krisenbewältigung entscheiden. Es hat sich in den vergangenen Wochen gezeigt, dass nationalstaatliche Alleingänge, beispielsweise bei der Verteilung von Schutzausrüstungen, kontraproduktiv sind. Europäische Solidarität wird lebensnotwendig, etwa, wenn freie Krankenhausbetten Patient*innen aus anderen Ländern zur Verfügung gestellt werden.  

Keine Entscheidung auf EU-Ebene kann losgelöst von unseren Alltagserfahrungen betrachtet werden und geht darum uns alle etwas an. Europa bestimmt das Alltagsleben der Menschen entscheidend mit und viele Wünsche und Sehnsüchte, viele Entbehrungen in der gegenwärtigen Situation, orientieren sich an der Vorstellung und den Potenzialen von Europa – in der krisenhaften Zeit wird es noch deutlicher als sonst zum Desiderat. Dass das politische Europa, und damit auch das ideelle Konstrukt, auf wackligen Füßen steht, wurde, wenn nicht schon 2015, spätestens durch den Brexit klar. Gegenwärtige autokratische Bestrebungen in einzelnen Mitgliedstaaten reihen sich in diese Entwicklung ein. Mein Abschlusswort kann an dieser Stelle nur sein: Ja, zahlen bitte! Mit gemeinsamem Konsens und solidarisch. Damit eine Krisenhaftigkeit Europas im kommenden „Danach“ den Alltag so vieler Menschen nicht noch weiter in die Krise stürzt. Mit dieser Sichtweise und der gesamten Thematik ist sicherlich ein gewisser Pathos verbunden, aber vielleicht tut das auch mal gut.

Lea Breitsprecher (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Daniel Habit (2011): Die Inszenierung Europas? Kulturhauptstädte zwischen EU-Europäisierung, Cultural Governance und lokalen Eigenlogiken. Berlin u. a.

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