Der Vorhang muss geschlossen bleiben – Folgen der Vereinzelung für die Soziokultur

„Kultur als Therapie“ zu erkennen, schlägt Markus Tauschek in seinem Beitrag vom 1. April vor und macht damit gar keinen Aprilscherz, sondern argumentiert richtig, dass uns kulturelles Handeln Orientierung und Sinnstiftung im Alltag ermöglicht. Kulturelles Handeln ist aber maßgeblich auch soziales Handeln, ist eingebunden in Gruppenzusammenhänge und Aushandlungsprozesse mit unseren Mitmenschen. Das betrifft sowohl die Kultur mit dem kleinen „k“, wie sie Markus Tauschek in seinem Beitrag beschreibt, als auch die Kultur mit dem großen „K“, die auch als Hochkultur bezeichnet wird, wenn damit künstlerische Ausdrucksformen (Kunst, Tanz, Theater, Musik etc.) gemeint sind. Ich möchte in diesem Beitrag jedoch nicht nur über die Hochkultur, sondern vor allem über Soziokultur und die sogenannte Breitenkultur sprechen, die noch viel stärker auf dem Fundament der sozialen Begegnungen basiert und diese maßgeblich erst hervorbringt.

Es geht mir also um Vereine, Kulturzentren, Brauchinitiativen, Festgemeinschaften oder um Theater, wie das oben abgebildete Theater Lindenhof im schwäbischen Melchingen, deren künstlerisches Konzept teils auf der Partizipation der lokalen Bevölkerung gründet. Etwas makaber könnte man sagen – genau hier hat die Krise ihren Anfang genommen und genau hier tut sie jetzt mit am meisten weh. Das Virus verbreitete sich in Nordrhein-Westfalen auf Karnevalssitzungen, im Hohenlohekreis auf Weinfesten und in Kirchen. Es sprang dort über, wo sich Menschen trafen, miteinander feierten, sich umarmten…

Nun muss man sicherlich differenzieren, um die Folgen und Wirkungen der Krise für die Bereiche der Soziokultur zu untersuchen. Zu unterscheiden gilt es hier zwischen den Initiativen, die – wie das Theater Lindenhof – auf professionellen Strukturen aufgebaut sind und wo Menschen hauptamtlich angestellt sind, die von den Einnahmen der Kartenverkäufe ihren Lohn erhalten. Solche kleinen Theater, freischaffende Künstler*innen, Kulturzentren etc. sind derzeit von der Insolvenz bedroht. Hier gilt es zu fragen, wie Rettungsaktionen aussehen müssen, damit unsere Gesellschaft nach der Krise nicht um zahlreiche Wunderkerzen der vielfältigen Kulturlandschaft ärmer ist. Weniger prekär ist die Situation der Vereine und Brauchinitiativen sowie der Festgemeinschaften im Land. Wo Mitgliedsbeiträge weiter fließen und keine Mieten bezahlt werden müssen, heißt die Devise im Moment noch: Abwarten und hoffen, dass der Spuk bald vorbei ist. Beiden Formen der kulturellen Aktivität ist jedoch gemeinsam, dass sie derzeit nicht funktionieren, weil ein wesentliches Element ihrer Existenz quasi sich selbst bedroht: Die Sozialität.

Gemeinschaft, Begegnung und Austausch waren noch 2019 zentrale Schlüsselbegriffe zur Beschreibung der Potenziale von Kulturinitiativen während des Dialogprozesses „Kunst und Kultur in ländlichen Räumen“, das 2018/19 vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg veranstaltet wurde. Auch das Dialogforum selbst gründete auf dem Prinzip der Partizipativität. Kunst- und Kulturschaffende waren eingeladen, gemeinsam mit Verwaltungsangestellten und Politiker*innen über die Zukunft von Kunst und Kultur in ländlichen Räumen zu diskutieren. Ich begleitete dieses Dialogforum ethnografisch und war gleichzeitig Teil des Beratungsgremiums. Zukunftsfähig und förderungswürdig, so wurde in den runden Tischen und informellen Gesprächen immer wieder betont, seien Kunst und Kultur vor allem deshalb, weil sie Menschen zusammenbringen, Kontakte herstellen und dadurch Diversität erlebbar machen, Identifikationsmöglichkeiten anbieten und nicht zuletzt Auseinandersetzungen mit den gesellschaftlichen Herausforderungen dieser Zeit (Digitalisierung, demografischer Wandel, Klimakrise und damals noch Mobilitätsanforderungen) ermöglichen.

Jetzt, wo ich gerade dabei bin, einen wissenschaftlichen Beitrag über die Ethnografie dieses Dialogforums zu schreiben, überkommt mich eine Schreibblockade. Sind die Debatten und Forderungen der Kulturschaffenden nach Corona überhaupt noch relevant? Manche sind es mehr denn je – nämlich die nach grundständiger staatlicher Förderung statt Projektfinanzierung. Aber wird die Kulturlandschaft nach Corona noch dieselbe sein und so weitermachen können wie bisher? Wird uns jetzt, da wir sie schmerzlich vermissen, die soziale Seite der Kultur umso bewusster und wertvoller oder erleben wir eine Neuerfindung der Potenziale lokaler Kultur durch die Negierung von Raum und Zeit im virtuellen Kosmos? Wie sehen Kunst und Kultur (mit großem und mit kleinem „k“) derzeit und in der Zukunft aus, wenn soziale Kontakte nur auf Abstand und virtuell möglich sind? Was bleibt von ihrem großen Potenzial, Menschen zusammenzubringen, Identifikationsmöglichkeiten durch Vorbildfunktionen zu stiften und Kreativität durch Austausch zu befeuern? Ist abwarten und später so weitermachen wie bisher ein gangbarer Weg? Welche Kulturinitiativen können sich das Warten leisten?  Diese Fragen und damit die Entwicklung soziokultureller Ausdrucksformen in Zeiten der Vereinzelung gilt es jetzt für mich – und für uns Kulturwissenschaftler*innen – zu untersuchen.

Karin Bürkert (Tübingen)

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