Kultur als Therapie?

Es gehört zu den zentralen Erkenntnissen kulturwissenschaftlicher Forschung, dass kulturelle Ordnungen immer dann besonders sichtbar werden, wenn sie bedroht sind oder sich aufzulösen beginnen und durch andere ersetzt werden. An vielen Orten forschen Kulturwissenschaftler*innen zu solchen Ordnungen, etwa in einem Tübinger Sonderforschungsbereich mit dem heute aktueller denn je erscheinenden Titel „Bedrohte Ordnungen“, der sich auch schon zur Pandemie zu Wort gemeldet hat.

Gerade in Zeiten, die in medialen, gesellschaftlichen und politischen Diskursen als Krise charakterisiert werden, scheint vielen Menschen Kultur Halt und Stabilität zu geben. Kultur – so könnte man in Anlehnung an den Kulturwissenschaftler Konrad Köstlin formulieren, der dies für die so genannte Volkskultur so schon getan hat – ist dann Therapie. Sie hilft uns durch den Alltag, gibt uns Struktur und Möglichkeiten zur Artikulation. Sie ist, so könnte man auch sagen, die Art und Weise, wie wir uns mit den Zuständen um uns herum kritisch, kreativ, protestierend oder auch bestätigend auseinandersetzen. In Zeiten von Corona sieht man dies allerorten. In die Nachrichtenjournale haben es etwa kurze Instagram-Videos geschafft, die Menschen zeigen, wie sie in der häuslichen Quarantäne – freilich humoristisch überformt – am heimischen Herd eine Disko inszenieren, auf dem Skateboard liegend und in Badehose über den Flur kraulen oder am Fenster stehend, mit einer Socke über die Hand, das gute alte PC-Spiel Pacman nachahmen: Die Socken-Hand frisst vorbeifahrende Autos genüsslich auf und es erklingt jedes Mal ein Computer-Spiele-Retro-Geräusch.

X-mal haben mir Freundinnen und Freude diese Videos geschickt und sich gefreut, wie kreativ Menschen mit der verordneten sozialen Distanz umgehen und die eigenen vier Wände uminterpretieren. Andere Beispiele sind die unzähligen Bilder selbst genähter Mundschütze (auf einmal müssen wir darüber nachdenken, wie der Plural von Mundschutz heißt und ob es den überhaupt gibt), die Folien für Botschaften oder ästhetische Vorlieben werden. Wie wir mit verordneten Strukturen umgehen und diese für uns selbst (um-)interpretieren, zeigen diese Beispiele ebenso wie das Video eines älteren Herrn aus Italien, der – um Ausgangsbeschränkungen zu umgehen – einen Stoffhund an die Leine nahm, um mit ihm Gassi zu gehen. Kultur ist in all diesen Fällen die Art und Weise, wie wir uns zu etwas positionieren, wie wir Regeln in den Alltag integrieren und diese – manchmal eben auch sehr eigenwillig – befolgen oder diese zu umgehen versuchen.

Zeitliche Routinen – diese sind insbesondere kulturell kodiert – werden derzeit als Herausforderungen erkannt, aber auch als Lösungen verstanden. Auf Instagram postete jüngst jemand, es fühle sich doch jeder Tag nun wie ein Sonntag an, der ja immer auch mit Verlangsamung verbunden wird (weniger Verkehr, die Geschäfte geschlossen, man soll sich erholen); und zum Sonntag gehöre es ja, dass man am Samstag davor auch wieder Alkohol trinken dürfe. Folglich sei nun jeder Abend eigentlich ein Samstagabend.

Unsere alltäglichen Routinen sind durch Corona und die politischen Maßnahmen der Eindämmung empfindlich gestört: Kein Weg ist mehr wie vor der Pandemie einfach zu gehen. Der Einkauf wird zur Gefahr und Herausforderung. Der öffentliche Nahverkehr zur Gefahrenzone. Und gleichzeitig berichten die Medien, wie etwa der Einkauf bewusst zelebriert wird, wie Menschen immer nur wenig einkaufen, um so oft wie möglich den öffentlichen Raum betreten zu können. In diesen alltäglichen Routinen wird die Mahlzeit nun auf einmal wieder wichtiger: Dass die gemeinsame Mahlzeit eine höchst komplexe kulturelle Angelegenheit ist, zeigt sich in Zeiten von Corona deutlicher denn je. Die gemeinsame Mahlzeit wird zum Stabilitätsfaktor. Sie wird wichtiges soziales Ereignis und mitunter mit enormer Bedeutung versehen.

Am rührendsten sind sicher jene Formen, die Solidarität nach außen hin sichtbar machen. Während in Italien oder in Spanien der abendliche kollektive Dank an Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger oder all jene, die das System noch am Laufen halten, kollektiv von Balkonen hallt, ist man hierzulande (noch?) etwas zurückhaltender. Die Badische Zeitung hat für Sonntag, den 22. März dazu aufgerufen, aus den Fenstern und von den Balkonen Beethovens Ode an die Freude erklingen zu lassen.  In meinem Stadtteil öffnete sich nur ein einziges Fenster, durch das dann aber gediegene Cello- und Violinenklänge zu vernehmen waren. Mutiger war da schon die Gruppierung „Synthesia Ultras 79“, die gleich an mehreren Stellen der Stadt Dank an das medizinische Personal aussprach: „DANKE ALLEN HELFERN! Fuck Covid 19!“. Dass eine andere Ordnung dann stärker war, zeigte sich an der so genannten Blauen Brücke am Hauptbahnhof, an der ein Banner aus Sicherheitsgründen sogleich wieder abgehängt werden musste.

Dass Kultur uns allen hilft, den Alltag in der Krise zu bewältigen, ist sicher eine für viele Menschen äußerst positive Erfahrung. Vieles, was wir vor der Krise weitestgehend habitualisiert in Routinen getan haben, reflektieren wir nun sehr bewusst. Formate populärer Kultur etwa nutzen Menschen, um sich reflektiert mit den Folgen der Quarantäne zu befassen. Gleichzeitig ist Humor dabei vielfach eine wichtige Strategie. Kultur wird in der Krise reflexiv gewendet. Wo sie drohen zu verschwinden, werden kulturelle Angebote nun zu wertvollen Ressourcen, um die wir uns aktiv bemühen müssen.

Und so wie Kultur uns durch die Krise bringt und Kultur als Ausdrucksform genutzt wird, kann auch ein kulturwissenschaftlich informierter Blick uns helfen, die schrecklichen Folgen (nicht nur die medizinischen, sondern auch jene, die sich aus globalen Ungleichheitsverhältnissen ergeben oder aus dem Aufwind rechtspopulistischer politischer Regime, die die Krise gerade vehement für ihre eigenen politischen Zwecke instrumentalisieren) mit kulturtheoretischer Reflexion zu versehen. Das macht die Pandemie zwar nicht weniger schlimm und soll auch keinesfalls die menschlichen Tragödien, die sich global abspielen, relativieren; die Reflexion kann aber helfen, die Prozesse besser zu verstehen, mit denen Menschen nun tagtäglich konfrontiert sind. Und sie kann besonders helfen, mit einem positiveren Blick auf die kreativen und Halt und Sicherheit gebenden Aspekte von Kultur zu schauen.

Markus Tauschek (Freiburg im Breisgau)

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