Über Unverfügbarkeit

„Alles, was erscheint, muss gewusst, beherrscht, erobert, nutzbar gemacht werden“, so formuliert der Soziologe und Philosoph Hartmut Rosa die seiner Ansicht nach für die Spätmoderne zentrale Logik (2018: 12). Doch das Corona-Virus durchkreuzt solche Vorstellungen. Ein wichtiger Aspekt der derzeitigen gesellschaftlichen Unruhe liegt in der kollektiven Erfahrung von Unverfügbarkeit. Spontanität und Performanz stehen den Erwartungen von Ordnung, Kontrolle und Planung gegenüber.

Das heutzutage dominante Handlungsprinzip ziele auf eine ständige und immer konsequentere Verfügbarmachung der Welt, argumentiert Hartmut Rosa. Es gelte „zu wissen, zu erschließen, zu erreichen, anzueignen, zu beherrschen und zu kontrollieren“ (ebd.: 20). Doch dabei sei es gerade das Moment des Unverfügbaren, in dem sich eine wirkliche Beziehung des Selbst zur Welt realisiere. Der philosophische Begriff der Unverfügbarkeit bezieht sich auf Ereignisse, die nicht beeinflussbar oder berechenbar sind, sondern die einem einfach widerfahren. Etwa unerwartete Momente von Glück, Liebeskribbeln, Muße, Nervenkitzel, Überwältigung, Faszination – ob auf der Yogamatte, der Bergspitze oder der Gitarre; ob in Arenen, Theatern oder Kirchen.

Diese Momente, die sich gerade nicht vorhersehen, nicht herstellen und nicht planen lassen, seien als „Erfahrung von Lebendigkeit und von Begegnung“ von eigenem Wert, so die positiv gestimmte Auffassung Hartmut Rosas (ebd.: 10). Doch im Zuge der Corona-Pandemie wird diese Unverfügbarkeit nicht zum Erlebnis, sondern zur Gefahr. Es gibt keinen Impfstoff, der dem Virus Einhalt gebieten könnte. Es ist nicht vorherzusehen, wer als nächstes infiziert wird. Diese Unsicherheit, das Nicht-Wissen und der Eindruck, die Lage nicht unter Kontrolle zu haben, werden zu Treibern gesellschaftlicher Verunsicherung.

Wer hat das Heft in der Hand? Die Natur oder die Kultur? Die Medizin oder die Biologie? Am Coronavirus wird aktuell deutlich, dass der Glaube und der andauernde Versuch, gegenüber der Welt am längeren Hebel zu sitzen, nie wirklich von Erfolg gekrönt ist. Ja mehr noch: „In vielerlei Hinsicht wird die spätmoderne Lebenswelt immer unverfügbarer, undurchschaubarer und unsicherer“ (ebd.: 124). Aus dieser Perspektive heraus ist die Corona-Pandemie eine „Rückkehr des Unverfügbaren als Monster“ (ebd.). Für die Gefahr des Coronavirus gilt dann ähnliches wie das, was Hartmut Rosa für die risikobehaftete Atomkraft feststellt: „Sie ist monströs, weil sie unhörbar, unsichtbar, unriechbar, untastbar ist“, sodass wir „einem Weltausschnitt – etwa einer Landschaft, einer Blume oder einem Apfel – nun nicht mehr ansehen oder anmerken, ob er toxisch und tödlich oder harmlos und schön ist“ (ebd.: 130).

Unverfügbarkeit ist hier keine Bereicherung, sondern eine Bedrohung. Mit dem Virus soll gerade keine individuelle Beziehung eingegangen, sondern es soll auf Abstand gehalten werden. Rosa deutet in seinen Reflexionen über den Status und Charakter des Unverfügbaren in der Spätmoderne solche Momente der Gefahr und Abwehr nur als Ausblick an. Doch genau diese Umkehrung stellt derzeit hochbrisante Fragen: Kann es einen kulturellen Umgangsmodus mit dem Virus geben, der dessen Unverfügbarkeit nicht nur zu unterdrücken versucht, sondern anerkennt? Und wenn ja, wie würde dieser aussehen?

Tobias Becker (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Hartmut Rosa 2018: Unverfügbarkeit. Wien, Salzburg.

Ein Gedanke zu „Über Unverfügbarkeit“

  1. Ich stimme voll zu, es ist ein Kampf um die Berechenbarmachung des Unberechenbaren. Interessant ist dabei, dass zunächst einmal eine krasse Verfügbarkeit hergestellt wird. Indem der Weg aller Menschen krass reglemeniert und eingeschränkt wird, wird der Radius des Virus und der Menschen verkleinert und kontrollierbar gemacht. Während die meisten von uns ins Homeoffice verbannt sind, ist gerade dort die Verfügbarkeit viel größer, da durch kaum andere Termine oder Abwesenheit der Zugriff auf die Produktionskraft gestört wird. So denn – fröhliches Weiterarbeiten!

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