Stadt ja – aber wie, wo und wann?

Die Corona-Pandemie setzt eine jähe Zäsur in das Forschungsprojekt von uns Masterstudierenden des Instituts für Kulturanthropologie in Freiburg. Unter dem Titel „Alltag findet Stadt“ haben wir uns in den letzten Monaten intensiv mit den „Normalitäten“ des Freiburger Lebens auseinandergesetzt. Normalitäten, die jetzt nicht mehr gelten. Normalitäten, zu denen auch der Wissenschaftsalltag zählt, der momentan auf Stand-by gesetzt ist: ein Buchprojekt und eine geplante Ausstellung im öffentlichen Raum sind verschoben; Meetings im Seminarraum sind geplatzt; die letzten Fotografien für den Bildband finden später statt. Dann, wenn es wieder „normal“ ist. Was sollten sie derzeit auch abbilden? Den gebauten Raum? Verwaiste Straßen? Wo sind die Akteur*innen; wo die betrachteten Praktiken? Alltag findet Stadt – ja, generell schon, aber findet Alltag gerade überhaupt statt? „Alltag findet Stadt“ findet derzeit auf jeden Fall nicht statt. Aber vielleicht findet Stadt statt? Wenn ja, wie?

Die Soziologin Martina Löw verweist auf die Relevanz der Kategorien „Dichte, Größe und Heterogenität“ in Bezug auf das soziologische Stadtverständnis (2008: 11). „Dichte, das heißt, die Konzentration von Menschen, Dingen, Institutionen und Formen, sowie die damit zusammenhängende Anonymität und Heterogenität der BewohnerInnen prägen das Handeln der Bewohner deutlich“, führt sie weiter fort (ebd.). Stadt wird also über die Menschen hergestellt, über die Interaktionen, die Praktiken und ist dabei äußerst heterogen. Wie sieht es aber zur Zeit aus? Die Infrastrukturen können nicht genutzt werden und sind zum großen Teil geschlossen. Laufwege erstrecken sich bis zum nächstgelegenen Supermarkt, physischer Kontakt besteht nur zu den Mitgliedern der eigenen Wohngemeinschaft. Der Alltag scheint synchronisiert und die Handlungsräume, die die Stadt sonst bietet, scheinen negiert. Wie lässt sich ,Stadt‘ in der Krise dann überhaupt denken? Welche Bedeutung wird ihr zugeschrieben?

Vier Tendenzen werden in diesem Kontext deutlich:

  1. Stadt prägt den Alltag der Menschen nicht in dem Ausmaß wie zuvor, urbane Imaginationen existieren aber weiterhin als Referenzgröße bei der Bewertung des eigenen Handelns. In der Einordnung der gegenwärtigen alltäglichen Situation dient das städtische ,Vorher‘ als Kontrastfolie und als Ausgangspunkt für die zukunftsgerichteten Vorstellungen eines ,Danachs‘.
  2. Stadt als Verwaltungseinheit erlangt zentrale Bedeutung. Regelungen, wie Ausgangsbeschränkungen, werden nicht nur auf nationaler oder Landesebene beschlossen, sondern fallen oft auch hinter den Mauern der städtischen Rathäuser. Freiburg ist dafür ein anschauliches Beispiel: Mit seinem frühen Entschluss, eine Ausgangsbeschränkung zu erlassen, war Oberbürgermeister Martin Horn vielen Kommunen, Ländern und schließlich auch der Bundesrepublik voraus. In den Medien wurde das breit rezipiert und Ansichten der Freiburger Innenstadt wurden öfter als gewohnt in den Nachrichtenprogrammen der öffentlich-rechtlichen Sender aufgerufen.
  3. Stadt bleibt damit auch eine wichtige Sinneinheit. Anhand des räumlichen Bezugspunktes werden Entwicklungen bewertet und abgeschätzt. Wie steigen die Fallzahlen in Freiburg? Wie im Vergleich dazu in Mannheim? ,Stadt‘ ist vorstellbar – sowohl bezogen auf die Einwohnerzahl, als auch auf die Auswirkungen der derzeitigen Krise.
  4. Stadt ist online. Geht man gerade auf Instagram, taucht immer wieder der Hashtag #supportyourlocal auf, verbunden mit der Aufforderung, Gutscheine der städtischen Einzelhändler und Gastronomien zu erwerben und das Online-Bestellangebot zu nutzen. Waren werden dann auch mal per Fahrradkurier geliefert. Kommentare finden sich unter den Posts, Menschen treten in Interaktion, bilden Netzwerke – die Infrastrukturen, die sonst den physischen Raum ausmachen, bilden sich im virtuellen Raum ab und stellen ,Stadt‘ her.

Anhand der Beispiele zeigt sich, dass ,Stadt‘ auch in der gegenwärtigen Situation Bedeutung hat, wenn auch in neuen Kontexten, durch neue Praktiken und Zuschreibungen. ,Stadt‘ ist relational, entwickelt sich entlang der Menschen und ihrer Netzwerke, sogar online (ebd.: 8f.). Sie ist wandelbar, fluid und kontingent. Sie transformiert sich und es stellt sich die Frage, wie ,Stadt‘ nach Corona aussehen wird.

Stadt wird auf jeden Fall stattfinden, wie der Alltag auch, der wieder in die Stadt findet – und wie auch „Alltag findet Stadt“ stattfinden wird. Anders vielleicht, zu einem anderen Zeitpunkt, angepasst an die Situation – aber stattfinden wird das alles.

Lea Breitsprecher (Freiburg im Breisgau)

Literatur

Löw, Martina u. a. 22008: Einführung in die Stadt- und Raumsoziologie. Opladen; Farmington Hills.
May, Sarah (Hg.) 2020: Alltag findet Stadt. Freiburg zum Beispiel. Münster, New York [in Vorbereitung].

Fotocredit: Leonie Hagen

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