Darf man das? – Annäherungen

Spätestens seit der Writing-Culture-Debatte ist es in der empirischen Kulturwissenschaft zum gängigen Mittel geworden, das Endprodukt, den Zugang und die eigene Verortung zum Thema zu reflektieren und zu problematisieren. Daran kommt auch dieser Blog nicht vorbei. Oder besser gesagt: gerade dieser Blog darf daran nicht vorbeikommen.

Mit der inhaltlichen Fokussierung auf die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen betreten wir Neuland. Es gehört zwar zu unserem Fachverständnis dazu, Gegenwärtiges zu analysieren, allerdings liegt zwischen Forschung und Textproduktion oft ein gehöriger zeitlicher Abstand, der teilweise den oder die Forschenden, jedoch auch das Feld schützt. Wenn wir jetzt quasi in Echtzeit mitschreiben, wirft das neue ethische Fragen auf, die verhandelt werden müssen.

Ist es vertretbar, derzeit über einen wissenschaftlichen Nutzen zu sprechen? Über ein Potenzial? Eine Chance? Negieren all diese positiv konnotierten Begriffe die Dramatik der Situation? Wie soll ich damit umgehen, wenn ich über fachrelevante Zugänge nachdenke und gleichzeitig die Infektions- und Todeszahlen stündlich steigen?

Was so drastisch klingt, sind Unsicherheiten, die die gegenwärtige Situation prägen. Finale Antworten können auf diese Fragen und weitere Kontroversen, die in den kommenden Wochen und Monaten auftreten, an dieser Stelle nicht gefunden werden. Vielleicht hilft es jedoch, anzuerkennen, dass dieser Blog selbst ein Resultat der Krise ist. Er erscheint als Bewältigungsstrategie hinsichtlich einer überfordernden Komplexität und ist ein Versuch, die Situation zu verstehen, zu ordnen, sich anzueignen und damit auszuhalten.

Wir als Beitragende sind eingebunden in die Situation und können keinen auktorialen Blick einnehmen – sowohl strukturell als auch emotional. Das zeigt sich schon in der Textproduktion: Ich sitze gerade am heimischen Schreibtisch, tippe in meinen Laptop und bediene mich der Literatur, die ich im Laufe der Studienjahre gesammelt habe oder die mir digital zur Verfügung steht. Ein kurzer Besuch in der Bibliothek, um doch schnell nachzulesen, wie der genaue Wortlaut Pierre Bourdieus war – derzeit einfach nicht möglich. Fotos für die Beiträge? Sind improvisiert. Privatbestände; das, was sich aus den Requisiten daheim machen lässt. Die Zeit hierfür habe ich, weil meine Hausarbeiten gerade brachliegen und mein Zimmer derzeit mein Büro ist. Ich bleibe daheim, wie die meisten, weil es das einzig Richtige ist. Weil auch ich nicht weiß, wann und wie es weitergeht. Weil auch ich mich sorge. Weil auch ich niemanden anstecken möchte.

Dieser Blog bietet die Möglichkeit, transparent mit allen Problematiken umzugehen und gleichzeitig etwas zu produzieren, was für manche hilfreich sein kann. Wir als Beitragende können Position beziehen, die Diskussion lenken, Blickwinkel eröffnen und damit das Feld mitgestalten. Vor allem können wir entscheiden, über was wir schreiben. Lohnt nicht auch eine Fokussierung auf die zahlreichen Initiativen und solidarischen Aktionen, auf die Transformation, das Neu-Entstehende und ein „besseres“ Danach?

Dieser  Blog ist ein Produkt der Krise. Inwiefern er die Krise mitproduziert, liegt bei den Beitragenden.

Lea Breitsprecher (Freiburg im Breisgau)

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